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  • Eine Formel für die Bedeutung von Literatur: Jürgen Wertheimers „Die Scharfseherin“

    von Johannes Barthmes

    Foto: Eva Neunhoeffer

    (Eine leicht kürzere Version ist am 20. Juli 2026 im Reutlinger Generalanzeiger erschienen.)

    Jürgen Wertheimer, emeritierter Professor für komparatistische Literaturwissenschaft an der Universität Tübingen, hat seinen Roman „Die Scharfseherin“ vorgestellt. Seine Nacherzählung von Ilias und Odyssee ist mehr als ein Roman.

    Bei der Veranstaltung im Rittersaal des Tübinger Schlosses, zwischen Nachbildungen antiker Skulpturen, musste nachgestuhlt werden. Der Name Jürgen Wertheimer zieht in Tübingen. Das Publikum wurde nicht enttäuscht. Wertheimer, emeritierter Professor für komparatistische Literaturwissenschaft an der Universität Tübingen, unterhielt mit einem Ablehnungsschreiben, mit dem ein Verlag sein Manuskript zurückgewiesen hatte, und mit Stichen gegen die Universität.

    Aber schnell war man mitten in einer Literaturvorlesung. Er zitierte Hölderlin: „Was bleibet aber, stiften die Dichter“ – das sei geradezu „eine Formel für die Bedeutung von Literatur“. Auf Troja bezogen ist das sofort plausibel. Ohne Literatur wüssten wir von dieser Stadt an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien, die uns aufgrund der Erzählungen so lebendig scheint, praktisch nichts. „Fantasie ist der Brennstoff, aus dem Wirklichkeit geschmiedet wird. Angewandte Halbwahrheiten ergeben in der Summe verdoppelte Wirklichkeiten“, heißt es im Odyssee-Teil von Jürgen Wertheimers Roman „Die Scharfseherin“. Der erste Teil ist um die Ilias herum gebaut, wobei deren Kern, „der Zorn des Achill“, zur Randnotiz wird, zur dramatisierenden Akzentverschiebung späterer Geschichtsausmalung.

    Vor einer Nachbildung der Laokoongruppe, dem Priester, der zusammen mit seinen Söhnen von den Göttern getötet wurde, um Troja nicht vor dem Unheil bringenden Pferd warnen zu können, deutete Wertheimer dessen Schicksalsgenossin Kassandra, die Hauptfigur in „Die Scharfseherin“. Keine Skulptur gebe es von ihr, sie sei ein „blinder Fleck“. Das hat den nachvollziehbaren Grund, dass sie aufgrund des Fluchs, die Zukunft zwar sehen, aber niemanden davon überzeugen zu können, nicht in wichtiges Geschehen wirksam eingreifen konnte. Tragische Figur, aber eben nicht Heldin. Trotzdem wurden ihr literarische Denkmäler gesetzt, von Aischylos, Schiller, Christa Wolf. Aber der oben verwendete Begriff „Nacherzählung“ greift zu kurz: Wertheimer ist der Erste, der Kassandra zur Akteurin macht. Bereits Wolf hatte ihr Autonomie gegenüber dem göttlichen Fluch zugestanden und sie als aufmerksame, intelligente, kritische Deuterin ihrer Gegenwart gezeichnet. Jürgen Wertheimer geht ein paar Schritte weiter und lässt sie das Schicksal Trojas mitgestalten.

    Beim Zuhören drängte sich eine zweite Frage auf. Die erste, beim Lesen, war, ob „Die Scharfseherin“ als unabhängiger Roman funktioniert oder nur als moderne Ausleuchtung der alten Epen. Die zweite war nun, ob Wertheimer, mehr Wissenschaftler als Schriftsteller, die Figuren von ihrer Deutung her konstruiert oder ihnen wirklich eigene Lebendigkeit zugestanden hatte. Für Ersteres spricht die auffällig einfache Sprache, zu der sich auch der ablehnende Verlag geäußert hatte: „Falls er selbst das Ganze überleben würde, konnte er immer noch rechtzeitig abhauen, dachte Odys“ – so heißt Wertheimers Odysseus. Erst nach und nach kommt man dahinter und glaubt dem Autor schließlich, dass es vielleicht kein notwendiges, aber ein funktionierendes Stilmittel ist, nicht die sagenhaft überhöhten Charaktere im Hymnenton nach-, sondern normale Menschen mit normalen Eigenschaften in Alltagssprache vorzuerzählen und damit das Substrat der späteren Superhelden freizulegen.

    Zum Beispiel wird von Kalchas erzählt, dem Oberpriester, der Agamemnon Wind bescheren soll, um endlich nach Troja lossegeln zu können – eine unmögliche Aufgabe. Er denkt sich einen Trick aus, ein Opfer so groß, dass Agamemnon es nur ablehnen kann und somit selbst schuld sein wird, wenn kein Wind kommt: die Opferung seiner eigenen Tochter Iphigenie. Aber Agamemnon akzeptiert ohne Wimperzucken und bringt Kalchas in schwerste Gewissensnöte. Nicht „wirklich“ im Sinne von „so ist es passiert“, sondern „wirklich“ im Sinne von „das ist die Ebene, auf der es sich abgespielt haben muss“.

    Irgendwer war Vorbild für Achilles und Agamemnon und Kassandra. Irgendwer hat die Odyssee erfunden – denn sie muss schlicht erfunden worden sein. Im Grunde betreibt Wertheimer so etwas wie experimentelle Archäologie. Gegen Schluss wird auch die Sprache literarischer, für diejenigen, die das mögen. Das Ganze ist immer besser fließende Erzählung. Eingebettet in die Frage, wie Literatur funktioniert. Jürgen Wertheimer empfahl den Kauf seiner im Tübinger Konkursbuch Verlag erschienenen Buches als „gute Investition“. Für Wertheimer-Fans, Mythologie-Interessierte, Literatur-Hinterfragende und Sommerlektüre-Suchende ist es das.

  • Einladung zur Buchpremiere mit Lesung

    Jürgen Wertheimer stellt seinen Roman über Cassandra, Kriege und Liebe vor: Cassandra beobachtet schon als Kind gerne. Bald wird ihr klar, dass Wahrnehmung allein nicht genügt, wenn niemand bereit ist zuzuhören – sie mischt sich ein! Odys spielt gerne, treibt sich an verschiedenen Höfen herum und hat einen dubiosen Ruf. Er will wissen, was sich bewegen lässt in der Welt zwischen West und Ost. Was als strategisches Spiel beginnt, wächst sich aus zur „Mutter aller Schlachten“. 

    Doch dann nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung und Cassandra und Odysseus werden zu Komplizen, um   den festgefahrenen Krieg um Troja auf sehr unorthodoxe Weise zu beenden. Inmitten einer Welt, in der Männer Geschichte schreiben, wird Cassandra zur Ideengeberin und Mitautorin. Dieser Roman ist eine mitreißende Neuerzählung des klassischen Stoffs von Ilias und Odyssee – fern von Pathos und Göttern und nah an den Menschen, Motiven und blinden Flecken.

    Begrüßung: Heinrich Riethmüller, es liest Thorsten Weckherlin (Intendant des LTT, Landestheater Tübingen). Verlegerin Claudia Gehrke ist auch dabei. Anschließend ein Glas Wein oder anderes. Der Eintritt ist frei. 

    Wir freuen uns, die Buchpremiere mit Ihnen zu feiern.

    „Leicht, elegant und vielschichtig macht diese Neuerzählung den antiken Stoff überraschend gegenwärtig“, schreibt Cornelia Lorenz über das Buch. Dr. Stephan W. E. Blum von der Universität Tübingen ist als Archäologe des „Troia-Projekts“ seit vielen Jahren vor Ort an den Grabungen beteiligt und meint: „Genau so kann und sollte man sich Mythen heute nähern. Die Idee, sie in den Alltag zu ‚übersetzen‘ und dabei ironisch und spielerisch zu brechen, macht sie nicht kleiner, sondern im besten Sinne wieder lebendig und anschlussfähig.“ Übrigens: am 16. Juli kommt „Die Odyssee“ als gigantomanischer Hollywood-Blockbuster von Christopher Nolan in die Kinos – da ist der Roman vielleicht ein spannender Kontrapunkt … Jürgen Wertheimer ist emeritierter Professor für Internationale Literatur und Autor in Tübingen. Leitet das von ihm initiierte Forschungsprojekt „Cassandra: Krisenfrüherkennung durch Literaturauswertung“. Viele Buchveröffentlichungen, zuletzt das Sachbuch „Sorry Cassandra! Warum wir unbelehrbar sind“ (4. erweiterte Auflage 2025). 

    Herzliche Grüße

    Ihr Konkursbuch Verlag

    Claudia Gehrke, Sophie Voigtmann & Berndt Milde

  • Fast zeitlos – Kusejs Macbeth in München (5.7.26, Staatsoper)

    Die Wiederaufnahme einer Inszenierung die vor geraumer Zeit für Furore und Empörung gesorgt hatte, ist ein Risiko. Noch dazu wenn zwischen Premiere und  „Wiederauferstehung“ fast an  die  20 Jahre  vergangen sind. Wird sie immer noch provozieren? Trägt sie noch ? Passt sie noch in die Zeit?

    Um es vorwegzunehmen: man sieht Kusejs „Macbeth“  erstaunlicherweise das Alter nicht  oder kaum an.  Zugegeben, der 2. Teil verliert sich,  was die gedehnten  Geister und Beschwörungsszenen  betrifft,   etwas im Spielerischen – Stimmen von oben,  Kinder von allen Seiten, schwebender Held  inklusive. Diese Intermezzo -Mätzchen torpedieren die kalte, angespannte Gesamtstimmung, die die Inszenierung  bis dahin konsequent und  konzentriert  in die Gegenwart beamt. Wobei die ausgenüchterte , minimalistisch Bühne wesentlich beiträgt: öde Fläche  , Belag aus Totenschädeln auf der einen , ein „Palast“ mit einem überdimensionierten Kronleuchter als einzigem Requisit auf der anderen Seite. Dazu im Vordergund  ein ominöses halb abgewracketes zeltartiges Gebilde aus  dem und in dem die Saat des Bösen wuchert:  die dubiosen Prophezeiungen der Hexen  sind dort ebenso beheimatet wie das Mordgeschehen. Kerker, Folterkammer, Verschwörungszentrum – alles   spielt hier im Verborgenen, hinter zerschlissenen Zeltbahnen ab. 

    Zu  Beginn scheint alles – wenn nicht unschuldig – so doch fast noch intim. Ein noch so harmlos erscheinender Wortwechsel zwischen der Lady und Macbeth kann zum konspirativen Code , zum indirekten Todesurteil  werden:

    Macbeth: Duncan kommt heute nacht.

    Lady Macbeth: Wann geht er wieder?

    Macbeth: Morgen, so plant er…“

    Ein Blick genügt, und die beiden  haben sich verständigt. . 

    In dieser  entscheidenden Phase hat sich das Projekt  der Königswürde längst vom urprünglichen Impuls durch die Hexen abgekoppelt und ist in ein neues Stadium getreten —- Der erste Stoß der Billardkugel mag von den undefinierbaren Wesen auf der öden Heide ausgegangen sein—- ab jetzt liegt das Spiel in den Händen von Macbeth und seiner Mitverschworenen. Aus der  Prophetie wurde  eine Verschwörung. Und die Impulse dieser Partie erfolgen in immer schnelleren  Folgen. Die verführerische Verheissung war nur der Katalysator zur Entfaltung latent vorhandener Aggressionen und Energien. Kusej tat gut  daran, dabei auf die gleichermaßen suggestive wie antreibende  Kraft von Verdis  überwältigend dynamischer  Musik zu setzen, ihr Raum zu geben und alles Persönliche, Zwischenmenschliche – etwa die erotische Beziehung zwischen   der Lady und Macbeth  – allenfalls anzudeuten,  nicht auszuspielen. Es ist möglicherweise genau diese kühle Zurückhaltung,  die der Inszenierung jene Überzeitlichkeit verleiht, die Jahre  zwischen  Neuinszenierung und Wiederaufnahme fast vergessen läßt.  

    Nicht nur zwischen den Akten, auch zwischen einzelnen Szenen  viele erstaunlich lange Schnitte , Umbaupausen im Dunkeln, die fast an Brechtsche Verfremdung denken lassen. Doch Kusej geht es nicht so sehr darum, die Figuren in ihre sozialen Kontexte einzubetten, Distanz zu ihnen aufzubauen. Seine Methode des Auflösens, Zerlegen in einzelne Elemente ,  dient dem, was man eine Autopsie des Mordes nennen könnte.  Einem Sichtbarmachen der einzelnen Stadien, die der Mörder wie seine Komplizin durchlaufen, zwangsläufig durchlaufen müssen. Denn kein Mord steht für sich allein. Das Gespentische, das sich den Zuschauern auch Jahrzehnte später immer noch mitteilt ist der Zwang weitermachen, weiter morden zu müssen- „necessariamente“  wie die Lady nüchtern konstatiert. Doch ganz so macchiavellisch nüchtern verhält es sich nicht. Wenn die Plastikbahnen sich  heben und den Blick auf ganze Heere von  Wesen  der dritten Art freigeben – halb Geisterbahn halb Hexenwahsinnige, die  die Protagonisten regelrecht in die Mangel nehmen , schieben, umkreisen und bedrohen. 

    Noch scheint die Lady dem gespenstischen Druck standzuhalten  – doch als aus Folgemord Völkermord zu werden droht, zerbricht sie, die bislang die Stärkere schien. Wenn sie wie  eine abgeschnittene Marionette apathisch die Skeletthalde heruntertorkelt, und Ihre Wahnsinnsarie intoniert,  sind die zwei Jahrzehnte Zeitdifferenz endgültig weggeschmolzen.

    Während sie dem Tod entgegengeht, putscht ihr –  bis dahin eher passiver Mann – sich zu  bislang unbekannter Stärke auf. Wieviel daran Pose ist, wie glaubhaft sein wegwerfender Zynismus tatsächlich ist —Kusej gelingt es mit kleinen Gesten die Ambivalenz dieser Gefühlslagen transparent zu machen. Lediglich das pathetisch  aufgipfelnde Ende mit dem Kniefall Macduffs vor dem Neu inthronisierten neuen König  mag so gar nicht in dieses scharfsichtige Konzept passen. 

    Doch solche Zweifel gehen in den betörten Beifallstürmen des Publikums unter. Sie bejubeln dankbar eine grandiose Qualität der Stimmen (herausragend  die vor innerer Spannung  vibrierende Lady  Macbeth (Asmik Grigorian) und Jonathan Teleman als leidender und zugleich entschlossener Macduff. Getragen vom souveränen  , lauernd präsenten Dirigat Andrea Battistonis.

    Eine mehr als geglückte Wiederaufnahme  – eigentlich eine Wiederauferstehung.  

    Cornelie Ueding

  • Der neue Roman ist da!

    Wir freuen uns darüber, wie schön der Roman geworden ist.

    Online kann man ihn bereits bestellen.

  • Rutte und von der Leyen – die lächelnden Totengräber Europas

    von Jürgen Wertheimer

    https://www.nato.int/en/news-and-events/articles/news/2024/10/29/meeting-between-nato-secretary-general-mark-rutte-and-president-of-the-european-commission-ursula-von-der-leyen

    Wenn geschmeidiges Lächeln Probleme lösen könnte, stünde Europa längst auf der Siegerstraße. Einnehmendes Lächeln, wem immer man gegenübertritt, gleich ob Ex-Taliban-Führer oder dubiose Migrationspaktierer, immer nur Lächeln. Und ein ganz großes Lächeln natürlich für den tapferen UKR-Anführer Selensky, den man umarmt wie ein einen Bruder im Geiste.

    Ist er es denn? Nun an die Brust der EU wird man ihn im Eilverfahren ziehen. Und wenn die Verursacherin, die Dame  von der Leyen, längst in den ewigen Jagdgründen der Politik verschwunden sein wird, wird die Frucht, der Fluch dieser kühnen Entscheidung aufgehen.

    Eine UKR, die sich im Propkrustesbett der EU-Verordnungen alles andere als wohl fühlt. Eine EU, die sich dem Druck der rebellischen Russlandbezwinger nicht gewachsen fühlt. Ein Russland, dass gedemütigt lauert.

    Das alles, weil man sich nun durchgerungen hat, aufs Ganze zu gehen, ohne die Folgen zu bedenken. Man wird die UKR so lange mit Waffen vollstopfen bis selbst Selensky das Betteln vergeht und Moskau brennt. 

    Und dann? Zerfällt eine EU in Stücke – wie modrige Pilze. Im Inneren der UKR wird es nach wie vor gären und man wird ratloser vor den Problemen stehen denn je.

    Aber der Rausch, der Sog, Stärke zu zeigen ist offenbar eine Art Droge. Und seit Rheinmetall und Konsorten mit guten Gründen mit im Boot sitzen, gibt es kein Halten mehr. Jedes Nachdenken über einen dritten Weg, einen Weg der Autonomie statt der Zugehörigkeit zu einem Block, ist tabu.

    Denkverbot. Brandmauer. End of discussion. End of Europe.

  • Rutte und der Ärger des Morgens 

    von Jürgen Wertheimer 

    https://www.tagesschau.de/ausland/rutte-nato-generalsekretaer-bilanz-100.html

    Gottlob ist es nur eine Redensart, wenn man davon spricht, das Messer würde einem vor Wut „in der Tasche aufgehen“. Wenn dem wirklich so wäre, hätte ich mir in jüngster Zeit mehrere Schnittwunden im Oberschenkelbereich zugezogen. Nämlich immer dann, wenn NATO Generalsekretär und Trumpversteher Rutte auftaucht und mit beflissenem Oberkellnerlächeln eine politische Torheit nach der anderen serviert.

    Zuletzt präsentierte er dem Präsidenten ein goldgerahmtes Schaubild mit dicken Balken europäischer Waffenkäufe – vorwiegend in den USA. Stolz wie ein Musterschüler, der seinem Lehrer imponieren will, indem er dessen senile Dämlichkeiten pflichtschuldig wiederholt. Es ist kein gutes Zeichen für die innere Befindlichkeit der NATO, sich in kritischer Zeit einen eitlen Opportunisten wie ihn an der Spitze zu leisten.

    Einen Teflontypen, der das Prinzip der Unterwerfung perfektioniert hat und Europa – waffenstarrend – mental zur Plünderung freigibt.

    Ich weiß nur eines: Mit geschmeidigem Uns-Heranwinseln kommen wir nicht weiter. Wenn es uns an Mut fehlt und wir nicht fähig sind, Trump die kalte Schulter zu zeigen, wird er uns immer in der Hand haben und als wohlfeile Manövriermasse betrachten. Wir haben dann nichts Besseres verdient.

  • Cassandra Calling

    von Jürgen Wertheimer 

    Der antiillusionäre, hyperrealistische Ansatz des Cassandra Projekts konzentriert sich deshalb genau auf diese Phase, auf das Vorfeld, die Zeit, in der sich Konflikte langsam aufbauen, vorbereiten. Die Phase, in der es noch nicht brennt. Wir neigen leider häufig dazu, uns in dieser Zeit blind zu stellen und reagieren notorisch erst dann, wenn es fast zu spät ist.

    Beispiel Ukraine; als Putin losschlug waren alle alarmiert und einmal mehr überrascht, so als ob man die 8 Jahre zwischen den Aufständen auf dem Maidan und dem Angriff produktiv hätte nutzen können, ja MÜSSEN! Die Phase als sich etwas zusammenzubrauen begann, Geschichte entstand. Jetzt verhallen Friedensappelle ungehört – damals, in der Latenzphase hätte der geballte Einsatz diplomatischer, politischer, ökonomischer Mittel zumindest das Risiko der Eskalation mindern können.

    Sie werden sagen: Zu spät – aber was kann man jetzt tun? Was kann man in der Zukunft und für die Zukunft tun? Bleiben wir beim Beispiel -RUS – UKR.

    Nun, wenn man das wahrhaft toxische Verhältnis, das Russland und die Ukraine seit Jahrhunderten verbindet, ernst nimmt, käme man im Angesicht dieses verheerenden Krieges nicht drauf, für die Zeit danach bereits jetzt die simpelste und gefährlichste mögliche Lösung für einen Neubeginn einzuleiten: eine überstürzte Aufnahme der Ukraine in die EU. Ganz so als ob die Wirklichkeit sich durch einen Verwaltungsakt außer Kraft setzen ließe. Die Wirklichkeit heißt: ein über Jahrhunderte aufgebauter, aus dem Widerstand gegen Russland gewachsener extrem ausgeprägter Nationalismus. Und ein nicht minder starkes Dominanzgefühl Russlands, das die Ukraine stets als Trabanten Russlands sah. Puschkin brachte es auf die hochmütige Formel:„Alle Slawenbäche fließen vereint ins große Russenmeer“.

    Wenn das geschieht, was jetzt eingeleitet wurde, werden in fünf oder sechs Jahren, wenn alle Entscheider längst nicht mehr in ihren Ämtern sind, die Konsequenzen zu tragen sein. Eine Ukraine, die sich gegen die Zumutungen des Westens verwahrt. Ein Russland, dem man ein Kernstück seiner Identität geraubt hat. Ist man wirklich so naiv, diesen neuen Konflikt nicht voraussehen zu wollen?

    Das Fallbeil der Zugehörigkeit oder des Nicht-Dazu-Gehörens war immer schon ein riskantes Instrument. In der Regel generiert man damit Konflikte, statt sie aufzulösen.

    Seit Jahrhunderten erprobt die Kultur die Kunst der Übergänge, spiegelt kulturelle Pluriidentität. Doch entgegen diesen konkreten lebensweltlichen Erfahrungen schafft man „Eindeutigkeit“. Eindeutigkeit an Stellen, die durch Mehrdeutigkeit gekennzeichnet sind … Übergangszonen, Bruchstellen, Vermischungsgebiete …. Wann wird Europa begreifen, dass es ein hybrider Kontinent ist, ein fragiles Patchwork-Gebilde?

    Ein permanenter, offener Verhandlungsraum, – Gestaltungsraum – mit dem Spezialgebiet: Vereinbarkeit des Unvereinbaren?

    Nicht so:

    https://www.presseportal.de/pm/6348/3623404

    Sondern so funktioniert Europa:

    https://artdokuhali.com/en/blogs/halilar/patchwork-rugs-details?srsltid=AfmBOor1v0uaADI0vqrZ0L-78rRkny_0YKyQ0ljRLe3OeJ9YV-mHouo2

  • How to End a War

    von Jürgen Wertheimer

    „Können wir Krieg?“ , „Sind wir Kriegstüchtig“, ist dies „der letzte Sommer im Frieden?“ Mit einem mal sind sie da. Diese Sätze, die künftige Kriege nicht nur prognostizieren, sondern auch vorbereiten. In Ihrem Gefolge fließen Milliarden in Rüstung. Dabei weiß jeder: Waffen wollen letztendlich verwendet werden.

    Ceasefire, Waffenstillstand ist alles worauf man noch hofft.

    Auch hier ist der Meister zu zitieren: Trump über den Nahen Osten: „Dort heißt Waffenruhe, dass man weniger heftig schießt.”

    Ich fürchte, er hat mit dieser für seine Verhältnisse geradezu differenzierten Aussage nicht ganz Unrecht. Wenn nicht alles täuscht, werden wir uns nicht nur im nahen Osten, sondern weltweit an diesen Zustand gewöhnen müssen. Der Zustand, der bestand, bevor die großen warlords glaubten eingreifen zu müssen. Niemand kann damit glücklich und zufrieden sein, das ist auch nicht die entscheidende Frage. Die alleinige Frage für mich ist: So lange „weniger heftig geschossen wird“, wird weniger häufig gestorben.

    Mit Annexion zu drohen ist eine Sache. Sie zu starten eine andere. Wir sollten den Zustand des “noch nicht”, auch wenn es noch so brenzlig ist, so lange wie irgend möglich bewahren. Und verhindern, dass der erste Schuss, der die Kettenreaktion in Gang setzt, überhaupt fällt.

    Wie? Dazu bald mehr.

    Der blutige Waffenrock des Thronfolgers

    https://www.mediathek.at/onlineausstellungen/der-erste-weltkrieg/der-erste-weltkrieg-ausgabe-1/sarajewo-28-juni-1914/das-attentat

  • Die letzte Annexion (Teil 2) 

    von Jürgen Wertheimer 

    Trotz dieser ernüchternden Bilanz und obwohl man erkennen kann, dass die aufgeblasenen Maulhelden im Grunde mit leeren Händen dastehen folgen wir ihnen.

    Jüngste Beispiele : Trumps Irandeal, der die Mullahs nicht nur im Amt läßt, sondern sie auch noch subventioniert.

    Oder der G7 Gipfel in Evian, in dem die Europäer zu Schmeichlern und Duckmäusern mutieren und den sichtlich zerfallenden US Präsidenten aufs Erniedrigendste zu umgarnen versuchen.

    (https://www.stern.de/lifestyle/leute/friedrich-merz-und-donald-trump–deutschlandtrikot-als-geschenk-an-praesidenten-37552258.html

    Es ist schon erstaunlich wie tief der Reflex der Unterfung unser Handeln bestimmt. Wir alle (Europäer , Amerikaner , Russen..) lassen alles mehr oder weniger reaktionslos geschehen und über uns ergehen. Gut, angesichts dieser diffusen Bilanz beginnt in den USA ein leiser Gärungsprozess, der zur Erkenntnis führen könnten, auf dem falschen Weg zu sein. In Russland ein noch leiserer. Und auch der mutige Aufstand in Teheran fand bereits statt und wurde brutal niedergeschlagen. Im Schatten der Galgen geht man natürlich in Deckung.

    Aber dass die drei Hauptverursacher, Trump, Putin und Netanyahu, nach all ihren Untaten und Verbrechen noch immer in Amt und Würden sind, sagt einiges über unsere enorme Duldsamkeit aus. Man kann uns einiges, sehr viel zumuten. Die Macht der Diktatoren resultiert aus unserer feigen Passivität.

    Auch lassen wir zu, dass sich der Mehltau des Krieges, Treibstoff jeder Annexion, allmählich wie ein Smog über uns alle legt. Wenn jeder jeden belauert und vom anderen das schlimmst Mögliche annimmt, verschieben sich alle Akzente des politischen und sozialen Lebens gravierend.

    Vor ein paar Jahren umging man das Thema Krieg noch mit spitzen Fingern, verwies auf das Völkerrecht und hielt den bloßen Gedanken an Gewalt für „ethisch bedenklich“. Jetzt wo Krieg das Thema Nr. 1 geworden ist, kräht kein Hahn mehr danach – im Gegenteil regelrechte Hahnenkämpfe finden statt und jeder will den größten haben – z.B. Deutschland „das größte konventionelle Heer in Europa“. Auch dies ohne nennenswerten Protest. Im Gegenteil, wir sehen zu wie wir uns Milliarde für Milliarde in den kommenden Krieg gegen Russland sehenden Auges hineinmanövrieren.