Autonomie und Koexistenz 

von Jürgen Wertheimer

24. April, 2025

Es gibt zur Zeit eine Art  politischer No Go Area, die durch Begriffe wie „Autonomie“ und „Neutralität“ abgesteckt wird. Wer es wagt, aus dem Gehege des politisch Sagbaren und Geduldeten auszubrechen, verurteilt sich selbst: Dilettantismus, Naivität, Realitätsferne sind noch die harmlosesten Vokabeln mit denen er bedacht wird.  Denn jetzt beherrschen gänzlich  andere Vorstellungen den Luftraum der Sprache:  Die Frage der „Kriegstüchtigkeit“ und die Sprache der  Stärke“,  das Zerlegen und Aufteilen der Welt in Konfliktfelder und  Grenzlinien hat Konjunktur. Man hat zu einem Block gehören. Dazwischen schafe Grenzlinien. 

Noch nie waren im Fernsehen soviel tarnfarbene outfits  und wuchtige Kampfstiefel zu sehen wie jetzt – es ist , als ob ganz Europa , die ganze Welt sich bereits jetzt aus den großen, totalen Krieg vorbereiten würde.   Jeden Zentimeter der eigenen Territoriums werde man verteidigen  heißt es nun bereits in NATO Kreisen, während Russland und die USA schamlos expandieren und annektieren.

  Unter den Sohlen der Soldatenstiefel werden alle Gedanken an andere Wege als die des bedingungslosen Kampfes förmlich zerrieben und als Zeichen der Schwächlichkeit,  Verweichlichung  und Realitätsferne abgetan.

Skeptiker gehen einen  Schritt weiter und schlußfolgern fragwürdigerweise ,  man würde sich  der Narration Putins, Trumps oder anderer  Despoten anschließen,  wenn man das Recht auf Autonomie, Souveränität einklagt. Genau das tun wir aber,  NICHT, wenn wir Neutralität für Länder wie die Ukraine, Jordanien oder Taiwan fordern. Wir akzeptieren damit, allenfalls, daß  es   im weitesten  Sinn Beziehungen , möglicherweise lockere , möglicherweise engere zum Umfeld dieser Länder gibt. Ohne daß sie zu diesen Ländern gehören,  noch weniger ihnen “gehören“.

Die Autonomie Skeptiker gehen noch einen Schritt weiter. In Ihren Augen begeht beitritt  bereits  derjenige der  etwa die Ukraine als tief gespaltenes Land darstellt, das besser  einen autonomen, neutralen Status haben sollte als feste Zugehörigkeit zur NATO oder EU, vermintes Terrain. 

Dabei  würde ein Blick in  in die Literatur dieser Region genügen , um zu sehen und zu verstehen, daß es sich um kulturelle Mischgebiete handelt, Im Fall der UKR gibt es tatsächlich eine ebenso  lange russisch-ukrainische  wie eine ukrainisch russische Vorgeschichte. Von der toxischen Intimität zwischen beiden Ländern weiß der Westen wenig. Entsprechendes wäre vom Verhältnis Taiwan : China zu sagen. Von Jordanien und seinen Nachbarn gar nicht zu reden.

Oder – um ein anscheinend harmloses  Beispiel zu nennen – von der Schweiz. Umgeben von drei Ländern, die sich auch nicht immer durch imperialistische Enthaltsamkeit auszeichneten  und zudem EU Mitglieder sind, gelang es mirakulöserweise dennoch den Status der Autonomie über Jahrhunderte hinweg aufrecht zu erhalten 

Eng verbunden damit ist die Idee der Koexistenz die ja nichts anderes beschreibt  als das gleichzeitige Vorhandensein verschiedener Systeme. Verstanden wird darunter oft das friedliche, aber unabhängige Nebeneinander zweier (mehrerer) Dinge. Die Spannweite der Optionen reicht von  der Idee friedlicher Koexistenz bis hin zur bloßen Duldung wie beispielsweise in der Phase des Kalten Krieges von 1962 bis 1979, während der die beiden Weltmächte kooperativer zusammenarbeiteten. 

Sicher kein Idealzustand, aber zumindest einer, der ein Minimum an Austausch ermöglicht und militärische Auseinandersetzungen verhindert. Aus dem selben Grund wurde übrigens seit Jahrzehnten ein sog. „Zwei Staaten“ Lösung für den andauernden Konflikt zischen Israel und den Palästinensern von der einen Seite geforderte, von den Hardlinern verworfen.

Im biologisch/ökonomischen Sinne ist eine Koexistenz zweier Arten nur dann möglich, wenn hinreichende  Ressourcen vorhanden sind und beide Arten verschiedene Affinitäten zu den jeweiligen Ressourcen aufweisen, also mit limitierten Ressourcen auskommen.

Jede Form der Koexistenz bewegt sich auf schmalem Grat, fast jederzeit absturzgefährdet und gerade deshalb aller denkbaren  diplomatischen und politischen Unterstützung bedürftig:

Einige Voraussetzungen  zu seiner Realisierung sind die folgenden sicher nicht spektakulären aber hilfreichen  Regeln.

  1. Wissen um die Bedürfnisse, Hoffnungen  der anderen Seite.
  2. Einsicht, dass die beiden Gruppen  um ihrer eigenen Interessen willen die Überzeugung der jeweils anderen Gruppe dulden wollen  – nicht mehr, nicht weniger.
  3. Ausbau und Ermöglichung verschiednerer Arten eines „kleinen Grenzverkehrs“ die der Steigerung des Lebensstandards dienen  und etwas Normalität in das angespannte Gefüge bringen können 

3.  Es wird, es muß sich herumsprechen, daß diese Art regionaler      Freihandelszonen sowohl dem betreffenden Land wie den Nachbarn ökonomische Vorteile bringt. 

  1. Systematisches Vermeiden von Begriffen und Aktionen, von denen man weiß, daß sie nur und ausschließlich der Demonstration eigener Dominanz dienen und die jeweils andere Seite provozieren müssen. 
  2. Dieser heikle Balanceakt erfordert Fingerspitzengefühl und guten Willen. Ist dieser nicht vorhanden oder wird er von Interessengruppen bewußt sabotiert, bedarf es des Einsatzes externer Kräfte- zumindest auf Zeit.

6.   Auf diese Art entstehen zwischen möglicherweise verfeindeten Staaten oder  Regimen Pufferzonen, was für beide Seiten – richtig kommuniziert   – von Vorteil ist. Das Beispiel der „Osterweiterung“ und ihrer Konsequenzen sollte uns eine Lehre  sein. Pufferzone, Drehscheibe , Scharnier – wie immer man es nennen möchte: neutrale Zonen müssen, will man  die Wahrscheinlichkeit  von Konflikten im Ansatz minimieren, systematisch etabliert werden. 

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