Angriff  auf das Denken

von Jürgen Wertheimer

11.1.26

Auf der Suche nach dem Titel für heute – „Angriff auf das Denken“ – habe ich lange zurückgespult – bis ins Jahr 2001, genauer bis zum 11. September. Nach den Terroranschlägen auf das WTC war die Welt paralysiert, und die USA fühlten sich hilflos. Damals tauchten solche Formulierungen auch in renommierten Literaturzeitschriften zum ersten Mal auf. 

Es äußerten sich literarische Größen wie Durs Grünbein und Thomas Meinecke. Schülerinnen und Schüler der 4. Klasse der Grundschule Winkelwiese zeigen den Schock des Ereignisses in ihren Bildern, die dieses Heft illustrierte, aus kindlicher Perspektive, aber in all seiner Drastik –  die Grausamkeit, die Willkür, die Ohnmacht. 

Sehr im Unterschied zu dem, was die Autoren von sich geben. Durs Grünbein ist nach zwei Sätzen im Zentrum dieses Geschehens – nämlich bei sich:

„Wenige Tage nach dem 11. September habe ich einen Text in der FAZ veröffentlicht, der ursprünglich als Tagebuchprotokoll gedacht war, um mich selber zu stabilisieren … nur dies , meine Verwirrung der ersten Tage, hat mich gefesselt . Wenig später kühlte sich das Interesse ab.“

Auch Thomas Meinecke lehnt es ab, unmittelbar zu den Ereignissen Stellung zu nehmen, und bevorzugt stattdessen medientheoretische Überlegungen. Es geht dabei primär darum, welche Bilder das „Ereignis“ im eigenen Sensorium auslöst. Es geht um den Angriff auf das eigene Gehirn – das Schicksal der betroffenen Menschen interessiert nicht. Heutzutage, 25 Jahre später, wird viel über die allgemeine gesellschaftliche Verrohung gesprochen. Die eigene Verrohung hat man dabei wohl weniger im Blick. Möglicherweise ist ja diese ästhetisierte Enthaltsamkeit, dieser achtsame Selbstschutz, dieses fast narzisstische Starren auf den eigenen sorgsam gekühlten Intellekt auch eine sehr subtile, sehr frühe Form der Verrohung? Über die Inhumanität der Versachlichung sollte man auch einmal reden. Vorsätzliche Selbstabstumpfung.  Mich haben diese selbstgerechten Verdikte der damals 40-Jährigen jedenfalls etwas verstört. Von Autoren, von Literatur erwarte ich mehr, denn sie kann mehr. 

Liebe Freunde: im November sprachen wir über Hardware des Annexionsgedankens: die direkte Drohung. Und wir erfuhren aus erster Hand wie man drauf reagieren kann (CAN /Lorenz).

Heute geht es gewissermaßen um die Software, um den Untergrund der Übergriffigkeit. Darum, wie man Menschen bzw. Institutionen begleitend oder im Vorfeld entmutigt, einschüchtert oder lahmlegt. Wie man sie präventiv stillstellt, einschläfert, somatisiert. Sie ehrlos macht oder wehrlos zu machen versucht, ihre Wehrhaftigkeit und Widerstandskraft aussaugt. Wir haben zu sprechen über den Vampirismus der Wörter, der Maßnahmen, der Verordnungen – über den großen Entmündigungskampf – über die Annexion, die Invasion der Gehirne. 

Was da geschieht, gleicht einer Invasion mit möglicherweise tödlichen Folgen. Aber heute sprechen wir noch nicht über das Schlachtfeld oder die Intensivstation, sondern nur über den Moment der Intoxikation, der Ansteckung, der Zurichtung, der Vorbereitung auf den großen Knall. 

Das schleichende Gift, das wir so lange – fast unbemerkt – einatmen, bis es zu spät ist. D.h., bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir das Ungeheuerliche als das Gegebene hinnehmen und unser Protest nur mehr als laues Gemurmel zu hören ist. Um es klar zu sagen: Für entschlossene Gehirnvernebler und Usurpatoren sind wir derzeit kein wirklich ernst zu nehmender Gegner mehr. Das eigentliche Problem sind nicht nur die Akteure. Das eigentliche Problem sind auch wir – die notorisch Überraschten, Überforderten – mich eingeschlossen. Und selbst verbale Tiefschläge stecken wir reaktionslos weg. Wie äußerte sich Donald Trump vor wenigen Tagen auf die Frage eines Journalisten, welche Grenzen er akzeptiere?  „Yaeh, there is one thing … my own mind. It‘s the only thing that can stop me.“

Ich schreibe dies am 4. Januar, am Morgen nach einem spektakulären Übergiff, der nicht nur geopolitisch, sondern auch zerebral einiges angerichtet hat. Man hat uns schon an dem Punkt, an dem wir nicht mehr recht wissen, wo Recht und Unrecht anfangen oder enden. Vor unseren Augen wird ein amtierender Staatspräsident gekidnappt und wir, Europa, bitten um Mäßigung. Russische Z-Blogger jubeln: genauso hätte man auch in der Ukraine vorgehen sollen. Trump feiert sich als neuer Robin Hood und Rächer der Enterbten, die US-Ölkonzerne jubeln. Russland sieht sich zu weiteren Angriffen legitimiert und kritisiert gleichzeitig die Aggressionen. Die UN, die sich der eigenen Wirkungslosigkeit bewusst ist, murmelt was von Verstoß gegen das Völkerrecht, und über allem schwebt seit gestern der erschreckende Satz:

„Vermutlich kommt er damit durch!“

Dabei schien vor ein paar Wochen alles noch vergleichbar einfach. Ich hätte mich bedingungslos hinter eine Aussage wie die der Kanadischen Autorin Louise Penny gestellt – noch vor der heißen Phase der Annexionen.

Nicht, dass ich hinter diesem Modell nicht mehr stehen würde. Penny hat recht – doch genau diese Worte sind mittlerweile Fleisch geworden und haben sich materialisiert. 

Und nicht nur das – und damit haben wir vielleicht nicht gerechnet: Sie haben verstanden, den hässlichen Usurpatorengestus abzustreifen und sich als Heils – und Friedensbringer zu inszenieren.

Mehr noch: Ihre Zahlen vervielfachen sich und das Modell wird epidemisch, geht viral.

In solchen Momenten bedauere ich, kein Naturwissenschaftler, genauer, kein Gehirnforscher zu sein. Es wäre mehr als interessant zu erfahren, ob bei dieser Art von Dominatoren – Typus Napoleon, Duce, Franco, Hitler, Putin, Trump, Milei,… – besondere Anomalien, besser Spezifika, jenen Sektoren zu erkennen sind, die für die ICH-Fokussierung zuständig sind.

Erleben und erfahren diese Typen Wirklichkeit allein ichbezogen? Ihre Narrationen sind ihre Wirklichkeit?

In einer Studie hierzu heißt es:

„On a behavioral level, narcissism (a personality type consisting of grandiosity, selflove, and inflated self-views, the desire to become famous, and celebrity worship have been linked together in numerous studies. The neural correlates of narcissism have been explored, and frontal regions of the brain such as the medial prefrontal cortex and right dorsolateral prefrontal cortex  have been determined to play a pivotal role in the occurrence of narcissistic personality traits. Brain studies on desire for fame and celebrity worship are in their infancy, yet characteristics of these phenomena, such as fantasy proneness, lack of empathy and unstable self-esteem , point to an overall deficit in self-awareness, which has been connected to the mPFC  as well. Overall, the behavioral link between narcissism, desire for fame, and celebrity worship may also indicate that the neural correlates amongst these phenomena are similar […]“.

Schlimmer noch: Unter zunehmendem Druck behindern folgende Prozesse die optimale Informationsverarbeitung:
1. Nur Bedrohliches wird wahrgenommen und sofort mit einer meist nicht optimalen Reaktion verbunden.
2. Der größte Teil der Information wird so gar nicht angenommen.
3. Komplexe Beurteilungssysteme werden blockiert.
4. Entwickeln neuen Verhaltens wird behindert.
5. Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis werden abgeschwächt. 
6. Kognitives Lernen ist so kaum möglich.
7. Das Einzige, was perfekt funktioniert, ist das sogenannte emotionale Gedächtnis.
Langfristig werden im Gehirn auch neuronale Strukturen kaputt gemacht, besonders im Hippocampus dem Sitz unseres Kurzzeitgedächtnisses. Es entstehen kaum neue neuronale Verbindungen, es werden sogar welche zerstört.

Aber auch ohne Einblicke in die Ich-Mechanismen können wir feststellen, dass wir es tatsächlich immer mit demselben Typus männlichen Individuums zu tun haben: einem, der Fantasie und Lüge nicht auseinanderhalten kann und es auch nicht will. Und der mit diesem Verfahren etwas in uns zu treffen scheint, wenn er Erfolg mit der Masche hat. Falls nicht: Klapse.  

Das zeigt, wir bewegen uns in einem Grenzbereich, einer dunklen Ecke des Bewusstseins.  Einem Etwas das unser „Rationale“ bannt und – fast noch schlimmer – wehrlos macht.

Dies System ist deshalb so gefährlich, weil es alle Regeln, die normalerweise gelten und die üblicherweise bis zu einem gewissen Grad respektiert werden, außer Kraft setzt. Im Handstreich die Magie des „So soll es sein“ realisiert. 

Das Putschistische des Vorgehens kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihm dennoch ein Plan, eine Strategie zugrunde liegt. Das alte „Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode“ gilt in den meisten dieser Fälle. 

Diese Methode der Macht geht systematisch vor, und sie erfasst nahezu alle Lebensbereiche: den des Journalismus, den der Wissenschaft, den der Universitäten.  Diese, sie erinnern sich, wehrten sich zunächst vehement gegen diese Übergriffe. Ich hätte gerne gesagt vehement und solidarisch, aber von Solidarität untereinander war wenig zu spüren. Exzellenz adelt und macht zahm.

Damit verbunden ist generell die Beschneidung, ja die Abschaffung der Meinungsfreiheit, der freien Rede, des kritischen Denkens – Grundpfeiler jedes demokratischen Systems. Und deshalb macht es aus Sicht der Methode Sinn, demokratische Institutionen gezielt anzugreifen. Alles nicht willkürlich, sondern nach Plan. Der Plan heißt: politische Gegner, wenn nicht auszuschalten, so doch mundtot zu machen. Diese Strategie macht, wie Sie wissen, auch vor der Jurisprudenz, dem „Supreme Court“,  einst Flaggschiff der Demokratie, nicht halt. In kurzer Zeit wurde das Gremium weit nach rechts gerückt. Die konservative “Heritage Foundation“ wiederum hat ihm mit dem „Project 2025“ ein Blaupause für jene 220 Dekrete geliefert, die er in den ersten Monaten abfeuerte. Brachial legte er los: zerschlug ganze Behörden und Ministerien, brachte Universitäten auf Regierungskurs und ließ alles entfernt migrantisch Wirkende, wenn es nicht ins „Stadtbild“ passte, von seinen hochbezahlten Schlägertrupps (ICE) hetzen und jagen …und, und ..die Liste ließe sich beliebig verlängern. 

Gier nach autoritärer Machtfülle, persönliche Bereicherung und – diese dritte Element sollte nicht unterschätzt werden – das toxische Motiv der Rache : ein fataler Dreiklang, der in Verbindung  mit seiner a-social media Präsenz (100 Mio. Follower bei X), 10 Mio. auf seiner eigenen Platform True Social, dem größten Megafon der Welt, die Welt auf den Kopf stellen kann. Täter werden zu Helden, Freunde zu Feinden, Kritiker, Demokraten, Intellektuelle zu Staatsfeinden. 

Autokraten kommen nicht aus dem Nichts und sind nicht oder nicht nur ein indiuvidualpsycho -pathologisches Phänomen.  Sie haben

1 eine gleichgeschaltete, nicht minder radikale Entourage: in diesem Fall die Trias Hegseth –  Rubio – Vance 

Besonders auf Letzteren ist zu achten, denn er stand einer ganzen Gruppe brandgefährlicher Vordenker nahe.

2 Von ihnen, aus einem Pool externer „Philosophien“, kommen die theoretischen Brandsätze gegen die Demokratien. Der vielleicht bekannteste, mit Vance in direktem Kontakt stehende, ist der Blogger Curtis Yarvin. 

Er kreierte die Idee eines „Dark Enlightenment“ als  antidemokratische, antiegalitärereaktionäre Doktrin. Die Ideologie lehnt im Allgemeinen die Auffassung ab, dass die Geschichte eine unvermeidliche Entwicklung hin zu größerer Freiheit und Aufklärung zeige, die in einer liberalen Demokratie bzw. konstitutionellen Monarchie gipfeln würde. Sie plädiert stattdessen für eine Rückkehr zu traditionellen gesellschaftlichen Konstrukten und Regierungsformen, einschließlich des absoluten Monarchismus und anderer archaischer Führungsformen. So soll laut Vorstellungen der Neoreaktionäre der bestehende Staat in eine private Aktiengesellschaft umgewandelt werden, dessen Geschäftsführer uneingeschränkt regieren können soll. Die Bewegung lehnt Gleichheit als politisches Ziel ab.Zu den weiteren Schwerpunkten der Neoreaktion gehören häufig eine Idealisierung der körperlichen Fitness, eine rationalistische oder utilitaristische Rechtfertigung der sozialen Schichtung auf der Grundlage von Intelligenz, die entweder auf Vererbung oder Leistungsprinzipien beruht, ein Bekenntnis zu klassischen oder objektivistischen Philosophien und zu traditionellen Geschlechterrollen.  2000 Jahre europäischen Geistesgeschichte – ausradiert. 

Und genau dies sieht man jetzt umgesetzt. Hauptdarsteller: Donald Trump. Nach dessen Wiederwahl sahen die NRx Leute (Thiel, St., Bannon…..) ihre Stunde gekommen, die Silicon-Valley-Diktatur konnte kommen: damit das Ende der liberalen Eliten zugunsten eines neuen, faschistoid grundierten Caesarismus. 

All dies freilich würde nicht hinreichen, um den überwältigenden Erfolg dieser Methode zu erklären. Ein Erfolg, der darin besteht, die eigene, bisweilen ernüchternde 

Lebenserfahrung abzuschalten und die exzentrische Fremderfahrung eines vertrauensunwürdigen Führers blind zu übernehmen.  

Schwelender Unmut findet plötzlich seinen Grund.

Aus Unbehagen wird zielgerichtete Aggression.  

Aus befreundeten werden feindliche Wesen. Aus Krieg wird Frieden. Wir fühlen uns erinnert. An:

ein uraltes Buch von 1949: Orwells 1984. Es schildert die strategische Auslösung des bis dahin feierten „europäischen Individuums“: 

„…Doch es war nutzlos, er hatte keine Erinnerung; nichts war von seiner Kindheit geblieben außer einer Folge greller Bilder ohne Hintergrund, die meist unverständlich waren.

Das Ministerium für Wahrheit – Miniwahr auf Neusprech – hob sich von allen anderen Objekten in Sichtweite auffällig ab.

Man konnte die in schöner Schrift auf die weiße Fassade gemeißelten drei Maximen der Partei lesen:

KRIEG IST FRIEDEN

FREIHEIT IST SKLAVEREI

UNKENNTNIS IST STÄRKE

Das Ministerium für Wahrheit, so hieß es, umfasste dreitausend Räume oberhalb der Erde und war unterirdisch noch einmal entsprechend weit verzweigt. 

Neusprech war die Amtssprache. 

Die Frage: Sind wir bereits mittendrin? Sind wir auf dem Weg, zu stummen Bewohnern eines in Realität überführten SF-Romans zu werden – ohne es zu bemerken? Somatisierte Nachtwandler – oder gibt es noch Hoffnung, uns dazu zu bringen, effizientere Strategien des Widerstands im Sinne eines Bright Enlightenment zu entwickeln?  – eine Solidargemeinschaft der Gefährdeten – eine Schulung aller Sensorien kritischer Wahrnehmung – und eine kompromisslose Schulung in Richtung einer Ästhetik der Wahrnehmung von Unterschieden. So wie Amerika von seiner dark side befreit werden muss, muss auch Europa wieder zu sich selbst finden!

Dazu mehr am 1.3. 

Jw

Genauso wie über die Frage: Wo beginnt der Übergriff auf das eigenen Denken? 

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