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  • Streiflicht – 20.2.2026

    von JĂŒrgen Wertheimer

    Machen wir uns doch  nichts vor:

    Europa wird jetzt  in der UKR genauso wenig wie seinerzeit am Hindukusch. 

    Es kann gar nicht verteidigt werden, denn  es hat lĂ€ngst verloren. 

    Hören wir doch auf mit den großen Worten. Von wegen Zeitenwende und „Neustart“: Wie sind und bleiben weder Fisch noch Fleisch.

    Weil wir den Aufstand immer nur proben. 

    Weil wir allenfalls reagieren, statt zu agieren. 

    Weil wie trotz Vorbehalten irgendwie mitmachen.

    Weil wir Atomwaffen haben wollen und auch wieder nicht.

    Weil wir misstrauisch und gutglÀubig zugleich sind.

    Beispiel Trumps Friedensrat.

    Wir lehnen ihn einerseits ab. Konkurrenz zur UN. Anmaßung. Inakzeptabel. Und schicken zugleich hochrangige Beobachter hin. Einmal mehr:  in der Rolle der ZaungĂ€ste. 

    Beispiel Gaza: Die BundestagsprĂ€sidentin bringt sich in Stellung, posiert mit Schutzhelm flankiert von israelischen Soldaten .  Fotoshooting, halbe  Stunde – das war’s. Konkrete Mitwirkung bei Wiederaufbau: Fehlanzeige.

    Beispiel Osteuropa : Nato Truppen spielen Krieg und werfen sich in Kampfmontur – pittoreske Manöver an der Ostsee, Kampf an vorderster Front – freilich nur als Planspiel rot gegen blau. Derweil trotz horrender Bezahlung die Kasernen der neu installierten Panzerbrigade in Litauen halb leer bleiben. 

    Beispiel Grönland: Deutsche Soldaten sind  tatsĂ€chlich nur wenige Stunden nach Trumps  aggressiver Ansage vor Ort – und ein paar Stunden spĂ€ter bereits  wieder weg – mission completed. 

    Wenn wie nicht aufpassen, werden wir nicht nur Europa – sondern Weltmeister in der Disziplin Stippvisiten und praktizierte Halbherzigkeit. 

  • Streiflicht – 17.2.2026

    von JĂŒrgen Wertheimer

    Ist dies schon Wahnsinn, hat es doch Methode.

    Beobachtet man das gegenwĂ€rtige kriegssĂŒchtige Gesamtszenarium – neuerdings erstreckt es sich bis hin zu Überlegungen letztlich doch „Die Bombe“, natĂŒrlich die A Bombe haben zu wollen – kommt man nicht umhin, an das alte, in einem sehr viel harmloseren Zusammenhang stehende  Zitat aus Shakespeares Hamlet zu denken.

    In der Tat, der neu entflammte Wahnsinn hat Methode. Und dieser Wahnsinn greift epidemisch um sich. In Deutschland hat die Diskussion unter vorgehaltener Hand letztlich bereits begonnen. Noch werden pro und contra nuklearer Teilhabe erwogen – ganz so als ob man erst dann richtig erwachsen wĂ€re, wenn man die Bombe hat. Frankreich und England haben sie lĂ€ngst. Eben erfĂ€hrt man, selbst Polen will sie – so Polens PrĂ€sident, der nun eigene Atomwaffen fĂŒr sein Land erwĂ€gt, und damit einen Nerv trifft – so die Pressestimmen.

    Die Ansteckungsgefahr fĂŒr politischen Wahnwitz ist eminent. Dabei war man gedanklich 1964 schon sehr viel weiter. Stanley Kubicks satirischer Film Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (Originaltitel: Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb) schildert hinreißend, was geschehen könnte. Was Geisteskranke wie der US General Jack D. Ripper versuchen könnten, wenn sie erstmal im Besitz dieser Weltvernichtungswaffen sind. Ripper ist von einem sowjetischen Geheimplan ĂŒberzeugt, dem er zuvorkommen will. Die Bomber sind kurz darauf bereits auf dem Weg in Richtung Russland und können nicht mehr zurĂŒckgerufen werden. Dem PrĂ€sidenten schlĂ€gt er daher vor, alle verfĂŒgbaren Atomwaffen gegen die Sowjetunion einzusetzen, um so den vollstĂ€ndigen Sieg zu erringen. Die eigenen Verluste könnte man so bei „akzeptablen“ 10 bis 20 Millionen Toten halten, was gegenĂŒber 150 Millionen bei zögerlichem Handeln noch als Erfolg gewertet werden könnte.

    NatĂŒrlich: nur eine wilde Phantasie, eine groteske satirische Überzeichung. Undenkbar in unserer von Experten durchorganisierten Welt.

    Wirklich undenkbar?

    Jedenfalls sollte man derzeit sehr zurĂŒckhaltender mit derartigen im Ernstfall fĂŒr alle tödlichen Gedankenspielen umgehen!!

  • Streiflicht – 16.2.2026

    von JĂŒrgen Wertheimer

    Man kann es drehen wie man will: die krude Wahrheit ist doch: derzeit befinden sich zwei der grĂ¶ĂŸten LĂ€nder dieser Erde in der Geiselhaft von zwei jeweils auf ihre Art Wahnsinnigen mit beachtlicher krimineller Energie.

    Ergo: die Menschen Russlands und der Vereinigten Staaten mĂŒssen sich von diesen IrrlĂ€ufern der Politik befreien – je schneller desto besser. Es hat keinen Sinn mit diesen Leuten zu verhandeln. Man muß sie kaltstellen, bevor sie noch immer mehr Menschen ins UnglĂŒck stĂŒrzen!

  • Streiflicht – 15.2.2026

    von JĂŒrgen Wertheimer

    Ein Kind springt vom Zahnarztstuhl auf und rennt strahlend aufdie Mutter zu: “Mama, er hat ĂŒberhaupt nicht gebohrt!“

    Keine Kinder, gestandene Politiker reagierten auf der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz so oder so Ă€hnlich nach der Rede des US VizeprĂ€sidenten Rubio. 

    Die Spannweite der Reaktionen reichte vom GefĂŒhl  allgemeiner Erleichterung bis hin zur Aussage: den EuropĂ€ern, wörtlich  „wĂ€re ein Stein vom Herzen gefallen“.  Die alte Verbundenheit und Freundschaft  hĂ€tte allenfalls eine leichte „Delle“ bekommen
 

    Nach solchen intellektuellen AusfĂ€llen kann man nur hoffen, daß uns nicht etwa ein Stein auf den Kopf gefallen ist. Es darf doch nicht wahr sein, daß sich gestandene Politiker, denen man sich ja wohl oder ĂŒbel anvertrauen muß, derart leicht um den Finger wickeln lassen.

    Nicht direkt beschimpft, sondern nur mit drohendem Unterton gemaßregelt zu werden reicht bereits aus, um uns in gehobene Stimmung zu versetzen? Europa jubelt bereits , wenn es keine SchlĂ€ge unter die GĂŒrtellinie bekommt. Falls  es sich so verhĂ€lt, hat man uns ja bereits genau da – wo man uns haben will. Als politische Topfpflanzen im Glashaus werden wir dem was auf uns zukommt nicht gewachsen sein. Immer nur kleine beigeben und  von MEGA trĂ€umen – das geht gar nicht . 

    Rubio kann Trump zuhause frohe Kunde bringen: Go on, Donald: kein nennenswerter Widerstand.  Oder in Trump Diktion: They have no balls!

    Goodbye Europe!

  • Europa

    von JĂŒrgen Wertheimer  

    Jeder Versuch, Europa im Eildurchgang in einen Wettlauf mit den großen, auch grĂ¶ĂŸenwahnsinnigen Systemen zu bringen, ist zum Scheitern verurteilt. Denn Europa ist ein Kunstprodukt, ein Artefakt, das angemessen behandelt werden muss. In den falschen HĂ€nden kann es im wahrsten Sinn zuBruch gehen. Und, ja, Europa ist eine Mimose, ein Hybrid – im Vergleich mit anderen Kulturen ist es viel filigraner, zerbrechlicher. Das ist nicht nur seine SchwĂ€che, sondern auch seine StĂ€rke.

    Als Artefakt aus GegensĂ€tzen, Ähnlichkeiten (auch trĂŒgerischen),Gemeinsamkeiten und WidersprĂŒchen, Ambivalenzen und AffinitĂ€ten, Bindungs- und Auflösungstendenzen ist es ein labiles und zugleich seit mehr als 2000 Jahren bestehendes Gebilde. Stets im Zerfall und Aufbau zugleich begriffen.

    Vereinigte Staaten von Europa – ein Widerspruch in sich selbst.

    Europa der VaterlĂ€nder – eine Vision aus der Mottenkiste.

    Das Band gemeinsamer europĂ€ischer Werte – pure Einbildung.

    »Europa« hat immer dann am besten funktioniert, wenn man es verstand, eine gewisse artistische Balance zwischen Autonomie-AnsprĂŒchen und Bindungs-BedĂŒrfnissen zu halten. Bei der inneren WidersprĂŒchlichkeit der Elemente, aus denen sich dieser Kontinent zusammensetzt, ist das alles andere als eine SelbstverstĂ€ndlichkeit.

    Mein Buch Europa. Eine Geschichte seiner Kulturen unternimmt den Versuch, sich diesem verwirrenden Kontinent zu nĂ€hern und ihn in all seiner WidersprĂŒchlichkeit zu erkunden. Erstaunliche HöhenflĂŒge und verheerende AbstĂŒrze gehören ebenso dazu wie rabiate Ausbruchsversuche und engherziger RĂŒckzug. Doch genau mit diesem doppeldeutigen, vielstimmigen, fragmentarischen, unvollstĂ€ndigen Europa, so wie es in den zweieinhalb Jahrtausenden seiner Existenz geworden ist, haben wir es zu tun. Die Vorstellung eines in sich geschlossenen Ganzen ist pure Illusion. Wir sollten uns mit dem Europa, wie es ist, anfreunden und das Beste daraus zu machen versuchen.

    Europa IST eine Insel der Besonderheiten: ein Palimpsest aus Gedachtem, Gelesenem, Geschriebenem. Ein Patchwork aus Erinnerungen, RealitĂ€ten und Fiktionen. Wer einfache »Wahrheiten« sucht, sollte sich nicht mit Europa befassen.

    Dieser Kontinent war ĂŒber die Jahrhunderte hinweg etwas zwischen Melting Pot und bisweilen Hexenkessel – nie jedoch ein homogenes Gebilde mit »festen Außengrenzen«, wie sich das manche einreden.

    Es ist an der Zeit, mit solchen ebenso antiquierten wie windschiefen Vorstellungen aufzurĂ€umen, weil sie uns daran hindern, in der jetzigen labilen Situation die richtigen Antworten zu geben. Jedenfalls bessere als die der jetzigen EU, die den Beitritt weiterer Staaten weitgehend von ökonomischen Gegebenheiten abhĂ€ngig macht, was viele der betroffenen LĂ€nder als eine Art Zwangsjacke empfinden. NĂ€hme man den Faktor »Kultur« wirklich ernst, betrachtete man ihn nicht alsdekoratives oder pittoreskes Zubehör: man kĂ€me zu einer vollstĂ€ndig anderen Europa-Idee. Denn kulturelle und kĂŒnstlerische PhĂ€nomene sind nicht der Appendix der sogenannten politischen oder sozialen Wirklichkeit, sondern ihr innerster Ausdruck. Sind Fingerabdruck, Signatur all dessen, was fĂŒr eine Gesellschaft wirklich von Belang ist, dessen, was sich auf und hinter ihrer OberflĂ€che abspielt. Sind FrĂŒhwarnsystem und RĂŒckschau in einem. Sind Indikatoren fĂŒr all das, was uns zusammenhĂ€lt, aber auch trennt. Wer ihre Signale ignoriert, verzichtet auf den vielleicht wichtigsten Indikator fĂŒr Entscheidungsprozesse.

    Wer das alte Europa neu denken will, sollte es verteidigen, nicht kĂŒnstlich aufplustern.

    Sollte seine FĂ€higkeit des kritischen Denkens fördern nicht abschaffen. Seine VirtuositĂ€t im Dialogisieren und Streiten nutzen. Seine FlexibilitĂ€t, im Umgang mit Neuem bewundern. 

    Europa, das Europa, das wir wollen,  ist eben gerade kein monolithischer Blockohne „QuerschlĂ€ger“, sondern ein vielstimmiger bunter Marktplatz der Möglichkeiten. In ein paar Jahren wird uns der Rest der großspurigen menschenverachtenden Welt um diese einzigartige plurikulturelle Biotop bewundern. 

  • KO EXISTENZ

    von JĂŒrgen Wertheimer

    Koexistenz, meistens mit dem Zusatz „friedlich“ -das sagt sich so. Wirkt so selbstverstĂ€ndlich und banal. Und wird doch immer rarer – zumal in Zeiten, in denen ideologisch wie besessen nachgerĂŒstet wird. 

    Sucht man nach Bildern, die das Prinzip darstellen, kommt meist was unverbindlich Symbolisches oder man landet im Tierreich – zur Zeit beim Thema Wolf und Mensch.

    Mein Leitbild zum Thema, eines,  das mich förmlich angesprungen hat, entstand ein paar Kilometer vor Amman, per Zufall beim Strassenbau gefunden. Ca. 10.000 Jahre alt.  Wie bei allen vorgeschichtlichen Funden tendiert die Wissenschaft schnell dazu, spirituelle oder sakrale  Bedeutung zu unterlegen. Die Statuen könnten  Ahnen reprÀsentiert haben. Es könnte sich aber auch um mythologische Verkörperungen von Leben und Fruchtbarkeit handeln, usw. 

    Es  könnte sich freilich auch um etwas ganz anderes handeln:

    vielleicht um die Darstellung, die Beschwörung der Einheit von lauter Ähnlichen, aber nicht Identischen. EigenstĂ€ndig und zusammengehörig zugleich. 

    Die Wiege der Weltreligionen stand gewiß im heiligen Land. Hier wurde der Vermischung der ideologische Gar ausgemacht. Israel first. Christen dagegen, Muslime vollendeten das Terzett.

    Aber die Wiege der Ko Existenz, des Miteinander Auskommens stand zweifellos in Jordanien, diesem Konstrukt aus permanenten Grenzverschiebungen und Annexionen. Und sie steht dort noch immer.

    Auf dem Gebiet des heutigen Königreich Jordanien östlich des Jordans lebten semitische Völker, Ammoniter, Moabiter und Assyrer, Babylonier, Perser. Mal hielt man zu Israel, mal war man dagegen, mal  paktierte man mit den arabischen LĂ€ndern, dann wieder lag man mit Teilen davon im Clinch. 

    Aus Tausenden von KĂ€mpfen, Siegen, Niederlagen, Verhandlungen, Kompromissen entstand allmĂ€hlich  dieses Gebilde zwischen allen LĂ€ndern mit all ihren AnsprĂŒchen und Begehrlichkeiten. Ein Transitraum mit fester Kontur. Ein relativ kleiner Raum, der sich zur Schaltstelle, zur Drehscheibe zwischen den diversen Kulturen entwickelte, entwickeln  könnte. Genau an der Schnittstelle zwischen den arabischen LĂ€ndern und Israel. 

    Auf der ersten Blick kann man erkennen: 

    Das Land befindet sich eigentlich in einer  verheerenden Situation. Mit dem RĂŒcken zur Wand. Und dennoch ist es ganz offenbar möglich einen labilen Zustand zwischen Krieg und Frieden zu halten. 

    Es gibt zur Zeit eine Art  politischer No Go Area, die durch Begriffe wie „Autonomie“ und „NeutralitĂ€t“ abgesteckt wird. Wer es wagt, aus dem Gehege des politisch Sagbaren und Geduldeten auszubrechen, verurteilt sich selbst: Dilettantismus, NaivitĂ€t, RealitĂ€tsferne sind noch die harmlosesten Vokabeln mit denen er bedacht wird. Denn jetzt beherrschen gĂ€nzlich  andere Vorstellungen den Luftraum der Sprache: Die Frage der „KriegstĂŒchtigkeit“ und die Sprache der StĂ€rke“, das Zerlegen und Aufteilen der Welt in Konfliktfelder und  Grenzlinien hat Konjunktur. Man hat zu einem Block gehören. Dazwischen scharfe Grenzlinien. 

    Noch nie waren im Fernsehen soviel tarnfarbene Outfits und wuchtige Kampfstiefel zu sehen wie jetzt – es ist, als ob ganz Europa, die ganze Welt sich bereits jetzt aus den großen, totalen Krieg vorbereiten wĂŒrde. Jeden Zentimeter der eigenen Territoriums werde man verteidigen, heißt es nun bereits in NATO Kreisen, wĂ€hrend Russland und die USA schamlos expandieren und annektieren.

    Unter den Sohlen der Soldatenstiefel werden alle Gedanken an andere Wege als die des bedingungslosen Kampfes förmlich zerrieben und als Zeichen der SchwÀchlichkeit, Verweichlichung und RealitÀtsferne abgetan.

    Skeptiker gehen einen Schritt weiter und schlußfolgern fragwĂŒrdigerweise, man wĂŒrde sich der Narration Putins, Trumps oder anderer Despoten anschließen, wenn man das Recht auf Autonomie, SouverĂ€nitĂ€t einklagt. Genau das tun wir aber NICHT, wenn wir NeutralitĂ€t fĂŒr LĂ€nder wie die Ukraine, Jordanien oder Taiwan fordern. Wir akzeptieren damit, allenfalls, daß es im weitesten Sinn Beziehungen, möglicherweise lockere, möglicherweise engere zum Umfeld dieser LĂ€nder gibt. Ohne daß sie zu diesen LĂ€ndern gehören,  noch weniger ihnen “gehören“.

    Die Autonomie Skeptiker gehen noch einen Schritt weiter. In Ihren Augen begeht beitritt  bereits  derjenige, der etwa die Ukraine als tief gespaltenes Land darstellt, das besser einen autonomen, neutralen Status haben sollte als feste Zugehörigkeit zur NATO oder EU, vermintes Terrain. 

    Dabei  wĂŒrde ein Blick in die Literatur dieser Region genĂŒgen , um zu sehen und zu verstehen, dass es sich um kulturelle Mischgebiete handelt. Im Fall der UKR gibt es tatsĂ€chlich eine ebenso lange russisch-ukrainische wie eine ukrainisch-russische Vorgeschichte. Von der toxischen IntimitĂ€t zwischen beiden LĂ€ndern weiß der Westen wenig. Entsprechendes wĂ€re vom VerhĂ€ltnis Taiwan: China zu sagen. Von Jordanien und seinen Nachbarn gar nicht zu reden.

    Oder – um ein anscheinend harmloses  Beispiel zu nennen – von der Schweiz. Umgeben von drei LĂ€ndern, die sich auch nicht immer durch imperialistische Enthaltsamkeit auszeichneten und zudem EU Mitglieder sind, gelang es mirakulöserweise dennoch den Status der Autonomie ĂŒber Jahrhunderte hinweg aufrecht zu erhalten 

    Eng verbunden damit ist die Idee der Koexistenz, die ja nichts anderes beschreibt  als das gleichzeitige Vorhandensein verschiedener Systeme. Verstanden wird darunter oft das friedliche, aber unabhĂ€ngige Nebeneinander zweier (mehrerer) Dinge. Die Spannweite der Optionen reicht von  der Idee friedlicher Koexistenz bis hin zur bloßen Duldung wie beispielsweise in der Phase des Kalten Krieges von 1962 bis 1979, wĂ€hrend der die beiden WeltmĂ€chte kooperativer zusammenarbeiteten. 

    Sicher kein Idealzustand, aber zumindest einer, der ein Minimum an Austausch ermöglicht und militĂ€rische Auseinandersetzungen verhindert. Aus dem selben Grund wurde ĂŒbrigens seit Jahrzehnten ein sog. „Zwei Staaten“ Lösung fĂŒr den andauernden Konflikt zischen Israel und den PalĂ€stinensern von der einen Seite geforderte, von den Hardlinern verworfen.

    Im biologisch/ökonomischen Sinne ist eine Koexistenz zweier Arten nur dann möglich, wenn hinreichende  Ressourcen vorhanden sind und beide Arten verschiedene AffinitĂ€ten zu den jeweiligen Ressourcen aufweisen, also mit limitierten Ressourcen auskommen.

    Jede Form der Koexistenz bewegt sich auf schmalem Grat, fast jederzeit absturzgefĂ€hrdet und gerade deshalb aller denkbaren  diplomatischen und politischen UnterstĂŒtzung bedĂŒrftig:

    Einige Voraussetzungen  zu seiner Realisierung sind die folgenden sicher nicht spektakulĂ€ren aber hilfreichen  Regeln.

    1. Wissen um die BedĂŒrfnisse, Hoffnungen  der anderen Seite.
    2. Einsicht, dass die beiden Gruppen um ihrer eigenen Interessen willen die Überzeugung der jeweils anderen Gruppe dulden wollen  – nicht mehr, nicht weniger.
    3. Ausbau und Ermöglichung verschiednerer Arten eines „kleinen Grenzverkehrs“ die der Steigerung des Lebensstandards dienen und etwas NormalitĂ€t in das angespannte GefĂŒge bringen können 
    4. Es wird, es muß sich herumsprechen, daß diese Art regionaler Freihandelszonen sowohl dem betreffenden Land wie den Nachbarn ökonomische Vorteile bringt. 
    5. Systematisches Vermeiden von Begriffen und Aktionen, von denen man weiß, daß sie nur und ausschließlich der Demonstration eigener Dominanz dienen und die jeweils andere Seite provozieren mĂŒssen. 
    6. Dieser heikle Balanceakt erfordert FingerspitzengefĂŒhl und guten Willen. Ist dieser nicht vorhanden oder wird er von Interessengruppen bewußt sabotiert, bedarf es des Einsatzes externer KrĂ€fte- zumindest auf Zeit.
    7. Auf diese Art entstehen zwischen möglicherweise verfeindeten Staaten oder Regimen Pufferzonen, was fĂŒr beide Seiten – richtig kommuniziert – von Vorteil ist. Das Beispiel der „Osterweiterung“ und ihrer Konsequenzen sollte uns eine Lehre  sein. Pufferzone, Drehscheibe , Scharnier – wie immer man es nennen möchte: neutrale Zonen mĂŒssen, will man  die Wahrscheinlichkeit  von Konflikten Ă­m Ansatz minimieren. 

    Der Staat Jordanien ist ein Produkt des frĂŒhen 20. Jahrhunderts, obwohl er auf einem der Ă€ltesten Besiedlungsgebiete der Menschheit liegt. Er entstand im Jahr 1923 – lange nach dem Erlöschen der Herrschaft des osmanischen Reichs, dem Erlöschen des englischen Mandats als politisches Gebilde auf dem Gebiet östlich des Jordanflusses, einer eminent wichtigen Grenze zwischen Jordanien und Zone C (Oslo: von Isr. verwaltetes PalĂ€stinensergebiet).

    TiefglĂ€ubige Menschen und die Unesco feiern diesen Ort noch immer als die Stelle an der Jesus getauft wurde, – als sakrales GelĂ€nde

    Symbolisch ein hoch aufgeladener Platz – sehr geeignet als Ort  fĂŒr Andacht und medienwirksame Fotoshootings. Wie das zwischen Abdullah und Francesco. Wie jede Idylle ist auch diese trĂŒgerisch. 

    Auf der anderen Seite des Jordan, hinter dichten SchilfwĂ€ldern beginnt Zone C, die heiß umstrittene Westbank. Mit seinen Siedler AktivitĂ€ten. – gegen die König Abdullah sein leben lang insistent und vergeblich kĂ€mpfte. 

    Nach dem 6 Tage Krieg flohen zahlreiche PalĂ€stinenser auf jordanisches Staatsgebiet. Von 1948 bis 1967 war das Westjordanland von Jordanien annektiert, bis es im Sechs-Tage-Krieg von Israel besetzt wurde 1988 gab der König seinen Gebietsanspruch als Reaktion auf die Annexion auf statt sich weiter zu verkĂ€mpfen. 

    Der Anteil palĂ€stinensisch-stĂ€mmiger Menschen an der Bevölkerung bewegt sich heute schĂ€tzungsweise bei etwa 40-50 Prozent. Die jordanisch-stĂ€mmige Minderheit ist privilegiert, diskriminiert aber teilweise PalĂ€stinenser in verschiedenen Bereichen. Neben ĂŒberwiegend sunnitischen Muslimen lebt in Jordanien eine religiöse Minderheit von Christen. Außerdem finden sich ethnische Tschetschenen und Tscherkessen (ein Prozent), die in den 1880er Jahren eingewandert waren. Zudem zĂ€hlen zahlreiche irakische und syrische FlĂŒchtlinge sowie bereits in frĂŒheren Jahren eingewanderte Araber zur Bevölkerung, die sich auf ca. 9,5 Millionen belĂ€uft, wovon ca. vier Millionen in der Hauptstadt Amman leben.

    Der Monarch hat in der kĂŒnstlich geschaffenen Nation eine einende, identitĂ€tsstiftende Funktion. König Hussein regierte das Land 46 Jahre lang, seit seinem Tod 1999 herrscht Abdallah II. Die königliche Familie fĂŒhrt ihre Abstammung auf die Familie des Propheten Muhammad, die Haschemiten, zurĂŒck. Dies ist eine Quelle religiöser Legitimation. Der Monarch ist aufgrund seiner Herkunft aus dem saudi-arabischen Hidschaz und somit als quasi Außenstehender in der Lage, die Rolle eines ĂŒber allen Gruppierungen stehenden Schiedsrichters wahrzunehmen. Die Bevölkerung akzeptiert diese Funktion.

    Als Antwort auf Umnruhen initiierte der König eine Öffnung des politischen Systems, berief das Parlament wieder ein und ließ 1989 erstmals wieder Wahlen abhalten. Dabei errangen Angehörige der zur Muslimbruderschaft gehörigen „Islamic Action Front“ (IAF) viele Mandate.

    Die große Zahl syrischer FlĂŒchtlinge im Land (rund 640.000 sind offiziell beim FlĂŒchtlingshochkommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) registriert) sowie Jordaniens militĂ€rische Beteiligung an den LuftschlĂ€gen gegen den IS ziehen nun immense Finanzhilfen aus den USA nach sich.

    Alles andere als einem heile Welt – im Gegenteil – es gibt kaum eine schwieriger Gemengelage, eine labilere Konstellation als des Balanceakt der NeutralitĂ€t, des in between: Der Drehscheibe, de Puffers zwischen Systemen. Und dennoch es lohnt den Einsatz.

    In Joseph Roths Radetzkymarsch ist es der Kaiser, das Bild des Kaisers, das die komplett Struktur der Doppelmonarchie zusammenhĂ€lt, mit Ach und Krach zusammenhĂ€lt  – aber immerhin bis zum bitteren Ende. Eine Instanz, die viele Nationalismen, Radikalismen, Unzufriedenheiten, RivalitĂ€ten moderiert. 

    Ich habe den Eindruck, in Jordanien verfĂŒgt die Instanz der. Monarchie ĂŒber ein vergleichbares Mandat. Wenn ich sein Buch „Die letzte Chance“ lese,  verstĂ€rkt sich dieses GefĂŒhl. Keine Biographie, sondern ein Arbeitsbericht. Gegen verhĂ€rtete Ansichten : gegen Stereotypen – arabische Welt: der Westen.

    Und wenn Klischees, dann kreative: „Man stellt sich eine Region vor, in der die oranisatorischen FĂŒhrungsqualitĂ€ten Israels , das Know how how der  Jordanier , der Unternehmergeist der Libanesen und die Bildung der PalĂ€stinenser gebĂŒndelt wĂŒrden“.

    Er ermutigt dazu die Dinge zu sehen,  wie sie sind, sie zu Entmystifizieren, sie von Zuschreibungen zu lösen. Z. B. den Konflikt um PalĂ€stina schlicht als eine  Auseinandersetzung zwischen jĂŒdischen Immigranten und der einheimischen arabisch-palĂ€stinensischen Bevölkerung zu sehen und nicht: Als Ausdruck eines uralten Hasses zwischen Juden und Arabern. 

    Wenn man sich die Freiheit nimmt, nach konkreten Ursachen zu suchen, statt im archaischen GefĂŒhlen zu stochern, ist breits viel gewonnen.  Und das Jordanische System hat eine  gewisse Tendenz zu dieser Grundhaltung: Deshalb hatte das  Land seine Gegner nicht attackiert, sondern integriert. selbst die Hamas , die PLO andere radikalen Gruppen durften kandidieren.  Mit der Strategie  der limitierten Akzeptanz gelang es das Land bis zu einem gewissen Maß auf.  Kurs , auf eigenem Kurs zu halten. Einen Kokon tau bilden mit transparenten Membranen nach allen Seiten.

    Dennoch eine Haltung zu bewahren. Vater und Sohn haben in 40 Jahren Regierung zumindest 40 hochrangige Befriedungsmissionen durchgefĂŒhrt —Ergebnis 
. noch immer in der Schwebe. 1967..,.. 120.  93
. 2003
.2009   eine Roadmap nach der anderen: Netanjahu  jedoch lehnt einen Baustopp ab fĂŒr sein Siedler ab. Trotz hochrangiger Versuche der Intervention: Obamas Eckpunkte: 23. September 2009:

    “Enduring peace.I will also continue to seek a just and lasting peace between Israel, Palestine, and the Arab world. (Applause.) We will continue to work on that issue. Yesterday, I had a constructive meeting with Prime Minister Netanyahu and President Abbas. We have made some progress. Palestinians have strengthened their efforts on security. Israelis have facilitated greater freedom of movement for the Palestinians. As a result of these efforts on both sides, the economy in the West Bank has begun to grow. But more progress is needed. We continue to call on Palestinians to end incitement against Israel, and we continue to emphasize that America does not accept the legitimacy of continued Israeli settlements. (Applause.)The time has come — the time has come to re-launch negotiations without preconditions that address the permanent status issues: security for Israelis and Palestinians, borders, refugees, and Jerusalem. And the goal is clear: Two states living side by side in peace and security — a Jewish state of Israel, with true security for all Israelis; and a viable, independent Palestinian state with contiguous territory that ends the occupation that began in 1967, and realizes the potential of the Palestinian people.” (Applause.)

    Seither entstehen immer nur Siedlungen , gestĂŒtzt durch eine immer aggressivere  Hetze. Dennoch Jordanien beharrt standhaft auf seinem Status Quo. Aus der Rede des Königs Abdullah vor der EU.

    17. 6.  Rede vor der EU: 

    “
the unthinkable to become routine? Permits weaponising famine against children? Normalises the targeting of health workers, journalists, and civilians seeking refuge in camps?

    Twenty months. That should alarm us all. But not surprise us. Because when our global community fails to bridge the gap between principle and action, when values are not practiced, they become performative, abstract, and expendable.  

    We are at another defining crossroad in our history, one that demands a choice—power or principle, the rule of law or the rule of force, decline or renewal. 

    This is not just about Gaza. And it is not just another political moment. It is a struggle over who we are as a global community, and who we will become.

    This year is likely to be a time of pivotal decisions for our entire world. Europe’s leadership will be vital in choosing the right course. And you can count on Jordan as your staunch partner.

    There are two essential areas for action. First, is supporting development, because a thriving Middle East creates opportunities that benefit us all. But as we have seen time and again, that reality cuts both ways. When hope is diminished, the consequences ripple across borders.

    Second, is strong, coordinated action to ensure global security.

    Our mutual security won’t be assured until our global community acts, not only to end the three-year war in Ukraine, but also the world’s longest and most destructive flashpoint, the eight-decade-long Palestinian-Israeli conflict.

    Because, my friends, Palestinians, like all people, deserve the rights to freedom, sovereignty, and, yes, statehood.”

    Was heute in Gaza geschieht, verstĂ¶ĂŸt gegen das Völkerrecht, gegen moralische Standards und gegen unsere gemeinsamen Werte. Und wir erleben eine Übertretung nach der anderen im Westjordanland, wobei sich die Lage von Tag zu Tag verschlimmert. Daran Ă€ndern auch symbolische Besuche deutscher PoliotikerInnen nichts. 

    Wenn unsere Weltgemeinschaft nicht entschlossen handelt, machen wir uns mitschuldig daran, dass neu definiert wird, was es bedeutet, Mensch zu sein. Denn wenn israelische Bulldozer weiterhin illegal palĂ€stinensische HĂ€user, Olivenhaine und Infrastruktur zerstören, werden sie auch die Leitplanken, die moralisches Verhalten definieren, niederreißen. Und jetzt, da Israel seine Offensive auf den Iran ausweitet, ist nicht abzusehen, wo die Grenzen dieses Schlachtfeldes enden werden.

  • MEGA

    von JĂŒrgen Wertheimer

    Wenn Europa nicht endlich erwache und den Zustand seiner „geopolitischen MinderjĂ€hrigkeit“ ĂŒberwinde, werde es in fĂŒnf Jahren schlicht „weggefegt“. 

    Mit seinem markigen  Appell steht der  französische PrĂ€sidenten Macron derzeit gewiß nicht alleine da. Ein imaginiertes „Make Europe Great Again“ beherrscht allgemein den rhetorischen Luftraum politischer Reden, ob in Davos, auf der MĂŒnchner Sicherheitskonferenz oder in den alltĂ€glichen politischen Niederungen. Nachdem man die EuropĂ€ische Idee ĂŒber lange Jahre hinweg  in den SchrotmĂŒhlen der EU BĂŒrokratie zerfallen und verkĂŒmmern ließ, wird sie nun hektisch aus dem Depot gezerrt und aufpoliert. Kaum ein ĂŒberkommener LadenhĂŒter, der in diesen Tagen nicht als brandneue, kĂŒhne europĂ€isch Vision prĂ€sentiert wĂŒrde. Selbst die guten alten schon Hunderte Mal erwogene und gescheiterten „Vereinigten Staaten von Europa“ werden aus der Mottenkiste gezerrt. 

    Es ist fast komisch: noch nicht mal im Stande sein, den latent köchelnden  Konflikt um das kleine Kosovo zu lösen – aber von „United States“  schwadronieren 


    Wieder andere setzen auf die Wirtschaft. Kommen nach 20 glorreich verpennten Jahren der Bequemlichkeit nach dem Motto: Chips kaufen wir ein, drauf, daß man zur Not auch selber was produzieren könnte. Jugend forscht lĂ€sst grĂŒĂŸen.

    Selbst die Idee des Monopolismus  ist nicht vor Geistesblitzen sicher – ausgerechnet Monopole, Symbole fĂŒr Machtmissbrauch und Ineffizienz sollen nun bei der Rettung Europas helfen. Manager europĂ€ischer Konzerne sehen im Projekt „Bromo“ den Beginn einer neuen Ära. Unter dem Namen „Projekt Bromo“ planen die drei Konzerne aus Frankreich, Deutschland und Italien die GrĂŒndung eines Gemeinschaftsunternehmens fĂŒr die Satellitenherstellung. Damit wollen sie gegen Konkurrenten aus China und den USA wie etwa auch Elon Musks Starlink antreten.  Ziel des Projekts sei die GrĂŒndung eines Unternehmens im Wert von zehn Milliarden Euro. Man darf aufatmen – endlich wird GrĂ¶ĂŸe numerisch erfaßbar und meßbar. 

    Und dann haben die Kinder eines neuen MEGA Europa natĂŒrlich einen dritten, vielleicht den grĂ¶ĂŸten Traum: den der militĂ€rischen  GrĂ¶ĂŸe, einer gewaltigen europĂ€ischen Streitmacht. Jahrelang feilschte man um jeden Prozentpunkt weniger, den man in die RĂŒstung stecken wollte – jetzt sind die Pforten geöffnet und Hunderte von Milliarden fließen  bedenkenlos in die Kassen der Konzerne. Kriegsszenarien werden wieder und wieder beschworen – Experten imaginieren russische, chinesische oder US AngriffsplĂ€ne  bereits nach dem Schema „Rot“ gegen „Blau“ und betteln förmlich um den nĂ€chsten Krieg. Dass man auf diese Weise ĂŒberhaupt erst die Gefahr schafft, vor der man sich zu retten vorgibt, hat derzeit kaum einer auf dem Zettel. 

    Hölderlins tröstliches „Wo die Gefahr ist, kommt das Rettende auch“  pervertiert und reduziert  sich auf ein martialisches „je grĂ¶ĂŸer die Gefahr umso besser  die Rettung“.

    So bemerkenswert all diese großdimensionierten Vorhaben sein mögen – einen Faktor , vielleicht den der Europa ausmacht ignorieren sie entschlossen — den der europĂ€ischen Kultur, der europĂ€ischen Kulturen. Man gibt zwar vor, ihn zu verteidigen – sei es am Hindukusch, sei es in der UKR. Realpolitisch indes spielt er keine nennenswerte Rolle. Andererseits wĂ€re man  gezwungen ĂŒber verschiedene Dinge selbstkritisch, sehr selbstkritisch nachzudenken. 

  • Europa nach dem Krieg

    von JĂŒrgen Wertheimer

    Es ist höchst erstaunlich. Noch vor ein paar Tagen herrschte großes RĂ€tselraten ĂŒber die PlĂ€ne Putins. Jetzt schießen allenthalben  Experten aus dem Boden, die allesamt behaupten, genau gewusst zu haben, was sich anbahnt. 
    Tatsache ist: Das GrĂŒbeln ĂŒber verpasste Möglichkeiten und ĂŒbersehene Vorzeichen hilft im Moment der Eskalation wenig und das gilt ebenso  fĂŒr Schuldzuweisungen jeder Art. Es ist trist genug, einmal mehr erlebt zu haben, dass die  gewaltigen Datenmengen, die die Geheimdienste – Satelliten- und KI-gestĂŒtzt –  seit Monaten sammelten, im Grund nichts bewirkten. Jedenfalls den Westen nicht daran hinderten, sehenden Auges in jede der von einem gerissenen, strategisch eiskalt denkenden Usurpator aufgestellte Falle zu tappen.
    Man fragt sich nach all dem, ob unser Werkzeugkasten an Prognose Tools möglicherweise doch nicht so komplett ist, wie wir glauben, ob wir nicht irgendetwas Wichtiges vergessen haben?
    In der Tat, wir haben etwas vergessen: Den gesamten Chor  der Cassandra-Stimmen aus dem Bereich der Kultur. So als ob die Stimmen von Musik und Theater, Film und Literatur nicht stĂ€ndig Signale der Warnung senden wĂŒrden. Als wĂŒrden sie nicht entscheidende Informationen ĂŒber die wirklichen GefĂŒhle der Menschen, die an den Bruchzonen der Systeme leben, ĂŒbermitteln und damit Hinweise auf die der Politik und Diplomatie oft unzugĂ€nglichen Sedimente der MentalitĂ€ten geben. In seinem Roman „Moscoviada“ lĂ€ĂŸt Jurij Andruchowytsch seinen Kiewer Protagonisten Otto bereits vor 30 Jahren in die Ab- und Unterwelt  des Sowjetsystems im wahrsten Sinne des Wortes eintauchen und letztlich auch in ihnen untergehen. Seine geplante  RĂŒckfahrt nach Kiew wird zu einem Menetekel,  das die tragischen Entwicklungen der Gegenwart nahezu halluzinatorisch antizipiert. 
    An warnenden Stimmen hat es nie gefehlt. Aber man hat diese Stimmen ĂŒberhört, obwohl, vielleicht, weil sie oft Jahre vor einer Eruption das Grollen im Untergrund hörbar, spĂŒrbar machen. Weil sie den Sound der Erregung, der Ängste, der BedĂŒrfnisse der Menschen ĂŒbermitteln. Weil sie zum Umdenken, zum Nachdenken, zum Handeln fĂŒhren wĂŒrden. Weil sie zur Erkenntnis fĂŒhren wĂŒrden, dass nicht die sogenannten „Fakten“, sondern „Fiktionen“unsere Wirklichkeit bestimmen. 
    So auch jetzt. WĂ€hrend die Experten aus Politik und MilitĂ€r ĂŒber den Ausgang des Krieges spekulieren, wĂ€re es dringend geboten, sich bereits jetzt Gedanken ĂŒber die Monate und Jahre danach zu machen. Und den fatalen Kreislauf des Wartens auf die nĂ€chste Finte des Kremlstrategen zu durchbrechen.
    Ob Herta MĂŒller oder Svetlana Alexijewitsch, ob Olga Tokarczuk, Serhij Zhadan oder Jurij Andruchowytsch – bei aller Unterschiedlichkeit der Positionen im Einzelnen: Alle stimmen in der Kernaussage ĂŒberein,  dass ihre LĂ€nder sich im Zustand heilloser innerer Gespaltenheit befinden. Selbst bei der extrem systemfeindlichen Svetlana Alexijewitsch gibt es Momente
    einer fast nostalgisch getönten Erinnerung an die große sowjetische Zeit. Europa ist und bleibt fĂŒr die allermeisten ein vager Hoffnungsschimmer, freilich vollgesogen mit enttĂ€uschten Erwartungen. 
    Nach dem Krieg – wie immer er endet – wird die Orientierungslosigkeit, werden die inneren WiderstĂ€nde und WidersprĂŒche nur noch mehr an die OberflĂ€che treten. Es wird mit
    Sicherheit keinen Zeit der eindeutigen Zuordnungen sein.  Wer immer dann an den Verhandlungstischen sitzt, um an einer neuen Friedensordnung zu basteln, wĂ€re  gut beraten, wenn er/sie folgende indirekten  „EinflĂŒsterungen“  der Kulturschaffenden ins KalkĂŒl ziehen wĂŒrde.

    1. Wir mĂŒssen den Umgang mit hybriden RealitĂ€ten lernen. Die meisten LĂ€nder Osteuropas, ob Estland, Lettland, Litauen, die Ukraine, Polen oder Moldavien leben seit Jahrzehnten, hĂ€ufig seit Jahrhunderten, im Zustand tiefer, innerer Gespaltenheit. Oft nur unterschwellig – aber im Spiegel der KĂŒnste erkennbar.
    In „JakobsbĂŒchern“ (2014) zeigt Olga Tokarczuk sieben Grenzen, fĂŒnf Sprachen und drei große Religionen vermeintlich unter dem Zeichen eines Landes vereint. Diese Vereinigung trĂŒgt. Solche Vorstellungen grĂŒnden auf Mythen, gewollten Falschvorstellungen. Dagegen geht Jacek Dehnel in „Mutter Makryna“ (2014) vor, entlarvt den polnischen Messianismus, Patriotismus, das Heimatbewusstsein und das MĂ€rtyrertum. Ebenfalls im Jahr 2014 stellt Szczepan Twardoch in „Drach“ die Trennlinien zwischen Polen, Deutschen, Juden, Schlesiern und Schlesien dar. Über polnische xenophobische IdentitĂ€t schreibt Dorota MasƂowska in
    „Schneeweiß und Russenrot“ (2004), was im Original „Der polnisch-russische Krieg“ heißt. Der Krieg wird in der Sprache permanent gefĂŒhrt – in einer verhassten und gewaltgeladenen Sprache.
    Auch unter der Illusion temporĂ€rer Zugehörigkeit zu der einen oder anderen Seite schwelen Konflikte weiter. Es macht deshalb keinen Sinn, auf eindeutige Zugehörigkeit zu pochen, wenn Patchwork-IdentitĂ€ten die Signatur der Wirklichkeit darstellen. Hybride RealitĂ€ten bauchen hybride politische Antworten und Strukturen. Jetzt wie die EU zu sagen „wir wollen Euch drin“ bzw „ihr mĂŒĂŸt noch warten“ ist die grĂ¶ĂŸtmögliche strategische 
    ngeschicklichkeit.  Zu den zuckersĂŒĂŸen Worten Ă€ußert sich Wladimir Sorokin in „Der Zuckerkreml“ (2010), wo mit LĂŒgen und Ungereimtheiten, mit den sĂŒĂŸen Kremelfiguren, die Menschen ĂŒber MissstĂ€nde hinweggetĂ€uscht werden.
     
    2. Wir mĂŒssen Europa zu einem Kontinent der AmbiguitĂ€ten umbauen. Ob wir es wollen oder nicht, ein  GĂŒrtel  „Neutraler Zonen“ zwischen den östlichen und westlichen Teilen Europas, also Russlands und Kerneuropas, muss ernsthaft angedacht werden. NeutralitĂ€t ist dabei nicht mit SchwĂ€che gleichzusetzen, sondern entspricht dem Status eines Privilegs. Die erwĂ€hnten LĂ€nder fungieren gleichsam als Scharniere, die Europa zusammenhalten. Als BrĂŒcken und TransitrĂ€ume zwischen den Systemen. Offen nach beiden Seiten, geschĂŒtzt von beiden Seiten.
    Die Idee der BrĂŒcke zwischen dem Westen und dem Osten verfolgt Andrzej Stasiuk in dem Entwurf von Einheit der Regionen, die sĂŒd-östlich von Polen liegen.


    3. Wir mĂŒssen es lernen, Europa als bewegliches, fluide System zu begreifen. Europa hat immer am besten als offenes System  funktioniert. EingezwĂ€ngt in starre, strikt voneinander separierte Zonen und getrennt durch scharfe  Grenzen, kommt es fast zwangslĂ€ufig zum Aufstauen und zur Blockade kultureller Energien. Kultur beweist permanent, dass es auch anders geht: Vielstimmigkeit, Unterschiedlichkeit, trĂŒgerische Ähnlichkeiten und scheinbare Unvereinbarkeiten gehören zu ihrer Grundlage. Transkultureller Austausch darf nicht nur auf den Feldern von Kunst und Kultur stattfinden – er muss in einem ĂŒberlebensfĂ€higen, auf HeterogenitĂ€t fussenden Europa zur Grundlage auch der politischen Agenda werden.  Was passiert, wenn anders gedacht wird, steht in Vladimir Sorokins „Manaraga“ (2017): Europa zerfĂ€llt in kleine Einheiten: Republiken, Diktaturen, Monarchien und BĂŒcher ersetzen Holzkohle.

    4.  Wir mĂŒssen es lernen, Europa von seinen RĂ€ndern her zu ordnen und zu verstehen. Und seine unterschiedlichen Narrationen und Stimmungen dort ernst zu nehmen. Julia Kissina zeigt in „Elephantinas Moskauer Jahre“ (2016), dass PrĂ€gungen und MentalitĂ€ten, wie der russische „Kosmopolitismus“ von frĂŒher an ihrer AktualitĂ€t nichts verlieren und die Gegenwart prĂ€gen.
    Von dem nicht enden wollenden Kriegen und BĂŒrgerbewegungen am Rande Europas (Berg Karabach) schreibt Olga Grjasnowa in „Der Russe ist einer, der Birken liebt“.
    Nur wenn es uns gelingt, den baltisch-osteuropĂ€ischen wie den Balkanraum, aber auch die Regionen Nordafrikas und des Mittelmeerraums so zu integrieren, dass ihre Autonomie und EigenstĂ€ndigkeit gewahrt bleibt, wird es gelingen, Konfliktpotential zu absorbieren und entstehende Spannungen im Vorfeld abzufangen. Dazu bedarf es keiner GrenzzĂ€une, sondern intelligent angelegter GrenzrĂ€ume und nicht nur hektischer  AufrĂŒstung – deren Umsetzung Jahre dauert – , sondern das Leben der Menschen verbessernder, großzĂŒgig angelegter Freihandelszonen. Die Kehrseite dessen schildert Vladimir Sorokin in „Der Tag des Opritschniks“ (2006),:2027 regiert ein Handlanger der Macht, die „russische BĂ€rin“ ist wach und gefĂ€hrlich. Auch in Viktor Jerofejews „EnzyklopĂ€die der russischen Seele“ (2021) sucht das zerrissene Russland nach einer mythischen Figur: dem Grauen, um wieder zu einer Großmacht zu werden. Von der VerfĂŒhrbarkeit des Menschen, wenn die Gier nach Macht zum stĂ€rksten Motiv seines Handelns wird, erzĂ€hlt Viktor Martinowitsch in „Revolution“ (2021).

    Es wĂ€re schön, wenn dieses „modest proposal“ Eingang in das Denken der EntscheidungstrĂ€ger finden könnte.

  • Autonomie und Koexistenz 

    von JĂŒrgen Wertheimer

    24. April, 2025

    Es gibt zur Zeit eine Art  politischer No Go Area, die durch Begriffe wie „Autonomie“ und „NeutralitĂ€t“ abgesteckt wird. Wer es wagt, aus dem Gehege des politisch Sagbaren und Geduldeten auszubrechen, verurteilt sich selbst: Dilettantismus, NaivitĂ€t, RealitĂ€tsferne sind noch die harmlosesten Vokabeln mit denen er bedacht wird.  Denn jetzt beherrschen gĂ€nzlich  andere Vorstellungen den Luftraum der Sprache:  Die Frage der „KriegstĂŒchtigkeit“ und die Sprache der  StĂ€rke“,  das Zerlegen und Aufteilen der Welt in Konfliktfelder und  Grenzlinien hat Konjunktur. Man hat zu einem Block gehören. Dazwischen schafe Grenzlinien. 

    Noch nie waren im Fernsehen soviel tarnfarbene outfits  und wuchtige Kampfstiefel zu sehen wie jetzt – es ist , als ob ganz Europa , die ganze Welt sich bereits jetzt aus den großen, totalen Krieg vorbereiten wĂŒrde.   Jeden Zentimeter der eigenen Territoriums werde man verteidigen  heißt es nun bereits in NATO Kreisen, wĂ€hrend Russland und die USA schamlos expandieren und annektieren.

      Unter den Sohlen der Soldatenstiefel werden alle Gedanken an andere Wege als die des bedingungslosen Kampfes förmlich zerrieben und als Zeichen der SchwĂ€chlichkeit,  Verweichlichung  und RealitĂ€tsferne abgetan.

    Skeptiker gehen einen  Schritt weiter und schlußfolgern fragwĂŒrdigerweise ,  man wĂŒrde sich  der Narration Putins, Trumps oder anderer  Despoten anschließen,  wenn man das Recht auf Autonomie, SouverĂ€nitĂ€t einklagt. Genau das tun wir aber,  NICHT, wenn wir NeutralitĂ€t fĂŒr LĂ€nder wie die Ukraine, Jordanien oder Taiwan fordern. Wir akzeptieren damit, allenfalls, daß  es   im weitesten  Sinn Beziehungen , möglicherweise lockere , möglicherweise engere zum Umfeld dieser LĂ€nder gibt. Ohne daß sie zu diesen LĂ€ndern gehören,  noch weniger ihnen “gehören“.

    Die Autonomie Skeptiker gehen noch einen Schritt weiter. In Ihren Augen begeht beitritt  bereits  derjenige der  etwa die Ukraine als tief gespaltenes Land darstellt, das besser  einen autonomen, neutralen Status haben sollte als feste Zugehörigkeit zur NATO oder EU, vermintes Terrain. 

    Dabei  wĂŒrde ein Blick in  in die Literatur dieser Region genĂŒgen , um zu sehen und zu verstehen, daß es sich um kulturelle Mischgebiete handelt, Im Fall der UKR gibt es tatsĂ€chlich eine ebenso  lange russisch-ukrainische  wie eine ukrainisch russische Vorgeschichte. Von der toxischen IntimitĂ€t zwischen beiden LĂ€ndern weiß der Westen wenig. Entsprechendes wĂ€re vom VerhĂ€ltnis Taiwan : China zu sagen. Von Jordanien und seinen Nachbarn gar nicht zu reden.

    Oder – um ein anscheinend harmloses  Beispiel zu nennen – von der Schweiz. Umgeben von drei LĂ€ndern, die sich auch nicht immer durch imperialistische Enthaltsamkeit auszeichneten  und zudem EU Mitglieder sind, gelang es mirakulöserweise dennoch den Status der Autonomie ĂŒber Jahrhunderte hinweg aufrecht zu erhalten 

    Eng verbunden damit ist die Idee der Koexistenz die ja nichts anderes beschreibt  als das gleichzeitige Vorhandensein verschiedener Systeme. Verstanden wird darunter oft das friedliche, aber unabhĂ€ngige Nebeneinander zweier (mehrerer) Dinge. Die Spannweite der Optionen reicht von  der Idee friedlicher Koexistenz bis hin zur bloßen Duldung wie beispielsweise in der Phase des Kalten Krieges von 1962 bis 1979, wĂ€hrend der die beiden WeltmĂ€chte kooperativer zusammenarbeiteten. 

    Sicher kein Idealzustand, aber zumindest einer, der ein Minimum an Austausch ermöglicht und militĂ€rische Auseinandersetzungen verhindert. Aus dem selben Grund wurde ĂŒbrigens seit Jahrzehnten ein sog. „Zwei Staaten“ Lösung fĂŒr den andauernden Konflikt zischen Israel und den PalĂ€stinensern von der einen Seite geforderte, von den Hardlinern verworfen.

    Im biologisch/ökonomischen Sinne ist eine Koexistenz zweier Arten nur dann möglich, wenn hinreichende  Ressourcen vorhanden sind und beide Arten verschiedene AffinitĂ€ten zu den jeweiligen Ressourcen aufweisen, also mit limitierten Ressourcen auskommen.

    Jede Form der Koexistenz bewegt sich auf schmalem Grat, fast jederzeit absturzgefĂ€hrdet und gerade deshalb aller denkbaren  diplomatischen und politischen UnterstĂŒtzung bedĂŒrftig:

    Einige Voraussetzungen  zu seiner Realisierung sind die folgenden sicher nicht spektakulĂ€ren aber hilfreichen  Regeln.

    1. Wissen um die BedĂŒrfnisse, Hoffnungen  der anderen Seite.
    2. Einsicht, dass die beiden Gruppen  um ihrer eigenen Interessen willen die Überzeugung der jeweils anderen Gruppe dulden wollen  – nicht mehr, nicht weniger.
    3. Ausbau und Ermöglichung verschiednerer Arten eines „kleinen Grenzverkehrs“ die der Steigerung des Lebensstandards dienen  und etwas NormalitĂ€t in das angespannte GefĂŒge bringen können 

    3.  Es wird, es muß sich herumsprechen, daß diese Art regionaler      Freihandelszonen sowohl dem betreffenden Land wie den Nachbarn ökonomische Vorteile bringt. 

    1. Systematisches Vermeiden von Begriffen und Aktionen, von denen man weiß, daß sie nur und ausschließlich der Demonstration eigener Dominanz dienen und die jeweils andere Seite provozieren mĂŒssen. 
    2. Dieser heikle Balanceakt erfordert FingerspitzengefĂŒhl und guten Willen. Ist dieser nicht vorhanden oder wird er von Interessengruppen bewußt sabotiert, bedarf es des Einsatzes externer KrĂ€fte- zumindest auf Zeit.

    6.   Auf diese Art entstehen zwischen möglicherweise verfeindeten Staaten oder  Regimen Pufferzonen, was fĂŒr beide Seiten – richtig kommuniziert   – von Vorteil ist. Das Beispiel der „Osterweiterung“ und ihrer Konsequenzen sollte uns eine Lehre  sein. Pufferzone, Drehscheibe , Scharnier – wie immer man es nennen möchte: neutrale Zonen mĂŒssen, will man  die Wahrscheinlichkeit  von Konflikten im Ansatz minimieren, systematisch etabliert werden. 

  • Angriff  auf das Denken

    von JĂŒrgen Wertheimer

    11.1.26

    Auf der Suche nach dem Titel fĂŒr heute – „Angriff auf das Denken“ – habe ich lange zurĂŒckgespult – bis ins Jahr 2001, genauer bis zum 11. September. Nach den TerroranschlĂ€gen auf das WTC war die Welt paralysiert, und die USA fĂŒhlten sich hilflos. Damals tauchten solche Formulierungen auch in renommierten Literaturzeitschriften zum ersten Mal auf. 

    Es Ă€ußerten sich literarische GrĂ¶ĂŸen wie Durs GrĂŒnbein und Thomas Meinecke. SchĂŒlerinnen und SchĂŒler der 4. Klasse der Grundschule Winkelwiese zeigen den Schock des Ereignisses in ihren Bildern, die dieses Heft illustrierte, aus kindlicher Perspektive, aber in all seiner Drastik –  die Grausamkeit, die WillkĂŒr, die Ohnmacht. 

    Sehr im Unterschied zu dem, was die Autoren von sich geben. Durs GrĂŒnbein ist nach zwei SĂ€tzen im Zentrum dieses Geschehens – nĂ€mlich bei sich:

    „Wenige Tage nach dem 11. September habe ich einen Text in der FAZ veröffentlicht, der ursprĂŒnglich als Tagebuchprotokoll gedacht war, um mich selber zu stabilisieren 
 nur dies , meine Verwirrung der ersten Tage, hat mich gefesselt . Wenig spĂ€ter kĂŒhlte sich das Interesse ab.“

    Auch Thomas Meinecke lehnt es ab, unmittelbar zu den Ereignissen Stellung zu nehmen, und bevorzugt stattdessen medientheoretische Überlegungen. Es geht dabei primĂ€r darum, welche Bilder das „Ereignis“ im eigenen Sensorium auslöst. Es geht um den Angriff auf das eigene Gehirn – das Schicksal der betroffenen Menschen interessiert nicht. Heutzutage, 25 Jahre spĂ€ter, wird viel ĂŒber die allgemeine gesellschaftliche Verrohung gesprochen. Die eigene Verrohung hat man dabei wohl weniger im Blick. Möglicherweise ist ja diese Ă€sthetisierte Enthaltsamkeit, dieser achtsame Selbstschutz, dieses fast narzisstische Starren auf den eigenen sorgsam gekĂŒhlten Intellekt auch eine sehr subtile, sehr frĂŒhe Form der Verrohung? Über die InhumanitĂ€t der Versachlichung sollte man auch einmal reden. VorsĂ€tzliche Selbstabstumpfung.  Mich haben diese selbstgerechten Verdikte der damals 40-JĂ€hrigen jedenfalls etwas verstört. Von Autoren, von Literatur erwarte ich mehr, denn sie kann mehr. 

    Liebe Freunde: im November sprachen wir ĂŒber Hardware des Annexionsgedankens: die direkte Drohung. Und wir erfuhren aus erster Hand wie man drauf reagieren kann (CAN /Lorenz).

    Heute geht es gewissermaßen um die Software, um den Untergrund der Übergriffigkeit. Darum, wie man Menschen bzw. Institutionen begleitend oder im Vorfeld entmutigt, einschĂŒchtert oder lahmlegt. Wie man sie prĂ€ventiv stillstellt, einschlĂ€fert, somatisiert. Sie ehrlos macht oder wehrlos zu machen versucht, ihre Wehrhaftigkeit und Widerstandskraft aussaugt. Wir haben zu sprechen ĂŒber den Vampirismus der Wörter, der Maßnahmen, der Verordnungen – ĂŒber den großen EntmĂŒndigungskampf – ĂŒber die Annexion, die Invasion der Gehirne. 

    Was da geschieht, gleicht einer Invasion mit möglicherweise tödlichen Folgen. Aber heute sprechen wir noch nicht ĂŒber das Schlachtfeld oder die Intensivstation, sondern nur ĂŒber den Moment der Intoxikation, der Ansteckung, der Zurichtung, der Vorbereitung auf den großen Knall. 

    Das schleichende Gift, das wir so lange – fast unbemerkt – einatmen, bis es zu spĂ€t ist. D.h., bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir das Ungeheuerliche als das Gegebene hinnehmen und unser Protest nur mehr als laues Gemurmel zu hören ist. Um es klar zu sagen: FĂŒr entschlossene Gehirnvernebler und Usurpatoren sind wir derzeit kein wirklich ernst zu nehmender Gegner mehr. Das eigentliche Problem sind nicht nur die Akteure. Das eigentliche Problem sind auch wir – die notorisch Überraschten, Überforderten – mich eingeschlossen. Und selbst verbale TiefschlĂ€ge stecken wir reaktionslos weg. Wie Ă€ußerte sich Donald Trump vor wenigen Tagen auf die Frage eines Journalisten, welche Grenzen er akzeptiere?  â€žYaeh, there is one thing 
 my own mind. It‘s the only thing that can stop me.“

    Ich schreibe dies am 4. Januar, am Morgen nach einem spektakulĂ€ren Übergiff, der nicht nur geopolitisch, sondern auch zerebral einiges angerichtet hat. Man hat uns schon an dem Punkt, an dem wir nicht mehr recht wissen, wo Recht und Unrecht anfangen oder enden. Vor unseren Augen wird ein amtierender StaatsprĂ€sident gekidnappt und wir, Europa, bitten um MĂ€ĂŸigung. Russische Z-Blogger jubeln: genauso hĂ€tte man auch in der Ukraine vorgehen sollen. Trump feiert sich als neuer Robin Hood und RĂ€cher der Enterbten, die US-Ölkonzerne jubeln. Russland sieht sich zu weiteren Angriffen legitimiert und kritisiert gleichzeitig die Aggressionen. Die UN, die sich der eigenen Wirkungslosigkeit bewusst ist, murmelt was von Verstoß gegen das Völkerrecht, und ĂŒber allem schwebt seit gestern der erschreckende Satz:

    „Vermutlich kommt er damit durch!“

    Dabei schien vor ein paar Wochen alles noch vergleichbar einfach. Ich hĂ€tte mich bedingungslos hinter eine Aussage wie die der Kanadischen Autorin Louise Penny gestellt – noch vor der heißen Phase der Annexionen.

    Nicht, dass ich hinter diesem Modell nicht mehr stehen wĂŒrde. Penny hat recht – doch genau diese Worte sind mittlerweile Fleisch geworden und haben sich materialisiert. 

    Und nicht nur das – und damit haben wir vielleicht nicht gerechnet: Sie haben verstanden, den hĂ€sslichen Usurpatorengestus abzustreifen und sich als Heils – und Friedensbringer zu inszenieren.

    Mehr noch: Ihre Zahlen vervielfachen sich und das Modell wird epidemisch, geht viral.

    In solchen Momenten bedauere ich, kein Naturwissenschaftler, genauer, kein Gehirnforscher zu sein. Es wĂ€re mehr als interessant zu erfahren, ob bei dieser Art von Dominatoren – Typus Napoleon, Duce, Franco, Hitler, Putin, Trump, Milei,
 – besondere Anomalien, besser Spezifika, jenen Sektoren zu erkennen sind, die fĂŒr die ICH-Fokussierung zustĂ€ndig sind.

    Erleben und erfahren diese Typen Wirklichkeit allein ichbezogen? Ihre Narrationen sind ihre Wirklichkeit?

    In einer Studie hierzu heißt es:

    „On a behavioral level, narcissism (a personality type consisting of grandiosity, selflove, and inflated self-views, the desire to become famous, and celebrity worship have been linked together in numerous studies. The neural correlates of narcissism have been explored, and frontal regions of the brain such as the medial prefrontal cortex and right dorsolateral prefrontal cortex  have been determined to play a pivotal role in the occurrence of narcissistic personality traits. Brain studies on desire for fame and celebrity worship are in their infancy, yet characteristics of these phenomena, such as fantasy proneness, lack of empathy and unstable self-esteem , point to an overall deficit in self-awareness, which has been connected to the mPFC  as well. Overall, the behavioral link between narcissism, desire for fame, and celebrity worship may also indicate that the neural correlates amongst these phenomena are similar [
]“.

    Schlimmer noch: Unter zunehmendem Druck behindern folgende Prozesse die optimale Informationsverarbeitung:
    1. Nur Bedrohliches wird wahrgenommen und sofort mit einer meist nicht optimalen Reaktion verbunden.
    2. Der grĂ¶ĂŸte Teil der Information wird so gar nicht angenommen.
    3. Komplexe Beurteilungssysteme werden blockiert.
    4. Entwickeln neuen Verhaltens wird behindert.
    5. Kurzzeit- und LangzeitgedĂ€chtnis werden abgeschwĂ€cht. 
    6. Kognitives Lernen ist so kaum möglich.
    7. Das Einzige, was perfekt funktioniert, ist das sogenannte emotionale GedÀchtnis.
    Langfristig werden im Gehirn auch neuronale Strukturen kaputt gemacht, besonders im Hippocampus dem Sitz unseres KurzzeitgedÀchtnisses. Es entstehen kaum neue neuronale Verbindungen, es werden sogar welche zerstört.

    Aber auch ohne Einblicke in die Ich-Mechanismen können wir feststellen, dass wir es tatsĂ€chlich immer mit demselben Typus mĂ€nnlichen Individuums zu tun haben: einem, der Fantasie und LĂŒge nicht auseinanderhalten kann und es auch nicht will. Und der mit diesem Verfahren etwas in uns zu treffen scheint, wenn er Erfolg mit der Masche hat. Falls nicht: Klapse.  

    Das zeigt, wir bewegen uns in einem Grenzbereich, einer dunklen Ecke des Bewusstseins.  Einem Etwas das unser „Rationale“ bannt und – fast noch schlimmer – wehrlos macht.

    Dies System ist deshalb so gefĂ€hrlich, weil es alle Regeln, die normalerweise gelten und die ĂŒblicherweise bis zu einem gewissen Grad respektiert werden, außer Kraft setzt. Im Handstreich die Magie des „So soll es sein“ realisiert. 

    Das Putschistische des Vorgehens kann nicht darĂŒber hinwegtĂ€uschen, dass ihm dennoch ein Plan, eine Strategie zugrunde liegt. Das alte „Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode“ gilt in den meisten dieser FĂ€lle. 

    Diese Methode der Macht geht systematisch vor, und sie erfasst nahezu alle Lebensbereiche: den des Journalismus, den der Wissenschaft, den der UniversitĂ€ten.  Diese, sie erinnern sich, wehrten sich zunĂ€chst vehement gegen diese Übergriffe. Ich hĂ€tte gerne gesagt vehement und solidarisch, aber von SolidaritĂ€t untereinander war wenig zu spĂŒren. Exzellenz adelt und macht zahm.

    Damit verbunden ist generell die Beschneidung, ja die Abschaffung der Meinungsfreiheit, der freien Rede, des kritischen Denkens – Grundpfeiler jedes demokratischen Systems. Und deshalb macht es aus Sicht der Methode Sinn, demokratische Institutionen gezielt anzugreifen. Alles nicht willkĂŒrlich, sondern nach Plan. Der Plan heißt: politische Gegner, wenn nicht auszuschalten, so doch mundtot zu machen. Diese Strategie macht, wie Sie wissen, auch vor der Jurisprudenz, dem „Supreme Court“,  einst Flaggschiff der Demokratie, nicht halt. In kurzer Zeit wurde das Gremium weit nach rechts gerĂŒckt. Die konservative “Heritage Foundation“ wiederum hat ihm mit dem „Project 2025“ ein Blaupause fĂŒr jene 220 Dekrete geliefert, die er in den ersten Monaten abfeuerte. Brachial legte er los: zerschlug ganze Behörden und Ministerien, brachte UniversitĂ€ten auf Regierungskurs und ließ alles entfernt migrantisch Wirkende, wenn es nicht ins „Stadtbild“ passte, von seinen hochbezahlten SchlĂ€gertrupps (ICE) hetzen und jagen 
und, und ..die Liste ließe sich beliebig verlĂ€ngern. 

    Gier nach autoritĂ€rer MachtfĂŒlle, persönliche Bereicherung und – diese dritte Element sollte nicht unterschĂ€tzt werden – das toxische Motiv der Rache : ein fataler Dreiklang, der in Verbindung  mit seiner a-social media PrĂ€senz (100 Mio. Follower bei X), 10 Mio. auf seiner eigenen Platform True Social, dem grĂ¶ĂŸten Megafon der Welt, die Welt auf den Kopf stellen kann. TĂ€ter werden zu Helden, Freunde zu Feinden, Kritiker, Demokraten, Intellektuelle zu Staatsfeinden. 

    Autokraten kommen nicht aus dem Nichts und sind nicht oder nicht nur ein indiuvidualpsycho -pathologisches PhĂ€nomen.  Sie haben

    1 eine gleichgeschaltete, nicht minder radikale Entourage: in diesem Fall die Trias Hegseth –  Rubio – Vance 

    Besonders auf Letzteren ist zu achten, denn er stand einer ganzen Gruppe brandgefĂ€hrlicher Vordenker nahe.

    2 Von ihnen, aus einem Pool externer „Philosophien“, kommen die theoretischen BrandsĂ€tze gegen die Demokratien. Der vielleicht bekannteste, mit Vance in direktem Kontakt stehende, ist der Blogger Curtis Yarvin. 

    Er kreierte die Idee eines „Dark Enlightenment“ als  antidemokratische, antiegalitĂ€rereaktionĂ€re Doktrin. Die Ideologie lehnt im Allgemeinen die Auffassung ab, dass die Geschichte eine unvermeidliche Entwicklung hin zu grĂ¶ĂŸerer Freiheit und AufklĂ€rung zeige, die in einer liberalen Demokratie bzw. konstitutionellen Monarchie gipfeln wĂŒrde. Sie plĂ€diert stattdessen fĂŒr eine RĂŒckkehr zu traditionellen gesellschaftlichen Konstrukten und Regierungsformen, einschließlich des absoluten Monarchismus und anderer archaischer FĂŒhrungsformen. So soll laut Vorstellungen der NeoreaktionĂ€re der bestehende Staat in eine private Aktiengesellschaft umgewandelt werden, dessen GeschĂ€ftsfĂŒhrer uneingeschrĂ€nkt regieren können soll. Die Bewegung lehnt Gleichheit als politisches Ziel ab.Zu den weiteren Schwerpunkten der Neoreaktion gehören hĂ€ufig eine Idealisierung der körperlichen Fitness, eine rationalistische oder utilitaristische Rechtfertigung der sozialen Schichtung auf der Grundlage von Intelligenz, die entweder auf Vererbung oder Leistungsprinzipien beruht, ein Bekenntnis zu klassischen oder objektivistischen Philosophien und zu traditionellen Geschlechterrollen.  2000 Jahre europĂ€ischen Geistesgeschichte – ausradiert. 

    Und genau dies sieht man jetzt umgesetzt. Hauptdarsteller: Donald Trump. Nach dessen Wiederwahl sahen die NRx Leute (Thiel, St., Bannon
..) ihre Stunde gekommen, die Silicon-Valley-Diktatur konnte kommen: damit das Ende der liberalen Eliten zugunsten eines neuen, faschistoid grundierten Caesarismus. 

    All dies freilich wĂŒrde nicht hinreichen, um den ĂŒberwĂ€ltigenden Erfolg dieser Methode zu erklĂ€ren. Ein Erfolg, der darin besteht, die eigene, bisweilen ernĂŒchternde 

    Lebenserfahrung abzuschalten und die exzentrische Fremderfahrung eines vertrauensunwĂŒrdigen FĂŒhrers blind zu ĂŒbernehmen.  

    Schwelender Unmut findet plötzlich seinen Grund.

    Aus Unbehagen wird zielgerichtete Aggression.  

    Aus befreundeten werden feindliche Wesen. Aus Krieg wird Frieden. Wir fĂŒhlen uns erinnert. An:

    ein uraltes Buch von 1949: Orwells 1984. Es schildert die strategische Auslösung des bis dahin feierten „europĂ€ischen Individuums“: 

    „…Doch es war nutzlos, er hatte keine Erinnerung; nichts war von seiner Kindheit geblieben außer einer Folge greller Bilder ohne Hintergrund, die meist unverstĂ€ndlich waren.

    Das Ministerium fĂŒr Wahrheit – Miniwahr auf Neusprech – hob sich von allen anderen Objekten in Sichtweite auffĂ€llig ab.

    Man konnte die in schöner Schrift auf die weiße Fassade gemeißelten drei Maximen der Partei lesen:

    KRIEG IST FRIEDEN

    FREIHEIT IST SKLAVEREI

    UNKENNTNIS IST STÄRKE

    Das Ministerium fĂŒr Wahrheit, so hieß es, umfasste dreitausend RĂ€ume oberhalb der Erde und war unterirdisch noch einmal entsprechend weit verzweigt. 

    Neusprech war die Amtssprache. 

    Die Frage: Sind wir bereits mittendrin? Sind wir auf dem Weg, zu stummen Bewohnern eines in RealitĂ€t ĂŒberfĂŒhrten SF-Romans zu werden – ohne es zu bemerken? Somatisierte Nachtwandler – oder gibt es noch Hoffnung, uns dazu zu bringen, effizientere Strategien des Widerstands im Sinne eines Bright Enlightenment zu entwickeln?  – eine Solidargemeinschaft der GefĂ€hrdeten – eine Schulung aller Sensorien kritischer Wahrnehmung – und eine kompromisslose Schulung in Richtung einer Ästhetik der Wahrnehmung von Unterschieden. So wie Amerika von seiner dark side befreit werden muss, muss auch Europa wieder zu sich selbst finden!

    Dazu mehr am 1.3. 

    Jw

    Genauso wie ĂŒber die Frage: Wo beginnt der Ăœbergriff auf das eigenen Denken?