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  • Die Bestseller Autorin Magdalena Parys spricht in Berlin über Cassandra

    Magdalena Parys am Bebelplatz.© FUNKE Foto Services | Sergej Glanze

    Am 14. Juni kommt sie zum Gespräch mit Jürgen Wertheimer ins LTT.

  • Glaube und Macht

    von Jürgen Wertheimer

    © Adam Lach für ZEIT ONLINE

    Liebe Brüder und Schwestern,

    „Die Kraft, mit der Christus auferstanden ist, ist vollkommen gewaltfrei. Sie gleicht der Kraft eines Weizenkorns, das, nachdem es in die Erde fällt und stirbt, wächst, sich einen Weg durch die Schollen bahnt, keimt und zu einer goldenen Ähre wird. Noch mehr gleicht sie der Kraft eines menschlichen Herzens, das nach einer Kränkung seinem Racheinstinkt nicht folgt und voll Erbarmen für den betet, der es verletzt hat…“

    So die Worte von Papst Leo am vergangenen Sonntag vor 60.000 ergriffenen Zuhörern … Ich räume ein, es mag eine persönliche Marotte sein – aber etwas in mir reagiert auf Gleichnisse, insbesondere auf Weizenkorn-Gleichnisse allergisch. Wie ich generell Probleme habe mit dem märchenartigen Unterton, der viele offizielle Statements der Kirche grundiert – nach dem Motto „Als das Wünschen noch geholfen hat“.

    „Wer Waffen in der Hand hält, lege sie nieder! Wer die Macht hat, Kriege zu beginnen, entscheide sich für den Frieden! Nicht für einen Frieden, der mit Gewalt erzwungen wird, sondern durch Dialog! Nicht mit dem Willen, den anderen zu beherrschen, sondern ihm zu begegnen!“

    Um nicht missverstanden zu werden: eigentlich hab‘ ich ein Herz für derart schrullige und ein wenig kindliche Aussagen. Aber in Anbetracht einer waffenstarrenden Welt im rabiaten Aufrüstungsmodus bring ich das alles nicht mehr so ganz zusammen: Die religiöse Traumwelt und die krude, sehr krude Wirklichkeit. Niemand, wirklich niemand denkt derzeit daran, die Waffen niederzulegen

    Ganz im Gegenteil: Schießen wird Schulfach – nicht nur im sehr katholischen Polen.

    Denn es ist ja nicht so, dass die religiöse Traumwelt durchgängig friedensgetönt wäre. Nicht nur im Islam – von dem anschließend Seyran Ates sprechen wird – sondern auch bei uns im  christlichen Westen.  US-Kriegsminister Pete Hegseth z.B., tiefgläubiger Christ, Evangelikale, wähnt sich gar – wie einst die Kreuzritter im Mittelalter – in einem heiligen Krieg der Christen gegen die Ungläubigen. An seinem rechten Bizeps trägt er das Kreuzzugsmotto Tattoo Deus vult (Gott will es so). 

    Und im Alltag manifestiert sich diese Haltung bis hinein ins Schulgebet:

    “Täglich knien wir zusammen in unseren Schulen und Kirchen mit unseren Familien nieder, um den Namen Jesus Christus anzurufen.“

    „Unser Wille wird gestärkt. Unsere Truppen werden besser. Die Vorsehung unseres allmächtigen Gottes wird unsere Truppen beschützen, und wir wollen seine Mission erfüllen.

    Internationale Regeln gegen Kriegsverbrechen bezeichnet er als dumme Regeln. Stattdessen versucht er sich als Rapper und postuliert: maximale Tödlichkeit anstatt lauwarmer Legalität, oder gewaltsame Effekte, nicht politische Korrektheit.

    Soweit zur anderen Seite der Welt des Glaubens. Draußen, in der rauen, sehr rauen Wirklichkeit – jenseits der Fata Morgana von „Dialog“ und „Begegnung“ auf dem östlichen Petersplatz.

    Nein, ich mache es mir nicht – wie man mir vorwerfen könnte – leicht und verteufle die Kirche als Hüterin des Bösen. Ich zücke die Keule der langen Reihe von Untaten, die „im Namen Gottes“ geschahen auch nur ganz kurz: Inquisition, Hexenverbrennungen, Missbrauch und Missionierung … Man kann und darf doch nicht alles vergessen, was je unter den Auspizien und auf Veranlassung der Kirchen geschah: Jahrhundertelang mussten Generationen von Aufklärern um jedes freie Wort kämpfen, gelegentlich landeten sie dafür auf dem Scheiterhaufen. Wenn sie Glück hatten, wurden nur ihre Bücher verbrannt. Kriege im Namen der Religion entvölkerten halb Europa. In den Kolonien wüteten wir im Zeichen des Kreuzes wie Berserker – hochkultivierte Berserker, versteht sich. 

    Doch auch der kleine, ganz alltägliche Gebrauch der Religionen inmitten unserer säkularisierten Welt reicht aus, um das zentrale Problem alles Kirchlich- Religiösen zu beleuchten – Das Phänomen der Macht.

    So lange man sich vor der schlichten Erkenntnis drückt, dass Religion in ihrem Ursprung weniger mit Caritas und Liebe zu tun hat, als mit Macht und Dominanz, schwindeln wir uns in die Tasche – man verzeihe mir diese etwas platte Formulierung. Sicher, es handelt sich um eine besonders ausgeklügelte Form der Machtausübung, eine spirituell unterfütterte, sich sanftmütig gebende. Dies ändert nichts an ihrer einschüchternden Wirkung. Noch Gretchen im „Faust“ weiß auf dem Weg aufs Schafott ein Lied davon zu singen … Und selbstverständlich sind es die obligatorischen, anrührenden „Stimmen von oben“ die das faktische Todesurteil („sie ist gerichtet“ ) in einen fiktiven Freispruch („sie ist gerettet“) verwandeln.

    Dennoch im Ganzen gesehen wurde zumindest hier im Westen und nach zähem Ringen der Religion letztlich der Giftzahn gezogen . Die Macht über die Gefühle und Gedanken anderer Menschen haben andere Institutionen und Manipulatoren übernommen, ob sie nun politischer oder ökonomischer Natur sind, und das christliche Abendland existiert nur mehr als Kulisse. Im Kräftespiel der Macht spielt die Kirche hier keine wirkliche Hauptrolle mehr, allenfalls eine aparte Nebenrolle, die sie an Fest- und Kirchentagen , Jugendtreffen etc., gelegentlich auch im Bereich des Sozialen, seltener des Kulturellen nach Kräften zu erfüllen sucht. Sie sehen, ich dämonisiere die Rolle der Kirchen nicht, ich versuche sie in einem realistischen Licht zu sehen. Und ich sehe ihre neue „Ohn-Macht“ als große Chance. Sie muss sich nicht mehr in Positur werfen, muss nicht mehr Kontrollfunktionen ausüben, selbst ihre schärfste Waffe – Die Drohung  von Strafe und Sühne – ist vergleichsweise stumpf geworden. Und spirituelle Bedürfnisse befriedigen Teile der Bevölkerung längst bei anderen „Anbietern“, um es nüchtern auszudrücken.

    Solchermaßen befreit könnte die Kirche der nahen Zukunft allen restlichen Ballast abwerfen und sich selbst neu erfinden:

    Eine gewisse Bescheidenheit, im klerikalen Jargon „Demut“, wäre mehr als angebracht. Dazu Mut, sich zu einem autonomen, neutralen Akteur zu machen, der sich konkret einmischt und nicht bloß salbungsvoll schwadroniert.

    Eine erneuerte, sich erneuernde Kirche, die frei vom alten Ballast der Orthodoxie und der Annahme einer „Unfehlbarkeit“ den Menschen wieder so nahe käme, wie Jesus dies war. Eine befreite Theologie …

    Naive Illusion? Möglicherweise. Aber zumindest ein reeller und konsequenter Schritt auf unbekanntes Terrain. 

    Vielleicht kann uns ein weiteres Mal ein Literat aus der gedanklichen Bredouille helfen, kein geringerer als Heinrich Heine, den man gern einen Spötter nennt. Heine verweist auf herrlich unangestrengte Art darauf, dass sich spätestens im 18. Jahrhundert durch das kritisch analytische Denken der Aufklärung und die kritische Philosophie Kants die Frage nach der Existenz Gottes erledigt hatte. Und doch: das bekannte Verdikt „Gott ist tot„ kann und soll nicht das letzte Wort sein. Denn nichts spricht dagegen, zumindest so zu tun als gäbe es einen Gott – und sei es nur als emotionales Trostpflaster und ethische Krücke. In Heines reichlich lockeren Worten:

    „Immanuel Kant hat den Himmel gestürmt, er hat die ganze Besatzung über die Klinge springen lassen, der Oberherr der Welt schwimmt unbewiesen in seinem Blute, es gibt jetzt keine Allbarmherzigkeit mehr, keine Vatergüte, keine jenseitige Belohnung für diesseitige Enthaltsamkeit, die Unsterblichkeit der Seele liegt in den letzten Zügen – das röchelt, das stöhnt –, und der alte Diener Lampe steht dabei mit seinem Regenschirm unterm Arm, als betrübter Zuschauer, und Angstschweiß und Tränen rinnen ihm vom Gesichte. Da erbarmt sich Immanuel Kant und zeigt, dass er nicht bloß ein großer Philosoph, sondern auch ein guter Mensch ist, und er überlegt, und halb gutmütig und halb ironisch spricht er: »Der alte Lampe muss einen Gott haben, sonst kann der arme Mensch nicht glücklich sein – der Mensch soll aber auf der Welt glücklich sein – das sagt die praktische Vernunft – meinetwegen – so mag auch die praktische Vernunft die Existenz Gottes verbürgen.«

    Und warum eigentlich nicht? Denn wer so denkt nimmt der Religion alle Schwere, ohne ihr ihre soziale Wärme und Würde abzusprechen. Was er ihr absprechen würde, wäre alles das, was sie bisher ausmachte und in vielen Ländern noch immer ausmacht: Dogmatismus , Orthodoxie , rigorose Strenge, Drohung, Verängstigung, gelegentlich Fanatismus. Also genau die Elemente, aus denen die Kirche bisher ihre Macht saugte. Ein Verzicht auf diese Rolle wäre nichts Geringeres als eine Reformation aller Reformationen.

    Ein zu riskanter Weg? Ja und nein. Einerseits beinhaltet er zugegebenermaßen eine Erosion dessen, was man bisher „Profil“ nannte. Andererseits öffnet sich der Weg hin zu einer erstaunlichen Wandlung – Verwandlung. Und Verwandlung gehört letztlich zum Kernbestand dessen, was Jesus Lehre und lebte.

    Ich räume ein, so ganz neu ist dieser Vorschlag wahrlich nicht. Genauer gesagt, er ist an die 300 Jahre alt und kein Geringerer als Lessing macht den Weg dorthin in seinem frappierenden und keineswegs moralinsaurem „Nathan den Weisen“ frei. Nathans berühmtes:

    „Eure Ringe sind alle drei nicht echt“

    ist Sprengstoff für Puristen. Sein Nachhall ist bis heute zu spüren und Hardliner:innen aller Konfessionen und Religionen verschlucken sich fast daran. Als ob es so fatal wäre , sich einzugestehen, dass alle Religionen im Grunde Dome aus Worten, Begriffen und Narrationen sind. Faszinierende fiktive Gebilde, an denen es sich lohnt, weiter und weiter zu bauen, um sie für unsere Gegenwart bewohnbar zu machen. Realitätshaltig, wirklichkeitsbezogen, wie sich dies bereits Lessing wünschte, wenn er die Episode nüchtern, aber ganz und gar nicht ernüchternd, mit einem sehr pragmatischen Ratschlag enden lässt:

    „– Mein Rat ist aber der: ihr nehmt

    Die Sache völlig, wie sie liegt. Hat von

    Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:

    So glaube jeder sicher seinen Ring

    Den echten.“

    Solche Offenheit,Transparenz und Beweglichkeit würde man sich – schlappe 300 Jahre später – auch noch wünschen.

    Statt lebenslang   immer die gleichen Texte mit gleicher Stimme und gleicher Mimik so lange zu repetieren bis Zuhörer und Sprechender in Trance oder in Halbschlaf verfallen – das kann es doch nicht sein. Und glauben Sie mir, als Katholik weiß ich , wovon ich spreche. Dabei wäre doch so viel möglich:

    Statt ein Leben lang stetig der gleichen Argumentationsspur zu folgen und punktgenau voraussagbar nach ein paar Schlenkern in der „Jesuskurve“, so sagt man wohl, zu landen, könnte man doch auch einmal den gewohnten Erzählfluss ins Stocken geraten lassen und uns zum Weiterdenken inspirieren.

    Statt sich selbstgefällig zu applaudieren, wenn man endlich, 2023, die enorme Kühnheit besessen hat, gleichgeschlechtlichen Paaren die Gnade der Segnung teilhaftig werden zu lassen, könnte man sich einfach über alle freuen, denen solch ein Ritual noch immer wichtig ist.

    Statt immer nur besorgte Miene zu zeigen, und sich über das Leid der Migration moderat zu erregen, könnte man die Fluchten leersehender Klöster und Vatikanischer Paläste in Notzeiten öffnen und wirklich helfen.

    Statt für den Frieden zu beten, könnten die höchsten Repräsentanten der Kirchen einen Schritt aus der Komfortzone ihrer Rituale wagen und sich zwischen die Warlords stellen. Konkret in körperlicher, materieller Präsenz , nicht symbolisch.

    Statt monatelang in ihren öden Gremien und Synoden herum zu diskutieren und sich in nebensächlichsten amtskirchlichen Hierarchiefragen zu verheddern, könnten die diversen „Kirchenfürsten“ sich konkret nützlich zu machen und zupacken, wenn es darum geht Not zu lindern, Ungerechtigkeit zu attackieren. Mittel und Wege dazu sind vorhanden. Geistlichen würde man unter Umständen mehr glauben und mehr vertrauen als den diplomatisch glatten Gesichtern der Politprofis.

    Aber dies alles wird natürlich nicht stattfinden, müsste man doch Privilegien aufgeben und auf Pfründe verzichten. Wenngleich man durch eine radikale Neuausrichtung auch sehr viel gewinnen würde: Man könnte zu einer Kraft jenseits des politischen Kalküls von Parteien oder Nationen werden, man könnte die Welt kreativ überraschen, statt sie immer nur zu besänftigen oder aufzuwiegeln. Man könnte enorme göttliche Kernenergien freisetzen und die Gläubigen im besten Sinne neu beseelen. Man könnte seine enormen finanziellen Ressourcen einsetzen, statt nur immer um Spenden zu bitten.

    Aber wie gesagt: dazu wird es im Männergehege der Kirche – ganz gleich, ob unter Christen, Juden oder Muslimen noch lange Zeit nicht kommen. Denn schließlich geht es auch und nicht zuletzt um die Macht der Männer.

  • Am Morgen danach

    von Jürgen Wertheimer

    Jetzt wissen wir es noch genauer: das TACO -Trump Always Chickens Out-Prinzip ist Methode. Aber natürlich nicht ohne Gewinn für ihn. Dazu ist er zu dummschlau. Bei Verhandlungen erratisch erscheinen, alle in Schrecken versetzen, um dann in letzter Sekunde einzulenken – und an der Börse sich dabei eine goldene Nase zu verdienen, weil dann plötzlich die Aktien in die Höhe schnellen. Though this be madness, yet there is method in it. Der Kapitalismus hustet ein wenig und atmet erleichtert auf, nachdem den Massen das Geld aus der Tasche gezogen ist und ganze Städte in Schutt und Asche gelegt sind.

    Ach ja: nicht zu vergessen die Internet-Wetten, die noch zu wenig beachtet werden, wo jeder Schachzug des Irren im Weißen Haus den Einsatz vervielfachen kann. Menschenleben interessieren nicht, alles ein großes Glücksspiel. Ist der Mensch da noch Mensch, wo er mit anderen Leben spielt? Und was ist der Mensch, der nur noch Spielball ist? Eine irre Welt, die Welt von heute. 

    Andererseits, wie war Adornos Antwort auf den Kommentar eines Journalisten, gestern schiene die Welt noch in Ordnung – „Mir nicht.“ Es ist wohl wahr: Verrückte haben in der Spieltheorie der Verhandlungsführung klare Vorteile … Und manchmal reicht es sogar, verrückt zu erscheinen. Aber tatsächlich hat T natürlich immensen Schaden angerichtet, auch bei sich selbst. Denn die MAGA-Fanbase will keinen Krieg und strebt nach amerikanischem Isolationismus. Da hat Trump nun politische Probleme an der Heimatfront. Finanziell hat es sich aber bestimmt gelohnt.

  • Annexion 5

    Wo endet die Religionsfreiheit und wo beginnt der politische Machtanspruch? Unter dem Titel „Glaube und Macht – eine gefährliche Beziehung“ lädt Jürgen Wertheimer zu einer hochkarätig besetzten Diskussionsrunde.
    Im Zentrum der Matinee steht die Frage, wie liberale Demokratien auf religiöse Narrative reagieren können, die zunehmend zur Rechtfertigung von Herrschaft oder gar Gewalt instrumentalisiert werden. Als Gast begrüßt Wertheimer die Berliner Rechtsanwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates. Die Gründerin der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee lebt aufgrund massiver Drohungen seit Jahren unter ständigem Polizeischutz und gilt als eine der profiliertesten Stimmen im Kampf für einen säkularen Rechtsstaat und einen reformierten Islam.

    Die Moderation des Vormittags übernimmt Dr. Bernd Villhauer vom Weltethos-Institut, der die Brücke zwischen philosophischen Grundsatzfragen und realpolitischen Herausforderungen schlägt. Für die künstlerische Begleitung sorgt Wortakrobat Helge Thun, der das komplexe Thema mit gewohntem Tiefgang und einer Prise Humor flankiert.

    Sonntag, 12. April 2026 – 11:00 Uhr, LTT Saal 

  • Rettung oder Ruin?

    Jürgen Wertheimer und das LTT sezieren in „Annexionen“ die Eskalation im Iran

    Wo verläuft die Grenze zwischen Befreiung und Zerstörung? Wenn geopolitische Interessen auf menschliche Schicksale treffen, verschwimmen die Kategorien von Gut und Böse. Das Landestheater widmet die vierte Ausgabe seines erfolgreichen Matinee-Formats „Annexionen“ der hochexplosiven Lage im Iran. Unter dem Titel „Rettung oder Ruin?“ lädt Jürgen Wertheimer zu einer tiefschürfenden Analyse der aktuellen militärischen und politischen Spannungen ein.

    Angesichts der jüngsten Angriffe durch die USA und Israel steht die Region am Abgrund. Doch was bedeutet ein möglicher Regimewechsel für die Menschen vor Ort? Ist die Intervention ein notwendiger Akt für die Menschenrechte oder der finale Stoß in das Chaos?

    Als hochkarätiger Gast bereichert die iranische Publizistin und Künstlerin Mina Khani die Debatte. Khani, die seit 20 Jahren als anerkannte politische Geflüchtete in Deutschland lebt, gilt als eine der profiliertesten Stimmen zur iranischen Protestbewegung. Aus einer dezidiert feministischen Perspektive beleuchtet sie seit über einem Jahrzehnt das Spannungsfeld zwischen religiöser Unterdrückung und dem Drang nach Freiheit.

    Ihre Biografie ist selbst ein Zeugnis der Restriktionen: Während ihr in ihrer Heimat eine Tanzausbildung untersagt blieb, etablierte sie sich in Europa als Choreografin und Schauspielerin. In der Matinee wird Khani nicht nur die politischen Fakten analysieren, sondern auch der Unsichtbarkeit der iranischen Zivilgesellschaft kraftvolle Argumente entgegensetzen.

    „Annexionen“ Folge 4 verspricht keine einfachen Antworten, sondern eine kluge, notwendige Auseinandersetzung mit einem Konflikt, der die Weltordnung erschüttert.

    Die gewohnt souveräne Moderation übernimmt Dr. Bernd Villhauer vom Weltethos-Institut Tübingen, der zielsicher den Bogen zwischen philosophischem Anspruch und politischer Realität spannt. Flankiert wird er dabei von Helge Thun, der als Comedian und Wortakrobat virtuos beweist, dass sich Tiefgang und Humor keineswegs ausschließen.

    Sonntag, 15. März 2026 um 11 Uhr – LTT-Saal

    Eintritt: 10 Euro

    Karten unter: 07071-93 131 49 oder landestheater-tuebingen.de

  • “Wo die Gefahr ist wächst das Rettende auch“? Annexionen bekämpfen

    von Jürgen Wertheimer 

    Vor wenigen Wochen konnten wir miterleben, dass die Bedrohungslagen nicht zu einem Einknicken, sondern zu einer Verstärkung der Widerstandskraft und zu glasklaren Ansagen an den Gegner führen kann. Die Rede des kanadischen Präsidenten Carney in Davos war solch eine Ansage:

    „… Wir stellen uns aktiv der Welt, wie sie ist – und warten nicht auf die Welt, die wir uns wünschen. Kanada kalibriert unsere Beziehungen so, dass ihre Tiefe unsere Werte widerspiegelt… Wir verlassen uns nicht länger nur auf die Stärke unserer Werte, sondern auch auf den Wert unserer Stärke. Wir bauen diese Stärke zu Hause auf.”

    Sollte Hölderlin mit seinem immer wieder zitierten Motto aus seiner späten Hymne „Patmos“ tatsächlich recht behalten?

    „Wo aber Gefahr ist, wächst
    Das Rettende auch.“

    — „Wo aber Gefahr ist, wächst/ Das das Rettende auch.“ Ein wunderbarer Satz von Hölderlin – ideal für Feierstunden im getragenen Heideggerton. Tiefsinnig. Unhinterfragbar.

    Ich liebe Hölderlin – aber ich traue ihm nicht ganz. Gerade in solchen Sätzen, einer Mischung von Versprechen und Falle. Zu oft ist er der visionären Kraft seiner eigenen Sprache erlegen. So auch hier in der Hymne “Patmos”. Im weiteren Verlauf dieses langen, sehr langen Gedichts werden Götter und Helden, Asien und das Abendland auf den Plan gerufen, um das Rettende zu retten. Kräfte und Mächte, über die wir Bewohner einer säkularen Welt nicht mehr verfügen. 

    Deshalb das Fragezeichen hinter der Losung. Nicht, um den Satz zu schreddern, sondern um ihn zu überprüfen. Denn Eines ist wahr: Gefährdungen können in der Tat beachtliche Reaktionen der Gegenwehr freisetzen: Putins ebenso sinnloser wie brutaler Überfall auf die UKR ruft enorme Widerstandskräfte auf den Plan.

    Trumps irrwitzige Drohungen wecken die Lebensgeister Kanadas und Grönlands und beflügeln ein Art nationaler Wiedergeburt.

    So gesehen hat Hölderlin mit seiner Annahme des Rettenden recht: die Bedrohung kann die Widerstandskraft des Bedrohten, seine Resilienz steigern. Im günstigsten Fall entstehen sogar Solidargemeinschaften, mit denen der ursprünglich Drohende niemals rechnen konnte. Ganz sicher hat Putin nicht damit gerechnet, daß sein Angriff dazu führen würde, daß er nun halb Europa an der Backe hat.

    Aber Achtung:

    Hölderlin sprach nicht vom eskalierten Angriff – sondern von der Phase, in der sich eine Gefährdungslage abzuzeichnen, Gefahr sich zu materialisieren beginnt, sich anschleicht … 

    Im Fall der UKR war das nicht der Moment als Putin tausende von Panzern an der Grenze auffahren ließ. Das war es schon zu spât, um Rettungsmaßnahmen in Gang zu setzen. Die Gefährdungslage, auf die man alarmiert hätte achten müssen, nahm bereits 2013, zehn Jahre vorher, auf dem Euromaidan Gestalt an.

    Damals hätte man den Konflikt entschärfen, Rettungmaßnehmen ergreifen können. Auf das von RUS fernsteuerte Massaker an Eurobefürwortern (mehr als 100 Tote) reagierte der Westen lax. Während die Menschen in der Hauptstadt bei Protesten für die europäische Idee sterben, beginnt auf der Krim die erste russische Invasion. Russische Soldaten besetzen in der zweiten Hälfte des Februar 2014 die ukrainische Halbinsel. Reaktionen des Westens: indignierte Verweise auf einen Bruch des Völkerrechts. Mehr geschieht nicht. 

    Mit anderen Worte: man hat in einer Mischung aus Bequemlichkeit, Routine und Feigheit an die 10 Jahre verpasst. 

    Hölderlin lebte nicht auf einem idealistischen Ponyhof. Er war Zeitgenosse der blutigsten Kämpfe zwischen den Fraktionen der Revolution, den Radikalen und Gemäßigten, schrieb im Schatten der Guillotinen und war sich gefährdender Situationen bewusst. Die Rettungsgötter und Hilfsheroen von denen ich vorher sprach, waren Beschwörungsversuche für etwas, was in uns stattfinden muss. Adlerflüge und göttliche Winke – schön und gut: was Hölderlin damit meinte, war ein kollektives Freisetzen alle kognitiven, emotionalen, mentalen und sprachlichen Mittel, über die der Mensch gerade in kritischen Situationen verfügt, verfügen muss, um zu überleben.  Man kann rückblickend sagen: Keiner der Mächtigen, der Entscheider von damals aktivierte diese Sprache. Die Sprache, die unser gefährlichstes, aber auch unser wirksamstes Instrument ist. Erst zehn Jahre später fiel der Begriff der —Zeitenwende.

    Und manchmal ist es ein einzelnes Wort, das große mentale und auch politischen Bewegungen in Gang setzen kann. Aber offenbar können wir erst sprechen, wenn uns das Wasser bis zum Halse steht – mit dem Messer an der Kehle.

    Noch einmal Hölderlin, in Prosa übersetzt: 

    „Erst wenn wir den Atem der Gefahr  unmittelbar spüren, aktivieren wir das Rettungsprogramm“!

    Aber dann vermögen wir es in der Tat!

  • Rede von Jürgen Wertheimer am 28. Februar 2026 zum Badawi -Uludag – Imamoglu Forum

    Vorbemerkung: 

    Ein Istanbuler Gerichtshof fordert für den Regimegegner Imamoglu 2450 Jahre Haft und rechnet mit einer Prozessdauer von 13 Jahren. 

    … Ich fände die 2450 Jahre als Strafmaß eigentlich ganz angemessen. Allerdings nicht für die Angeklagten, sondern für ihre bösartigen Ankläger.

    Und auch eine geplante Prozessdauer von annähernd 13 Jahren übertrifft selbst Kafkas Irrwitz an Absurdität bei weitem und spricht für sich selbst.

    Eigentlich müsste die Präsidentin der UN Generalversammlung, Frau Baerbock ob solch gravierender Verstöße gegen die Völker-Rechtsordnung und Menschenrechte Kopf stehen. Auch Frau von der Leyen von der EU könnte mal ihr nachsichtiges Dauerlächeln kurzfristig abstellen und Tacheles reden im Sinne der wertebasierten Politik, für die die EU angeblich steht.

    Wenn nicht die Szene zum Tribunal, sondern das Tribunal zur Farce wird, sollten die Alarmglocken der demokratischen Institutionen anspringen und man sollte den Protest gegen diese Verstöße nicht uns kleinen gutwilligen Bürgergruppen überlassen, sondern selbst aktiv werden.

    Oder sollten wir wirklich mental bereits schon so gelähmt und so tief gesunken sein, dass wir auf das Eingreifen des Friedensrates von Donald Trump warten, um Autokraten aus dem Amt zu hieven.

    Und wer weiß, wie lange es dieses neu installierte Gremium noch gibt? Vielleicht wird der Philosoph in Donald Trump über kurz oder lang zur Schlussfolgerung kommen, sich selbst zu entsorgen…, um für den Frieden etwas zu tun. Das Thema ist zu ernst, um keine Witze zu machen.

    Zum Positiven: Immerhin haben wir die Erfahrung machen dürfen, dass vehemente diplomatische Einmischungen von oben gelegentlich doch Erfolg haben. Steinmeiers Einstehen für Boualem Sansal — auch wir standen vor ein paar Monaten vor dem Rathaus — führte jedenfalls zu seiner Freilassung! Auch wenn das halbe Jahr Knast in Algerien nicht spurlos an ihm vorbeigegangen ist.

    Frei ist mittlerweile auch Badawi für den Ihr Euch seit Jahren eingesetzt habt!!!

    Boualem und auch Badawi, beide treibt um, dass sie – war es Zufall, war es Laune – in den Genuss jener Freiheit kamen, die so vielen verwehrt blieb. 

    Verhaftung oder Freilassung sind und bleiben Teil derselben Maschinerie und Psychologie der Willkür. Auch der Begnadigte weiß, dass seine Freiheit meist teuer erkauft ist. Der Preis ist hoch. Man ist einerseits froh, noch einmal mit heiler Haut davongekommen zu sein, – im Innersten ahnt man, dass man verloren hat. Denn das Herrschaftssystem, gegen das man antrat, blieb und bleibt an der Macht. Und selbst der Akt der Begnadigung ist Bestätigung dieser Macht. Die Autokraten, wie immer sie nun heißen mögen, bleiben ungerührt und scheinbar unberührbar.

    Und genau darum geht es, hier liegt der Hund begraben: 

    Wir haben einen Deal gemacht – nicht mehr und nicht weniger. Einen Deal mit Leuten, denen wir zurecht nicht trauen.

    Wir verhandeln, kämpfen um Zugeständnisse – lassen das Unrecht selbst aber unangetastet: Jahre, Jahrzehnte lang: Erdogan schikaniert sein Volk seit mehr als 20 Jahren. Die Mullahs verfolgen die Iraner seit 1979. Netanjahu wiegelt die Juden seit Jahrzehnten auf. Putin nahm Russland vor mehr als 20 Jahren in Geiselhaft. Trump die Amerikaner vor einer gefühlten Unendlichkeit.

    Ganz massiv stellt sich also die Frage: Wie werden wir die internationale Liga der Scharfmacher und Kriegstreiber los?! 

    Die Unrechtssysteme sind innerlich ausgehöhlt, aber ihre Ruinen stehen noch. Man könnte es auch hoffnungsvoller ausdrücken: Die Fassaden der Macht stehen noch, aber die Systeme sind aushöhlt und kurz vor dem Kollabieren. Falls dies nicht so wäre, würden die Potentaten sehr viel gelassener mit dem politischen Gegner (z.b. Ekrem Imamoglu) umgehen. Und hätten nicht solch abnorme Wut auf die -Reportagen von Alican Uludag. Und hätten einen harmlosen Literaten und Romancier wie Boualem Sansal nicht vom Flughafen weg in den Knast gesperrt. 

    Für mich – und das ist die positive Botschaft – sind all dies Alarmsignale und Hinweise auf einen bevorstehenden Zerfall der totalitären Systeme, – auf ein Brüchigwerden von innen heraus. Wurzelfäule nennt man das in der Botanik. Im Grunde ahnen die Diktatoren, dass fast alle nur mehr auf ihr Absterben warten. Und genau dieses Wissen macht sie noch unberechenbarer und wütender. Noch misstrauischer, ängstlicher. Ja, die so dominant auftretenden Diktatoren sind in Wahrheit ängstlich und deshalb be- und überwachen sie jeden unserer Schritte. Natürlich haben auch wir Angst vor ihnen – aber sie fürchten uns auch. Und wir müssen sie das Fürchten lehren.

    Die Demokratien sind aufgefordert, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um diesen beginnenden Zermürbungs – und Zerfallsprozess der autokratischen Systeme zu beschleunigen. Und es steht in der Macht der Politiker, sehr viel mehr zu tun als es der Fall ist.

    Der Diktatorentypus erwartet Unterwerfungsgesten – also: Verzichtet darauf – rollt ihnen keine roten Teppiche mehr auf.

    Er erwartet Anerkennung und Akzeptanz — lasst also seine Erwartungen ins Leere laufen.

    Er denkt, man wäre auf ihn angewiesen, wollte Deals mit ihm aushandeln. Verzichtet darauf. Isoliert ihn, trocknet ihn aus. Solidarisiert euch mit seinen Gegnern. Er wird über kurz oder lang kollabieren.

    Woher ich das alles zu wissen glaube? Etwa aus Büchern? Bücherweisheiten? Ja, in der Tat. Ein Diktatorenroman wie G. G. Márquez: Der Herbst des Patriarchen setzt uns in die Lage, klar zu erkennen, wo die Schwachpunkte der Mächtigen liegen – wo man sie angreifen sollte. Und genau das sollten wir tun!

  • Kuppler, Kunde, Angebot

    von Jürgen Wertheimer


    Viele rätseln noch immer und fragen sich welches Mysterium sich hinter Epsteins überwältigendem Erfolg verbergen mag. Bisweilen aber sagt der Blick auf ein einziges Bild mehr als tausend Worte. Wenn ich ein gelernter Semiotiker wäre, würde mir dieses vergleichsweise harmlos erscheinende Bild einer beliebigen Party bei Epstein die Augen öffnen und die ganze Geschichte erzählen.

    In der Mitte, in zweiter Reihe, verdeckt lauernd, der meisterliche Regisseur und Vermittler, mit seinem angedeuteten, undefinierbarem Lächeln, verschlossenen Lippen, Pokerface.

    In erster Reihe die von ihm in Szene gesetzten Akteure: Kunde und Ware.

    Der potentielle Kunde, nicht uninteressiert aber auch noch nicht zum Kauf entschlossen. Die Gier noch zurückgehaltend. Zugleich abschätzig, verschlossen, taxierend. 

    Und dann natürlich: die Ware, das Objekt der Begierde. Der Mund klafterweit, animiert und animierend offen, dem Kunden als Offerte entgegengeneigt. Nackte Haut, gespielte Seligkeit .

    Ein Moment nur – wie wissen nichts über den weiteren Vorgang der Episode. Aber wir begreifen wie das System funktionierte. Der Fuchs in der Mitte verstand es meisterlich und ohne sich dabei groß aufzuspielen, Begierden zu wecken und zu befriedigen. Das leise, zufriedene Lächeln, das um seine Lippen spielt, gilt nur einem einzigen: sich selbst. Sich selbst und seiner souveränen Menschenkenntnis, seiner Raffinesse, seinem Instinkt für das, was sich hinter den Fassaden abspielt. Es wirkt fast so, als wäre er ein wenig erstaunt darüber, wie leicht sich alle auf sein Spiel einließen: Alle diese Idioten und Idiotinnen die serienweise auf seine Mache herein fielen. Auch ein Teil der Frauen, die nicht nur Opfer waren, sondern wie man sieht, höchst aktiv an den sich anbahnenden Deals beteiligte. 

    Das stille, in sich gekehrte Lächeln des Epizentrums dieser Komödie der Verführungen jenseits von Gut und Böse ist der Schlüssel zum Verstehen dessen, was sich da unter Mitwirkung der Großen dieser Welt abgespielt hat.

    Womit wir auf Ebene zwei unserer kleinen „Bildbeschreibung“ angelangt wären. Dabei interessiert es uns nicht, wer sich da wem wozu anbietet und wer das Spiel wie lange mitspielt. Die Ware ist austauschbar, das Angebot, der Markt entscheidet. Auf diesem Markt der organisierten Begehrlichkeit ist Individuelles völlig gleichgültig. Preis und Nachfrage allein entscheiden. Auch und gerade in diesem Milieu , wo das Erotische strategisch als Gleitmittel der Macht eingesetzt wird, und alles in einen „Deal“ verwandelt wird.

    Auf Ebene drei schließlich stehen wir alle auf der Bühne. Denn nun geht es um unser aller Käuflichkeit, Verkäuflichkeit, Verführbarkeit. Und so kurios es klingen mag – plötzlich sind wir bei Lessing, mitten im 18. Jahrhundert. Wie bekennt die sexuell massiv bedrohte, verfolgte Schönheit, das was man heute „Opfer“, nennt, Emilia Galotti, dort:

    „Wer kann der Gewalt nicht trotzen? Was Gewalt heißt, ist nichts: Verführung ist die wahre Gewalt.”

    Und genau dieses Register der Verführung beherrschen die Ebsteins dieser Welt seit jeher aufs Trefflichste. Und wir alle gehen ihnen nach wie vor serienweise auf den Leim: im Kleinen wie im Großen. Digital arbeitende Liebesillusionisten – Scammer – ergaunern auf diese Weise Millionen von bedürftigen, willigen „Opfern“.

    Und wir Europäer – machen wir wirklich eine sehr viel überzeugendere Figur, wenn wir vor  Autokraten in die Knie gehen, um Zuwendung betteln und standing ovations spenden? Als ob wir uns nicht auch wie das blonde Model auf Abruf feil bieten würden. 

    PS: Bilder können Masken darstellen, verräterische Züge andeutungsweise demaskieren -ins Innerste der Seelen reichen ihre Fühler nicht.

    Die kriminelle Energie des leicht gedunsenen Kunden, die abgrundtiefe  Gemeinheit des Kupplers vermögen sie nicht mit letzter Schärfe zu erfassen.

  • Annexion 3 – Veranstaltung in Tübingen am 1. März

    Ziel der dritten Veranstaltung wird es sein, Wege zu skizzieren, die uns aus der Rolle der Überraschten, Überforderten, hilflos Klagenden herausführen könnten.

    Gibt es Strategien um uns wieder zu souverän Agierenden werden zu lassen, statt immer nur auf Impulse von Außen zu reagieren?

    Welches sind die von Hölderlin erhofften Rettungswege und wie realistisch sind sie in Anbetracht massiver Gefährdungen durch zunehmend rücksichtslos auftretende Großmächte?

    Hat der vergleichsweise fragile, plurikulturelle Kontinent Europa eine realistische Überlebenschance?

  • Ruttes alarmistische Geographie

    von Jürgen Wertheimer

    „Wir alle befinden uns an der Ostflanke“ tönt der Generalsekretär der NATO und meint damit — uns alle:

    Gleich ob wir in Kiew oder Sevilla, Wroclaw oder  Palermo leben – vor russischen Hyperschallraketen, so rechnet der verhinderte Konzertpianist den Menschen vor, darf sich keiner sicher fühlen. Und rein technisch gesehen hat er ja recht: für eine Kinschal bedeutet die Differenz von 2000 KM gerade einmal eine 5 Minuten längere Flugzeit.

    Politisch gesehen sind gedankliche Arabesken dieser Art freilich die reinsten Brandbeschleuniger. In unserem ohnehin aufgerauten und kriegslüsternen Klima, in dem Feuilletonisten sich schon mit koketten Fragen wie „sind wir fit for War“ aus der Deckung wagen, sollten verantwortungsbewußte Politiker der Versuchung widerstehen, mit knalligen Sprachkreationen in Erscheinung  zu treten. Die viel beschworene Ostgrenze wird durch verbale und faktische Panzersperren, Landminengürtel Abwehrdrohnengeschwader in Richtung Ost nicht sicherer. 

    Im Gegenteil: der angeschlagene Gegner (und Russland ist durch seinen  jämmerlich aus den Gleisen gelaufenen Angriffskrieg mental schwer angeschlagen) wird so lange provoziert , bis er zurückschlägt. Ich  kann und will mir vorerst nicht vorstellen, dass der Westen es drauf anlegt, Russland zu einem Harakiririritt in Richtung Krakau, Vilnius, Berlin anzustacheln. Wenn dies so ist, sollte man freilich verbal tendenziell abrüsten, statt mit immer verwegeneren Sprachschöpfungen zu brillieren. Denn es gilt noch immer: Dem  Krieg der Worte folgt sehr oft einer der Waffen. Und Losungen wie „Deutschland wird am Hindukusch verteidigt“ (seinerzeit), „In der Ukraine geht es um Europa“ oder „Sevilla liegt an der Ostflanke“ (heute ) nähren den Krieg, anstatt ihm Nahrung zu entziehen. 

    JÜW  Febr. 21