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  • Otello (Staatoper Stuttgart, Juni 2025)

    Foto: Staatsoper Stuttgart. OTELLO_Marco Berti (Otello)_ Daniel MirosƂaw (Jago)_2025

    Großer Jubel, EntzĂŒckensschreie, fast standing ovations in Stuttgart. Ganz offenbar berauschte man sich – zu Recht – am wuchtigen, temporeichen Dirigat von Stefano Montanari, an der Durchschlagskraft des metallisch glĂ€nzenden Tenors in der Rolle des Otello, Marco Berti, an der warmen, intensiven Stimme der Desdemona, Esther Dierkes. Der BĂŒhnenregie von Silvia Casta kann der emotionale Ausbruch beim besten Willen nicht gegolten haben – gleichwohl sich die Regisseurin die allergrĂ¶ĂŸte MĂŒhe gab, das irrwitzige GefĂŒhlsgeflecht dieser Oper systematisch zu ordnen.  Am Ende freilich stellt sich die Frage, ob man dieser Überflutung aus Liebe, Leidenschaft, Passion, Intrige, Rachsucht, Eifersucht und religiösem Wahn wirklich nĂ€herkommt, wenn man das Ganze steril verpackt und in ein körperloses Schattentheater in Schwarz-weiß verwandelt. Zugegeben, das Spiel mit kontrastiven farblichen Überlappungen und Verschlingungen ist Ă€sthetisch reizvoll und stellenweise optisch fesselnd. Und genau hierin, in dieser laborartigen Stilisierung liegt das zentrale Problem dieser gleichsam in Segmente zerlegten AuffĂŒhrung. Musik, Figuren, Videoinstallationen —alles geschieht fast voneinander separiert. 

    Am auffĂ€lligsten ist dies natĂŒrlich, was die FigurenfĂŒhrung betrifft, und hier wiederum ganz besonders das VerhĂ€ltnis zwischen Desdemona und Othello. Zugegeben, es mag bisweilen wohltuend erscheinen, wenn man leidenschaftliche Zuwendung und glĂŒhenden Hass nicht allzu drastisch vergegenwĂ€rtigt und die SĂ€fte und KrĂ€fte förmlich bis ins Parkett spritzen. Aber der Grad an körperloser Distanz, der in Stuttgart zur Schau gestellt wird, ist so außergewöhnlich, gewöhnungsbedĂŒrftig und letztlich unproduktiv. Der Held und seine Desdemona stehen einander wie Gespenster ihre eigenen Lieben schwer verhĂŒllt und auf Sicherheitsabstand gegenĂŒber, bisweilen sogar jeder fĂŒr sich in Modulschachteln voneinander abgeschottet. So viel an geisterhafter, nahezu ideeller, gĂ€nzlich berĂŒhrungsfreier „Erscheinung“ steht in eklatantem Widerspruch zum eigentlichen, realen Geschehen: der irrwitzigen Leidenschaft, mit der sich eine Venezianische Tochter aus höchsten aristokratischen Kreisen in einen farbigen Migranten in Diensten der Republik verliebt. Genauer: sich in seine Legende, seine ErzĂ€hlungen von Leid, Tod, Schlachten, Siegen verliebt. Und umgekehrt: dem rasenden Begehren, das diese weiße engelhafte Erscheinung, eine Ikone der Reinheit und Schönheit in dem gedungenen Heroen aus Afrika auslöst. Da prallen Welten aufeinander – aber sie stehen nicht in ausgestanzten WetterhĂ€uschen der Leidenschaft reglos nebeneinander. Und genau das tun sie – geschlagene drei Stunden lang. 

    Wenn man diesen ganzen kulturellen, politischen, psychologischen Kontext ausklammert, spielt man an der eigentlichen Geschichte vorbei und zurĂŒck bleiben schöne farbliche Kontraste. 

    Aber halt, stimmt ja nicht: Das Politische findet ja durchaus statt: zwischen den Akten und auf großer Videoleinwand. Dort finden auch in Form diskreter Anspielungen Verweise auf historischen und gegenwĂ€rtigen Rassismus statt. Sozusagen abgekoppelt, ausgelagert vom BĂŒhnengeschehen. 

    Nicht nur die Liebe, auch der Tod, die empörende vorsĂ€tzliche Hinrichtung, Erdrosselung der völlig unschuldigen Desdemona durch ihren geliebten Othello, rasend vor synthetisch kreierter Eifersucht, findet ohne Beteiligung der Köper gleichsam in effigie statt. SpĂ€testens jetzt sollte der schöne Schein zerbrechen und der wahre Konflikt in seiner ganzen kruden BestialitĂ€t zum Vorschein kommen. Aber was geschieht: Othello zerknĂŒllt – in rasender Wut – diverse Kopfkissen, und die Erdrosselte zieht sich dezent ein Schleiertuch vor das Gesicht — tot. So viel Sterben in Schönheit kann doch nicht wahr sein. Und es ist nicht wahr. 

    Und aus all diesen GrĂŒnden kann der Applaus nur der Musik gegolten haben — die Regie hat davon allenfalls profitiert. 

    Cornelie Ueding

  • „Don Karlos“ (MĂŒnchner Volkstheater, MĂ€rz 2025)

    Ruth Bohsung, Max Poerting (c) Arno Declair

    Die Besprechung von Cornelie Ueding ist bei Deutschlandfunk Kultur nachzuhören:

    https://www.deutschlandfunk.de/don-karlos-christian-stueckl-inszeniert-schiller-am-muenchner-volkstheater-100.html

  • Georg Friedrich HĂ€ndel: „RINALDO“ (Fassung von 1731) bei den 47. Internationalen HĂ€ndel-Festspielen Karlsruhe

    Man kennt solche Fußballspiele, die ĂŒberhaupt erst in der zweiten Halbzeit so richtig Fahrt aufnehmen, wĂ€hrend sie zunĂ€chst eher dröge dahinplĂ€tschern. Von Theater und Oper kennt man dieses PhĂ€nomen eher seltener. Doch genau dies konnte man in der Karlsruher Oper im Rahmen der HĂ€ndelfestspiele erleben.

    Der erste und zweite Akt kamen schön bebildert, fast betulich daher
 Doch nach der Pause zĂŒndete Regisseur und BĂŒhnenbildner Hinrich Horstkotte, verstĂ€rkt von Rinaldo Alessandrinis einfĂŒhlsam dynamischem Dirigat, ein Feuerwerk der Phantasien und Inventionen, die das Haus zum Jubeln brachten. So dass sich geradezu eine Zweiteilung der AuffĂŒhrung um den tapferen Kreuzritter Rinaldo und seine Geliebte Almirena ergibt.

    Die Belagerung von Jerusalem befindet sich in einer kritischen Phase – es geht um nichts weniger als um den finalen Sieg. Die mĂ€chtige Zauberin Armida weiß um den Schwachpunkt des christlichen Herren: Ronaldos grenzenlose Liebe zu Almirena, der Tochter des HeerfĂŒhreres. EntfĂŒhrte man sie, so die finsteren PlĂ€ne der tĂŒckischen Zauberhexe und ihres Liebhabers, des sarazenischen Königs Argante, wĂŒrde man das christliche Heer entscheidend schwĂ€chen.

    ZunĂ€chst scheint der tĂŒckische Plan tatsĂ€chlich aufzugehen. Nach der EntfĂŒhrung Almirenas zieht sich Rinaldo zutiefst verstört und beunruhigt vom Kampfgeschehen zurĂŒck und widmet seine gesamte Kraft der Rettung der Geliebten mit allen Mitteln. Und als ob er diesen Sturmlauf der GefĂŒhle, den Kampf verzweifelter Liebe gegen intrigante Perfidie plastisch in Szene setzen wollte, beginnt in etwa ab diesem Moment die Inszenierung alle Register zu ziehen. Vorbei die lethargischen, bisweilen fast einschlĂ€fernden Klagelieder, und die gezierten Auf-und AbmĂ€rsche sarazenischer und christlicher Ritter — nun bricht Rinaldo wie ein neuer Don Quichote auf, um im Kampf gegen die MĂ€chte der Finsternis, die WindmĂŒhlen der Hexerei vehement zu Felde zu ziehen. Und alle spielen mit in diesem Kampf der szenischen Elemente, in der die BĂŒhne selbst zum Akteur wird: Die StĂŒhle eines virtuellen Parketts geraten in vibrierende Schwingungen, Meeresungeheuer tauchen zwischen den Sitzreihen auf und unter, VogelschwĂ€rme durchstreifen in wildem Aufruhr den nĂ€chtlichen Himmel. Und der Held hinkt auf KrĂŒcken, unterstĂŒtzt von einem greisen magischen Gegenzauberer, mehr oder weniger erfolgreich seiner Mission, der Rettung der geliebten Almirena hinterher..

    Doch lĂ€ngst hat die gewitzte Lady selbst die Initiative ĂŒbernommen: Sie betört ihren Bewacher, den alles andere als standfesten, etwas verkrĂŒppelt wirkenden Sarazenenherrscher, und lĂ€sst ihn nicht nur durch die Kraft ihrer Stimme dahinschmelzen. Was naturgemĂ€ĂŸ seine bisherige Geliebte, die dunkle Zauberin Amira, in Rage versetzt. WĂ€hrend nun das Intrigantenpaar sich fetzt, sich wieder „versöhnt“ und stĂŒrmt und im off buchstĂ€blich verkrĂŒmelt, feiert Almirena, dargestellt von der stimmlich wie körpersprachlich extrem geschmeidigen jungen Sopranistin Suzanne Jerosme, ihre Freiheit und – sich selbst. WĂ€hrend ihrer virtuosen Triumpharie turnt sie leichtfĂŒĂŸig ĂŒber den Orchestergraben ins Parkett, um sich punktgenau wieder auf die BĂŒhne zurĂŒckzuschwingen. Verdienter spontaner Applaus fĂŒr dieses BravourstĂŒck 
 wachsender Applaus aber auch fĂŒr die immer bewegter und hintergrĂŒndiger agierende Regieleistung. An deren Ende ein fast sinnlos abgekĂ€mpfter, lahmender, blutender und total zerfledderter „Held“ auf der BĂŒhne erscheint, eigentlich auf die BĂŒhne kriecht, wĂ€hrend seine Almirena dort bereits „Hof hĂ€lt“: und sich den zerlumpten Gesellen, der einmal ihr Ritter war, mit gezierten, graziösen Gesten und im eleganten RokokokostĂŒm – an das auf keinen Fall ein Blutspritzer kommen darf — auf Abstand hĂ€lt.

    Ein wunderbar raffiniertes Happy End, das dieses „bezaubernde“ Theater im Theater-Abend krönt.

    Cornelie Ueding

  • Claus Guths Interpretation von HĂ€ndels selten gespielter „Rodelinda, Regina de’ Longobardi“. Wuchtig und voluminös der andere: Verdis „Macbeth“, inszeniert von R.B. Schlather.

    Beide AuffĂŒhrungen sind, jedenfalls in dieser Spielzeit, nicht mehr zu sehen, beide sind auch musikalisch so großartig, dass jede Beschreibung davor erblasst – deshalb wende ich mich ĂŒberwiegend diesen Geisterstunden der GefĂŒhle zu 
…und zwar: gemischte GefĂŒhle in ihrer verdichteten Form.

    So könnte man diese beiden auf ihre jeweilige Art großen Abende der Frankfurter Oper ĂŒberschreiben.

    Filigran, doppelbödig und subtil der eine – Claus Guths Interpretation von HĂ€ndels selten gespielter „Rodelinda, Regina de’ Longobardi“. Wuchtig und voluminös der andere: Verdis „Macbeth“, inszeniert von R.B. Schlather.

    ZurĂŒck zur Thematik des Geisterhaften. Es ist kein oberflĂ€chlicher szenischer Gag, wenn gespenstische Riesenfratzen, bedrohlichund skurril zugleich, im Verlauf der Geschichte um die schwer geprĂŒfte Langobardenkönigin Rodelinda mehr und mehr die Szene bevölkern. Sie begleiten, umschleichen, provozieren die Akteure, verfremden und kommentieren deren albtraumartige Erfahrungen. Ein Doppelbödigkeit, die die Signatur dieser Inszenierung bildet, der dieser „Nachruf“ gewidmet ist:

    Ein irrtĂŒmlich totgeglaubter König, der seine ehemalige Frau verzweifelt sucht und zugleich aus strategischen GrĂŒnden meiden muss; Rodelinda, seine „Witwe“, die ihm bis zur Selbstvernichtung treu ist und dennoch in den Verdacht der Untreue gerĂ€t; Ihr Taubstummer Sohn jĂ€mmerlich eingekeilt zwischen groben Erwachsenen, die er dennoch gelegentlich mit kindlicher Schadenfreude zu parodieren und zu karikieren scheint.

    Zu all diesem Zwielichtigen gesellt sich noch Rodelindes bösartige, intrigante Rivalin, deren RachegelĂŒste im weiteren unvermittelt in Empathie fĂŒr die Figuren, die sie zuvor noch attackierte, umschlĂ€gt. So bleibt kaum ein Moment im Verlauf der ruppig-ungestĂŒmen Handlung, die stĂ€ndig zwischen Liebe, Hass, Macht und Eifersucht oszilliert, in dem die Figuren nicht von widersprĂŒchlichen Empfindungen heimgesucht und gequĂ€lt wĂŒrden. Selbst Ariberteo, der Rivale des scheinbar toten Gatten, entpuppt sich letztendlich als qualvoll Verliebter und nicht nur als der kaltherzige Sadist, der er zu Beginn zu sein scheint.

    Die in jeder Nuance durchdachte Doppelbödigkeit des Geschehens wird durch ein nicht minder stimmiges BĂŒhnenbild eindrucksvoll unterstĂŒtzt. Vorderfront und Innenleben des Palazzos werden durch geschickte Drehungen in ihrer WidersprĂŒchlichkeit sichtbar und transparent gemacht. Und ein kindlich gekritzeltes Gitterwerk der Knotenpunkte der Handlung verhindert den Zerfall des komplexen Gesamtkonstrukts. An seinem Ende bleiben zerstörte, ĂŒberforderte, zerbrochene Figuren am Boden liegend — die sich dann noch ein letztes Mal zu einem beschwingten FinaltĂ€nzchen animieren. Ende gut – aber bei weitem nicht alles gut. Das Happy End wirkt nach all den DemĂŒtigungen, UnterdrĂŒckungen wie aufgeklebt —und genau das soll es auch.

    Am Abend nach diesem Abgesang, diesem Fest der mikroskopisch feinen Risse im Nervengeflecht der TÀter wie der Opfer dominieren am Folgeabend bei Verdis MACBETH deutlich gröbere Töne.

    Nun kennt man Schlaughter als exzellenten Regisseur, der sich – nicht nur in Frankfurt – mit Ă€ußerst akribisch ausgearbeiteten, hintergrĂŒndigen Interpretationen von Barockopern einen Namen gemacht hat. QualitĂ€ten, auf deren Anwendungen er diesmal wohl bewusst verzichtete. Shakespeares Psychogramm von Machtrausch, Manipulation und erotischen VerfĂŒhrungskĂŒnsten verwandelt sich unter seiner Regie zu einer um einige Etagen tiefergelegten bunten Klamotte, die bisweilen eher an Offenbach als Verdi gemahnt: Lady Macbeth als Matrone in Filzpuschen, Macbeth in Tennishöschen, saturiert, ĂŒbergewichtig, fast gemĂŒtlich – so hat man das teuflische Mörderpaar selten gesehen. Dazu Zauberhexchen in FaschingskostĂŒmen und mit bunten HĂŒtchen. TĂ€nzelnd, wippend vor Dancing skeleton videos auf dem Monitor Hintergrund. Die Tatwaffe schnell aus der Geschirrablage gegriffen und ab die Post. Kein Hauch von ominöser EinflĂŒsterung, gar von erotischer VerfĂŒhrung, von Zaudern, Spannung, Thrill wie weiland bei Polanski. Falls es Schlater darum gegangen sein sollte, die banalste Form der „BanalitĂ€t des Bösen“ zu zeigen: diese Ziel hĂ€tte er im ersten Akt zu 100% erreicht.

    Im zweiten Akt gerinnt die so angerichtete BanalitĂ€t und wird als gesellschaftskritische Soße ĂŒber die ganze Gesellschaft geklatscht. Glitzernd gestimmte Prominenz unterm Weihnachtsbaum, die Dame des Hauses mittlerweile neureich herausgeputzt in einem gewaltig gerĂŒschten roten Kleid, das wie ein ĂŒberdimensionaler KaffeewĂ€rmer wirkt.

    Die Gesellschaft domestiziert, scheint sich mit dem neuen Herrscher so devot arrangiert zu haben wie wir das mittlerweile von Trump und seiner Entourage kennen. An dieser Stelle glaubt man endlich fĂŒr einen Moment so etwas wie ein schlĂŒssiges, kritisches Konzept des US Regisseurs erkennen zu können. Einziger Störfaktor Macbeth Halluzinationen – ein gesellschaftlicher Missklang.

    Freilich geht im 2. Teil dieser eher amĂŒsanten denn erschreckenden Shakespeare Revue die eben gewonnene Haltung im neuerlich veralberten Hexensabbat, diesmal in Abendrobe, unter. Bisweilen geschehen eher im Nebenher weitere Morde. Denn lĂ€ngst hat Macbeth seine Lektion gelernt und agiert in der Art eines skrupelfreien ProfigĂ€ngsters – noch immer und bis zum bitteren Ende im weißen Bademantel; und seine Frau nun eher als aufgedunsenes, schwĂ€chelndes IntrigenanhĂ€ngsel mit sich herumschleppend.

    Wir sind mittlerweile kurz vor dem Ende der flachbrĂŒstigen, etwas halbgaren Verdiparadie im Schongang. Geflacker, ein paar Verschwörer geistern irgendwie durchs GelĂ€nde — Schließlich wird der ÜbertĂ€ter von Macduff textkonform erwĂŒrgt.

    Nein, ich habe nicht polemisch ĂŒbertreiben: dieser szenisch kraftlose, musikalisch und stimmlich großartige Macbeth, hĂ€tte wahrlich eine Regie verdient, die das Mysterium der VerfĂŒhrbarkeit, das Rauschmittel Macht, die Kippstelle zwischen Vorsatz, Tat und SpĂ€tfolgen an irgendeiner Stelle ernst genommen hĂ€tte, spĂŒrbar gemacht hĂ€tte. So blieb dem Publikum nur die großartige musikalisch Leistung stĂŒrmisch zu bejubeln, wĂ€hrend der Mantel der Regie kraftlos um das Gerippe des Textes schlotterte.

    Cornelie Ueding

  • DIE FRAUEN VON TRACHIS (ZĂŒrich, 14.12.2024)

    Die Frauen von Trachis © Matthias Horn

    Exil, Emigration Heimatverlust, Krieg und Gewalt – das Thema verspricht eine allumfassende Frage nach der zerstörerischen Macht des patriarchalen Systems. Gerade weil Jossi Wieler und sein zum Teil ĂŒber Jahrzehnte eingespieltes Team offenbar dies alles programmatisch im Auge hatten, ist die Fallhöhe zu dem, was dann faktisch auf der BĂŒhne geschieht, besser gesagt nicht geschieht, so gewaltig groß.

    Die krude Geschichte, ein FrĂŒhwerk des Sophokles, ist schell erzĂ€hlt: Die ebenso kluge wie schöne Deianira, Gemahlin des Herakles, fĂŒhlt sich von ihrem Superhelden gĂ€nzlich vernachlĂ€ssigt. StĂ€ndig scheint er mit militĂ€rischen Aufgaben unterwegs.

    O-Ton (2) Wir zeugten Kinder
.in ihrem Dienst

    Schließlich endet seine letzte Mission in einem Fiasko. Die Idee, ein besonders schönes junges MĂ€dchen zu verschleppen und bei sich zu Hause zu implantieren, ist eine zu starke DemĂŒtigung fĂŒr seine Frau, die Rache fĂŒr seine Untreue nehmen will. Ihr Werkzug: ein magisches Gift, mit dem sie sein Hemd prĂ€pariert. Ein fatales Geschenk – Herakles Körper wird förmlich zerfressen – derart schmerzhaft, dass er seinen Sohn bittet, ihn lieber bei lebendigem Leibe zu verbrennen – wĂ€hrend die TĂ€terin Selbstmord verĂŒbt.

    Es mag ein dramaturgisch kluger Entschluss sein, viele dieser Grausamkeiten nicht zu zeigen, sondern nur anzudeuten bzw. von ihnen erzĂ€hlen zu lassen. Doch daß dieser psychologische und emotionale Reduktionismus so weit getrieben wird, dass man dem ganzen Geschehen ohne jede innere Bewegung folgt, ist freilich sehr problematisch. Das Verfahren, alle Beteiligten fast gĂ€nzlich voneinander separiert agieren zu lassen, sie gewissermaßen auf Abstand leiden zu lassen, fĂŒhrt jedenfalls dazu, dass die Zuschauer jedes tiefere Interesse verlieren und der gesamte Abend mehr oder weniger aseptisch im menschlich luftleeren Raum verlĂ€uft.

    Fast beilĂ€ufig berichtet Herakles von seinen Eskapaden. Sein Opfer klebt die gesamte Zeit ĂŒber wortlos und reglos an einer Wand, um, wenn’s brenzlich wird, stumm in einem Container zu verschwinden. Fast unmerklich vollzieht Deianira ihren Suizid, geht einfach ĂŒbergangslos ab. Zwischen den beiden Eheleuten gibt es selbst in dramatischen Momenten keinerlei Kontakt, keine BerĂŒhrung.

    Erkennbar sind die Kinder des Paares von dem allen ĂŒberfordert und geraten gelegentlich außer Rand und Band, lachen ĂŒbergangslos hysterisch oder schlagen Kapriolen. Wenn Herkules Sohn der Mutter mit schriller, brechender Stimme vom Leiden seines Vater berichtet, umarmt sie ihn fĂŒr einen flĂŒchtigen Moment. In solchen Augenblicken ahnt man, auf wieviel an dramatischer Power der Regisseur verzichtet hat.

    Die BĂŒhne bleibt zwar nicht stumm, aber sie wird resonanzlos, leblos.

    Ob die hochgelobte, historisch akribische NeuĂŒbersetzung des Textes dazu vielleicht sogar noch beigetragen hat? SIe fĂŒhrt jedenfalls ganz gewiß nicht dazu, den Text politisch zu aktivieren, Meinungen, Haltungen zu stimulieren. So stellt sich schlußendlich die Frage, wohin diese Reise der Frauen von Trachis nun eigentlich gehen soll? Ins ideologische und psychologische Abseits? In den Raum der historisierenden Rekonstruktion? In die KĂŒhltruhe der Philologie? Oder will man nur die innere Ratlosigkeit und Unverbundenheit der Figuren veranschaulichen. So wenn man am Ende fĂŒr einen Moment fast diesen Eindruck hat: Wenn der junge ratlos und achselzuckend zwischen der zukĂŒnftigen Leiche des Vaters und der schleichenden Bedrohung durch dessen stumme Geliebte steht. Alle anderen sind zu diesem Zeitpunkt lĂ€ngst wie leblose Spielpuppen in Containern oder in den SchubfĂ€chern des ĂŒberdimensionalen Biedermeierschrankes in der Mitte der BĂŒhne verschwunden. Mit ihnen leider auch die zumindest zu Beginn noch ansatzweise spĂŒrbare Empörung der Frauen.

    Cornelie Ueding

  • Franz Kafka: „Die Verwandlung“ (Schauspielhaus ZĂŒrich)

    Schauspielhaus ZĂŒrich: Die Verwandlung Âź Gina Folly

    Kafkas Text sei „ein komplexer Impulsgeber“ – eine Einladung zum Ungezieferwerden – rufe jedoch nie zum Abbilden auf, heißt es im Programmheft. Folgerichtig besteht das „BĂŒhnenbild“ von Zahava Rodrigos aus einem großen Wasserbecken im Zentrum des Spiel-Raumes; schrĂ€g drĂŒber liegt ein offenbar umgestĂŒrzter Baumstamm. Kein Ort nirgends – und offenbar doch der einzige Aufenthaltsraum fĂŒr die drei Figuren, zwei MĂ€nner, eine Frau, die nicht so recht wissen, was sie eigentlich tun sollen, können… 90 endlos scheinende Minuten lang.

    Dennoch belohnte am Ende frenetischer Jubel die Leistung des Ensembles um Regisseurin Leonie Böhm, das regelrecht gefeiert wurde. Zu recht. Mehr als eine Stunde im einem Becken mit kaltem trĂŒben Wasser herumzuplantschen, reinzuspringen, rauszurobben, unterzutauchen wieder aufzutauchen verdient Respekt.

    Gelegentlich durfte man die drei Akteuere, eine etwas blasse aber kesse junge Frau, ein krĂ€ftiges langhaariges Wesen im gelben Pulli und Kleid und einen schmalen, behenden Jungen im kurzen RĂŒschenröckchen auch auf der ĂŒberdimensionalen Wurzel balancieren sehen und sie rauf- und runterrutschend ob ihrer behenden Akrobatik bewundern. Dann aber wieder ab ins Wasser, um sich allein, zu zweit oder dritt zu suhlen – lustvoll oder qualvoll – wer mochte das entscheiden. Oder kleine Wasserschlachten vollziehen, einfach ins Wasser abtauchen und bisweilen beĂ€ngstigend lange ganz untertauchen.

    Und das ĂŒberwiegend junge Publikum reagierte auf jeden Mucks, auf jede gelungene oder tollpatschige Bewegung mit wonnevollem GelĂ€chter.

    NatĂŒrlich – man ist ja im Theater – gab es gelegentlich auch so etwas wie Sprache. Anfangs 20 lange Minuten, mit viel „hm“, „wolln wir“, „sollen wir“, „jetzt aber gleich“- GeplĂ€nkel, ob man ĂŒberhaupt fĂ€hig und Willens sei zu spielen. Dann, etwa in der gleichen witzelnd indifferenten Tonlage, philosophisch-therapeutisches Gemurmel ĂŒber die derzeitige innerliche Befindlichkeit, das Da-Sein an sich, TrĂŒbsinn und Weltschmerz.

    SpĂ€testens zu diesem Zeitpunkt hatte der naive Zuschauer lĂ€ngst die Hoffnung begraben, irgendwelche NĂ€he zu Kafka, bzw. zur Verwandlung zu erwarten. Was als „Nach“ Kafka angekĂŒndigt worden war, erwies sich als keckes „Statt“ Kafka. Also nichts von dessen Analyse systematischer Ausgrenzung, Isolation, Entmenschlichung, dafĂŒr eine Überdosis an wehleidigem Abtauchen, heulendem Elend am Beckenrand, abgebrochenen, undefinierbaren AnsĂ€tzen zu Rollenspielen – Vater – Kind 
 ab und zu, ein-, zweimal taucht ein Begriff von Kafka als verlorenes Einsprengsel auf. Das war’s. Halt nein, noch nicht ganz. Am Ende durfte man das Trio zu irgendeiner AufnahmeprĂŒfung in eine Anstalt antreten sehen. Domestizierung als Verwandlung?

    Um zwei Dinge noch klarzustellen. Shakespeare nach x, Aischylos nach y —man kennt diese Marotte. Mir persönlich ist aber kein zweiter Fall bekannt, bei dem Vorlage und Produkt so wenig miteinander zu tun haben – was freilich keinen einzigen der begeisterten Zuschauerinnen zu stören schien: im Gegenteil. JA: Im Gegenteil, denn fast schien man erleichtert, den ebenso bösartigen wie klarsichtigen Text Kafkas spielerisch losgeworden zu sein. Hauptsache, „die Wanne war voll“ und alle satt und sauber gebadet.

    Eine zweite – persönliche – Bemerkung: Ich gestehe, mich macht dieser stupende Erfolg, diese undefinierbare Heiterkeit in, bei und nach dieser AuffĂŒhrung stutzig. Nicht etwa nur, weil ich die Kluft zwischen „Kafka“ und dem, was hier geboten wurde, als extrem krass empfinde und die Verlinkung mit Kafka als etwas unredlich. Nein, vor allem deshalb, weil hier Öde, Ennui und Langeweile als Offenbarung erkannt wurden. Da war kein Biss, nicht der Hauch innerer Spannung, theatraler Dynamik. Kein Moment wirklichen Leidens, echter Freude der Figuren. All das hĂ€tte noch drei der vier Stunden so weiterplĂ€tschern können. Und genau das – dass sich eine Generation, zumindest an diesem Abend und fĂŒr einen Moment, in dieser frohgemuten Perspektivelosigkeit wieder zu erkennen schien, irritierte mich und tut es noch immer.

    Cornelie Ueding

  • Franz Kafka: „Amerika“ (Schauspielhaus Stuttgart, 18.05.2024)

    Schauspielhaus Stuttgart: „Amerika“ von Franz Kafka. Foto: Thomas Aurin

    In Sachen grotesker Überzeichnungen, absurder AlbtrĂ€ume, klaustrophobisch dĂŒsterer SchrĂ€glagen und aufgedrehtem Horrorklamauk ist der ungarische Regisseur Victor BodĂł wahrhaft einschlĂ€gig erfahren. Mit Kafkas Fragment gebliebenem Roman Amerika/Der Verschollene hat er eine fĂŒr ihn ideale Spielwiese gefunden, die er vom ersten Moment an auch genĂŒĂŸlich ausspielt. Wobei der Genuss freilich mehr auf Seiten der Regie, als der des Publikums liegt.

    Nicht, dass es an schrĂ€gen Momenten fehlen wĂŒrde. Wulstig auswattierte DickbĂ€uche und klischeehaft ausstaffierte Gangster, Halbweltdamen und Bedienstete bevölkern die BĂŒhne in Scharen Dennoch will sich keine rechte Spannung einstellen, was mit Sicherheit an einer in ihre eigenen Inventionen verliebten Regie liegt. Wenn von Beginn an praktisch jede der Figuren um den Verschollenen, den jungen Karl Rossmann, permanent in spastische Zuckungen, jĂ€mmerliche Erstarrung oder grimassierende Verrenkungen verfĂ€llt, beginnt das nach spĂ€testens einer Stunde schlicht zu langweilen. So reiht sich slapstick an slapstick und die verstörende Irrfahrt des Protagonisten gerĂ€t mehr und mehr zur Nebensache.

    Kafka selbst schildert mit akribischer, bewußt umstĂ€ndlicher Genauigkeit die allmĂ€hliche Verunsicherung des gutwilligen, schlaksigen jungen Mannes, der sich langsam mehr und mehr in den tĂŒckischen aber jeweils sehr plausibel wirkenden Maschen des ihm fremden Systems verfĂ€ngt. In Stuttgart wird daraus eine eindimensionale Abfolge von TiefschlĂ€gen, die wie aus dem Nichts auf den armen Karl einprasseln. Der Clou, dass da einer immer wieder sein Menschenmögliches versucht, um sich doch irgendwie gegen die krude RealitĂ€t zu behaupten, geht dadurch verloren. Aus einem stoischen Idealisten wird ein törichter BlindgĂ€nger.

    Immer wieder gibt es Momente, in denen aufscheint, was BodĂł aus dem Stoff hĂ€tte machen können. Etwa wenn die Verschwörung der Angestellten im Hotel „Occidental“ eine so gespenstische Dynamik annimmt, dass Karl sich im Reigen der DoppelgĂ€nger in gleicher KostĂŒmierung nahezu zu verlieren droht.

    Doch leider bleibt es bei einer Addition derartiger Momente und die mehr als zwei Stunden dehnen sich zu einem fast beliebigen Neben- und Nacheinander von monströsen Torturen.

    Schlimmer als dieses existentielle Manko ist der damit einhergehende Verlust an politischer Aussage. Die niedliche Klimbimschau nimmt dem brandaktuellen StĂŒck ĂŒber Exilerfahrung, Migration und Suche nach neuer IdentitĂ€t genau diesen aktuellen Bezug. Noch nicht einmal die fragwĂŒrdige Schlussutopie des „Naturtheaters von Oklahoma“, gibt dem StĂŒck jene Wende, die ihm Leben einhauchen könnte. Am Ende (wie bereits zu Beginn) landet man vor einer Registratur: Name, Vorname, Beruf
.

    So versickert die AuffĂŒhrung eher als dass sie pointiert endet. Erstaunlich – und sehr bedauerlich – in Anbetracht der Tatsache, dass Kafkas „Amerika“ ja vermutlich aus genau den GrĂŒnden politischer AktualitĂ€t gerade jetzt auf die BĂŒhne gebracht wurde.

    Cornelie Ueding

  • „Giulio Cesare in Egitto“. HĂ€ndel am 20.04.2024 (Oper Frankfurt)

    Copyright: Monika Rittershaus

    Geisterstunde nach der Schlacht. Zu Beginn erscheint alles wie in Zeitlupe: die Figuren bewegen sich wie in Trance, in erstarrten ritualisierten Bewegungen durch anonyme RĂ€ume. RĂ€ume der besonderen Art – eigentlich nur eine schmale Spur, ein fast unentrinnbares Nebeneinander gleitender, nach vorn offener karg ausgestatteter Zellen, auf der sich „das Handeln“ aller Figuren bewegt- eine Art Gefangenschaft in der jeweils eigenen Perspektive Eine ebenso seltene wie einleuchtende Übersetzung dessen, was man historische Notwendigkeit, ja: Schicksal nennt.

    Denn ob Kampf oder Sieg – der Spielraum ist und bleibt buchstĂ€blich schmal Das Aufeinandertreffen mit Feinden geschieht geradezu zwangslĂ€ufig: ob die hintere Begrenzung nun eine Wand mit oder ohne TĂŒr ist. Jeder/jede sieht nur Ihren Ausschnitt der Wirklichkeit – Der Überblick ĂŒber das Ganze fehlt – was in dieser Situation besonders fatal ist, denn jetzt am Ende des militĂ€rischen Sieges sind alle apathisch und angespannt zugleich. Sieger wie besiegte, Römer wie Ägypter. Jeder lauert auf den nĂ€chsten Schritt des anderen. CĂ€sar, der schockiert und verwirrt von seinem Triumph apoplektisch zu Boden fĂ€llt, der Hofstaat der Besiegten, die nicht wissen, wie sie mit den neuen MachtverhĂ€ltnissen, besser dem Machtvakuum umgehen sollen. Tolemeo, bisher König von Ägypten versucht sich dem neuen Herrscher opportunistisch anzudienen: in völliger Verkennung der Situation prĂ€sentiert er stolz den enthaupteten Rumpf eines römischen Gegenspielers des CĂ€sar. Doch statt des erhoffen Lob trifft ihn ein Fluch des in diesem Moment patriotisch denkenden Kaisers.

    Strategisch wesentlich geschickter geht seine Schwester, Cleopatra vor: als DienstmĂ€dchen verkleidet, versteht sie sie es, geschickt das erotische Interesse des kampferprobten Weltenbeherrschers zu erregen und diesen -innerhalb weniger Szenen- in einen pennĂ€lerhaft herumtĂ€nzelnden Clown zu verwandeln, der seinen schwĂ€rmerischen Liebesfantasien freien Lauf lĂ€ĂŸt. Einer der wenigen erheiternden Momente in dieser ansonsten strengen, ja gnadenlosen Choreographie der Macht, die sich unter der Regie von Nadja Loschky auf keinen modischen Schnickschnack (Wie etwa Cecilia Bartolis grandioser Salzburger Fehlgriff, die Cleopatra schick auf eine Rakete verfrachtete.) Nichts davon in Frankfurt.

    Anstelle aufwĂ€ndiger technischer Tricks und skurriler EinfĂ€lle tritt eine dramaturgisch virtuose Verspiegelung der Verwandlungs- und Zerfallsprozesse der involvierten Figuren. Cleopatra spielt die Verwandlung von der KĂŒchenhilfe zur Königin absolut ĂŒberzeugend, auch wenn sie nicht viel mehr als einen weißen Schleier braucht, wĂ€hrend CĂ€sar zwischenzeitlich als verliebter „Gockel“ Brilliert und amĂŒsiert.

    Die einzige, die sich in diesem antiken Intrigantenstadel nicht verwandelt, ist natĂŒrlich die Römerin Cornelia, die all das ĂŒber sich ergehen lassen muss, was die geschmeidig trickreiche Ägypterin elegant vermeidet. Anders als die wendige Cleopatra lĂ€ĂŸt sie alle Avancen und Martern an dich abgleiten – auch stimmlich gefasst und ohne falsche Arabesken . Wenn stoische Verzweiflung einen Klang hĂ€tte- Ihre Arien, die jeder Lieblichkeit entbehren, wĂ€ren es. Besonders im Zusammenspiel mit ihren schmĂ€chtigen Söhnchen, dem die Rolle des RĂ€chers alles andere als auf den Leib geschrieben ist- im Gegenteil, seinen entscheidenden Schlag gegen den brutalen Tolemeo, der bereits im Begriff ist, seine Mutter zu vergewaltigen, vollzieht er in geliehenen Klamotten, die ihm nur so ĂŒber die schmalen Glieder schlottern. Mehr noch – nach vollbrachter Rettungstat verfĂ€llt er nicht etwa in eine stolze Siegerpose, sondern bricht förmlich zusammen und torkelt orientierungslos durch den Raum. Der großen Tat, die er sich selbst auferlegt hatte, ist er psychisch letztlich noch nicht gewachsen.

    Es sind gerade diese Momente, in denen sich Figuren aus der HĂŒlle Ihrer IdentitĂ€t herausschĂ€len und etwas von sich preisgeben, von dem sie selbst nichts wussten. Jede Figur außer der stoischen Cornelie durchlebt diese Momente: Tolmeo, der mehr und mehr zum mörderisch- bedrohlichen Dandy mutiert und seine Opfer mit zynischer GleichgĂŒltigkeit traktiert. Cleopatra, deren routinierte VerfĂŒhrerinnenrolle im Angesicht der Palastrevolte um sie her kollabiert und in existenzielle Panik umschlĂ€gt. Und selbst CĂ€sar, der vom dominanten HeerfĂŒhrer zum „Schutzsuchenden“ wird. Es gehört zu den QualitĂ€ten dieser AuffĂŒhrung daß diese Auflösungs- oder Verwandlungsprozesse nicht nur verbal behauptet, sondern visuell konkretisiert werden: Alles gleitet kontrastiv wie in einem Dominospiel der Macht fast folgerichtig ineinander und das Fließband der Macht lĂ€uft weiter und weiter. Daß selbst der Ehe von CĂ€sar und Cl. Zu der es zwischen rauchenden TrĂŒmmern der zerschossenen Geisterstadt kein GlĂŒck auf Dauer beschieden sein wird, ahnt jeder in dieser brillant gedachten und gemachten Inszenierung spontan.

    Cornelie Ueding

  • „Don Carlos“ (Staatsoper Stuttgart)

    Copyright: Staatsoper Stuttgart. DON CARLOS: Olga Busuioc (Elisabeth von Valois), David Junghoon Kim (Don Carlos), Staatsopernchor; 2024

    Kettenreaktionen des Grauens – so könnte man den Verlauf dieser ebenso wuchtigen wie zerstörerischen Verdi-Oper umschreiben. Und in dieses Mahlwerk, diese tödliche Mechanik der Macht gerĂ€t ausgerechnet einer wie der junge Don Carlos: Gutwillig, unerfahren, voller Sehnsucht nach echten GefĂŒhlen und großer Liebe. Unterjocht von einem „Vater“, gegen den Kafkas sehr dominanter Vater harmlos erscheint. Herrscher ĂŒber das grĂ¶ĂŸte Imperium seiner Zeit – regiert von einem straff und rĂŒcksichtslos gefĂŒhrten Regime, das keinen Widerspruch, keine Toleranz, keine noch so geringen Freiheitsrechte kennt.

    Alles beginnt mit der Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Menschen. Don Carlos verliebt sich jedoch ausgerechnet in jene französische Prinzessin, die sein Vater wenig spĂ€ter zur Frau nehmen wird. Die angebetete Geliebte wird dadurch im Handumdrehen zu seiner „Mutter“. Jeder weitere AnnĂ€herungsversuch zu einem – Staatsverbrechen. Traumatischer kann man sich den Anfang einer jungen Liebe kaum vorstellen. Als dann noch sein Jugendfreund, der kampferprobte, idealistisch gesonnene Marquis Posa dazustĂ¶ĂŸt, bekommt die ohnehin mehr als angespannte Situation eine brandgefĂ€hrliche politische Dimension. Rebellion gegen das gesamte, fanatisch katholische Herrschaftssystem steht im Raum.

    Und nun beginnt das RĂ€derwerk der Macht sich zu drehen – konkret: die gewaltigen schwarzen WĂ€nde des BĂŒhnenraums – halb Seziermesser, halb Guillotine – kommen in bedrohliche Bewegung und die Menschen, die dazwischengeraten, voneinander abzuschneiden oder verschwinden zu lassen. Innerhalb kurzer Zeit geraten alle Figuren buchstĂ€blich an Rand ihrer Möglichkeiten: Don Carlos geistert an glatten WĂ€nden entlang und wird mehr und mehr zum Zuschauer seiner eigenen Geschichte. Marquis Posa dringt kĂŒhn in das innere Zentrum der Macht vor, kippt um und wird zu einer Art königlichem Spitzel. Elisabeth, die einstige Geliebte des jungen Don Carlos, wird vom System der Macht einfach entmĂŒndigt und kurzerhand absorbiert, verschluckt.

    Doch auch die MĂ€chtigen selbst bleiben in Lotte de Beer‘s genialer Regie vom Mahlwerk Macht nicht verschont: besonders der mĂ€chtigste Mann der Welt, Philipp II., der im Verlauf der Handlung zu einem HĂ€ufchen misstrauischem Elend verfĂ€llt: Opfer des rigorosen Überwachungs- und Bespitzelungssystems, das er selbst aufgebaut hat. Liegt doch ĂŒber dem gesamten Hof eine Art Generalverdacht – ein kleiner Schritt vom Weg, und man wird eliminiert. Eine Hofdame lĂ€sst ihre Herrin, Elisabeth, fĂŒr einen Moment allein. Der König bemerkt diese „Unachtsamkeit“: Sofortige Verbannung der TĂ€terin ist die Folge. Hinter dieser lĂ€hmenden drakonischen Observanz und der Pose des Law and Order Herrschers freilich verbergen sich – fĂŒr den Zuschauer erkennbar – verleugnete SchwĂ€chen und tiefgreifende Unsicherheit. Lotte de Beer zeigt dies anschaulich durch dezente aber in der Summe unĂŒbersehbare körperliche EinbrĂŒche in die starre OberflĂ€che: erst ein pompöser, bĂŒhnensprengender Auftritt und Aufmarsch vor Hof und Volk – dann eine jĂ€mmerlich-zerknautschte Schlafzimmerszene in Unterhosen nach dem Motto: „Ach, sie hat mich nie geliebt
“—-abrupt unterbrochen durch den leisen aber verstörenden Auftritt des Großinquisitors, vor dem der mĂ€chtige König nicht nur körperlich in die Knie geht. FĂŒr die Aussage, dass er auf der Suche nach einem „Menschen“ den Marquis von Posa – in den Augen der Inquisition ein HochverrĂ€ter – ins Vertrauen zog, hat der mĂ€chtige Inquisitor nur kalte Verachtung ĂŒbrig. Ein König hat sich keine „menschlichen“ SchwĂ€chen zu leisten.

    AllmĂ€hlich, ein genialer Regietrick, erlischt jede Helligkeit und jegliche AktivitĂ€t, ja: die Oper selbst verdĂ€mmert im Dunkel. Dagegen können auch die weißen Kleidchen der fröhlich tanzenden Kinder nichts, die zu Beginn des 2. Akts den unglĂŒcklich und unnĂŒtz herumschleichenden Don Carlos umhĂŒpfen und bespielen. Wenig spĂ€ter werden sich die UnschuldslĂ€mmer als eifrige Helfer der Inquisition erweisen – und die lieben Kleinen ĂŒben diese Rolle schon mal am Beispiel der Verbrennung einer Puppe spielerisch ein. In dieser Phase wagt das Orchester eine Art vorweggenommenen Ausflug in eine schmerzhaft grundierte AtonalitĂ€t, die so gar nicht zu den schmelzenden Arien und Duetten passt, den alle Akteure mit großer Bravour anrĂŒhrend prĂ€sentieren.

    Vielleicht wirken diese Arien, etwa die verzweifelt letzte Arie der Elisabeth, auch deshalb so stark, weil die stimmliche und melodische Brillanz der Musik auf eine abgrundtief zerstörerische und zerstörte Situation trifft.

    Alle Beteiligten sind nur mehr Schatten ihrer selbst. Und der Tod ist lĂ€ngst zu einer ersehnten Gewissheit geworden. Marquis Posa fĂ€llt durch einen Genickschuss. Sein vermeintliches Opfer fĂŒr den Prinzen erscheint in Anbetracht des desolaten und desillusionierten Zustands alles Akteure ebenso sinnlosCA wie das BemĂŒhen um Haltung, das Elisabeth und Carlos – beide nun strikt auf Abstand – zu zeigen versuchen.

    Denn am Ende werden – folgerichtig möchte man fast sagen – die letzten Reste des Widerstands von den Schwarzen Schergen und den nun gar nicht mehr fröhlichen Kindern kurz und schmerzhaft massakriert. Das Experiment Gedankenfreiheit fĂŒr Flandern ist gescheitert – nicht grandios, sondern erbĂ€rmlich. Die EindimensionalitĂ€t der jeweiligen Vorhaben/ PlĂ€ne/ Ideen/ Handlungsbereiche der MĂ€nner UND Frauen lĂ€sst es nicht zu, dass die Figuren, wenn sie in einem Bereich scheitern, andere Wege suchen.

    Bessere Zeiten werden als aufs Jenseits verschoben – in allen Bereichen und permanent. Auf Erden herrscht der Inquisitor!! Auf der BĂŒhne eine Art blinder Intrigenmechanik.

    Hochaktuell also war – und ist! – diese wieder aufgenommene, inzwischen fĂŒnf Jahre alte Inszenierung, jetzt unter der musikalischen Leitung von Valerio Galli.

    Und durchaus auch ein aktueller Weck-Ruf! Schon das (im Programmheft abgedruckten) GesprĂ€ch mit der Regisseurin thematisiert, dass die Figuren nicht mit Macht umgehen können, betont die GĂ€ngelung von oben: Carlos vom Vater –

    dieser vom Großinquisitor —die mutig von Marquis Posa geforderte „Gedankenfreiheit“ bleibt pure Illusion: BuchstĂ€blich alle unterliegen dem Gesetz einer Fremdsteuerung, die jede Eigeninitiative kontaminiert und damit aller Versuche eines Aufbegehrens, etwa nach der Wegnahme der Braut von Don Carlos durch seinen Vater buchstĂ€blich ins Leere einer öden BĂŒhne laufen lĂ€ĂŸt. Trotz – oder gerade wegen dieser kompromisslosen Tristesse ein erhellender Abend, weil er zeigt, wie stark die KrĂ€fte der kollektiven Vereinnahmung auf jeden einzelnen wirken.

    Cornelie Ueding

  • „Fidelio“ (Bayerische Staatsoper, MĂŒnchen)

    Fidelio 2024 | Musikalische Leitung: Constantin Trinks ©Wilfried Hösl

    Es gibt Werke, die nach Aktualisierung schreien. Die man regelrecht ins Hier und Jetzt zerren muss.

    Andere wie Fidelio sind so brandaktuell geblieben, dass sie uns förmlich anspringen, auch wenn sie 200 Jahre alt sind.

    Und es gibt Inszenierungen mit so kurzer Halbwertzeit, dass man ihnen ansieht, dass sie schnell gealtert und in die Jahre gekommen sind. Und dann wieder solche, wie die von Calixto Bieito, denen man ihr Alter von mehr als 10 Jahren nicht nur nicht ansieht, sondern die geradezu auf das aktuelle Tagesgeschehen ausgerichtet zu sein scheinen.

    Der MĂŒnchner Fidelio vereinigt beiden QualitĂ€ten in ĂŒberraschender, vielleicht sogar bestĂŒrzender Weise. SpĂ€testens wenn der als zynisch lĂ€ssiger Moderator auftretende Minister am Ende fast beilĂ€ufig den HĂ€ftling Floristan erst niederschießt, wenig spĂ€ter gönnerhaft spielerhaft feiert, kommt man auch ganz ohne ‚„aktualisierende“ KrĂŒcken nicht umhin, an den skrupellosen Umgang mit politischen Gefangenen heutzutage zu denken, gleich ob sie Nawalny oder Assange heißen.

    All diese politischen BezĂŒge stellen sich assoziativ ein, obwohl, vielleicht gerade weil es sich um eine Art der Regie handelt, der nichts plakativ Politisches anhaftet, sondern die von hoher Ă€sthetischen Verfremdungskraft getragen ist.

    Allein durch das zugleich feingliedrige wie bedrohliche BĂŒhnenbild (Rebecca Ringst) gerĂ€t der Zuschauer vom ersten Moment an in den Bann eines ebenso dĂŒsteren wie technokratisch kalten Hochsicherheitstrakts. Dreidimensionale turmhohe, labyrinthisch verschlungene StahlgerĂŒste lassen dem Einzelnen, dem Individuum, das in diese tödliche Strafmaschinerie gerĂ€t, keine Chance.

    Und alle, dies zeigt Bieito in beklemmender Art und Weise, sind hier gleichermaßen Opfer eines perfekten, perfiden Strafsystems. Nicht nur Fidelio. Auch seine Retterin Leonore, das Personal und die Familie der Wachmannschaft, der racheglĂŒhende und bosheitsprĂŒhende Pizarro und auch der alle Verstrickungen lösende Minister werden letztlich zu Agenten und Akteuren dieser stĂ€hlernen unentrinnbaren Strafkolonie. Aus dem sich alle, stĂ€ndig kletternd, klimmend, sich in schwindelerregende Höhe katapultierend, Salti-schlagend zu befreien versuchen, um sich wenig spĂ€ter wieder von der Gravitation der Gewalt eingeholt und eingesperrt zu finden. Selbst Teile des Orchesters spielen in KĂ€fige verfrachtet ihr tristes Requiem zu Ende.

    Dabei könnte der „Fidelio“ ja eigentlich eine der wenigen Opern sein, die – in dieser Hinsicht nur mit der „Zauberflöte“ zu vergleichen – in einem grandiosen Triumph der „Guten“ endet. Enden könnte. WĂ€re da nicht das eiserne System, die stĂ€hlerne Klammer der UnterdrĂŒckung, die eine Befreiung letztlich unmöglich macht. So stehen die Liebenden am Ende eher wie örtlich BetĂ€ubte nebeneinander – von Seligkeit kaum eine Spur. Und wenn dann der Minister, eine Mischung aus Clown und Todesengel, von der Loge herab auf die BĂŒhne kommt, kollabiert die Feierstimmung endgĂŒltig. Das Dirigat von Constantin Trinks passt sich diesen StimmungsabbrĂŒchen prĂ€zise an, alle pathetischen Aufwallungen brechen nach kurzen Momenten in sich zusammen und unterstreichen, dass man aus diesem GefĂ€ngnis niemals wird entweichen können. Katzenjammer und Traumatisierung statt jubelnder Extase. Von wegen : „es sucht der Bruder seine BrĂŒder“ — Bieito entlarvt die Doppelbödigkeit und Verlogenheit dieser aufgesetzten GlĂŒckshysterie (in der mittlerweile fast fĂŒnfzehn Jahre „alten“ und bestĂŒrzend aktuell gebliebenen Inszenierung) aufs radikalste. Und dieser Durchblick fĂŒhrt paradoxerweise nicht zu einer allgemeinen Frustration, sondern, im Gegenteil, zu einer gewissen Lust an kritischem Erkennen und Durchschauen der vergitterten Fassadenwirklichkeit. Ein durchaus Ă€sthetisches VergnĂŒgen – am schönen Schein wie auch am Zerplatzen der Illusion.

    Cornelie Ueding