von Jürgen Wertheimer

Wenn Europa nicht endlich erwache und den Zustand seiner „geopolitischen Minderjährigkeit“ überwinde, werde es in fünf Jahren schlicht „weggefegt“.
Mit seinem markigen Appell steht der französische Präsidenten Macron derzeit gewiß nicht alleine da. Ein imaginiertes „Make Europe Great Again“ beherrscht allgemein den rhetorischen Luftraum politischer Reden, ob in Davos, auf der Münchner Sicherheitskonferenz oder in den alltäglichen politischen Niederungen. Nachdem man die Europäische Idee über lange Jahre hinweg in den Schrotmühlen der EU Bürokratie zerfallen und verkümmern ließ, wird sie nun hektisch aus dem Depot gezerrt und aufpoliert. Kaum ein überkommener Ladenhüter, der in diesen Tagen nicht als brandneue, kühne europäisch Vision präsentiert würde. Selbst die guten alten schon Hunderte Mal erwogene und gescheiterten „Vereinigten Staaten von Europa“ werden aus der Mottenkiste gezerrt.
Es ist fast komisch: noch nicht mal im Stande sein, den latent köchelnden Konflikt um das kleine Kosovo zu lösen – aber von „United States“ schwadronieren …
Wieder andere setzen auf die Wirtschaft. Kommen nach 20 glorreich verpennten Jahren der Bequemlichkeit nach dem Motto: Chips kaufen wir ein, drauf, daß man zur Not auch selber was produzieren könnte. Jugend forscht lässt grüßen.
Selbst die Idee des Monopolismus ist nicht vor Geistesblitzen sicher – ausgerechnet Monopole, Symbole für Machtmissbrauch und Ineffizienz sollen nun bei der Rettung Europas helfen. Manager europäischer Konzerne sehen im Projekt „Bromo“ den Beginn einer neuen Ära. Unter dem Namen „Projekt Bromo“ planen die drei Konzerne aus Frankreich, Deutschland und Italien die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens für die Satellitenherstellung. Damit wollen sie gegen Konkurrenten aus China und den USA wie etwa auch Elon Musks Starlink antreten. Ziel des Projekts sei die Gründung eines Unternehmens im Wert von zehn Milliarden Euro. Man darf aufatmen – endlich wird Größe numerisch erfaßbar und meßbar.
Und dann haben die Kinder eines neuen MEGA Europa natürlich einen dritten, vielleicht den größten Traum: den der militärischen Größe, einer gewaltigen europäischen Streitmacht. Jahrelang feilschte man um jeden Prozentpunkt weniger, den man in die Rüstung stecken wollte – jetzt sind die Pforten geöffnet und Hunderte von Milliarden fließen bedenkenlos in die Kassen der Konzerne. Kriegsszenarien werden wieder und wieder beschworen – Experten imaginieren russische, chinesische oder US Angriffspläne bereits nach dem Schema „Rot“ gegen „Blau“ und betteln förmlich um den nächsten Krieg. Dass man auf diese Weise überhaupt erst die Gefahr schafft, vor der man sich zu retten vorgibt, hat derzeit kaum einer auf dem Zettel.
Hölderlins tröstliches „Wo die Gefahr ist, kommt das Rettende auch“ pervertiert und reduziert sich auf ein martialisches „je größer die Gefahr umso besser die Rettung“.
So bemerkenswert all diese großdimensionierten Vorhaben sein mögen – einen Faktor , vielleicht den der Europa ausmacht ignorieren sie entschlossen — den der europäischen Kultur, der europäischen Kulturen. Man gibt zwar vor, ihn zu verteidigen – sei es am Hindukusch, sei es in der UKR. Realpolitisch indes spielt er keine nennenswerte Rolle. Andererseits wäre man gezwungen über verschiedene Dinge selbstkritisch, sehr selbstkritisch nachzudenken.
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