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  • Angriff  auf das Denken

    von Jürgen Wertheimer

    11.1.26

    Auf der Suche nach dem Titel für heute – „Angriff auf das Denken“ – habe ich lange zurückgespult – bis ins Jahr 2001, genauer bis zum 11. September. Nach den Terroranschlägen auf das WTC war die Welt paralysiert, und die USA fühlten sich hilflos. Damals tauchten solche Formulierungen auch in renommierten Literaturzeitschriften zum ersten Mal auf. 

    Es äußerten sich literarische Größen wie Durs Grünbein und Thomas Meinecke. Schülerinnen und Schüler der 4. Klasse der Grundschule Winkelwiese zeigen den Schock des Ereignisses in ihren Bildern, die dieses Heft illustrierte, aus kindlicher Perspektive, aber in all seiner Drastik –  die Grausamkeit, die Willkür, die Ohnmacht. 

    Sehr im Unterschied zu dem, was die Autoren von sich geben. Durs Grünbein ist nach zwei Sätzen im Zentrum dieses Geschehens – nämlich bei sich:

    „Wenige Tage nach dem 11. September habe ich einen Text in der FAZ veröffentlicht, der ursprünglich als Tagebuchprotokoll gedacht war, um mich selber zu stabilisieren … nur dies , meine Verwirrung der ersten Tage, hat mich gefesselt . Wenig später kühlte sich das Interesse ab.“

    Auch Thomas Meinecke lehnt es ab, unmittelbar zu den Ereignissen Stellung zu nehmen, und bevorzugt stattdessen medientheoretische Überlegungen. Es geht dabei primär darum, welche Bilder das „Ereignis“ im eigenen Sensorium auslöst. Es geht um den Angriff auf das eigene Gehirn – das Schicksal der betroffenen Menschen interessiert nicht. Heutzutage, 25 Jahre später, wird viel über die allgemeine gesellschaftliche Verrohung gesprochen. Die eigene Verrohung hat man dabei wohl weniger im Blick. Möglicherweise ist ja diese ästhetisierte Enthaltsamkeit, dieser achtsame Selbstschutz, dieses fast narzisstische Starren auf den eigenen sorgsam gekühlten Intellekt auch eine sehr subtile, sehr frühe Form der Verrohung? Über die Inhumanität der Versachlichung sollte man auch einmal reden. Vorsätzliche Selbstabstumpfung.  Mich haben diese selbstgerechten Verdikte der damals 40-Jährigen jedenfalls etwas verstört. Von Autoren, von Literatur erwarte ich mehr, denn sie kann mehr. 

    Liebe Freunde: im November sprachen wir über Hardware des Annexionsgedankens: die direkte Drohung. Und wir erfuhren aus erster Hand wie man drauf reagieren kann (CAN /Lorenz).

    Heute geht es gewissermaßen um die Software, um den Untergrund der Übergriffigkeit. Darum, wie man Menschen bzw. Institutionen begleitend oder im Vorfeld entmutigt, einschüchtert oder lahmlegt. Wie man sie präventiv stillstellt, einschläfert, somatisiert. Sie ehrlos macht oder wehrlos zu machen versucht, ihre Wehrhaftigkeit und Widerstandskraft aussaugt. Wir haben zu sprechen über den Vampirismus der Wörter, der Maßnahmen, der Verordnungen – über den großen Entmündigungskampf – über die Annexion, die Invasion der Gehirne. 

    Was da geschieht, gleicht einer Invasion mit möglicherweise tödlichen Folgen. Aber heute sprechen wir noch nicht über das Schlachtfeld oder die Intensivstation, sondern nur über den Moment der Intoxikation, der Ansteckung, der Zurichtung, der Vorbereitung auf den großen Knall. 

    Das schleichende Gift, das wir so lange – fast unbemerkt – einatmen, bis es zu spät ist. D.h., bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir das Ungeheuerliche als das Gegebene hinnehmen und unser Protest nur mehr als laues Gemurmel zu hören ist. Um es klar zu sagen: Für entschlossene Gehirnvernebler und Usurpatoren sind wir derzeit kein wirklich ernst zu nehmender Gegner mehr. Das eigentliche Problem sind nicht nur die Akteure. Das eigentliche Problem sind auch wir – die notorisch Überraschten, Überforderten – mich eingeschlossen. Und selbst verbale Tiefschläge stecken wir reaktionslos weg. Wie äußerte sich Donald Trump vor wenigen Tagen auf die Frage eines Journalisten, welche Grenzen er akzeptiere?  „Yaeh, there is one thing … my own mind. It‘s the only thing that can stop me.“

    Ich schreibe dies am 4. Januar, am Morgen nach einem spektakulären Übergiff, der nicht nur geopolitisch, sondern auch zerebral einiges angerichtet hat. Man hat uns schon an dem Punkt, an dem wir nicht mehr recht wissen, wo Recht und Unrecht anfangen oder enden. Vor unseren Augen wird ein amtierender Staatspräsident gekidnappt und wir, Europa, bitten um Mäßigung. Russische Z-Blogger jubeln: genauso hätte man auch in der Ukraine vorgehen sollen. Trump feiert sich als neuer Robin Hood und Rächer der Enterbten, die US-Ölkonzerne jubeln. Russland sieht sich zu weiteren Angriffen legitimiert und kritisiert gleichzeitig die Aggressionen. Die UN, die sich der eigenen Wirkungslosigkeit bewusst ist, murmelt was von Verstoß gegen das Völkerrecht, und über allem schwebt seit gestern der erschreckende Satz:

    „Vermutlich kommt er damit durch!“

    Dabei schien vor ein paar Wochen alles noch vergleichbar einfach. Ich hätte mich bedingungslos hinter eine Aussage wie die der Kanadischen Autorin Louise Penny gestellt – noch vor der heißen Phase der Annexionen.

    Nicht, dass ich hinter diesem Modell nicht mehr stehen würde. Penny hat recht – doch genau diese Worte sind mittlerweile Fleisch geworden und haben sich materialisiert. 

    Und nicht nur das – und damit haben wir vielleicht nicht gerechnet: Sie haben verstanden, den hässlichen Usurpatorengestus abzustreifen und sich als Heils – und Friedensbringer zu inszenieren.

    Mehr noch: Ihre Zahlen vervielfachen sich und das Modell wird epidemisch, geht viral.

    In solchen Momenten bedauere ich, kein Naturwissenschaftler, genauer, kein Gehirnforscher zu sein. Es wäre mehr als interessant zu erfahren, ob bei dieser Art von Dominatoren – Typus Napoleon, Duce, Franco, Hitler, Putin, Trump, Milei,… – besondere Anomalien, besser Spezifika, jenen Sektoren zu erkennen sind, die für die ICH-Fokussierung zuständig sind.

    Erleben und erfahren diese Typen Wirklichkeit allein ichbezogen? Ihre Narrationen sind ihre Wirklichkeit?

    In einer Studie hierzu heißt es:

    „On a behavioral level, narcissism (a personality type consisting of grandiosity, selflove, and inflated self-views, the desire to become famous, and celebrity worship have been linked together in numerous studies. The neural correlates of narcissism have been explored, and frontal regions of the brain such as the medial prefrontal cortex and right dorsolateral prefrontal cortex  have been determined to play a pivotal role in the occurrence of narcissistic personality traits. Brain studies on desire for fame and celebrity worship are in their infancy, yet characteristics of these phenomena, such as fantasy proneness, lack of empathy and unstable self-esteem , point to an overall deficit in self-awareness, which has been connected to the mPFC  as well. Overall, the behavioral link between narcissism, desire for fame, and celebrity worship may also indicate that the neural correlates amongst these phenomena are similar […]“.

    Schlimmer noch: Unter zunehmendem Druck behindern folgende Prozesse die optimale Informationsverarbeitung:
    1. Nur Bedrohliches wird wahrgenommen und sofort mit einer meist nicht optimalen Reaktion verbunden.
    2. Der größte Teil der Information wird so gar nicht angenommen.
    3. Komplexe Beurteilungssysteme werden blockiert.
    4. Entwickeln neuen Verhaltens wird behindert.
    5. Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis werden abgeschwächt. 
    6. Kognitives Lernen ist so kaum möglich.
    7. Das Einzige, was perfekt funktioniert, ist das sogenannte emotionale Gedächtnis.
    Langfristig werden im Gehirn auch neuronale Strukturen kaputt gemacht, besonders im Hippocampus dem Sitz unseres Kurzzeitgedächtnisses. Es entstehen kaum neue neuronale Verbindungen, es werden sogar welche zerstört.

    Aber auch ohne Einblicke in die Ich-Mechanismen können wir feststellen, dass wir es tatsächlich immer mit demselben Typus männlichen Individuums zu tun haben: einem, der Fantasie und Lüge nicht auseinanderhalten kann und es auch nicht will. Und der mit diesem Verfahren etwas in uns zu treffen scheint, wenn er Erfolg mit der Masche hat. Falls nicht: Klapse.  

    Das zeigt, wir bewegen uns in einem Grenzbereich, einer dunklen Ecke des Bewusstseins.  Einem Etwas das unser „Rationale“ bannt und – fast noch schlimmer – wehrlos macht.

    Dies System ist deshalb so gefährlich, weil es alle Regeln, die normalerweise gelten und die üblicherweise bis zu einem gewissen Grad respektiert werden, außer Kraft setzt. Im Handstreich die Magie des „So soll es sein“ realisiert. 

    Das Putschistische des Vorgehens kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihm dennoch ein Plan, eine Strategie zugrunde liegt. Das alte „Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode“ gilt in den meisten dieser Fälle. 

    Diese Methode der Macht geht systematisch vor, und sie erfasst nahezu alle Lebensbereiche: den des Journalismus, den der Wissenschaft, den der Universitäten.  Diese, sie erinnern sich, wehrten sich zunächst vehement gegen diese Übergriffe. Ich hätte gerne gesagt vehement und solidarisch, aber von Solidarität untereinander war wenig zu spüren. Exzellenz adelt und macht zahm.

    Damit verbunden ist generell die Beschneidung, ja die Abschaffung der Meinungsfreiheit, der freien Rede, des kritischen Denkens – Grundpfeiler jedes demokratischen Systems. Und deshalb macht es aus Sicht der Methode Sinn, demokratische Institutionen gezielt anzugreifen. Alles nicht willkürlich, sondern nach Plan. Der Plan heißt: politische Gegner, wenn nicht auszuschalten, so doch mundtot zu machen. Diese Strategie macht, wie Sie wissen, auch vor der Jurisprudenz, dem „Supreme Court“,  einst Flaggschiff der Demokratie, nicht halt. In kurzer Zeit wurde das Gremium weit nach rechts gerückt. Die konservative “Heritage Foundation“ wiederum hat ihm mit dem „Project 2025“ ein Blaupause für jene 220 Dekrete geliefert, die er in den ersten Monaten abfeuerte. Brachial legte er los: zerschlug ganze Behörden und Ministerien, brachte Universitäten auf Regierungskurs und ließ alles entfernt migrantisch Wirkende, wenn es nicht ins „Stadtbild“ passte, von seinen hochbezahlten Schlägertrupps (ICE) hetzen und jagen …und, und ..die Liste ließe sich beliebig verlängern. 

    Gier nach autoritärer Machtfülle, persönliche Bereicherung und – diese dritte Element sollte nicht unterschätzt werden – das toxische Motiv der Rache : ein fataler Dreiklang, der in Verbindung  mit seiner a-social media Präsenz (100 Mio. Follower bei X), 10 Mio. auf seiner eigenen Platform True Social, dem größten Megafon der Welt, die Welt auf den Kopf stellen kann. Täter werden zu Helden, Freunde zu Feinden, Kritiker, Demokraten, Intellektuelle zu Staatsfeinden. 

    Autokraten kommen nicht aus dem Nichts und sind nicht oder nicht nur ein indiuvidualpsycho -pathologisches Phänomen.  Sie haben

    1 eine gleichgeschaltete, nicht minder radikale Entourage: in diesem Fall die Trias Hegseth –  Rubio – Vance 

    Besonders auf Letzteren ist zu achten, denn er stand einer ganzen Gruppe brandgefährlicher Vordenker nahe.

    2 Von ihnen, aus einem Pool externer „Philosophien“, kommen die theoretischen Brandsätze gegen die Demokratien. Der vielleicht bekannteste, mit Vance in direktem Kontakt stehende, ist der Blogger Curtis Yarvin. 

    Er kreierte die Idee eines „Dark Enlightenment“ als  antidemokratische, antiegalitärereaktionäre Doktrin. Die Ideologie lehnt im Allgemeinen die Auffassung ab, dass die Geschichte eine unvermeidliche Entwicklung hin zu größerer Freiheit und Aufklärung zeige, die in einer liberalen Demokratie bzw. konstitutionellen Monarchie gipfeln würde. Sie plädiert stattdessen für eine Rückkehr zu traditionellen gesellschaftlichen Konstrukten und Regierungsformen, einschließlich des absoluten Monarchismus und anderer archaischer Führungsformen. So soll laut Vorstellungen der Neoreaktionäre der bestehende Staat in eine private Aktiengesellschaft umgewandelt werden, dessen Geschäftsführer uneingeschränkt regieren können soll. Die Bewegung lehnt Gleichheit als politisches Ziel ab.Zu den weiteren Schwerpunkten der Neoreaktion gehören häufig eine Idealisierung der körperlichen Fitness, eine rationalistische oder utilitaristische Rechtfertigung der sozialen Schichtung auf der Grundlage von Intelligenz, die entweder auf Vererbung oder Leistungsprinzipien beruht, ein Bekenntnis zu klassischen oder objektivistischen Philosophien und zu traditionellen Geschlechterrollen.  2000 Jahre europäischen Geistesgeschichte – ausradiert. 

    Und genau dies sieht man jetzt umgesetzt. Hauptdarsteller: Donald Trump. Nach dessen Wiederwahl sahen die NRx Leute (Thiel, St., Bannon…..) ihre Stunde gekommen, die Silicon-Valley-Diktatur konnte kommen: damit das Ende der liberalen Eliten zugunsten eines neuen, faschistoid grundierten Caesarismus. 

    All dies freilich würde nicht hinreichen, um den überwältigenden Erfolg dieser Methode zu erklären. Ein Erfolg, der darin besteht, die eigene, bisweilen ernüchternde 

    Lebenserfahrung abzuschalten und die exzentrische Fremderfahrung eines vertrauensunwürdigen Führers blind zu übernehmen.  

    Schwelender Unmut findet plötzlich seinen Grund.

    Aus Unbehagen wird zielgerichtete Aggression.  

    Aus befreundeten werden feindliche Wesen. Aus Krieg wird Frieden. Wir fühlen uns erinnert. An:

    ein uraltes Buch von 1949: Orwells 1984. Es schildert die strategische Auslösung des bis dahin feierten „europäischen Individuums“: 

    „…Doch es war nutzlos, er hatte keine Erinnerung; nichts war von seiner Kindheit geblieben außer einer Folge greller Bilder ohne Hintergrund, die meist unverständlich waren.

    Das Ministerium für Wahrheit – Miniwahr auf Neusprech – hob sich von allen anderen Objekten in Sichtweite auffällig ab.

    Man konnte die in schöner Schrift auf die weiße Fassade gemeißelten drei Maximen der Partei lesen:

    KRIEG IST FRIEDEN

    FREIHEIT IST SKLAVEREI

    UNKENNTNIS IST STÄRKE

    Das Ministerium für Wahrheit, so hieß es, umfasste dreitausend Räume oberhalb der Erde und war unterirdisch noch einmal entsprechend weit verzweigt. 

    Neusprech war die Amtssprache. 

    Die Frage: Sind wir bereits mittendrin? Sind wir auf dem Weg, zu stummen Bewohnern eines in Realität überführten SF-Romans zu werden – ohne es zu bemerken? Somatisierte Nachtwandler – oder gibt es noch Hoffnung, uns dazu zu bringen, effizientere Strategien des Widerstands im Sinne eines Bright Enlightenment zu entwickeln?  – eine Solidargemeinschaft der Gefährdeten – eine Schulung aller Sensorien kritischer Wahrnehmung – und eine kompromisslose Schulung in Richtung einer Ästhetik der Wahrnehmung von Unterschieden. So wie Amerika von seiner dark side befreit werden muss, muss auch Europa wieder zu sich selbst finden!

    Dazu mehr am 1.3. 

    Jw

    Genauso wie über die Frage: Wo beginnt der Übergriff auf das eigenen Denken? 

  • Territorialfusionen: Achtung — die großen Grenzverschiebungen und Rochaden drohen

    von Jürgen Wertheimer

    Wenn der UKR Krieg – ob mit oder ohne Trumps Vermittlung   – in nächster Zeit endet,  werden die Spannungen im Bereich der innereuropäschen Tektonik weitergehen. Und zwar mit großer Dynamik. Insofern könnte, wenn Europa nicht sehr auf der Hut ist, Putins 2. Versuch Europa zu destabilisieren doch noch Erfolg haben. 

    Sind nach einer evt. Befriedung die Regionen Donez und Luhansk möglicherweise russisch, und die Krim nach wie vor russisch, würde eine Art Rumpfukraine entstehen, die dann vielleicht im Gegenzug der NATO und EU beitreten dürfte. 

    Die Risse, die durch diese Grenzverschiebung entstünden wären  folgenreich und könnten einen Erdrutsch, einen Dominoeffekt auslösen: Serbien könnte sich motiviert sehen, sich das verhaßte Kosovo eizuverleiben. Ungarn könnte versucht sein, Besitzanspruch an das heutige rumänische Siebenbürgen anzumelden. Mischgebiete, Übergangszonen, autonome Regionen – Fehlanzeige, statt dessen  stärker und mehr denn  je: Grenzen, Grenzen, Grenzen.

    Demarkationslinien von Staaten, Nationalstaaten. „Stammesgebiete“ statt Kontakzonen. Kontrolle statt Begegnung.  Statt Transfer: Mauern, Brandmauern. Kurz man retabliert   genau die Szenarien, die ursächlich alle großen Kriege des 20. Jahrhunderts vorbereiteten. Diese erstarkende Nationalstaatseuphorie verbunden mit der in Russland erfolgreich herbeigeführten geopolitischen Zeitenwende könnte gefährlich Bewegungen in Gang setzen. 

    Nicht nur Ungarn und Serbien, auch Polen stellt – unwillentlich aber fahrlässig – Grenzen infrage. Das Festhalten aus Reparationsforderungen gegenüber  Deutschland  macht urplötzlich die deutschen Ostgebiete wieder zu einem Thema der Politik. Plötzlich könnte der Ladenhüter der „Oder -Neisse – Grenze wieder auf der politischen Agenda stehen. 

    Spannungen tun sich bereits jetzt  zwischen Polen und der UKR auf. Gar einem EU Beitritt der UKT steht Polen mehr als skeptisch gegenüber. Das polnisch ukrainische Verhältnis aufgrund der historischen Vorgeschichte und der wechselseitigen Ressentiments nicht weniger entzündlich als das russische ukrainische.

    Dazu kommen noch weit größere Bewegungen im Überseeischen Bereich, die gleichfalls dem Schema, daß Putin vorgab,   gehorchen: Kanada, Grönland stehen auf der Wunschliste dieser Vorsitzenden, die die Welt wie ein Unternehmen führen wollen und zugleich vorgeben, Sicherheitsinteressen zu verteidigen  nach dem Putinmotto: Territorialfusion als Präventivschlag- 

    Die Befriedung Europas – ein geplatzter Traum? Die Toten all der Kriege jedoch sind  anscheinend längst noch nicht zur Ruhe gekommen  und fordern ihr Recht auf Wiedergutmachung und Gebietsrevision. Die Literatur ist der getreuste Spiegel dieser noch unsichtbaren Verwerfungen…

    14. 1. 

    JüW

  • Europa entrüstet sich durch Aufrüstung

    von Jürgen Wertheimer


    Europa entrüstet sich durch Aufrüstung

    Jetzt aber! Mit Wumms  und Doppelwumms, wie man in  der Politikersprache  gerne kraftmeierisch tönt. Schon wieder mal ist Zeitenwende angesagt.  Rasante Wendezeitler  haben Konjunktur.  Wo gestern noch  die Brandmauern der Schuldenbremse  standen,   fließen heute   gewaltige Geldströme unbekannter Herkunft. Und innerhalb weniger Tage verwandeln sich  gleichzeitig rostige  Pflugscharen in scharfe Schwerter: vor unseren Augen entstehen blühende  Landschaften aus Panzerhaubitzen, Advanced Gun  Systems und hochwertigen Marschflugkörpern in unbegrenzter Zahl.  Nukleare Rettungsschirme umspannen den Kontinent und  die Algorithmen autonomer Waffensysteme sichern das Überleben der europäischen Kultur… Europa ist kaum mehr wieder zu erkennen:  vor kurzen noch zögerlich und   unentschlossen –     nun kriegstüchtig ja kriegssüchtig und bereit zum letzten Gefecht gegen das Böse. 

    Dennoch hier zwei kleine Anmerkungen,  um diesen Traum eines Europa  unter Feuer auf seine  Stimmigkeit hin zu befragen. 

    Zum Einen: wer die Beschaffungsregularien der deutschen und europäischen Verwaltungen – auch die der Verteidigungsministerien – ein wenig kennt, weiß, daß die konkrete Umsetzung solche  Aufrüstungspläne  Monate, Jahre in Anspruch nehmen wird. Der Gegner, welcher auch immer, jetzt bestens informiert über „unsere“ Pläne, hat in dieser Zeit freies Schussfeld, wird geradezu eingeladen, den noch immer nahezu  wehrlosen Kontinent anzugreifen. 

    Zum Anderen, gewichtiger, weiß man eigentlich genau, was man bis an die Zähne  bewaffnet , verteidigt?

    Unsere „Werte“? Unseren Wohlstand ?  Unsere Sicherheit? Und : um welchen Preis ?

    Aufrüstung Neu.

    Dieserneueuropäische Tempowechsel  zu  rasant  und unvermittelt  als daß man ihm so recht trauen könnte. Von Stephane Hessels  aufklärerischen  Kampfschriften  „Empört Euch“ und „Engagiert Euch!“ sind gerade mal gut 10, von Käsmann/Weckers  flammender pazifistischem Essay „Entrüstet Euch!“ sind gerade mal 3 Jahre  vergangen, um „Kriegstüchtigkeit“ und ein zackiges „Rüstet Euch auf!“ parteiübergreifend unisono zum neuen kategorischen Imperativ  werden zu lassen. Nicht nur eine Wende, sondern eine Steilkurve zeitgeistigen Gesinnungswandels. Das Ganze  zudem noch  nicht  mal Kraft  eigenen Willens,   sondern als panischer Reflex auf einen äußerst dubiosen Deal zweier höchst  fragwürdiger  Autokraten . Die Rettung Europas aus dem Geist aufgezwungener Aufrüstung – kann das wirklich ein zukunftsweisender Weg sein? Oder müßte er nicht zumindest durch eine zweite, ganz anders definierte Art der Aufrüstung flankiert werden: einer geistigen, intellektuellen, emotionalen Aufrüstung!

    Während die militärische Aufrüstung floriert, stagniert  jedoch die mentale. Allein wie wir uns von den gedanklichen Blindflügen des Geistesriesen Trump  in   seinem Paralleluniversum in Mar- a -Lago in die Pflicht nehmen lassen, ist ein Symptom für unsere eigenen mentalen Defizite. Es muß ihm ein diebisches Vergnügen bereiten,  zu beobachten  daß und wie alle Welt auf jede seiner irrwitzigen Ankündigungen reagiert , wie man sich ängstlich bemüht, ihn zu umgarnen. Aus lateinamerikanischen Diktatorenromanen wie „Ich, der Allmächtige“ von  Roa Bastos, „Das Fest des Ziegenbocks“ von Mario Vargas Llosa oder  „Die Methode der Macht von Alejo Carpentier weiß man, wohin der Weg  des Typus Trump  und Putin  führen wird und was man dagegen tun könnte.  Der schlimmste Fehler ist es, ihr Spiel mitzuspielen, sich auf ihre Ebene einzulassen. Wer entschlossen ist, mit Menschen wie mit Nummern zu spielen, mit dem sollte man sich nicht an einen Spieltisch setzen. Man sollte gar nicht erst den Versuch unternehmen mit ihnen „Deals“ zumachen – man würde immer den kürzeren ziehen.

    Das Schlimmste, Deprimierendste für einen Diktator ist es, seine Aktionen in Leere gehen zu sehen . Wenn der Generalissimo mal keinen mehr  hat, „der ihm schreibt“, um mit G.G. Marquez zu sprechen, wird er in sich gehen, vielleicht sogar daran zerbrechen. Schickt ihm seine Sachen kommentarlos zurück und räumt die Regale leer nehmt seine Umbenennungsfantasien gar nicht mehr  nicht zur Kenntnis. Hängen wir nicht mehr an seinen Lippen , konzentrieren wir uns auf uns selbst. Nutzen wir die Zeit  die Zeit um selber stärker zu werden, das große Erbe Europas  wieder zu beleben das Erbe der Autonomie. Vielleicht war die unkontrollierte Globalisierung der Werte und Daten wirklich ein Fehler  und es ist geboten  die Dinge wieder selbst in die Hand zu nehmen.

    Denn —auch das lehrten die Romane , lehrt die Literatur..  solange der Diktator  das Gefühl hat, die anderen hängen an seiner  Angel ,  zappeln und versuchen ihn gnädig zu stimmen, wird er dominanter und mächtiger. Unsere Fasziniertheit   bläht ihn auf. Unser Angst beflügelt ihn, unsere Bitten vergrößern ihn.

      Kein Geringerer als Franz Kafka hat diese Situationen wieder in seinen  Texten aber auch  – wie man mittlerweile weiß – in seine Skizzen wieder und wieder dargestellt.  Keinesfalls mit schlotternden Hosen sollten wir ihm, dem Popanz  gegenübertreten. 

    Aber auch nicht protzig und provokant. Kafkas Methode von der die Politik viel lernen könnte , ist viel unscheinbarer, wirkungsvoller und elaborierter: souveränes Ignorieren, Abstand halten, Kontakt vermeiden und sich vor dem groben Schatten gekonnt  und etwas süffisant in Szene setzen – das könnte die Lösung, die Loslösung sein.

    Genau diese  innere Haltung muß Europa lernen, sie muß dem Kontinent  sozusagen in Fleisch und Blut übergehen. Dem Gegner die Lust/ die Luft rauslassen, sich selbst bewußt in Szene setzen,   nicht arrogant aber sehr selbstbewußt und Abhängigkeiten so weit wie irgend möglich kappen. Ganz gleich, ob man dadurch zunächst vielleicht Nachteile erleidet.

     Mittelfristig wird  diese subtile Kehrtwende zu einer Steigerung des europäischen Zusammenhalts nach innen führen. Begleitet von einer Revitalisierung europäische Grundfertigkeiten, die wir in diesem Zusammenhang dann zwangsläufig  wieder neu erlernen werden, erlernen müssen:

      Unsere eminente Fähigkeit Kontroversen und Streit extensiv auszutragen und auszuhalten – Antigone macht es uns seit 2000 Jahren vor.  Unsere „Begriffe“ mittels derer wir früher die Welt beherrschten (siehe Shakespeares „Der Sturm“) wieder zu schärfen , um und besser zu beherrschen  und  nicht jedem noch so törichten Manipulationsversuch zu erliegen. 

     Weiter die Fähigkeit , mit List und Geschick immer einen Ausweg, einen Dritten Weg in Petto zu haben,  wie unser Ahnherr Odysseus uns dies förmlich  in die Wiege gelegt hat.

     Und schließlich die  Techniken um mit Vielstimmigkeit , unerwarteten und trügerischen Ähnlichkeiten umzugehen und ständig Grenzen auszuloten. Unser europäischer Flickenteppich wo   alle paar Hundert  Kilometer Neuland beginnt und wir uns neu definieren müssen, zwingt uns ja permanent  diese Kompetenz  immer weiter zu erproben. 

    Wenn wir alle diese Fähigkeiten wieder  aktiv ausbauen und nicht an eine  alles andere als perfekte KI delegieren (und diese Gefahr besteht derzeit durchaus) , – dann mögen mögen meinetwegen auch noch die Waffen sprechen. 

    Vielleicht sollten wir also genau in umgekehrter Reihenfolge vorpreschen.  Erst ein paar hundert Milliarden (die ja nun offenbar locker  losgeeist werden können),   in die Perfektionierung von uns selbst investieren – in Bildung , Umwelt ,   Infra – und Sozialstruktur,  Wissenskultur und  Wahrnehmungsschulung. Und erst danach, wenn immer noch Milliarden übrig sein sollten , gern auch in moderne  Waffensysteme.  Aber erst dann. 

    Welche Wege stünden uns dann offen: mit einem erneuten Russland zu kooperieren, mit den Chinesen zusammen die Seidenstraße auszubauen. Mit den USA  wieder in  einen halbwegs intakten  zollfreien Austausch zu treten…

    Träume – vielleicht. Doch zumindest kreativere als alles Geld  in Waffen zu stecken, die möglicherweise später in den Silos verrotten. 

  • Cassandra Außenposten – Kanada

    von Cornelia Lorenz

    This Photo by Unknown Author is licensed under CC BY-SA

    2025 wurde ein kanadischer Cassandra-Außenposten von Dr. Julia Pörtner und Cornelia Lorenz in Zusammenarbeit mit der Acadia Universität in Nova Scotia, Kanada, gegründet.

    Dieser Außenposten konzentriert sich auf die Analyse von Narrativen über Natur und Kultur in der Arktisregion sowie übergeordnete geopolitische Fragestellungen im Kontext der internationalen Beziehungen Kanadas. 

    Ziele sind 

    – Krisenerkennung durch literaturwissenschaftliche Analysen im kanadischen Kontext, 

    – Identifizierung von Frühwarnindikatoren für geopolitische und soziopolitische Instabilität in der Literatur, insbesondere in Werken, die sich mit internationalen und regionalen Konflikten, Umweltveränderungen, Identität und kulturellen Spannungen in der Arktisregion befassen.

    A Canadian Cassandra outpost was established by Dr. Julia Pörtner and Cornelia Lorenz in cooperation with Acadia University in Nova Scotia in Canada. 

    The Canadian outpost focuses on analyzing narratives of nature and culture in the Arctic region, alongside wider geopolitical issues related to Canada’s international relations. 

    It aims to 

    – expand the analytical framework for crisis detection through literary analysis within the Canadian context,

    – identify early warning indicators of geopolitical and socio-political instability in literature, particularly in works that deal with international and regional conflicts, environmental change, identity, and cultural tensions in the Arctic region. 

  • How to make Trump still  greater. Der Fall Rutte

    von Jürgen Wertheimer

    Niemand wird bestreiten, daß NATO Generalsekretär Mark Rutte ein Segen für Europa ist. Ich bin dieser Niemand. Rutte ist kein Glücksfall, sondern bei etwas genauerer Betrachtung der Totengräber eines Europa jenseits der EU.

    Wer Trump noch immer zu umgarnen versucht, wer mit ihm einen deal aushandelt,  hat hat noch immer nicht begriffen, mit wem er es zu tun hat. Wer mit einem notorischen Betrüger und Schwindler zu verhandelt,  hat verloren bevor er damit  beginnt:  D. Trump hat hinreichend Hin – und Beweise geliefert, daß er diesem Typus zuzuordnen ist . 

     In der nahezu Nostalgischen TV Serie „Nepper, Schlepper, Bauernfänger“  wird dieser  skrupellose Typus in extenso wieder und wieder vorgeführt. Man warnt vor ihm, seinen Tricks, seiner Abgebrühtheit. 

    Meist sind es naive, bedauernswerte  Gemüter, die  auf ihn hereinfallen und ihrer kleinen Ersparnisse beraubt werden. Die Polizei regt dazu, sich bei leisesten  Zweifeln auf noch so verlockende Versprechungen  gar  nicht erst einzulassen und die Türe zu schließen.

    Hier allerdings  endet der Vergleich: Trump, verspricht nichts, verführt nicht –  er pöbelt , droht, beleidigt,  —- und dennoch lassen sich gestandene, erfahrene Diplomaten und Politiker auf ihn ein. Wie eigenartig ist das denn? Sonst extrem auf Form und  Höflichkeit gepolt,  strecken sie im Fall des größten Provokateurs  die Waffen und rollen statt dessen  den roten Teppich geschmeidiger Diplomatie aus. Und versuchen mit dem Dealer zu dealen. Man feiert die  kleinste Minderung seiner Raubgelüste bereits als großen Erfolg. Keine absurden Strafzölle- kollektiver Jubel. Nur ein Stück Grönland : zufriedenes Abnicken – ach so!

    Ein interessanter Vertrag  mit einem  Hai, der  vorgibt, sich mit einem Arm und einem Bein  statt dem Ganzen zu  begnügen. Wie naiv kann man sich stellen, um solch einen Teufelspakt als Triumph der Diplomatie zu feiern. Als ob nicht jeder wüßte, wenn ein windiger Vertreter einmal den Fuß in der Türe  hat, wirst Du ihn nicht mehr los. 

    Abgesehen davon: selbst wenn Trump sich mit ein paar Militärbasen auf Grönland begnügen sollte – sieht  man nicht, daß man die Gefahr für die Bewohner dieser Insel dadurch  vergrößert, statt sie zu verringern .  Grönland als Waffenarsenale der US. Vielleicht auch bald Russlands… Ein zweites Kaliningrad bahnt sich an. 

    Nein, man sollte Rutte nicht für sein vermeintliches diplomatisches  Husarenstück feiern.  Der Generalsekretär , einst Teflonmann , jetzt  Schleimspur Europas tut dem fragilen Kontinent mit dem stückweisen Ausverkauf seiner Gebiete und Interessen keinen Gefallen. Er motiviert Trump und andere Aggressoren allenfalls zu weiteren Zumutungen und Übergriffen Weltweit. Wenn man Angst  davor hat  und  derzeit „Öl ins Feuer zu giessen“ und Angreifer. Zu verärgern   wird man sein blaues Wunder erleben . Hier ein „Stückchen Eis“ (allein dieser Ausdruck von Trump sollte alarmieren) , dort ein Stückchen ukrainische Bodenschätze, oder der Plan einer  Riviera in Gazaland —  macht nur so weiter, ihr Meisterdiplomaten und feiert Euch für diese Art der Befriedung , des Abbaus von Konflikten.  Verkauft Euch/uns  weiter  wie den Hafen von Piräus. Aber wundert Euch nicht, wenn Euch Europa peu a peu unter den Händen zerrinnt und zu einem Wühltisch verkommt, aus dem sich die Mächtigen der Welt  sich schamlos bedienen. 

    Als ob nicht jeder ahnte, daß es derzeit nur eine Chance für Europa gibt: den Annektionsgelüsten die kalte Schulter zu zeigen und stolz wie Grönländer zu  sagen: Europe is not for sale. 

  • Amor vien dal Destino   (Oper Frankfurt/ Februar 2026 )           

    „Es ist wie es ist, sagt die Liebe“ – Wenn sich die letztlich füreinander bestimmten Paare am Ende der fast vierstündigen (im Januar 1709 uraufgeführten) Barockoper dann doch endlich gefunden haben, ist man fast versucht,  an den an Lakonie nicht zu überbietenden Vers von  Erich Fried zu denken. Oder – wenn man es klassischer haben will – an Vergils nicht minder knappe tröstliche  Formel des „Amor vincit Omina“.

    Aber so einfach und unkompliziert wie diese Ratgeber-Weisheiten es vermitteln, ist es um  die Sache der Liebe eben nicht bestellt. Daß ausgerechnet ein Mann der Kirche, immerhin handelt es sich bei Agostino Steffani um einen veritablen katholischen Bischof, sich als Experte in Sachen komplizierter emotionaler und erotischen Verstrickungen erweist,  kann nur auf den ersten Blick erstaunen. Zu vielgestaltig verlief das Leben des Theologen, Komponisten, Diplomaten  und „Fürstendieners“ als daß er nicht  hinreichend konkrete Erfahrungen mit Gott und der Welt, besonders letzterer hätte sammeln können, gleich ob in Italien, Deutschland, Belgien oder Frankreich. 

    Seiner  Arbeit als Opernkomponist kam die professionelle Vielgestaltigkeit jedenfalls sehr zu gute: 

    Wie  sonst wollte man das betörende Ineinander von jesuitischer Kasuistik, geschmeidiger, nuancierter Psychologie und virtuoser Überblendung unterschiedlicher musikalischer Stile erklären. Das Ganze zudem serviert mit einer Leichtigkeit und Frische, das die mehr als 300 Jahre dazwischen völlig vergessen lassen. 

    Dass  sich dieser ganz und gar unaufgesetzte, tänzerisch beschwingte, federleichte Duktus den Zuschauen mitteilt, ist natürlich nicht nur dem Werk selbst, sondern vor allem auch der kongenialen Regie des Barockexperten Schlather zu verdanken. Er nimmt sich Zeit, läßt sich Zeit, der tiefgründigen Autopsie der Emotionen in jedem Moment nachzuspüren. Etwa die  lange mentale  Abwehrschlacht Lavinias gegen die eigenen Gefühle nicht nur flockig  zu behaupten, sondern ihr  bis in die letzte Empfindungsfaser  nachzuspüren. Sie in Ihrer Fragilität, 
    Verletzlichkeit, Rabiatheit vorzuführen –  gleichermaßen bezaubert, betört und verstört von einem Traum, der sie in die Hände des politischen Gegners, Aeneas, treibt. 

    Nur so begreift man – und das unruhig vibrierende Orchester unter dem unglaublich dynamischen Dirigat von Vàclav Luks teilt dies dem Parkett vibrierend mit, daß es sich bei all dem Zaudern und Zurückzucken der Protagonistin fürwahr nicht um Zimperlichkeit oder Egomanie handelt. Es geht um mehr – es geht um Hochverrat dem eigenen Land gegenüber. Auch wenn ihr Vater, König Latinus, mehr ein leicht zerstreuter Oberlehrer als angsteinflößender Herrscher, den Gefühlen seiner nervlich mehr als angeschlagenen Tochter halbwegs verständnisvoll gegenübersteht – es bleibt eine mehr als prekäre Situation.

    Dazu kommen viele andere erschwerende Faktoren: Ein frustrierter Ex-Verlobter, dessen gekränktes Ego rebelliert und in Rachefantasien umschlägt. Ein Traumweltgeliebter, Aeneas, der noch nichts von seinem Schicksal namens Lavinia weiß. Eine extrovertierte, zappelige Schwester, deren Gefühle Amok laufen….

    Es geht also um mehr als um Gefühlsduselei und Labilität  – nichts Geringeres als die Stabilität des Abendlandes steht zur Disposition — Die Heirat eines Migranten aus  dem besiegten Troja mit einer Indogenen Königstochter, die Vermählung Asiens mit Europa also wäre ein Novum erster Güte. Es ist nur folgerichtig, daß die meisten der Figuren nicht gerade fest auf ihren Füßen stehen und immer wieder wie aus dem Nichts auftauchen oder im Nirgendwo hinter der Bühnenrampe verschwinden. Im Schnittpunkt all dieser Kräfte, die an den Figuren zerren, bewahrt allein Lavinia Contenance und Haltung – jedenfalls nach außen, auch wenn ihr Inneres dem Druck dieses Konflikts zwischen dynastischer Pflicht und imaginierter Liebe kaum standzuhalten vermag. 

    Wären nicht die erfrischend realitätsverhafteten Dienerfiguren, die den Herzschmerzen der „Großen“ pragmatische Power entgegensetzen – die äußere  Handlung käme zum Stillstand. Und bisweilen hat man für Momente auch tatsächlich den Eindruck eines szenischen Stillstands, eines Ersterbens des äußeren Geschehens – besondern im langen 2. Teil der Inszenierung. Doch die robuste Komik der männlich auftrumpfenden Amme Nicea und des pfiffig frivolen Corebus wirkt der Gefahr, des in Tiefsinn Ersterbens vehement entgegen. Wenn man nicht aus Gründen der Konvention zu einem Happy End verpflichtet wäre, das krude „Destino“ würde alle Empfindungen in Grund und Boden stampfen. So aber begräbt eine gewaltige Wolke aus Silberschnipseln allen Zwiespalt pro forma unter sich. 

    Cornelie Ueding

  • Otello (Staatoper Stuttgart, Juni 2025)

    Foto: Staatsoper Stuttgart. OTELLO_Marco Berti (Otello)_ Daniel Mirosław (Jago)_2025

    Großer Jubel, Entzückensschreie, fast standing ovations in Stuttgart. Ganz offenbar berauschte man sich – zu Recht – am wuchtigen, temporeichen Dirigat von Stefano Montanari, an der Durchschlagskraft des metallisch glänzenden Tenors in der Rolle des Otello, Marco Berti, an der warmen, intensiven Stimme der Desdemona, Esther Dierkes. Der Bühnenregie von Silvia Casta kann der emotionale Ausbruch beim besten Willen nicht gegolten haben – gleichwohl sich die Regisseurin die allergrößte Mühe gab, das irrwitzige Gefühlsgeflecht dieser Oper systematisch zu ordnen.  Am Ende freilich stellt sich die Frage, ob man dieser Überflutung aus Liebe, Leidenschaft, Passion, Intrige, Rachsucht, Eifersucht und religiösem Wahn wirklich näherkommt, wenn man das Ganze steril verpackt und in ein körperloses Schattentheater in Schwarz-weiß verwandelt. Zugegeben, das Spiel mit kontrastiven farblichen Überlappungen und Verschlingungen ist ästhetisch reizvoll und stellenweise optisch fesselnd. Und genau hierin, in dieser laborartigen Stilisierung liegt das zentrale Problem dieser gleichsam in Segmente zerlegten Aufführung. Musik, Figuren, Videoinstallationen —alles geschieht fast voneinander separiert. 

    Am auffälligsten ist dies natürlich, was die Figurenführung betrifft, und hier wiederum ganz besonders das Verhältnis zwischen Desdemona und Othello. Zugegeben, es mag bisweilen wohltuend erscheinen, wenn man leidenschaftliche Zuwendung und glühenden Hass nicht allzu drastisch vergegenwärtigt und die Säfte und Kräfte förmlich bis ins Parkett spritzen. Aber der Grad an körperloser Distanz, der in Stuttgart zur Schau gestellt wird, ist so außergewöhnlich, gewöhnungsbedürftig und letztlich unproduktiv. Der Held und seine Desdemona stehen einander wie Gespenster ihre eigenen Lieben schwer verhüllt und auf Sicherheitsabstand gegenüber, bisweilen sogar jeder für sich in Modulschachteln voneinander abgeschottet. So viel an geisterhafter, nahezu ideeller, gänzlich berührungsfreier „Erscheinung“ steht in eklatantem Widerspruch zum eigentlichen, realen Geschehen: der irrwitzigen Leidenschaft, mit der sich eine Venezianische Tochter aus höchsten aristokratischen Kreisen in einen farbigen Migranten in Diensten der Republik verliebt. Genauer: sich in seine Legende, seine Erzählungen von Leid, Tod, Schlachten, Siegen verliebt. Und umgekehrt: dem rasenden Begehren, das diese weiße engelhafte Erscheinung, eine Ikone der Reinheit und Schönheit in dem gedungenen Heroen aus Afrika auslöst. Da prallen Welten aufeinander – aber sie stehen nicht in ausgestanzten Wetterhäuschen der Leidenschaft reglos nebeneinander. Und genau das tun sie – geschlagene drei Stunden lang. 

    Wenn man diesen ganzen kulturellen, politischen, psychologischen Kontext ausklammert, spielt man an der eigentlichen Geschichte vorbei und zurück bleiben schöne farbliche Kontraste. 

    Aber halt, stimmt ja nicht: Das Politische findet ja durchaus statt: zwischen den Akten und auf großer Videoleinwand. Dort finden auch in Form diskreter Anspielungen Verweise auf historischen und gegenwärtigen Rassismus statt. Sozusagen abgekoppelt, ausgelagert vom Bühnengeschehen. 

    Nicht nur die Liebe, auch der Tod, die empörende vorsätzliche Hinrichtung, Erdrosselung der völlig unschuldigen Desdemona durch ihren geliebten Othello, rasend vor synthetisch kreierter Eifersucht, findet ohne Beteiligung der Köper gleichsam in effigie statt. Spätestens jetzt sollte der schöne Schein zerbrechen und der wahre Konflikt in seiner ganzen kruden Bestialität zum Vorschein kommen. Aber was geschieht: Othello zerknüllt – in rasender Wut – diverse Kopfkissen, und die Erdrosselte zieht sich dezent ein Schleiertuch vor das Gesicht — tot. So viel Sterben in Schönheit kann doch nicht wahr sein. Und es ist nicht wahr. 

    Und aus all diesen Gründen kann der Applaus nur der Musik gegolten haben — die Regie hat davon allenfalls profitiert. 

    Cornelie Ueding

  • „Don Karlos“ (Münchner Volkstheater, März 2025)

    Ruth Bohsung, Max Poerting (c) Arno Declair

    Die Besprechung von Cornelie Ueding ist bei Deutschlandfunk Kultur nachzuhören:

    https://www.deutschlandfunk.de/don-karlos-christian-stueckl-inszeniert-schiller-am-muenchner-volkstheater-100.html

  • Georg Friedrich Händel: „RINALDO“ (Fassung von 1731) bei den 47. Internationalen Händel-Festspielen Karlsruhe

    Man kennt solche Fußballspiele, die überhaupt erst in der zweiten Halbzeit so richtig Fahrt aufnehmen, während sie zunächst eher dröge dahinplätschern. Von Theater und Oper kennt man dieses Phänomen eher seltener. Doch genau dies konnte man in der Karlsruher Oper im Rahmen der Händelfestspiele erleben.

    Der erste und zweite Akt kamen schön bebildert, fast betulich daher… Doch nach der Pause zündete Regisseur und Bühnenbildner Hinrich Horstkotte, verstärkt von Rinaldo Alessandrinis einfühlsam dynamischem Dirigat, ein Feuerwerk der Phantasien und Inventionen, die das Haus zum Jubeln brachten. So dass sich geradezu eine Zweiteilung der Aufführung um den tapferen Kreuzritter Rinaldo und seine Geliebte Almirena ergibt.

    Die Belagerung von Jerusalem befindet sich in einer kritischen Phase – es geht um nichts weniger als um den finalen Sieg. Die mächtige Zauberin Armida weiß um den Schwachpunkt des christlichen Herren: Ronaldos grenzenlose Liebe zu Almirena, der Tochter des Heerführeres. Entführte man sie, so die finsteren Pläne der tückischen Zauberhexe und ihres Liebhabers, des sarazenischen Königs Argante, würde man das christliche Heer entscheidend schwächen.

    Zunächst scheint der tückische Plan tatsächlich aufzugehen. Nach der Entführung Almirenas zieht sich Rinaldo zutiefst verstört und beunruhigt vom Kampfgeschehen zurück und widmet seine gesamte Kraft der Rettung der Geliebten mit allen Mitteln. Und als ob er diesen Sturmlauf der Gefühle, den Kampf verzweifelter Liebe gegen intrigante Perfidie plastisch in Szene setzen wollte, beginnt in etwa ab diesem Moment die Inszenierung alle Register zu ziehen. Vorbei die lethargischen, bisweilen fast einschläfernden Klagelieder, und die gezierten Auf-und Abmärsche sarazenischer und christlicher Ritter — nun bricht Rinaldo wie ein neuer Don Quichote auf, um im Kampf gegen die Mächte der Finsternis, die Windmühlen der Hexerei vehement zu Felde zu ziehen. Und alle spielen mit in diesem Kampf der szenischen Elemente, in der die Bühne selbst zum Akteur wird: Die Stühle eines virtuellen Parketts geraten in vibrierende Schwingungen, Meeresungeheuer tauchen zwischen den Sitzreihen auf und unter, Vogelschwärme durchstreifen in wildem Aufruhr den nächtlichen Himmel. Und der Held hinkt auf Krücken, unterstützt von einem greisen magischen Gegenzauberer, mehr oder weniger erfolgreich seiner Mission, der Rettung der geliebten Almirena hinterher..

    Doch längst hat die gewitzte Lady selbst die Initiative übernommen: Sie betört ihren Bewacher, den alles andere als standfesten, etwas verkrüppelt wirkenden Sarazenenherrscher, und lässt ihn nicht nur durch die Kraft ihrer Stimme dahinschmelzen. Was naturgemäß seine bisherige Geliebte, die dunkle Zauberin Amira, in Rage versetzt. Während nun das Intrigantenpaar sich fetzt, sich wieder „versöhnt“ und stürmt und im off buchstäblich verkrümelt, feiert Almirena, dargestellt von der stimmlich wie körpersprachlich extrem geschmeidigen jungen Sopranistin Suzanne Jerosme, ihre Freiheit und – sich selbst. Während ihrer virtuosen Triumpharie turnt sie leichtfüßig über den Orchestergraben ins Parkett, um sich punktgenau wieder auf die Bühne zurückzuschwingen. Verdienter spontaner Applaus für dieses Bravourstück … wachsender Applaus aber auch für die immer bewegter und hintergründiger agierende Regieleistung. An deren Ende ein fast sinnlos abgekämpfter, lahmender, blutender und total zerfledderter „Held“ auf der Bühne erscheint, eigentlich auf die Bühne kriecht, während seine Almirena dort bereits „Hof hält“: und sich den zerlumpten Gesellen, der einmal ihr Ritter war, mit gezierten, graziösen Gesten und im eleganten Rokokokostüm – an das auf keinen Fall ein Blutspritzer kommen darf — auf Abstand hält.

    Ein wunderbar raffiniertes Happy End, das dieses „bezaubernde“ Theater im Theater-Abend krönt.

    Cornelie Ueding