
von Jürgen Wertheimer
Jeder Versuch, Europa im Eildurchgang in einen Wettlauf mit den großen, auch größenwahnsinnigen Systemen zu bringen, ist zum Scheitern verurteilt. Denn Europa ist ein Kunstprodukt, ein Artefakt, das angemessen behandelt werden muss. In den falschen Händen kann es im wahrsten Sinn zuBruch gehen. Und, ja, Europa ist eine Mimose, ein Hybrid – im Vergleich mit anderen Kulturen ist es viel filigraner, zerbrechlicher. Das ist nicht nur seine Schwäche, sondern auch seine Stärke.
Als Artefakt aus Gegensätzen, Ähnlichkeiten (auch trügerischen),Gemeinsamkeiten und Widersprüchen, Ambivalenzen und Affinitäten, Bindungs- und Auflösungstendenzen ist es ein labiles und zugleich seit mehr als 2000 Jahren bestehendes Gebilde. Stets im Zerfall und Aufbau zugleich begriffen.
Vereinigte Staaten von Europa – ein Widerspruch in sich selbst.
Europa der Vaterländer – eine Vision aus der Mottenkiste.
Das Band gemeinsamer europäischer Werte – pure Einbildung.
»Europa« hat immer dann am besten funktioniert, wenn man es verstand, eine gewisse artistische Balance zwischen Autonomie-Ansprüchen und Bindungs-Bedürfnissen zu halten. Bei der inneren Widersprüchlichkeit der Elemente, aus denen sich dieser Kontinent zusammensetzt, ist das alles andere als eine Selbstverständlichkeit.
Mein Buch Europa. Eine Geschichte seiner Kulturen unternimmt den Versuch, sich diesem verwirrenden Kontinent zu nähern und ihn in all seiner Widersprüchlichkeit zu erkunden. Erstaunliche Höhenflüge und verheerende Abstürze gehören ebenso dazu wie rabiate Ausbruchsversuche und engherziger Rückzug. Doch genau mit diesem doppeldeutigen, vielstimmigen, fragmentarischen, unvollständigen Europa, so wie es in den zweieinhalb Jahrtausenden seiner Existenz geworden ist, haben wir es zu tun. Die Vorstellung eines in sich geschlossenen Ganzen ist pure Illusion. Wir sollten uns mit dem Europa, wie es ist, anfreunden und das Beste daraus zu machen versuchen.
Europa IST eine Insel der Besonderheiten: ein Palimpsest aus Gedachtem, Gelesenem, Geschriebenem. Ein Patchwork aus Erinnerungen, Realitäten und Fiktionen. Wer einfache »Wahrheiten« sucht, sollte sich nicht mit Europa befassen.
Dieser Kontinent war über die Jahrhunderte hinweg etwas zwischen Melting Pot und bisweilen Hexenkessel – nie jedoch ein homogenes Gebilde mit »festen Außengrenzen«, wie sich das manche einreden.
Es ist an der Zeit, mit solchen ebenso antiquierten wie windschiefen Vorstellungen aufzuräumen, weil sie uns daran hindern, in der jetzigen labilen Situation die richtigen Antworten zu geben. Jedenfalls bessere als die der jetzigen EU, die den Beitritt weiterer Staaten weitgehend von ökonomischen Gegebenheiten abhängig macht, was viele der betroffenen Länder als eine Art Zwangsjacke empfinden. Nähme man den Faktor »Kultur« wirklich ernst, betrachtete man ihn nicht alsdekoratives oder pittoreskes Zubehör: man käme zu einer vollständig anderen Europa-Idee. Denn kulturelle und künstlerische Phänomene sind nicht der Appendix der sogenannten politischen oder sozialen Wirklichkeit, sondern ihr innerster Ausdruck. Sind Fingerabdruck, Signatur all dessen, was für eine Gesellschaft wirklich von Belang ist, dessen, was sich auf und hinter ihrer Oberfläche abspielt. Sind Frühwarnsystem und Rückschau in einem. Sind Indikatoren für all das, was uns zusammenhält, aber auch trennt. Wer ihre Signale ignoriert, verzichtet auf den vielleicht wichtigsten Indikator für Entscheidungsprozesse.
Wer das alte Europa neu denken will, sollte es verteidigen, nicht künstlich aufplustern.
Sollte seine Fähigkeit des kritischen Denkens fördern nicht abschaffen. Seine Virtuosität im Dialogisieren und Streiten nutzen. Seine Flexibilität, im Umgang mit Neuem bewundern.
Europa, das Europa, das wir wollen, ist eben gerade kein monolithischer Blockohne „Querschläger“, sondern ein vielstimmiger bunter Marktplatz der Möglichkeiten. In ein paar Jahren wird uns der Rest der großspurigen menschenverachtenden Welt um diese einzigartige plurikulturelle Biotop bewundern.

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