

GroĂer Jubel, EntzĂŒckensschreie, fast standing ovations in Stuttgart. Ganz offenbar berauschte man sich – zu Recht – am wuchtigen, temporeichen Dirigat von Stefano Montanari, an der Durchschlagskraft des metallisch glĂ€nzenden Tenors in der Rolle des Otello, Marco Berti, an der warmen, intensiven Stimme der Desdemona, Esther Dierkes. Der BĂŒhnenregie von Silvia Casta kann der emotionale Ausbruch beim besten Willen nicht gegolten haben – gleichwohl sich die Regisseurin die allergröĂte MĂŒhe gab, das irrwitzige GefĂŒhlsgeflecht dieser Oper systematisch zu ordnen. Am Ende freilich stellt sich die Frage, ob man dieser Ăberflutung aus Liebe, Leidenschaft, Passion, Intrige, Rachsucht, Eifersucht und religiösem Wahn wirklich nĂ€herkommt, wenn man das Ganze steril verpackt und in ein körperloses Schattentheater in Schwarz-weiĂ verwandelt. Zugegeben, das Spiel mit kontrastiven farblichen Ăberlappungen und Verschlingungen ist Ă€sthetisch reizvoll und stellenweise optisch fesselnd. Und genau hierin, in dieser laborartigen Stilisierung liegt das zentrale Problem dieser gleichsam in Segmente zerlegten AuffĂŒhrung. Musik, Figuren, Videoinstallationen âalles geschieht fast voneinander separiert.
Am auffĂ€lligsten ist dies natĂŒrlich, was die FigurenfĂŒhrung betrifft, und hier wiederum ganz besonders das VerhĂ€ltnis zwischen Desdemona und Othello. Zugegeben, es mag bisweilen wohltuend erscheinen, wenn man leidenschaftliche Zuwendung und glĂŒhenden Hass nicht allzu drastisch vergegenwĂ€rtigt und die SĂ€fte und KrĂ€fte förmlich bis ins Parkett spritzen. Aber der Grad an körperloser Distanz, der in Stuttgart zur Schau gestellt wird, ist so auĂergewöhnlich, gewöhnungsbedĂŒrftig und letztlich unproduktiv. Der Held und seine Desdemona stehen einander wie Gespenster ihre eigenen Lieben schwer verhĂŒllt und auf Sicherheitsabstand gegenĂŒber, bisweilen sogar jeder fĂŒr sich in Modulschachteln voneinander abgeschottet. So viel an geisterhafter, nahezu ideeller, gĂ€nzlich berĂŒhrungsfreier âErscheinungâ steht in eklatantem Widerspruch zum eigentlichen, realen Geschehen: der irrwitzigen Leidenschaft, mit der sich eine Venezianische Tochter aus höchsten aristokratischen Kreisen in einen farbigen Migranten in Diensten der Republik verliebt. Genauer: sich in seine Legende, seine ErzĂ€hlungen von Leid, Tod, Schlachten, Siegen verliebt. Und umgekehrt: dem rasenden Begehren, das diese weiĂe engelhafte Erscheinung, eine Ikone der Reinheit und Schönheit in dem gedungenen Heroen aus Afrika auslöst. Da prallen Welten aufeinander – aber sie stehen nicht in ausgestanzten WetterhĂ€uschen der Leidenschaft reglos nebeneinander. Und genau das tun sie – geschlagene drei Stunden lang.
Wenn man diesen ganzen kulturellen, politischen, psychologischen Kontext ausklammert, spielt man an der eigentlichen Geschichte vorbei und zurĂŒck bleiben schöne farbliche Kontraste.
Aber halt, stimmt ja nicht: Das Politische findet ja durchaus statt: zwischen den Akten und auf groĂer Videoleinwand. Dort finden auch in Form diskreter Anspielungen Verweise auf historischen und gegenwĂ€rtigen Rassismus statt. Sozusagen abgekoppelt, ausgelagert vom BĂŒhnengeschehen.
Nicht nur die Liebe, auch der Tod, die empörende vorsĂ€tzliche Hinrichtung, Erdrosselung der völlig unschuldigen Desdemona durch ihren geliebten Othello, rasend vor synthetisch kreierter Eifersucht, findet ohne Beteiligung der Köper gleichsam in effigie statt. SpĂ€testens jetzt sollte der schöne Schein zerbrechen und der wahre Konflikt in seiner ganzen kruden BestialitĂ€t zum Vorschein kommen. Aber was geschieht: Othello zerknĂŒllt – in rasender Wut – diverse Kopfkissen, und die Erdrosselte zieht sich dezent ein Schleiertuch vor das Gesicht â tot. So viel Sterben in Schönheit kann doch nicht wahr sein. Und es ist nicht wahr.
Und aus all diesen GrĂŒnden kann der Applaus nur der Musik gegolten haben â die Regie hat davon allenfalls profitiert.
Cornelie Ueding






