Ein Kind springt vom Zahnarztstuhl auf und rennt strahlend aufdie Mutter zu: “Mama, er hat überhaupt nicht gebohrt!“
Keine Kinder, gestandene Politiker reagierten auf der Münchner Sicherheitskonferenz so oder so ähnlich nach der Rede des US Vizepräsidenten Rubio.
Die Spannweite der Reaktionen reichte vom Gefühl allgemeiner Erleichterung bis hin zur Aussage: den Europäern, wörtlich „wäre ein Stein vom Herzen gefallen“. Die alte Verbundenheit und Freundschaft hätte allenfalls eine leichte „Delle“ bekommen…
Nach solchen intellektuellen Ausfällen kann man nur hoffen, daß uns nicht etwa ein Stein auf den Kopf gefallen ist. Es darf doch nicht wahr sein, daß sich gestandene Politiker, denen man sich ja wohl oder übel anvertrauen muß, derart leicht um den Finger wickeln lassen.
Nicht direkt beschimpft, sondern nur mit drohendem Unterton gemaßregelt zu werden reicht bereits aus, um uns in gehobene Stimmung zu versetzen? Europa jubelt bereits , wenn es keine Schläge unter die Gürtellinie bekommt. Falls es sich so verhält, hat man uns ja bereits genau da – wo man uns haben will. Als politische Topfpflanzen im Glashaus werden wir dem was auf uns zukommt nicht gewachsen sein. Immer nur kleine beigeben und von MEGA träumen – das geht gar nicht .
Rubio kann Trump zuhause frohe Kunde bringen: Go on, Donald: kein nennenswerter Widerstand. Oder in Trump Diktion: They have no balls!
Jeder Versuch, Europa im Eildurchgang in einen Wettlauf mit den großen, auch größenwahnsinnigen Systemen zu bringen, ist zum Scheitern verurteilt. Denn Europa ist ein Kunstprodukt, ein Artefakt, das angemessen behandelt werden muss. In den falschen Händen kann es im wahrsten Sinn zuBruch gehen. Und, ja, Europa ist eine Mimose, ein Hybrid – im Vergleich mit anderen Kulturen ist es viel filigraner, zerbrechlicher. Das ist nicht nur seine Schwäche, sondern auch seine Stärke.
Als Artefakt aus Gegensätzen, Ähnlichkeiten (auch trügerischen),Gemeinsamkeiten und Widersprüchen, Ambivalenzen und Affinitäten, Bindungs- und Auflösungstendenzen ist es ein labiles und zugleich seit mehr als 2000 Jahren bestehendes Gebilde. Stets im Zerfall und Aufbau zugleich begriffen.
Vereinigte Staaten von Europa – ein Widerspruch in sich selbst.
Europa der Vaterländer – eine Vision aus der Mottenkiste.
Das Band gemeinsamer europäischer Werte – pure Einbildung.
»Europa« hat immer dann am besten funktioniert, wenn man es verstand, eine gewisse artistische Balance zwischen Autonomie-Ansprüchen und Bindungs-Bedürfnissen zu halten. Bei der inneren Widersprüchlichkeit der Elemente, aus denen sich dieser Kontinent zusammensetzt, ist das alles andere als eine Selbstverständlichkeit.
Mein Buch Europa. Eine Geschichte seiner Kulturen unternimmt den Versuch, sich diesem verwirrenden Kontinent zu nähern und ihn in all seiner Widersprüchlichkeit zu erkunden. Erstaunliche Höhenflüge und verheerende Abstürze gehören ebenso dazu wie rabiate Ausbruchsversuche und engherziger Rückzug. Doch genau mit diesem doppeldeutigen, vielstimmigen, fragmentarischen, unvollständigen Europa, so wie es in den zweieinhalb Jahrtausenden seiner Existenz geworden ist, haben wir es zu tun. Die Vorstellung eines in sich geschlossenen Ganzen ist pure Illusion. Wir sollten uns mit dem Europa, wie es ist, anfreunden und das Beste daraus zu machen versuchen.
Europa IST eine Insel der Besonderheiten: ein Palimpsest aus Gedachtem, Gelesenem, Geschriebenem. Ein Patchwork aus Erinnerungen, Realitäten und Fiktionen. Wer einfache »Wahrheiten« sucht, sollte sich nicht mit Europa befassen.
Dieser Kontinent war über die Jahrhunderte hinweg etwas zwischen Melting Pot und bisweilen Hexenkessel – nie jedoch ein homogenes Gebilde mit »festen Außengrenzen«, wie sich das manche einreden.
Es ist an der Zeit, mit solchen ebenso antiquierten wie windschiefen Vorstellungen aufzuräumen, weil sie uns daran hindern, in der jetzigen labilen Situation die richtigen Antworten zu geben. Jedenfalls bessere als die der jetzigen EU, die den Beitritt weiterer Staaten weitgehend von ökonomischen Gegebenheiten abhängig macht, was viele der betroffenen Länder als eine Art Zwangsjacke empfinden. Nähme man den Faktor »Kultur« wirklich ernst, betrachtete man ihn nicht alsdekoratives oder pittoreskes Zubehör: man käme zu einer vollständig anderen Europa-Idee. Denn kulturelle und künstlerische Phänomene sind nicht der Appendix der sogenannten politischen oder sozialen Wirklichkeit, sondern ihr innerster Ausdruck. Sind Fingerabdruck, Signatur all dessen, was für eine Gesellschaft wirklich von Belang ist, dessen, was sich auf und hinter ihrer Oberfläche abspielt. Sind Frühwarnsystem und Rückschau in einem. Sind Indikatoren für all das, was uns zusammenhält, aber auch trennt. Wer ihre Signale ignoriert, verzichtet auf den vielleicht wichtigsten Indikator für Entscheidungsprozesse.
Wer das alte Europa neu denken will, sollte es verteidigen, nicht künstlich aufplustern.
Sollte seine Fähigkeit des kritischen Denkens fördern nicht abschaffen. Seine Virtuosität im Dialogisieren und Streiten nutzen. Seine Flexibilität, im Umgang mit Neuem bewundern.
Europa, das Europa, das wir wollen, ist eben gerade kein monolithischer Blockohne „Querschläger“, sondern ein vielstimmiger bunter Marktplatz der Möglichkeiten. In ein paar Jahren wird uns der Rest der großspurigen menschenverachtenden Welt um diese einzigartige plurikulturelle Biotop bewundern.
Koexistenz, meistens mit dem Zusatz „friedlich“ -das sagt sich so. Wirkt so selbstverständlich und banal. Und wird doch immer rarer – zumal in Zeiten, in denen ideologisch wie besessen nachgerüstet wird.
Sucht man nach Bildern, die das Prinzip darstellen, kommt meist was unverbindlich Symbolisches oder man landet im Tierreich – zur Zeit beim Thema Wolf und Mensch.
Mein Leitbild zum Thema, eines, das mich förmlich angesprungen hat, entstand ein paar Kilometer vor Amman, per Zufall beim Strassenbau gefunden. Ca. 10.000 Jahre alt. Wie bei allen vorgeschichtlichen Funden tendiert die Wissenschaft schnell dazu, spirituelle oder sakrale Bedeutung zu unterlegen. Die Statuen könnten Ahnen repräsentiert haben. Es könnte sich aber auch um mythologische Verkörperungen von Leben und Fruchtbarkeit handeln, usw.
Es könnte sich freilich auch um etwas ganz anderes handeln:
vielleicht um die Darstellung, die Beschwörung der Einheit von lauter Ähnlichen, aber nicht Identischen. Eigenständig und zusammengehörig zugleich.
Die Wiege der Weltreligionen stand gewiß im heiligen Land. Hier wurde der Vermischung der ideologische Gar ausgemacht. Israel first. Christen dagegen, Muslime vollendeten das Terzett.
Aber die Wiege der Ko Existenz, des Miteinander Auskommens stand zweifellos in Jordanien, diesem Konstrukt aus permanenten Grenzverschiebungen und Annexionen. Und sie steht dort noch immer.
Auf dem Gebiet des heutigen Königreich Jordanien östlich des Jordans lebten semitische Völker, Ammoniter, Moabiter und Assyrer, Babylonier, Perser. Mal hielt man zu Israel, mal war man dagegen, mal paktierte man mit den arabischen Ländern, dann wieder lag man mit Teilen davon im Clinch.
Aus Tausenden von Kämpfen, Siegen, Niederlagen, Verhandlungen, Kompromissen entstand allmählich dieses Gebilde zwischen allen Ländern mit all ihren Ansprüchen und Begehrlichkeiten. Ein Transitraum mit fester Kontur. Ein relativ kleiner Raum, der sich zur Schaltstelle, zur Drehscheibe zwischen den diversen Kulturen entwickelte, entwickeln könnte. Genau an der Schnittstelle zwischen den arabischen Ländern und Israel.
Auf der ersten Blick kann man erkennen:
Das Land befindet sich eigentlich in einer verheerenden Situation. Mit dem Rücken zur Wand. Und dennoch ist es ganz offenbar möglich einen labilen Zustand zwischen Krieg und Frieden zu halten.
Es gibt zur Zeit eine Art politischer No Go Area, die durch Begriffe wie „Autonomie“ und „Neutralität“ abgesteckt wird. Wer es wagt, aus dem Gehege des politisch Sagbaren und Geduldeten auszubrechen, verurteilt sich selbst: Dilettantismus, Naivität, Realitätsferne sind noch die harmlosesten Vokabeln mit denen er bedacht wird. Denn jetzt beherrschen gänzlich andere Vorstellungen den Luftraum der Sprache: Die Frage der „Kriegstüchtigkeit“ und die Sprache der Stärke“, das Zerlegen und Aufteilen der Welt in Konfliktfelder und Grenzlinien hat Konjunktur. Man hat zu einem Block gehören. Dazwischen scharfe Grenzlinien.
Noch nie waren im Fernsehen soviel tarnfarbene Outfits und wuchtige Kampfstiefel zu sehen wie jetzt – es ist, als ob ganz Europa, die ganze Welt sich bereits jetzt aus den großen, totalen Krieg vorbereiten würde. Jeden Zentimeter der eigenen Territoriums werde man verteidigen, heißt es nun bereits in NATO Kreisen, während Russland und die USA schamlos expandieren und annektieren.
Unter den Sohlen der Soldatenstiefel werden alle Gedanken an andere Wege als die des bedingungslosen Kampfes förmlich zerrieben und als Zeichen der Schwächlichkeit, Verweichlichung und Realitätsferne abgetan.
Skeptiker gehen einen Schritt weiter und schlußfolgern fragwürdigerweise, man würde sich der Narration Putins, Trumps oder anderer Despoten anschließen, wenn man das Recht auf Autonomie, Souveränität einklagt. Genau das tun wir aber NICHT, wenn wir Neutralität für Länder wie die Ukraine, Jordanien oder Taiwan fordern. Wir akzeptieren damit, allenfalls, daß es im weitesten Sinn Beziehungen, möglicherweise lockere, möglicherweise engere zum Umfeld dieser Länder gibt. Ohne daß sie zu diesen Ländern gehören, noch weniger ihnen “gehören“.
Die Autonomie Skeptiker gehen noch einen Schritt weiter. In Ihren Augen begeht beitritt bereits derjenige, der etwa die Ukraine als tief gespaltenes Land darstellt, das besser einen autonomen, neutralen Status haben sollte als feste Zugehörigkeit zur NATO oder EU, vermintes Terrain.
Dabei würde ein Blick in die Literatur dieser Region genügen , um zu sehen und zu verstehen, dass es sich um kulturelle Mischgebiete handelt. Im Fall der UKR gibt es tatsächlich eine ebenso lange russisch-ukrainische wie eine ukrainisch-russische Vorgeschichte. Von der toxischen Intimität zwischen beiden Ländern weiß der Westen wenig. Entsprechendes wäre vom Verhältnis Taiwan: China zu sagen. Von Jordanien und seinen Nachbarn gar nicht zu reden.
Oder – um ein anscheinend harmloses Beispiel zu nennen – von der Schweiz. Umgeben von drei Ländern, die sich auch nicht immer durch imperialistische Enthaltsamkeit auszeichneten und zudem EU Mitglieder sind, gelang es mirakulöserweise dennoch den Status der Autonomie über Jahrhunderte hinweg aufrecht zu erhalten
Eng verbunden damit ist die Idee der Koexistenz, die ja nichts anderes beschreibt als das gleichzeitige Vorhandensein verschiedener Systeme. Verstanden wird darunter oft das friedliche, aber unabhängige Nebeneinander zweier (mehrerer) Dinge. Die Spannweite der Optionen reicht von der Idee friedlicher Koexistenz bis hin zur bloßen Duldung wie beispielsweise in der Phase des Kalten Krieges von 1962 bis 1979, während der die beiden Weltmächte kooperativer zusammenarbeiteten.
Sicher kein Idealzustand, aber zumindest einer, der ein Minimum an Austausch ermöglicht und militärische Auseinandersetzungen verhindert. Aus dem selben Grund wurde übrigens seit Jahrzehnten ein sog. „Zwei Staaten“ Lösung für den andauernden Konflikt zischen Israel und den Palästinensern von der einen Seite geforderte, von den Hardlinern verworfen.
Im biologisch/ökonomischen Sinne ist eine Koexistenz zweier Arten nur dann möglich, wenn hinreichende Ressourcen vorhanden sind und beide Arten verschiedene Affinitäten zu den jeweiligen Ressourcen aufweisen, also mit limitierten Ressourcen auskommen.
Jede Form der Koexistenz bewegt sich auf schmalem Grat, fast jederzeit absturzgefährdet und gerade deshalb aller denkbaren diplomatischen und politischen Unterstützung bedürftig:
Einige Voraussetzungen zu seiner Realisierung sind die folgenden sicher nicht spektakulären aber hilfreichen Regeln.
Wissen um die Bedürfnisse, Hoffnungen der anderen Seite.
Einsicht, dass die beiden Gruppen um ihrer eigenen Interessen willen die Überzeugung der jeweils anderen Gruppe dulden wollen – nicht mehr, nicht weniger.
Ausbau und Ermöglichung verschiednerer Arten eines „kleinen Grenzverkehrs“ die der Steigerung des Lebensstandards dienen und etwas Normalität in das angespannte Gefüge bringen können
Es wird, es muß sich herumsprechen, daß diese Art regionaler Freihandelszonen sowohl dem betreffenden Land wie den Nachbarn ökonomische Vorteile bringt.
Systematisches Vermeiden von Begriffen und Aktionen, von denen man weiß, daß sie nur und ausschließlich der Demonstration eigener Dominanz dienen und die jeweils andere Seite provozieren müssen.
Dieser heikle Balanceakt erfordert Fingerspitzengefühl und guten Willen. Ist dieser nicht vorhanden oder wird er von Interessengruppen bewußt sabotiert, bedarf es des Einsatzes externer Kräfte- zumindest auf Zeit.
Auf diese Art entstehen zwischen möglicherweise verfeindeten Staaten oder Regimen Pufferzonen, was für beide Seiten – richtig kommuniziert – von Vorteil ist. Das Beispiel der „Osterweiterung“ und ihrer Konsequenzen sollte uns eine Lehre sein. Pufferzone, Drehscheibe , Scharnier – wie immer man es nennen möchte: neutrale Zonen müssen, will man die Wahrscheinlichkeit von Konflikten ím Ansatz minimieren.
Der Staat Jordanien ist ein Produkt des frühen 20. Jahrhunderts, obwohl er auf einem der ältesten Besiedlungsgebiete der Menschheit liegt. Er entstand im Jahr 1923 – lange nach dem Erlöschen der Herrschaft des osmanischen Reichs, dem Erlöschen des englischen Mandats als politisches Gebilde auf dem Gebiet östlich des Jordanflusses, einer eminent wichtigen Grenze zwischen Jordanien und Zone C (Oslo: von Isr. verwaltetes Palästinensergebiet).
Tiefgläubige Menschen und die Unesco feiern diesen Ort noch immer als die Stelle an der Jesus getauft wurde, – als sakrales Gelände
Symbolisch ein hoch aufgeladener Platz – sehr geeignet als Ort für Andacht und medienwirksame Fotoshootings. Wie das zwischen Abdullah und Francesco. Wie jede Idylle ist auch diese trügerisch.
Auf der anderen Seite des Jordan, hinter dichten Schilfwäldern beginnt Zone C, die heiß umstrittene Westbank. Mit seinen Siedler Aktivitäten. – gegen die König Abdullah sein leben lang insistent und vergeblich kämpfte.
Nach dem 6 Tage Krieg flohen zahlreiche Palästinenser auf jordanisches Staatsgebiet. Von 1948 bis 1967 war das Westjordanland von Jordanien annektiert, bis es im Sechs-Tage-Krieg von Israel besetzt wurde 1988 gab der König seinen Gebietsanspruch als Reaktion auf die Annexion auf statt sich weiter zu verkämpfen.
Der Anteil palästinensisch-stämmiger Menschen an der Bevölkerung bewegt sich heute schätzungsweise bei etwa 40-50 Prozent. Die jordanisch-stämmige Minderheit ist privilegiert, diskriminiert aber teilweise Palästinenser in verschiedenen Bereichen. Neben überwiegend sunnitischen Muslimen lebt in Jordanien eine religiöse Minderheit von Christen. Außerdem finden sich ethnische Tschetschenen und Tscherkessen (ein Prozent), die in den 1880er Jahren eingewandert waren. Zudem zählen zahlreiche irakische und syrische Flüchtlinge sowie bereits in früheren Jahren eingewanderte Araber zur Bevölkerung, die sich auf ca. 9,5 Millionen beläuft, wovon ca. vier Millionen in der Hauptstadt Amman leben.
Der Monarch hat in der künstlich geschaffenen Nation eine einende, identitätsstiftende Funktion. König Hussein regierte das Land 46 Jahre lang, seit seinem Tod 1999 herrscht Abdallah II. Die königliche Familie führt ihre Abstammung auf die Familie des Propheten Muhammad, die Haschemiten, zurück. Dies ist eine Quelle religiöser Legitimation. Der Monarch ist aufgrund seiner Herkunft aus dem saudi-arabischen Hidschaz und somit als quasi Außenstehender in der Lage, die Rolle eines über allen Gruppierungen stehenden Schiedsrichters wahrzunehmen. Die Bevölkerung akzeptiert diese Funktion.
Als Antwort auf Umnruhen initiierte der König eine Öffnung des politischen Systems, berief das Parlament wieder ein und ließ 1989 erstmals wieder Wahlen abhalten. Dabei errangen Angehörige der zur Muslimbruderschaft gehörigen „Islamic Action Front“ (IAF) viele Mandate.
Die große Zahl syrischer Flüchtlinge im Land (rund 640.000 sind offiziell beim Flüchtlingshochkommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) registriert) sowie Jordaniens militärische Beteiligung an den Luftschlägen gegen den IS ziehen nun immense Finanzhilfen aus den USA nach sich.
Alles andere als einem heile Welt – im Gegenteil – es gibt kaum eine schwieriger Gemengelage, eine labilere Konstellation als des Balanceakt der Neutralität, des in between: Der Drehscheibe, de Puffers zwischen Systemen. Und dennoch es lohnt den Einsatz.
In Joseph Roths Radetzkymarsch ist es der Kaiser, das Bild des Kaisers, das die komplett Struktur der Doppelmonarchie zusammenhält, mit Ach und Krach zusammenhält – aber immerhin bis zum bitteren Ende. Eine Instanz, die viele Nationalismen, Radikalismen, Unzufriedenheiten, Rivalitäten moderiert.
Ich habe den Eindruck, in Jordanien verfügt die Instanz der. Monarchie über ein vergleichbares Mandat. Wenn ich sein Buch „Die letzte Chance“ lese, verstärkt sich dieses Gefühl. Keine Biographie, sondern ein Arbeitsbericht. Gegen verhärtete Ansichten : gegen Stereotypen – arabische Welt: der Westen.
Und wenn Klischees, dann kreative: „Man stellt sich eine Region vor, in der die oranisatorischen Führungsqualitäten Israels , das Know how how der Jordanier , der Unternehmergeist der Libanesen und die Bildung der Palästinenser gebündelt würden“.
Er ermutigt dazu die Dinge zu sehen, wie sie sind, sie zu Entmystifizieren, sie von Zuschreibungen zu lösen. Z. B. den Konflikt um Palästina schlicht als eine Auseinandersetzung zwischen jüdischen Immigranten und der einheimischen arabisch-palästinensischen Bevölkerung zu sehen und nicht: Als Ausdruck eines uralten Hasses zwischen Juden und Arabern.
Wenn man sich die Freiheit nimmt, nach konkreten Ursachen zu suchen, statt im archaischen Gefühlen zu stochern, ist breits viel gewonnen. Und das Jordanische System hat eine gewisse Tendenz zu dieser Grundhaltung: Deshalb hatte das Land seine Gegner nicht attackiert, sondern integriert. selbst die Hamas , die PLO andere radikalen Gruppen durften kandidieren. Mit der Strategie der limitierten Akzeptanz gelang es das Land bis zu einem gewissen Maß auf. Kurs , auf eigenem Kurs zu halten. Einen Kokon tau bilden mit transparenten Membranen nach allen Seiten.
Dennoch eine Haltung zu bewahren. Vater und Sohn haben in 40 Jahren Regierung zumindest 40 hochrangige Befriedungsmissionen durchgeführt —Ergebnis …. noch immer in der Schwebe. 1967..,.. 120. 93…. 2003….2009 eine Roadmap nach der anderen: Netanjahu jedoch lehnt einen Baustopp ab für sein Siedler ab. Trotz hochrangiger Versuche der Intervention: Obamas Eckpunkte: 23. September 2009:
“Enduring peace.I will also continue to seek a just and lasting peace between Israel, Palestine, and the Arab world. (Applause.) We will continue to work on that issue. Yesterday, I had a constructive meeting with Prime Minister Netanyahu and President Abbas. We have made some progress. Palestinians have strengthened their efforts on security. Israelis have facilitated greater freedom of movement for the Palestinians. As a result of these efforts on both sides, the economy in the West Bank has begun to grow. But more progress is needed. We continue to call on Palestinians to end incitement against Israel, and we continue to emphasize that America does not accept the legitimacy of continued Israeli settlements. (Applause.)The time has come — the time has come to re-launch negotiations without preconditions that address the permanent status issues: security for Israelis and Palestinians, borders, refugees, and Jerusalem. And the goal is clear: Two states living side by side in peace and security — a Jewish state of Israel, with true security for all Israelis; and a viable, independent Palestinian state with contiguous territory that ends the occupation that began in 1967, and realizes the potential of the Palestinian people.” (Applause.)
Seither entstehen immer nur Siedlungen , gestützt durch eine immer aggressivere Hetze. Dennoch Jordanien beharrt standhaft auf seinem Status Quo. Aus der Rede des Königs Abdullah vor der EU.
17. 6. Rede vor der EU:
“…the unthinkable to become routine? Permits weaponising famine against children? Normalises the targeting of health workers, journalists, and civilians seeking refuge in camps?
Twenty months. That should alarm us all. But not surprise us. Because when our global community fails to bridge the gap between principle and action, when values are not practiced, they become performative, abstract, and expendable.
We are at another defining crossroad in our history, one that demands a choice—power or principle, the rule of law or the rule of force, decline or renewal.
This is not just about Gaza. And it is not just another political moment. It is a struggle over who we are as a global community, and who we will become.
This year is likely to be a time of pivotal decisions for our entire world. Europe’s leadership will be vital in choosing the right course. And you can count on Jordan as your staunch partner.
There are two essential areas for action. First, is supporting development, because a thriving Middle East creates opportunities that benefit us all. But as we have seen time and again, that reality cuts both ways. When hope is diminished, the consequences ripple across borders.
Second, is strong, coordinated action to ensure global security.
Our mutual security won’t be assured until our global community acts, not only to end the three-year war in Ukraine, but also the world’s longest and most destructive flashpoint, the eight-decade-long Palestinian-Israeli conflict.
Because, my friends, Palestinians, like all people, deserve the rights to freedom, sovereignty, and, yes, statehood.”
Was heute in Gaza geschieht, verstößt gegen das Völkerrecht, gegen moralische Standards und gegen unsere gemeinsamen Werte. Und wir erleben eine Übertretung nach der anderen im Westjordanland, wobei sich die Lage von Tag zu Tag verschlimmert. Daran ändern auch symbolische Besuche deutscher PoliotikerInnen nichts.
Wenn unsere Weltgemeinschaft nicht entschlossen handelt, machen wir uns mitschuldig daran, dass neu definiert wird, was es bedeutet, Mensch zu sein. Denn wenn israelische Bulldozer weiterhin illegal palästinensische Häuser, Olivenhaine und Infrastruktur zerstören, werden sie auch die Leitplanken, die moralisches Verhalten definieren, niederreißen. Und jetzt, da Israel seine Offensive auf den Iran ausweitet, ist nicht abzusehen, wo die Grenzen dieses Schlachtfeldes enden werden.
Wenn Europa nicht endlich erwache und den Zustand seiner „geopolitischen Minderjährigkeit“ überwinde, werde es in fünf Jahren schlicht „weggefegt“.
Mit seinem markigen Appell steht der französische Präsidenten Macron derzeit gewiß nicht alleine da. Ein imaginiertes „Make Europe Great Again“ beherrscht allgemein den rhetorischen Luftraum politischer Reden, ob in Davos, auf der Münchner Sicherheitskonferenz oder in den alltäglichen politischen Niederungen. Nachdem man die Europäische Idee über lange Jahre hinweg in den Schrotmühlen der EU Bürokratie zerfallen und verkümmern ließ, wird sie nun hektisch aus dem Depot gezerrt und aufpoliert. Kaum ein überkommener Ladenhüter, der in diesen Tagen nicht als brandneue, kühne europäisch Vision präsentiert würde. Selbst die guten alten schon Hunderte Mal erwogene und gescheiterten „Vereinigten Staaten von Europa“ werden aus der Mottenkiste gezerrt.
Es ist fast komisch: noch nicht mal im Stande sein, den latent köchelnden Konflikt um das kleine Kosovo zu lösen – aber von „United States“ schwadronieren …
Wieder andere setzen auf die Wirtschaft. Kommen nach 20 glorreich verpennten Jahren der Bequemlichkeit nach dem Motto: Chips kaufen wir ein, drauf, daß man zur Not auch selber was produzieren könnte. Jugend forscht lässt grüßen.
Selbst die Idee des Monopolismus ist nicht vor Geistesblitzen sicher – ausgerechnet Monopole, Symbole für Machtmissbrauch und Ineffizienz sollen nun bei der Rettung Europas helfen. Manager europäischer Konzerne sehen im Projekt „Bromo“ den Beginn einer neuen Ära. Unter dem Namen „Projekt Bromo“ planen die drei Konzerne aus Frankreich, Deutschland und Italien die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens für die Satellitenherstellung. Damit wollen sie gegen Konkurrenten aus China und den USA wie etwa auch Elon Musks Starlink antreten. Ziel des Projekts sei die Gründung eines Unternehmens im Wert von zehn Milliarden Euro. Man darf aufatmen – endlich wird Größe numerisch erfaßbar und meßbar.
Und dann haben die Kinder eines neuen MEGA Europa natürlich einen dritten, vielleicht den größten Traum: den der militärischen Größe, einer gewaltigen europäischen Streitmacht. Jahrelang feilschte man um jeden Prozentpunkt weniger, den man in die Rüstung stecken wollte – jetzt sind die Pforten geöffnet und Hunderte von Milliarden fließen bedenkenlos in die Kassen der Konzerne. Kriegsszenarien werden wieder und wieder beschworen – Experten imaginieren russische, chinesische oder US Angriffspläne bereits nach dem Schema „Rot“ gegen „Blau“ und betteln förmlich um den nächsten Krieg. Dass man auf diese Weise überhaupt erst die Gefahr schafft, vor der man sich zu retten vorgibt, hat derzeit kaum einer auf dem Zettel.
Hölderlins tröstliches „Wo die Gefahr ist, kommt das Rettende auch“ pervertiert und reduziert sich auf ein martialisches „je größer die Gefahr umso besser die Rettung“.
So bemerkenswert all diese großdimensionierten Vorhaben sein mögen – einen Faktor , vielleicht den der Europa ausmacht ignorieren sie entschlossen — den der europäischen Kultur, der europäischen Kulturen. Man gibt zwar vor, ihn zu verteidigen – sei es am Hindukusch, sei es in der UKR. Realpolitisch indes spielt er keine nennenswerte Rolle. Andererseits wäre man gezwungen über verschiedene Dinge selbstkritisch, sehr selbstkritisch nachzudenken.
Es ist höchst erstaunlich. Noch vor ein paar Tagen herrschte großes Rätselraten über die Pläne Putins. Jetzt schießen allenthalben Experten aus dem Boden, die allesamt behaupten, genau gewusst zu haben, was sich anbahnt. Tatsache ist: Das Grübeln über verpasste Möglichkeiten und übersehene Vorzeichen hilft im Moment der Eskalation wenig und das gilt ebenso für Schuldzuweisungen jeder Art. Es ist trist genug, einmal mehr erlebt zu haben, dass die gewaltigen Datenmengen, die die Geheimdienste – Satelliten- und KI-gestützt – seit Monaten sammelten, im Grund nichts bewirkten. Jedenfalls den Westen nicht daran hinderten, sehenden Auges in jede der von einem gerissenen, strategisch eiskalt denkenden Usurpator aufgestellte Falle zu tappen. Man fragt sich nach all dem, ob unser Werkzeugkasten an Prognose Tools möglicherweise doch nicht so komplett ist, wie wir glauben, ob wir nicht irgendetwas Wichtiges vergessen haben? In der Tat, wir haben etwas vergessen: Den gesamten Chor der Cassandra-Stimmen aus dem Bereich der Kultur. So als ob die Stimmen von Musik und Theater, Film und Literatur nicht ständig Signale der Warnung senden würden. Als würden sie nicht entscheidende Informationen über die wirklichen Gefühle der Menschen, die an den Bruchzonen der Systeme leben, übermitteln und damit Hinweise auf die der Politik und Diplomatie oft unzugänglichen Sedimente der Mentalitäten geben. In seinem Roman „Moscoviada“ läßt Jurij Andruchowytsch seinen Kiewer Protagonisten Otto bereits vor 30 Jahren in die Ab- und Unterwelt des Sowjetsystems im wahrsten Sinne des Wortes eintauchen und letztlich auch in ihnen untergehen. Seine geplante Rückfahrt nach Kiew wird zu einem Menetekel, das die tragischen Entwicklungen der Gegenwart nahezu halluzinatorisch antizipiert. An warnenden Stimmen hat es nie gefehlt. Aber man hat diese Stimmen überhört, obwohl, vielleicht, weil sie oft Jahre vor einer Eruption das Grollen im Untergrund hörbar, spürbar machen. Weil sie den Sound der Erregung, der Ängste, der Bedürfnisse der Menschen übermitteln. Weil sie zum Umdenken, zum Nachdenken, zum Handeln führen würden. Weil sie zur Erkenntnis führen würden, dass nicht die sogenannten „Fakten“, sondern „Fiktionen“unsere Wirklichkeit bestimmen. So auch jetzt. Während die Experten aus Politik und Militär über den Ausgang des Krieges spekulieren, wäre es dringend geboten, sich bereits jetzt Gedanken über die Monate und Jahre danach zu machen. Und den fatalen Kreislauf des Wartens auf die nächste Finte des Kremlstrategen zu durchbrechen. Ob Herta Müller oder Svetlana Alexijewitsch, ob Olga Tokarczuk, Serhij Zhadan oder Jurij Andruchowytsch – bei aller Unterschiedlichkeit der Positionen im Einzelnen: Alle stimmen in der Kernaussage überein, dass ihre Länder sich im Zustand heilloser innerer Gespaltenheit befinden. Selbst bei der extrem systemfeindlichen Svetlana Alexijewitsch gibt es Momente einer fast nostalgisch getönten Erinnerung an die große sowjetische Zeit. Europa ist und bleibt für die allermeisten ein vager Hoffnungsschimmer, freilich vollgesogen mit enttäuschten Erwartungen. Nach dem Krieg – wie immer er endet – wird die Orientierungslosigkeit, werden die inneren Widerstände und Widersprüche nur noch mehr an die Oberfläche treten. Es wird mit Sicherheit keinen Zeit der eindeutigen Zuordnungen sein. Wer immer dann an den Verhandlungstischen sitzt, um an einer neuen Friedensordnung zu basteln, wäre gut beraten, wenn er/sie folgende indirekten „Einflüsterungen“ der Kulturschaffenden ins Kalkül ziehen würde.
1. Wir müssen den Umgang mit hybriden Realitäten lernen. Die meisten Länder Osteuropas, ob Estland, Lettland, Litauen, die Ukraine, Polen oder Moldavien leben seit Jahrzehnten, häufig seit Jahrhunderten, im Zustand tiefer, innerer Gespaltenheit. Oft nur unterschwellig – aber im Spiegel der Künste erkennbar. In „Jakobsbüchern“ (2014) zeigt Olga Tokarczuk sieben Grenzen, fünf Sprachen und drei große Religionen vermeintlich unter dem Zeichen eines Landes vereint. Diese Vereinigung trügt. Solche Vorstellungen gründen auf Mythen, gewollten Falschvorstellungen. Dagegen geht Jacek Dehnel in „Mutter Makryna“ (2014) vor, entlarvt den polnischen Messianismus, Patriotismus, das Heimatbewusstsein und das Märtyrertum. Ebenfalls im Jahr 2014 stellt Szczepan Twardoch in „Drach“ die Trennlinien zwischen Polen, Deutschen, Juden, Schlesiern und Schlesien dar. Über polnische xenophobische Identität schreibt Dorota Masłowska in „Schneeweiß und Russenrot“ (2004), was im Original „Der polnisch-russische Krieg“ heißt. Der Krieg wird in der Sprache permanent geführt – in einer verhassten und gewaltgeladenen Sprache. Auch unter der Illusion temporärer Zugehörigkeit zu der einen oder anderen Seite schwelen Konflikte weiter. Es macht deshalb keinen Sinn, auf eindeutige Zugehörigkeit zu pochen, wenn Patchwork-Identitäten die Signatur der Wirklichkeit darstellen. Hybride Realitäten bauchen hybride politische Antworten und Strukturen. Jetzt wie die EU zu sagen „wir wollen Euch drin“ bzw „ihr müßt noch warten“ ist die größtmögliche strategische ngeschicklichkeit. Zu den zuckersüßen Worten äußert sich Wladimir Sorokin in „Der Zuckerkreml“ (2010), wo mit Lügen und Ungereimtheiten, mit den süßen Kremelfiguren, die Menschen über Missstände hinweggetäuscht werden.
2. Wir müssen Europa zu einem Kontinent der Ambiguitäten umbauen. Ob wir es wollen oder nicht, ein Gürtel „Neutraler Zonen“ zwischen den östlichen und westlichen Teilen Europas, also Russlands und Kerneuropas, muss ernsthaft angedacht werden. Neutralität ist dabei nicht mit Schwäche gleichzusetzen, sondern entspricht dem Status eines Privilegs. Die erwähnten Länder fungieren gleichsam als Scharniere, die Europa zusammenhalten. Als Brücken und Transiträume zwischen den Systemen. Offen nach beiden Seiten, geschützt von beiden Seiten. Die Idee der Brücke zwischen dem Westen und dem Osten verfolgt Andrzej Stasiuk in dem Entwurf von Einheit der Regionen, die süd-östlich von Polen liegen.
3. Wir müssen es lernen, Europa als bewegliches, fluide System zu begreifen. Europa hat immer am besten als offenes System funktioniert. Eingezwängt in starre, strikt voneinander separierte Zonen und getrennt durch scharfe Grenzen, kommt es fast zwangsläufig zum Aufstauen und zur Blockade kultureller Energien. Kultur beweist permanent, dass es auch anders geht: Vielstimmigkeit, Unterschiedlichkeit, trügerische Ähnlichkeiten und scheinbare Unvereinbarkeiten gehören zu ihrer Grundlage. Transkultureller Austausch darf nicht nur auf den Feldern von Kunst und Kultur stattfinden – er muss in einem überlebensfähigen, auf Heterogenität fussenden Europa zur Grundlage auch der politischen Agenda werden. Was passiert, wenn anders gedacht wird, steht in Vladimir Sorokins „Manaraga“ (2017): Europa zerfällt in kleine Einheiten: Republiken, Diktaturen, Monarchien und Bücher ersetzen Holzkohle.
4. Wir müssen es lernen, Europa von seinen Rändern her zu ordnen und zu verstehen. Und seine unterschiedlichen Narrationen und Stimmungen dort ernst zu nehmen. Julia Kissina zeigt in „Elephantinas Moskauer Jahre“ (2016), dass Prägungen und Mentalitäten, wie der russische „Kosmopolitismus“ von früher an ihrer Aktualität nichts verlieren und die Gegenwart prägen. Von dem nicht enden wollenden Kriegen und Bürgerbewegungen am Rande Europas (Berg Karabach) schreibt Olga Grjasnowa in „Der Russe ist einer, der Birken liebt“. Nur wenn es uns gelingt, den baltisch-osteuropäischen wie den Balkanraum, aber auch die Regionen Nordafrikas und des Mittelmeerraums so zu integrieren, dass ihre Autonomie und Eigenständigkeit gewahrt bleibt, wird es gelingen, Konfliktpotential zu absorbieren und entstehende Spannungen im Vorfeld abzufangen. Dazu bedarf es keiner Grenzzäune, sondern intelligent angelegter Grenzräume und nicht nur hektischer Aufrüstung – deren Umsetzung Jahre dauert – , sondern das Leben der Menschen verbessernder, großzügig angelegter Freihandelszonen. Die Kehrseite dessen schildert Vladimir Sorokin in „Der Tag des Opritschniks“ (2006),:2027 regiert ein Handlanger der Macht, die „russische Bärin“ ist wach und gefährlich. Auch in Viktor Jerofejews „Enzyklopädie der russischen Seele“ (2021) sucht das zerrissene Russland nach einer mythischen Figur: dem Grauen, um wieder zu einer Großmacht zu werden. Von der Verführbarkeit des Menschen, wenn die Gier nach Macht zum stärksten Motiv seines Handelns wird, erzählt Viktor Martinowitsch in „Revolution“ (2021).
Es wäre schön, wenn dieses „modest proposal“ Eingang in das Denken der Entscheidungsträger finden könnte.
Es gibt zur Zeit eine Art politischer No Go Area, die durch Begriffe wie „Autonomie“ und „Neutralität“ abgesteckt wird. Wer es wagt, aus dem Gehege des politisch Sagbaren und Geduldeten auszubrechen, verurteilt sich selbst: Dilettantismus, Naivität, Realitätsferne sind noch die harmlosesten Vokabeln mit denen er bedacht wird. Denn jetzt beherrschen gänzlich andere Vorstellungen den Luftraum der Sprache: Die Frage der „Kriegstüchtigkeit“ und die Sprache der Stärke“, das Zerlegen und Aufteilen der Welt in Konfliktfelder und Grenzlinien hat Konjunktur. Man hat zu einem Block gehören. Dazwischen schafe Grenzlinien.
Noch nie waren im Fernsehen soviel tarnfarbene outfits und wuchtige Kampfstiefel zu sehen wie jetzt – es ist , als ob ganz Europa , die ganze Welt sich bereits jetzt aus den großen, totalen Krieg vorbereiten würde. Jeden Zentimeter der eigenen Territoriums werde man verteidigen heißt es nun bereits in NATO Kreisen, während Russland und die USA schamlos expandieren und annektieren.
Unter den Sohlen der Soldatenstiefel werden alle Gedanken an andere Wege als die des bedingungslosen Kampfes förmlich zerrieben und als Zeichen der Schwächlichkeit, Verweichlichung und Realitätsferne abgetan.
Skeptiker gehen einen Schritt weiter und schlußfolgern fragwürdigerweise , man würde sich der Narration Putins, Trumps oder anderer Despoten anschließen, wenn man das Recht auf Autonomie, Souveränität einklagt. Genau das tun wir aber, NICHT, wenn wir Neutralität für Länder wie die Ukraine, Jordanien oder Taiwan fordern. Wir akzeptieren damit, allenfalls, daß es im weitesten Sinn Beziehungen , möglicherweise lockere , möglicherweise engere zum Umfeld dieser Länder gibt. Ohne daß sie zu diesen Ländern gehören, noch weniger ihnen “gehören“.
Die Autonomie Skeptiker gehen noch einen Schritt weiter. In Ihren Augen begeht beitritt bereits derjenige der etwa die Ukraine als tief gespaltenes Land darstellt, das besser einen autonomen, neutralen Status haben sollte als feste Zugehörigkeit zur NATO oder EU, vermintes Terrain.
Dabei würde ein Blick in in die Literatur dieser Region genügen , um zu sehen und zu verstehen, daß es sich um kulturelle Mischgebiete handelt, Im Fall der UKR gibt es tatsächlich eine ebenso lange russisch-ukrainische wie eine ukrainisch russische Vorgeschichte. Von der toxischen Intimität zwischen beiden Ländern weiß der Westen wenig. Entsprechendes wäre vom Verhältnis Taiwan : China zu sagen. Von Jordanien und seinen Nachbarn gar nicht zu reden.
Oder – um ein anscheinend harmloses Beispiel zu nennen – von der Schweiz. Umgeben von drei Ländern, die sich auch nicht immer durch imperialistische Enthaltsamkeit auszeichneten und zudem EU Mitglieder sind, gelang es mirakulöserweise dennoch den Status der Autonomie über Jahrhunderte hinweg aufrecht zu erhalten
Eng verbunden damit ist die Idee der Koexistenz die ja nichts anderes beschreibt als das gleichzeitige Vorhandensein verschiedener Systeme. Verstanden wird darunter oft das friedliche, aber unabhängige Nebeneinander zweier (mehrerer) Dinge. Die Spannweite der Optionen reicht von der Idee friedlicher Koexistenz bis hin zur bloßen Duldung wie beispielsweise in der Phase des Kalten Krieges von 1962 bis 1979, während der die beiden Weltmächte kooperativer zusammenarbeiteten.
Sicher kein Idealzustand, aber zumindest einer, der ein Minimum an Austausch ermöglicht und militärische Auseinandersetzungen verhindert. Aus dem selben Grund wurde übrigens seit Jahrzehnten ein sog. „Zwei Staaten“ Lösung für den andauernden Konflikt zischen Israel und den Palästinensern von der einen Seite geforderte, von den Hardlinern verworfen.
Im biologisch/ökonomischen Sinne ist eine Koexistenz zweier Arten nur dann möglich, wenn hinreichende Ressourcen vorhanden sind und beide Arten verschiedene Affinitäten zu den jeweiligen Ressourcen aufweisen, also mit limitierten Ressourcen auskommen.
Jede Form der Koexistenz bewegt sich auf schmalem Grat, fast jederzeit absturzgefährdet und gerade deshalb aller denkbaren diplomatischen und politischen Unterstützung bedürftig:
Einige Voraussetzungen zu seiner Realisierung sind die folgenden sicher nicht spektakulären aber hilfreichen Regeln.
Wissen um die Bedürfnisse, Hoffnungen der anderen Seite.
Einsicht, dass die beiden Gruppen um ihrer eigenen Interessen willen die Überzeugung der jeweils anderen Gruppe dulden wollen – nicht mehr, nicht weniger.
Ausbau und Ermöglichung verschiednerer Arten eines „kleinen Grenzverkehrs“ die der Steigerung des Lebensstandards dienen und etwas Normalität in das angespannte Gefüge bringen können
3. Es wird, es muß sich herumsprechen, daß diese Art regionaler Freihandelszonen sowohl dem betreffenden Land wie den Nachbarn ökonomische Vorteile bringt.
Systematisches Vermeiden von Begriffen und Aktionen, von denen man weiß, daß sie nur und ausschließlich der Demonstration eigener Dominanz dienen und die jeweils andere Seite provozieren müssen.
Dieser heikle Balanceakt erfordert Fingerspitzengefühl und guten Willen. Ist dieser nicht vorhanden oder wird er von Interessengruppen bewußt sabotiert, bedarf es des Einsatzes externer Kräfte- zumindest auf Zeit.
6. Auf diese Art entstehen zwischen möglicherweise verfeindeten Staaten oder Regimen Pufferzonen, was für beide Seiten – richtig kommuniziert – von Vorteil ist. Das Beispiel der „Osterweiterung“ und ihrer Konsequenzen sollte uns eine Lehre sein. Pufferzone, Drehscheibe , Scharnier – wie immer man es nennen möchte: neutrale Zonen müssen, will man die Wahrscheinlichkeit von Konflikten im Ansatz minimieren, systematisch etabliert werden.
Auf der Suche nach dem Titel für heute – „Angriff auf das Denken“ – habe ich lange zurückgespult – bis ins Jahr 2001, genauer bis zum 11. September. Nach den Terroranschlägen auf das WTC war die Welt paralysiert, und die USA fühlten sich hilflos. Damals tauchten solche Formulierungen auch in renommierten Literaturzeitschriften zum ersten Mal auf.
Es äußerten sich literarische Größen wie Durs Grünbein und Thomas Meinecke. Schülerinnen und Schüler der 4. Klasse der Grundschule Winkelwiese zeigen den Schock des Ereignisses in ihren Bildern, die dieses Heft illustrierte, aus kindlicher Perspektive, aber in all seiner Drastik – die Grausamkeit, die Willkür, die Ohnmacht.
Sehr im Unterschied zu dem, was die Autoren von sich geben. Durs Grünbein ist nach zwei Sätzen im Zentrum dieses Geschehens – nämlich bei sich:
„Wenige Tage nach dem 11. September habe ich einen Text in der FAZ veröffentlicht, der ursprünglich als Tagebuchprotokoll gedacht war, um mich selber zu stabilisieren … nur dies , meine Verwirrung der ersten Tage, hat mich gefesselt . Wenig später kühlte sich das Interesse ab.“
Auch Thomas Meinecke lehnt es ab, unmittelbar zu den Ereignissen Stellung zu nehmen, und bevorzugt stattdessen medientheoretische Überlegungen. Es geht dabei primär darum, welche Bilder das „Ereignis“ im eigenen Sensorium auslöst. Es geht um den Angriff auf das eigene Gehirn – das Schicksal der betroffenen Menschen interessiert nicht. Heutzutage, 25 Jahre später, wird viel über die allgemeine gesellschaftliche Verrohung gesprochen. Die eigene Verrohung hat man dabei wohl weniger im Blick. Möglicherweise ist ja diese ästhetisierte Enthaltsamkeit, dieser achtsame Selbstschutz, dieses fast narzisstische Starren auf den eigenen sorgsam gekühlten Intellekt auch eine sehr subtile, sehr frühe Form der Verrohung? Über die Inhumanität der Versachlichung sollte man auch einmal reden. Vorsätzliche Selbstabstumpfung. Mich haben diese selbstgerechten Verdikte der damals 40-Jährigen jedenfalls etwas verstört. Von Autoren, von Literatur erwarte ich mehr, denn sie kann mehr.
Liebe Freunde: im November sprachen wir über Hardware des Annexionsgedankens: die direkte Drohung. Und wir erfuhren aus erster Hand wie man drauf reagieren kann (CAN /Lorenz).
Heute geht es gewissermaßen um die Software, um den Untergrund der Übergriffigkeit. Darum, wie man Menschen bzw. Institutionen begleitend oder im Vorfeld entmutigt, einschüchtert oder lahmlegt. Wie man sie präventiv stillstellt, einschläfert, somatisiert. Sie ehrlos macht oder wehrlos zu machen versucht, ihre Wehrhaftigkeit und Widerstandskraft aussaugt. Wir haben zu sprechen über den Vampirismus der Wörter, der Maßnahmen, der Verordnungen – über den großen Entmündigungskampf – über die Annexion, die Invasion der Gehirne.
Was da geschieht, gleicht einer Invasion mit möglicherweise tödlichen Folgen. Aber heute sprechen wir noch nicht über das Schlachtfeld oder die Intensivstation, sondern nur über den Moment der Intoxikation, der Ansteckung, der Zurichtung, der Vorbereitung auf den großen Knall.
Das schleichende Gift, das wir so lange – fast unbemerkt – einatmen, bis es zu spät ist. D.h., bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir das Ungeheuerliche als das Gegebene hinnehmen und unser Protest nur mehr als laues Gemurmel zu hören ist. Um es klar zu sagen: Für entschlossene Gehirnvernebler und Usurpatoren sind wir derzeit kein wirklich ernst zu nehmender Gegner mehr. Das eigentliche Problem sind nicht nur die Akteure. Das eigentliche Problem sind auch wir – die notorisch Überraschten, Überforderten – mich eingeschlossen. Und selbst verbale Tiefschläge stecken wir reaktionslos weg. Wie äußerte sich Donald Trump vor wenigen Tagen auf die Frage eines Journalisten, welche Grenzen er akzeptiere? „Yaeh, there is one thing … my own mind. It‘s the only thing that can stop me.“
Ich schreibe dies am 4. Januar, am Morgen nach einem spektakulären Übergiff, der nicht nur geopolitisch, sondern auch zerebral einiges angerichtet hat. Man hat uns schon an dem Punkt, an dem wir nicht mehr recht wissen, wo Recht und Unrecht anfangen oder enden. Vor unseren Augen wird ein amtierender Staatspräsident gekidnappt und wir, Europa, bitten um Mäßigung. Russische Z-Blogger jubeln: genauso hätte man auch in der Ukraine vorgehen sollen. Trump feiert sich als neuer Robin Hood und Rächer der Enterbten, die US-Ölkonzerne jubeln. Russland sieht sich zu weiteren Angriffen legitimiert und kritisiert gleichzeitig die Aggressionen. Die UN, die sich der eigenen Wirkungslosigkeit bewusst ist, murmelt was von Verstoß gegen das Völkerrecht, und über allem schwebt seit gestern der erschreckende Satz:
„Vermutlich kommt er damit durch!“
Dabei schien vor ein paar Wochen alles noch vergleichbar einfach. Ich hätte mich bedingungslos hinter eine Aussage wie die der Kanadischen Autorin Louise Penny gestellt – noch vor der heißen Phase der Annexionen.
Nicht, dass ich hinter diesem Modell nicht mehr stehen würde. Penny hat recht – doch genau diese Worte sind mittlerweile Fleisch geworden und haben sich materialisiert.
Und nicht nur das – und damit haben wir vielleicht nicht gerechnet: Sie haben verstanden, den hässlichen Usurpatorengestus abzustreifen und sich als Heils – und Friedensbringer zu inszenieren.
Mehr noch: Ihre Zahlen vervielfachen sich und das Modell wird epidemisch, geht viral.
In solchen Momenten bedauere ich, kein Naturwissenschaftler, genauer, kein Gehirnforscher zu sein. Es wäre mehr als interessant zu erfahren, ob bei dieser Art von Dominatoren – Typus Napoleon, Duce, Franco, Hitler, Putin, Trump, Milei,… – besondere Anomalien, besser Spezifika, jenen Sektoren zu erkennen sind, die für die ICH-Fokussierung zuständig sind.
Erleben und erfahren diese Typen Wirklichkeit allein ichbezogen? Ihre Narrationen sind ihre Wirklichkeit?
In einer Studie hierzu heißt es:
„On a behavioral level, narcissism (a personality type consisting of grandiosity, selflove, and inflated self-views, the desire to become famous, and celebrity worship have been linked together in numerous studies. The neural correlates of narcissism have been explored, and frontal regions of the brain such as the medial prefrontal cortex and right dorsolateral prefrontal cortex have been determined to play a pivotal role in the occurrence of narcissistic personality traits. Brain studies on desire for fame and celebrity worship are in their infancy, yet characteristics of these phenomena, such as fantasy proneness, lack of empathy and unstable self-esteem , point to an overall deficit in self-awareness, which has been connected to the mPFC as well. Overall, the behavioral link between narcissism, desire for fame, and celebrity worship may also indicate that the neural correlates amongst these phenomena are similar […]“.
Schlimmer noch: Unter zunehmendem Druck behindern folgende Prozesse die optimale Informationsverarbeitung: 1. Nur Bedrohliches wird wahrgenommen und sofort mit einer meist nicht optimalen Reaktion verbunden. 2. Der größte Teil der Information wird so gar nicht angenommen. 3. Komplexe Beurteilungssysteme werden blockiert. 4. Entwickeln neuen Verhaltens wird behindert. 5. Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis werden abgeschwächt. 6. Kognitives Lernen ist so kaum möglich. 7. Das Einzige, was perfekt funktioniert, ist das sogenannte emotionale Gedächtnis. Langfristig werden im Gehirn auch neuronale Strukturen kaputt gemacht, besonders im Hippocampus dem Sitz unseres Kurzzeitgedächtnisses. Es entstehen kaum neue neuronale Verbindungen, es werden sogar welche zerstört.
Aber auch ohne Einblicke in die Ich-Mechanismen können wir feststellen, dass wir es tatsächlich immer mit demselben Typus männlichen Individuums zu tun haben: einem, der Fantasie und Lüge nicht auseinanderhalten kann und es auch nicht will. Und der mit diesem Verfahren etwas in uns zu treffen scheint, wenn er Erfolg mit der Masche hat. Falls nicht: Klapse.
Das zeigt, wir bewegen uns in einem Grenzbereich, einer dunklen Ecke des Bewusstseins. Einem Etwas das unser „Rationale“ bannt und – fast noch schlimmer – wehrlos macht.
Dies System ist deshalb so gefährlich, weil es alle Regeln, die normalerweise gelten und die üblicherweise bis zu einem gewissen Grad respektiert werden, außer Kraft setzt. Im Handstreich die Magie des „So soll es sein“ realisiert.
Das Putschistische des Vorgehens kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihm dennoch ein Plan, eine Strategie zugrunde liegt. Das alte „Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode“ gilt in den meisten dieser Fälle.
Diese Methode der Macht geht systematisch vor, und sie erfasst nahezu alle Lebensbereiche: den des Journalismus, den der Wissenschaft, den der Universitäten. Diese, sie erinnern sich, wehrten sich zunächst vehement gegen diese Übergriffe. Ich hätte gerne gesagt vehement und solidarisch, aber von Solidarität untereinander war wenig zu spüren. Exzellenz adelt und macht zahm.
Damit verbunden ist generell die Beschneidung, ja die Abschaffung der Meinungsfreiheit, der freien Rede, des kritischen Denkens – Grundpfeiler jedes demokratischen Systems. Und deshalb macht es aus Sicht der Methode Sinn, demokratische Institutionen gezielt anzugreifen. Alles nicht willkürlich, sondern nach Plan. Der Plan heißt: politische Gegner, wenn nicht auszuschalten, so doch mundtot zu machen. Diese Strategie macht, wie Sie wissen, auch vor der Jurisprudenz, dem „Supreme Court“, einst Flaggschiff der Demokratie, nicht halt. In kurzer Zeit wurde das Gremium weit nach rechts gerückt. Die konservative “Heritage Foundation“ wiederum hat ihm mit dem „Project 2025“ ein Blaupause für jene 220 Dekrete geliefert, die er in den ersten Monaten abfeuerte. Brachial legte er los: zerschlug ganze Behörden und Ministerien, brachte Universitäten auf Regierungskurs und ließ alles entfernt migrantisch Wirkende, wenn es nicht ins „Stadtbild“ passte, von seinen hochbezahlten Schlägertrupps (ICE) hetzen und jagen …und, und ..die Liste ließe sich beliebig verlängern.
Gier nach autoritärer Machtfülle, persönliche Bereicherung und – diese dritte Element sollte nicht unterschätzt werden – das toxische Motiv der Rache : ein fataler Dreiklang, der in Verbindung mit seiner a-social media Präsenz (100 Mio. Follower bei X), 10 Mio. auf seiner eigenen Platform True Social, dem größten Megafon der Welt, die Welt auf den Kopf stellen kann. Täter werden zu Helden, Freunde zu Feinden, Kritiker, Demokraten, Intellektuelle zu Staatsfeinden.
Autokraten kommen nicht aus dem Nichts und sind nicht oder nicht nur ein indiuvidualpsycho -pathologisches Phänomen. Sie haben
1 eine gleichgeschaltete, nicht minder radikale Entourage: in diesem Fall die Trias Hegseth – Rubio – Vance
Besonders auf Letzteren ist zu achten, denn er stand einer ganzen Gruppe brandgefährlicher Vordenker nahe.
2 Von ihnen, aus einem Pool externer „Philosophien“, kommen die theoretischen Brandsätze gegen die Demokratien. Der vielleicht bekannteste, mit Vance in direktem Kontakt stehende, ist der Blogger Curtis Yarvin.
Er kreierte die Idee eines „Dark Enlightenment“ als antidemokratische, antiegalitäre, reaktionäre Doktrin. Die Ideologie lehnt im Allgemeinen die Auffassung ab, dass die Geschichte eine unvermeidliche Entwicklung hin zu größerer Freiheit und Aufklärung zeige, die in einer liberalen Demokratie bzw. konstitutionellen Monarchie gipfeln würde. Sie plädiert stattdessen für eine Rückkehr zu traditionellen gesellschaftlichen Konstrukten und Regierungsformen, einschließlich des absoluten Monarchismus und anderer archaischer Führungsformen. So soll laut Vorstellungen der Neoreaktionäre der bestehende Staat in eine private Aktiengesellschaft umgewandelt werden, dessen Geschäftsführer uneingeschränkt regieren können soll. Die Bewegung lehnt Gleichheit als politisches Ziel ab.Zu den weiteren Schwerpunkten der Neoreaktion gehören häufig eine Idealisierung der körperlichen Fitness, eine rationalistische oder utilitaristische Rechtfertigung der sozialen Schichtung auf der Grundlage von Intelligenz, die entweder auf Vererbung oder Leistungsprinzipien beruht, ein Bekenntnis zu klassischen oder objektivistischen Philosophien und zu traditionellen Geschlechterrollen. 2000 Jahre europäischen Geistesgeschichte – ausradiert.
Und genau dies sieht man jetzt umgesetzt. Hauptdarsteller: Donald Trump. Nach dessen Wiederwahl sahen die NRx Leute (Thiel, St., Bannon…..) ihre Stunde gekommen, die Silicon-Valley-Diktatur konnte kommen: damit das Ende der liberalen Eliten zugunsten eines neuen, faschistoid grundierten Caesarismus.
All dies freilich würde nicht hinreichen, um den überwältigenden Erfolg dieser Methode zu erklären. Ein Erfolg, der darin besteht, die eigene, bisweilen ernüchternde
Lebenserfahrung abzuschalten und die exzentrische Fremderfahrung eines vertrauensunwürdigen Führers blind zu übernehmen.
Schwelender Unmut findet plötzlich seinen Grund.
Aus Unbehagen wird zielgerichtete Aggression.
Aus befreundeten werden feindliche Wesen. Aus Krieg wird Frieden. Wir fühlen uns erinnert. An:
ein uraltes Buch von 1949: Orwells 1984. Es schildert die strategische Auslösung des bis dahin feierten „europäischen Individuums“:
„…Doch es war nutzlos, er hatte keine Erinnerung; nichts war von seiner Kindheit geblieben außer einer Folge greller Bilder ohne Hintergrund, die meist unverständlich waren.
Das Ministerium für Wahrheit – Miniwahr auf Neusprech – hob sich von allen anderen Objekten in Sichtweite auffällig ab.
Man konnte die in schöner Schrift auf die weiße Fassade gemeißelten drei Maximen der Partei lesen:
KRIEG IST FRIEDEN
FREIHEIT IST SKLAVEREI
UNKENNTNIS IST STÄRKE
Das Ministerium für Wahrheit, so hieß es, umfasste dreitausend Räume oberhalb der Erde und war unterirdisch noch einmal entsprechend weit verzweigt.
Neusprech war die Amtssprache.
Die Frage: Sind wir bereits mittendrin? Sind wir auf dem Weg, zu stummen Bewohnern eines in Realität überführten SF-Romans zu werden – ohne es zu bemerken? Somatisierte Nachtwandler – oder gibt es noch Hoffnung, uns dazu zu bringen, effizientere Strategien des Widerstands im Sinne eines Bright Enlightenment zu entwickeln? – eine Solidargemeinschaft der Gefährdeten – eine Schulung aller Sensorien kritischer Wahrnehmung – und eine kompromisslose Schulung in Richtung einer Ästhetik der Wahrnehmung von Unterschieden. So wie Amerika von seiner dark side befreit werden muss, muss auch Europa wieder zu sich selbst finden!
Dazu mehr am 1.3.
Jw
Genauso wie über die Frage: Wo beginnt der Übergriff auf das eigenen Denken?
Wenn der UKR Krieg – ob mit oder ohne Trumps Vermittlung – in nächster Zeit endet, werden die Spannungen im Bereich der innereuropäschen Tektonik weitergehen. Und zwar mit großer Dynamik. Insofern könnte, wenn Europa nicht sehr auf der Hut ist, Putins 2. Versuch Europa zu destabilisieren doch noch Erfolg haben.
Sind nach einer evt. Befriedung die Regionen Donez und Luhansk möglicherweise russisch, und die Krim nach wie vor russisch, würde eine Art Rumpfukraine entstehen, die dann vielleicht im Gegenzug der NATO und EU beitreten dürfte.
Die Risse, die durch diese Grenzverschiebung entstünden wären folgenreich und könnten einen Erdrutsch, einen Dominoeffekt auslösen: Serbien könnte sich motiviert sehen, sich das verhaßte Kosovo eizuverleiben. Ungarn könnte versucht sein, Besitzanspruch an das heutige rumänische Siebenbürgen anzumelden. Mischgebiete, Übergangszonen, autonome Regionen – Fehlanzeige, statt dessen stärker und mehr denn je: Grenzen, Grenzen, Grenzen.
Demarkationslinien von Staaten, Nationalstaaten. „Stammesgebiete“ statt Kontakzonen. Kontrolle statt Begegnung. Statt Transfer: Mauern, Brandmauern. Kurz man retabliert genau die Szenarien, die ursächlich alle großen Kriege des 20. Jahrhunderts vorbereiteten. Diese erstarkende Nationalstaatseuphorie verbunden mit der in Russland erfolgreich herbeigeführten geopolitischen Zeitenwende könnte gefährlich Bewegungen in Gang setzen.
Nicht nur Ungarn und Serbien, auch Polen stellt – unwillentlich aber fahrlässig – Grenzen infrage. Das Festhalten aus Reparationsforderungen gegenüber Deutschland macht urplötzlich die deutschen Ostgebiete wieder zu einem Thema der Politik. Plötzlich könnte der Ladenhüter der „Oder -Neisse – Grenze wieder auf der politischen Agenda stehen.
Spannungen tun sich bereits jetzt zwischen Polen und der UKR auf. Gar einem EU Beitritt der UKT steht Polen mehr als skeptisch gegenüber. Das polnisch ukrainische Verhältnis aufgrund der historischen Vorgeschichte und der wechselseitigen Ressentiments nicht weniger entzündlich als das russische ukrainische.
Dazu kommen noch weit größere Bewegungen im Überseeischen Bereich, die gleichfalls dem Schema, daß Putin vorgab, gehorchen: Kanada, Grönland stehen auf der Wunschliste dieser Vorsitzenden, die die Welt wie ein Unternehmen führen wollen und zugleich vorgeben, Sicherheitsinteressen zu verteidigen nach dem Putinmotto: Territorialfusion als Präventivschlag-
Die Befriedung Europas – ein geplatzter Traum? Die Toten all der Kriege jedoch sind anscheinend längst noch nicht zur Ruhe gekommen und fordern ihr Recht auf Wiedergutmachung und Gebietsrevision. Die Literatur ist der getreuste Spiegel dieser noch unsichtbaren Verwerfungen…
Jetzt aber! Mit Wumms und Doppelwumms, wie man in der Politikersprache gerne kraftmeierisch tönt. Schon wieder mal ist Zeitenwende angesagt. Rasante Wendezeitler haben Konjunktur. Wo gestern noch die Brandmauern der Schuldenbremse standen, fließen heute gewaltige Geldströme unbekannter Herkunft. Und innerhalb weniger Tage verwandeln sich gleichzeitig rostige Pflugscharen in scharfe Schwerter: vor unseren Augen entstehen blühende Landschaften aus Panzerhaubitzen, Advanced Gun Systems und hochwertigen Marschflugkörpern in unbegrenzter Zahl. Nukleare Rettungsschirme umspannen den Kontinent und die Algorithmen autonomer Waffensysteme sichern das Überleben der europäischen Kultur… Europa ist kaum mehr wieder zu erkennen: vor kurzen noch zögerlich und unentschlossen – nun kriegstüchtig ja kriegssüchtig und bereit zum letzten Gefecht gegen das Böse.
Dennoch hier zwei kleine Anmerkungen, um diesen Traum eines Europa unter Feuer auf seine Stimmigkeit hin zu befragen.
Zum Einen: wer die Beschaffungsregularien der deutschen und europäischen Verwaltungen – auch die der Verteidigungsministerien – ein wenig kennt, weiß, daß die konkrete Umsetzung solche Aufrüstungspläne Monate, Jahre in Anspruch nehmen wird. Der Gegner, welcher auch immer, jetzt bestens informiert über „unsere“ Pläne, hat in dieser Zeit freies Schussfeld, wird geradezu eingeladen, den noch immer nahezu wehrlosen Kontinent anzugreifen.
Zum Anderen, gewichtiger, weiß man eigentlich genau, was man bis an die Zähne bewaffnet , verteidigt?
Unsere „Werte“? Unseren Wohlstand ? Unsere Sicherheit? Und : um welchen Preis ?
Aufrüstung Neu.
Dieserneueuropäische Tempowechsel zu rasant und unvermittelt als daß man ihm so recht trauen könnte. Von Stephane Hessels aufklärerischen Kampfschriften „Empört Euch“ und „Engagiert Euch!“ sind gerade mal gut 10, von Käsmann/Weckers flammender pazifistischem Essay „Entrüstet Euch!“ sind gerade mal 3 Jahre vergangen, um „Kriegstüchtigkeit“ und ein zackiges „Rüstet Euch auf!“ parteiübergreifend unisono zum neuen kategorischen Imperativ werden zu lassen. Nicht nur eine Wende, sondern eine Steilkurve zeitgeistigen Gesinnungswandels. Das Ganze zudem noch nicht mal Kraft eigenen Willens, sondern als panischer Reflex auf einen äußerst dubiosen Deal zweier höchst fragwürdiger Autokraten . Die Rettung Europas aus dem Geist aufgezwungener Aufrüstung – kann das wirklich ein zukunftsweisender Weg sein? Oder müßte er nicht zumindest durch eine zweite, ganz anders definierte Art der Aufrüstung flankiert werden: einer geistigen, intellektuellen, emotionalen Aufrüstung!
Während die militärische Aufrüstung floriert, stagniert jedoch die mentale. Allein wie wir uns von den gedanklichen Blindflügen des Geistesriesen Trump in seinem Paralleluniversum in Mar- a -Lago in die Pflicht nehmen lassen, ist ein Symptom für unsere eigenen mentalen Defizite. Es muß ihm ein diebisches Vergnügen bereiten, zu beobachten daß und wie alle Welt auf jede seiner irrwitzigen Ankündigungen reagiert , wie man sich ängstlich bemüht, ihn zu umgarnen. Aus lateinamerikanischen Diktatorenromanen wie „Ich, der Allmächtige“ von Roa Bastos, „Das Fest des Ziegenbocks“ von Mario Vargas Llosa oder „Die Methode der Macht von Alejo Carpentier weiß man, wohin der Weg des Typus Trump und Putin führen wird und was man dagegen tun könnte. Der schlimmste Fehler ist es, ihr Spiel mitzuspielen, sich auf ihre Ebene einzulassen. Wer entschlossen ist, mit Menschen wie mit Nummern zu spielen, mit dem sollte man sich nicht an einen Spieltisch setzen. Man sollte gar nicht erst den Versuch unternehmen mit ihnen „Deals“ zumachen – man würde immer den kürzeren ziehen.
Das Schlimmste, Deprimierendste für einen Diktator ist es, seine Aktionen in Leere gehen zu sehen . Wenn der Generalissimo mal keinen mehr hat, „der ihm schreibt“, um mit G.G. Marquez zu sprechen, wird er in sich gehen, vielleicht sogar daran zerbrechen. Schickt ihm seine Sachen kommentarlos zurück und räumt die Regale leer nehmt seine Umbenennungsfantasien gar nicht mehr nicht zur Kenntnis. Hängen wir nicht mehr an seinen Lippen , konzentrieren wir uns auf uns selbst. Nutzen wir die Zeit die Zeit um selber stärker zu werden, das große Erbe Europas wieder zu beleben das Erbe der Autonomie. Vielleicht war die unkontrollierte Globalisierung der Werte und Daten wirklich ein Fehler und es ist geboten die Dinge wieder selbst in die Hand zu nehmen.
Denn —auch das lehrten die Romane , lehrt die Literatur.. solange der Diktator das Gefühl hat, die anderen hängen an seiner Angel , zappeln und versuchen ihn gnädig zu stimmen, wird er dominanter und mächtiger. Unsere Fasziniertheit bläht ihn auf. Unser Angst beflügelt ihn, unsere Bitten vergrößern ihn.
Kein Geringerer als Franz Kafka hat diese Situationen wieder in seinen Texten aber auch – wie man mittlerweile weiß – in seine Skizzen wieder und wieder dargestellt. Keinesfalls mit schlotternden Hosen sollten wir ihm, dem Popanz gegenübertreten.
Aber auch nicht protzig und provokant. Kafkas Methode von der die Politik viel lernen könnte , ist viel unscheinbarer, wirkungsvoller und elaborierter: souveränes Ignorieren, Abstand halten, Kontakt vermeiden und sich vor dem groben Schatten gekonnt und etwas süffisant in Szene setzen – das könnte die Lösung, die Loslösung sein.
Genau diese innere Haltung muß Europa lernen, sie muß dem Kontinent sozusagen in Fleisch und Blut übergehen. Dem Gegner die Lust/ die Luft rauslassen, sich selbst bewußt in Szene setzen, nicht arrogant aber sehr selbstbewußt und Abhängigkeiten so weit wie irgend möglich kappen. Ganz gleich, ob man dadurch zunächst vielleicht Nachteile erleidet.
Mittelfristig wird diese subtile Kehrtwende zu einer Steigerung des europäischen Zusammenhalts nach innen führen. Begleitet von einer Revitalisierung europäische Grundfertigkeiten, die wir in diesem Zusammenhang dann zwangsläufig wieder neu erlernen werden, erlernen müssen:
Unsere eminente Fähigkeit Kontroversen und Streit extensiv auszutragen und auszuhalten – Antigone macht es uns seit 2000 Jahren vor. Unsere „Begriffe“ mittels derer wir früher die Welt beherrschten (siehe Shakespeares „Der Sturm“) wieder zu schärfen , um und besser zu beherrschen und nicht jedem noch so törichten Manipulationsversuch zu erliegen.
Weiter die Fähigkeit , mit List und Geschick immer einen Ausweg, einen Dritten Weg in Petto zu haben, wie unser Ahnherr Odysseus uns dies förmlich in die Wiege gelegt hat.
Und schließlich die Techniken um mit Vielstimmigkeit , unerwarteten und trügerischen Ähnlichkeiten umzugehen und ständig Grenzen auszuloten. Unser europäischer Flickenteppich wo alle paar Hundert Kilometer Neuland beginnt und wir uns neu definieren müssen, zwingt uns ja permanent diese Kompetenz immer weiter zu erproben.
Wenn wir alle diese Fähigkeiten wieder aktiv ausbauen und nicht an eine alles andere als perfekte KI delegieren (und diese Gefahr besteht derzeit durchaus) , – dann mögen mögen meinetwegen auch noch die Waffen sprechen.
Vielleicht sollten wir also genau in umgekehrter Reihenfolge vorpreschen. Erst ein paar hundert Milliarden (die ja nun offenbar locker losgeeist werden können), in die Perfektionierung von uns selbst investieren – in Bildung , Umwelt , Infra – und Sozialstruktur, Wissenskultur und Wahrnehmungsschulung. Und erst danach, wenn immer noch Milliarden übrig sein sollten , gern auch in moderne Waffensysteme. Aber erst dann.
Welche Wege stünden uns dann offen: mit einem erneuten Russland zu kooperieren, mit den Chinesen zusammen die Seidenstraße auszubauen. Mit den USA wieder in einen halbwegs intakten zollfreien Austausch zu treten…
Träume – vielleicht. Doch zumindest kreativere als alles Geld in Waffen zu stecken, die möglicherweise später in den Silos verrotten.