ein Artikel im Straubinger Tagblatt:
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Streiflicht – 20.2.2026
von Jürgen Wertheimer
Machen wir uns doch nichts vor:
Europa wird jetzt in der UKR genauso wenig wie seinerzeit am Hindukusch.
Es kann gar nicht verteidigt werden, denn es hat längst verloren.
Hören wir doch auf mit den großen Worten. Von wegen Zeitenwende und „Neustart“: Wie sind und bleiben weder Fisch noch Fleisch.
Weil wir den Aufstand immer nur proben.
Weil wir allenfalls reagieren, statt zu agieren.
Weil wie trotz Vorbehalten irgendwie mitmachen.
Weil wir Atomwaffen haben wollen und auch wieder nicht.
Weil wir misstrauisch und gutgläubig zugleich sind.
Beispiel Trumps Friedensrat.
Wir lehnen ihn einerseits ab. Konkurrenz zur UN. Anmaßung. Inakzeptabel. Und schicken zugleich hochrangige Beobachter hin. Einmal mehr: in der Rolle der Zaungäste.
Beispiel Gaza: Die Bundestagspräsidentin bringt sich in Stellung, posiert mit Schutzhelm flankiert von israelischen Soldaten . Fotoshooting, halbe Stunde – das war’s. Konkrete Mitwirkung bei Wiederaufbau: Fehlanzeige.
Beispiel Osteuropa : Nato Truppen spielen Krieg und werfen sich in Kampfmontur – pittoreske Manöver an der Ostsee, Kampf an vorderster Front – freilich nur als Planspiel rot gegen blau. Derweil trotz horrender Bezahlung die Kasernen der neu installierten Panzerbrigade in Litauen halb leer bleiben.
Beispiel Grönland: Deutsche Soldaten sind tatsächlich nur wenige Stunden nach Trumps aggressiver Ansage vor Ort – und ein paar Stunden später bereits wieder weg – mission completed.
Wenn wie nicht aufpassen, werden wir nicht nur Europa – sondern Weltmeister in der Disziplin Stippvisiten und praktizierte Halbherzigkeit.
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Streiflicht – 17.2.2026
von Jürgen Wertheimer

Ist dies schon Wahnsinn, hat es doch Methode.
Beobachtet man das gegenwärtige kriegssüchtige Gesamtszenarium – neuerdings erstreckt es sich bis hin zu Überlegungen letztlich doch „Die Bombe“, natürlich die A Bombe haben zu wollen – kommt man nicht umhin, an das alte, in einem sehr viel harmloseren Zusammenhang stehende Zitat aus Shakespeares Hamlet zu denken.
In der Tat, der neu entflammte Wahnsinn hat Methode. Und dieser Wahnsinn greift epidemisch um sich. In Deutschland hat die Diskussion unter vorgehaltener Hand letztlich bereits begonnen. Noch werden pro und contra nuklearer Teilhabe erwogen – ganz so als ob man erst dann richtig erwachsen wäre, wenn man die Bombe hat. Frankreich und England haben sie längst. Eben erfährt man, selbst Polen will sie – so Polens Präsident, der nun eigene Atomwaffen für sein Land erwägt, und damit einen Nerv trifft – so die Pressestimmen.
Die Ansteckungsgefahr für politischen Wahnwitz ist eminent. Dabei war man gedanklich 1964 schon sehr viel weiter. Stanley Kubicks satirischer Film Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (Originaltitel: Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb) schildert hinreißend, was geschehen könnte. Was Geisteskranke wie der US General Jack D. Ripper versuchen könnten, wenn sie erstmal im Besitz dieser Weltvernichtungswaffen sind. Ripper ist von einem sowjetischen Geheimplan überzeugt, dem er zuvorkommen will. Die Bomber sind kurz darauf bereits auf dem Weg in Richtung Russland und können nicht mehr zurückgerufen werden. Dem Präsidenten schlägt er daher vor, alle verfügbaren Atomwaffen gegen die Sowjetunion einzusetzen, um so den vollständigen Sieg zu erringen. Die eigenen Verluste könnte man so bei „akzeptablen“ 10 bis 20 Millionen Toten halten, was gegenüber 150 Millionen bei zögerlichem Handeln noch als Erfolg gewertet werden könnte.
Natürlich: nur eine wilde Phantasie, eine groteske satirische Überzeichung. Undenkbar in unserer von Experten durchorganisierten Welt.
Wirklich undenkbar?
Jedenfalls sollte man derzeit sehr zurückhaltender mit derartigen im Ernstfall für alle tödlichen Gedankenspielen umgehen!!
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Streiflicht – 16.2.2026
von Jürgen Wertheimer

Man kann es drehen wie man will: die krude Wahrheit ist doch: derzeit befinden sich zwei der größten Länder dieser Erde in der Geiselhaft von zwei jeweils auf ihre Art Wahnsinnigen mit beachtlicher krimineller Energie.
Ergo: die Menschen Russlands und der Vereinigten Staaten müssen sich von diesen Irrläufern der Politik befreien – je schneller desto besser. Es hat keinen Sinn mit diesen Leuten zu verhandeln. Man muß sie kaltstellen, bevor sie noch immer mehr Menschen ins Unglück stürzen!
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Streiflicht – 15.2.2026
von Jürgen Wertheimer
Ein Kind springt vom Zahnarztstuhl auf und rennt strahlend aufdie Mutter zu: “Mama, er hat überhaupt nicht gebohrt!“
Keine Kinder, gestandene Politiker reagierten auf der Münchner Sicherheitskonferenz so oder so ähnlich nach der Rede des US Vizepräsidenten Rubio.
Die Spannweite der Reaktionen reichte vom Gefühl allgemeiner Erleichterung bis hin zur Aussage: den Europäern, wörtlich „wäre ein Stein vom Herzen gefallen“. Die alte Verbundenheit und Freundschaft hätte allenfalls eine leichte „Delle“ bekommen…
Nach solchen intellektuellen Ausfällen kann man nur hoffen, daß uns nicht etwa ein Stein auf den Kopf gefallen ist. Es darf doch nicht wahr sein, daß sich gestandene Politiker, denen man sich ja wohl oder übel anvertrauen muß, derart leicht um den Finger wickeln lassen.
Nicht direkt beschimpft, sondern nur mit drohendem Unterton gemaßregelt zu werden reicht bereits aus, um uns in gehobene Stimmung zu versetzen? Europa jubelt bereits , wenn es keine Schläge unter die Gürtellinie bekommt. Falls es sich so verhält, hat man uns ja bereits genau da – wo man uns haben will. Als politische Topfpflanzen im Glashaus werden wir dem was auf uns zukommt nicht gewachsen sein. Immer nur kleine beigeben und von MEGA träumen – das geht gar nicht .
Rubio kann Trump zuhause frohe Kunde bringen: Go on, Donald: kein nennenswerter Widerstand. Oder in Trump Diktion: They have no balls!
Goodbye Europe!
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Europa

von Jürgen Wertheimer
Jeder Versuch, Europa im Eildurchgang in einen Wettlauf mit den großen, auch größenwahnsinnigen Systemen zu bringen, ist zum Scheitern verurteilt. Denn Europa ist ein Kunstprodukt, ein Artefakt, das angemessen behandelt werden muss. In den falschen Händen kann es im wahrsten Sinn zuBruch gehen. Und, ja, Europa ist eine Mimose, ein Hybrid – im Vergleich mit anderen Kulturen ist es viel filigraner, zerbrechlicher. Das ist nicht nur seine Schwäche, sondern auch seine Stärke.
Als Artefakt aus Gegensätzen, Ähnlichkeiten (auch trügerischen),Gemeinsamkeiten und Widersprüchen, Ambivalenzen und Affinitäten, Bindungs- und Auflösungstendenzen ist es ein labiles und zugleich seit mehr als 2000 Jahren bestehendes Gebilde. Stets im Zerfall und Aufbau zugleich begriffen.
Vereinigte Staaten von Europa – ein Widerspruch in sich selbst.
Europa der Vaterländer – eine Vision aus der Mottenkiste.
Das Band gemeinsamer europäischer Werte – pure Einbildung.
»Europa« hat immer dann am besten funktioniert, wenn man es verstand, eine gewisse artistische Balance zwischen Autonomie-Ansprüchen und Bindungs-Bedürfnissen zu halten. Bei der inneren Widersprüchlichkeit der Elemente, aus denen sich dieser Kontinent zusammensetzt, ist das alles andere als eine Selbstverständlichkeit.
Mein Buch Europa. Eine Geschichte seiner Kulturen unternimmt den Versuch, sich diesem verwirrenden Kontinent zu nähern und ihn in all seiner Widersprüchlichkeit zu erkunden. Erstaunliche Höhenflüge und verheerende Abstürze gehören ebenso dazu wie rabiate Ausbruchsversuche und engherziger Rückzug. Doch genau mit diesem doppeldeutigen, vielstimmigen, fragmentarischen, unvollständigen Europa, so wie es in den zweieinhalb Jahrtausenden seiner Existenz geworden ist, haben wir es zu tun. Die Vorstellung eines in sich geschlossenen Ganzen ist pure Illusion. Wir sollten uns mit dem Europa, wie es ist, anfreunden und das Beste daraus zu machen versuchen.
Europa IST eine Insel der Besonderheiten: ein Palimpsest aus Gedachtem, Gelesenem, Geschriebenem. Ein Patchwork aus Erinnerungen, Realitäten und Fiktionen. Wer einfache »Wahrheiten« sucht, sollte sich nicht mit Europa befassen.
Dieser Kontinent war über die Jahrhunderte hinweg etwas zwischen Melting Pot und bisweilen Hexenkessel – nie jedoch ein homogenes Gebilde mit »festen Außengrenzen«, wie sich das manche einreden.
Es ist an der Zeit, mit solchen ebenso antiquierten wie windschiefen Vorstellungen aufzuräumen, weil sie uns daran hindern, in der jetzigen labilen Situation die richtigen Antworten zu geben. Jedenfalls bessere als die der jetzigen EU, die den Beitritt weiterer Staaten weitgehend von ökonomischen Gegebenheiten abhängig macht, was viele der betroffenen Länder als eine Art Zwangsjacke empfinden. Nähme man den Faktor »Kultur« wirklich ernst, betrachtete man ihn nicht alsdekoratives oder pittoreskes Zubehör: man käme zu einer vollständig anderen Europa-Idee. Denn kulturelle und künstlerische Phänomene sind nicht der Appendix der sogenannten politischen oder sozialen Wirklichkeit, sondern ihr innerster Ausdruck. Sind Fingerabdruck, Signatur all dessen, was für eine Gesellschaft wirklich von Belang ist, dessen, was sich auf und hinter ihrer Oberfläche abspielt. Sind Frühwarnsystem und Rückschau in einem. Sind Indikatoren für all das, was uns zusammenhält, aber auch trennt. Wer ihre Signale ignoriert, verzichtet auf den vielleicht wichtigsten Indikator für Entscheidungsprozesse.
Wer das alte Europa neu denken will, sollte es verteidigen, nicht künstlich aufplustern.
Sollte seine Fähigkeit des kritischen Denkens fördern nicht abschaffen. Seine Virtuosität im Dialogisieren und Streiten nutzen. Seine Flexibilität, im Umgang mit Neuem bewundern.
Europa, das Europa, das wir wollen, ist eben gerade kein monolithischer Blockohne „Querschläger“, sondern ein vielstimmiger bunter Marktplatz der Möglichkeiten. In ein paar Jahren wird uns der Rest der großspurigen menschenverachtenden Welt um diese einzigartige plurikulturelle Biotop bewundern.

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KO EXISTENZ
von Jürgen Wertheimer

Koexistenz, meistens mit dem Zusatz „friedlich“ -das sagt sich so. Wirkt so selbstverständlich und banal. Und wird doch immer rarer – zumal in Zeiten, in denen ideologisch wie besessen nachgerüstet wird.
Sucht man nach Bildern, die das Prinzip darstellen, kommt meist was unverbindlich Symbolisches oder man landet im Tierreich – zur Zeit beim Thema Wolf und Mensch.
Mein Leitbild zum Thema, eines, das mich förmlich angesprungen hat, entstand ein paar Kilometer vor Amman, per Zufall beim Strassenbau gefunden. Ca. 10.000 Jahre alt. Wie bei allen vorgeschichtlichen Funden tendiert die Wissenschaft schnell dazu, spirituelle oder sakrale Bedeutung zu unterlegen. Die Statuen könnten Ahnen repräsentiert haben. Es könnte sich aber auch um mythologische Verkörperungen von Leben und Fruchtbarkeit handeln, usw.
Es könnte sich freilich auch um etwas ganz anderes handeln:
vielleicht um die Darstellung, die Beschwörung der Einheit von lauter Ähnlichen, aber nicht Identischen. Eigenständig und zusammengehörig zugleich.
Die Wiege der Weltreligionen stand gewiß im heiligen Land. Hier wurde der Vermischung der ideologische Gar ausgemacht. Israel first. Christen dagegen, Muslime vollendeten das Terzett.
Aber die Wiege der Ko Existenz, des Miteinander Auskommens stand zweifellos in Jordanien, diesem Konstrukt aus permanenten Grenzverschiebungen und Annexionen. Und sie steht dort noch immer.
Auf dem Gebiet des heutigen Königreich Jordanien östlich des Jordans lebten semitische Völker, Ammoniter, Moabiter und Assyrer, Babylonier, Perser. Mal hielt man zu Israel, mal war man dagegen, mal paktierte man mit den arabischen Ländern, dann wieder lag man mit Teilen davon im Clinch.
Aus Tausenden von Kämpfen, Siegen, Niederlagen, Verhandlungen, Kompromissen entstand allmählich dieses Gebilde zwischen allen Ländern mit all ihren Ansprüchen und Begehrlichkeiten. Ein Transitraum mit fester Kontur. Ein relativ kleiner Raum, der sich zur Schaltstelle, zur Drehscheibe zwischen den diversen Kulturen entwickelte, entwickeln könnte. Genau an der Schnittstelle zwischen den arabischen Ländern und Israel.
Auf der ersten Blick kann man erkennen:
Das Land befindet sich eigentlich in einer verheerenden Situation. Mit dem Rücken zur Wand. Und dennoch ist es ganz offenbar möglich einen labilen Zustand zwischen Krieg und Frieden zu halten.
Es gibt zur Zeit eine Art politischer No Go Area, die durch Begriffe wie „Autonomie“ und „Neutralität“ abgesteckt wird. Wer es wagt, aus dem Gehege des politisch Sagbaren und Geduldeten auszubrechen, verurteilt sich selbst: Dilettantismus, Naivität, Realitätsferne sind noch die harmlosesten Vokabeln mit denen er bedacht wird. Denn jetzt beherrschen gänzlich andere Vorstellungen den Luftraum der Sprache: Die Frage der „Kriegstüchtigkeit“ und die Sprache der Stärke“, das Zerlegen und Aufteilen der Welt in Konfliktfelder und Grenzlinien hat Konjunktur. Man hat zu einem Block gehören. Dazwischen scharfe Grenzlinien.
Noch nie waren im Fernsehen soviel tarnfarbene Outfits und wuchtige Kampfstiefel zu sehen wie jetzt – es ist, als ob ganz Europa, die ganze Welt sich bereits jetzt aus den großen, totalen Krieg vorbereiten würde. Jeden Zentimeter der eigenen Territoriums werde man verteidigen, heißt es nun bereits in NATO Kreisen, während Russland und die USA schamlos expandieren und annektieren.
Unter den Sohlen der Soldatenstiefel werden alle Gedanken an andere Wege als die des bedingungslosen Kampfes förmlich zerrieben und als Zeichen der Schwächlichkeit, Verweichlichung und Realitätsferne abgetan.
Skeptiker gehen einen Schritt weiter und schlußfolgern fragwürdigerweise, man würde sich der Narration Putins, Trumps oder anderer Despoten anschließen, wenn man das Recht auf Autonomie, Souveränität einklagt. Genau das tun wir aber NICHT, wenn wir Neutralität für Länder wie die Ukraine, Jordanien oder Taiwan fordern. Wir akzeptieren damit, allenfalls, daß es im weitesten Sinn Beziehungen, möglicherweise lockere, möglicherweise engere zum Umfeld dieser Länder gibt. Ohne daß sie zu diesen Ländern gehören, noch weniger ihnen “gehören“.
Die Autonomie Skeptiker gehen noch einen Schritt weiter. In Ihren Augen begeht beitritt bereits derjenige, der etwa die Ukraine als tief gespaltenes Land darstellt, das besser einen autonomen, neutralen Status haben sollte als feste Zugehörigkeit zur NATO oder EU, vermintes Terrain.
Dabei würde ein Blick in die Literatur dieser Region genügen , um zu sehen und zu verstehen, dass es sich um kulturelle Mischgebiete handelt. Im Fall der UKR gibt es tatsächlich eine ebenso lange russisch-ukrainische wie eine ukrainisch-russische Vorgeschichte. Von der toxischen Intimität zwischen beiden Ländern weiß der Westen wenig. Entsprechendes wäre vom Verhältnis Taiwan: China zu sagen. Von Jordanien und seinen Nachbarn gar nicht zu reden.
Oder – um ein anscheinend harmloses Beispiel zu nennen – von der Schweiz. Umgeben von drei Ländern, die sich auch nicht immer durch imperialistische Enthaltsamkeit auszeichneten und zudem EU Mitglieder sind, gelang es mirakulöserweise dennoch den Status der Autonomie über Jahrhunderte hinweg aufrecht zu erhalten
Eng verbunden damit ist die Idee der Koexistenz, die ja nichts anderes beschreibt als das gleichzeitige Vorhandensein verschiedener Systeme. Verstanden wird darunter oft das friedliche, aber unabhängige Nebeneinander zweier (mehrerer) Dinge. Die Spannweite der Optionen reicht von der Idee friedlicher Koexistenz bis hin zur bloßen Duldung wie beispielsweise in der Phase des Kalten Krieges von 1962 bis 1979, während der die beiden Weltmächte kooperativer zusammenarbeiteten.
Sicher kein Idealzustand, aber zumindest einer, der ein Minimum an Austausch ermöglicht und militärische Auseinandersetzungen verhindert. Aus dem selben Grund wurde übrigens seit Jahrzehnten ein sog. „Zwei Staaten“ Lösung für den andauernden Konflikt zischen Israel und den Palästinensern von der einen Seite geforderte, von den Hardlinern verworfen.
Im biologisch/ökonomischen Sinne ist eine Koexistenz zweier Arten nur dann möglich, wenn hinreichende Ressourcen vorhanden sind und beide Arten verschiedene Affinitäten zu den jeweiligen Ressourcen aufweisen, also mit limitierten Ressourcen auskommen.
Jede Form der Koexistenz bewegt sich auf schmalem Grat, fast jederzeit absturzgefährdet und gerade deshalb aller denkbaren diplomatischen und politischen Unterstützung bedürftig:
Einige Voraussetzungen zu seiner Realisierung sind die folgenden sicher nicht spektakulären aber hilfreichen Regeln.
- Wissen um die Bedürfnisse, Hoffnungen der anderen Seite.
- Einsicht, dass die beiden Gruppen um ihrer eigenen Interessen willen die Überzeugung der jeweils anderen Gruppe dulden wollen – nicht mehr, nicht weniger.
- Ausbau und Ermöglichung verschiednerer Arten eines „kleinen Grenzverkehrs“ die der Steigerung des Lebensstandards dienen und etwas Normalität in das angespannte Gefüge bringen können
- Es wird, es muß sich herumsprechen, daß diese Art regionaler Freihandelszonen sowohl dem betreffenden Land wie den Nachbarn ökonomische Vorteile bringt.
- Systematisches Vermeiden von Begriffen und Aktionen, von denen man weiß, daß sie nur und ausschließlich der Demonstration eigener Dominanz dienen und die jeweils andere Seite provozieren müssen.
- Dieser heikle Balanceakt erfordert Fingerspitzengefühl und guten Willen. Ist dieser nicht vorhanden oder wird er von Interessengruppen bewußt sabotiert, bedarf es des Einsatzes externer Kräfte- zumindest auf Zeit.
- Auf diese Art entstehen zwischen möglicherweise verfeindeten Staaten oder Regimen Pufferzonen, was für beide Seiten – richtig kommuniziert – von Vorteil ist. Das Beispiel der „Osterweiterung“ und ihrer Konsequenzen sollte uns eine Lehre sein. Pufferzone, Drehscheibe , Scharnier – wie immer man es nennen möchte: neutrale Zonen müssen, will man die Wahrscheinlichkeit von Konflikten ím Ansatz minimieren.
Der Staat Jordanien ist ein Produkt des frühen 20. Jahrhunderts, obwohl er auf einem der ältesten Besiedlungsgebiete der Menschheit liegt. Er entstand im Jahr 1923 – lange nach dem Erlöschen der Herrschaft des osmanischen Reichs, dem Erlöschen des englischen Mandats als politisches Gebilde auf dem Gebiet östlich des Jordanflusses, einer eminent wichtigen Grenze zwischen Jordanien und Zone C (Oslo: von Isr. verwaltetes Palästinensergebiet).
Tiefgläubige Menschen und die Unesco feiern diesen Ort noch immer als die Stelle an der Jesus getauft wurde, – als sakrales Gelände
Symbolisch ein hoch aufgeladener Platz – sehr geeignet als Ort für Andacht und medienwirksame Fotoshootings. Wie das zwischen Abdullah und Francesco. Wie jede Idylle ist auch diese trügerisch.
Auf der anderen Seite des Jordan, hinter dichten Schilfwäldern beginnt Zone C, die heiß umstrittene Westbank. Mit seinen Siedler Aktivitäten. – gegen die König Abdullah sein leben lang insistent und vergeblich kämpfte.
Nach dem 6 Tage Krieg flohen zahlreiche Palästinenser auf jordanisches Staatsgebiet. Von 1948 bis 1967 war das Westjordanland von Jordanien annektiert, bis es im Sechs-Tage-Krieg von Israel besetzt wurde 1988 gab der König seinen Gebietsanspruch als Reaktion auf die Annexion auf statt sich weiter zu verkämpfen.
Der Anteil palästinensisch-stämmiger Menschen an der Bevölkerung bewegt sich heute schätzungsweise bei etwa 40-50 Prozent. Die jordanisch-stämmige Minderheit ist privilegiert, diskriminiert aber teilweise Palästinenser in verschiedenen Bereichen. Neben überwiegend sunnitischen Muslimen lebt in Jordanien eine religiöse Minderheit von Christen. Außerdem finden sich ethnische Tschetschenen und Tscherkessen (ein Prozent), die in den 1880er Jahren eingewandert waren. Zudem zählen zahlreiche irakische und syrische Flüchtlinge sowie bereits in früheren Jahren eingewanderte Araber zur Bevölkerung, die sich auf ca. 9,5 Millionen beläuft, wovon ca. vier Millionen in der Hauptstadt Amman leben.
Der Monarch hat in der künstlich geschaffenen Nation eine einende, identitätsstiftende Funktion. König Hussein regierte das Land 46 Jahre lang, seit seinem Tod 1999 herrscht Abdallah II. Die königliche Familie führt ihre Abstammung auf die Familie des Propheten Muhammad, die Haschemiten, zurück. Dies ist eine Quelle religiöser Legitimation. Der Monarch ist aufgrund seiner Herkunft aus dem saudi-arabischen Hidschaz und somit als quasi Außenstehender in der Lage, die Rolle eines über allen Gruppierungen stehenden Schiedsrichters wahrzunehmen. Die Bevölkerung akzeptiert diese Funktion.
Als Antwort auf Umnruhen initiierte der König eine Öffnung des politischen Systems, berief das Parlament wieder ein und ließ 1989 erstmals wieder Wahlen abhalten. Dabei errangen Angehörige der zur Muslimbruderschaft gehörigen „Islamic Action Front“ (IAF) viele Mandate.
Die große Zahl syrischer Flüchtlinge im Land (rund 640.000 sind offiziell beim Flüchtlingshochkommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) registriert) sowie Jordaniens militärische Beteiligung an den Luftschlägen gegen den IS ziehen nun immense Finanzhilfen aus den USA nach sich.
Alles andere als einem heile Welt – im Gegenteil – es gibt kaum eine schwieriger Gemengelage, eine labilere Konstellation als des Balanceakt der Neutralität, des in between: Der Drehscheibe, de Puffers zwischen Systemen. Und dennoch es lohnt den Einsatz.
In Joseph Roths Radetzkymarsch ist es der Kaiser, das Bild des Kaisers, das die komplett Struktur der Doppelmonarchie zusammenhält, mit Ach und Krach zusammenhält – aber immerhin bis zum bitteren Ende. Eine Instanz, die viele Nationalismen, Radikalismen, Unzufriedenheiten, Rivalitäten moderiert.
Ich habe den Eindruck, in Jordanien verfügt die Instanz der. Monarchie über ein vergleichbares Mandat. Wenn ich sein Buch „Die letzte Chance“ lese, verstärkt sich dieses Gefühl. Keine Biographie, sondern ein Arbeitsbericht. Gegen verhärtete Ansichten : gegen Stereotypen – arabische Welt: der Westen.
Und wenn Klischees, dann kreative: „Man stellt sich eine Region vor, in der die oranisatorischen Führungsqualitäten Israels , das Know how how der Jordanier , der Unternehmergeist der Libanesen und die Bildung der Palästinenser gebündelt würden“.
Er ermutigt dazu die Dinge zu sehen, wie sie sind, sie zu Entmystifizieren, sie von Zuschreibungen zu lösen. Z. B. den Konflikt um Palästina schlicht als eine Auseinandersetzung zwischen jüdischen Immigranten und der einheimischen arabisch-palästinensischen Bevölkerung zu sehen und nicht: Als Ausdruck eines uralten Hasses zwischen Juden und Arabern.
Wenn man sich die Freiheit nimmt, nach konkreten Ursachen zu suchen, statt im archaischen Gefühlen zu stochern, ist breits viel gewonnen. Und das Jordanische System hat eine gewisse Tendenz zu dieser Grundhaltung: Deshalb hatte das Land seine Gegner nicht attackiert, sondern integriert. selbst die Hamas , die PLO andere radikalen Gruppen durften kandidieren. Mit der Strategie der limitierten Akzeptanz gelang es das Land bis zu einem gewissen Maß auf. Kurs , auf eigenem Kurs zu halten. Einen Kokon tau bilden mit transparenten Membranen nach allen Seiten.
Dennoch eine Haltung zu bewahren. Vater und Sohn haben in 40 Jahren Regierung zumindest 40 hochrangige Befriedungsmissionen durchgeführt —Ergebnis …. noch immer in der Schwebe. 1967..,.. 120. 93…. 2003….2009 eine Roadmap nach der anderen: Netanjahu jedoch lehnt einen Baustopp ab für sein Siedler ab. Trotz hochrangiger Versuche der Intervention: Obamas Eckpunkte: 23. September 2009:
“Enduring peace.I will also continue to seek a just and lasting peace between Israel, Palestine, and the Arab world. (Applause.) We will continue to work on that issue. Yesterday, I had a constructive meeting with Prime Minister Netanyahu and President Abbas. We have made some progress. Palestinians have strengthened their efforts on security. Israelis have facilitated greater freedom of movement for the Palestinians. As a result of these efforts on both sides, the economy in the West Bank has begun to grow. But more progress is needed. We continue to call on Palestinians to end incitement against Israel, and we continue to emphasize that America does not accept the legitimacy of continued Israeli settlements. (Applause.)The time has come — the time has come to re-launch negotiations without preconditions that address the permanent status issues: security for Israelis and Palestinians, borders, refugees, and Jerusalem. And the goal is clear: Two states living side by side in peace and security — a Jewish state of Israel, with true security for all Israelis; and a viable, independent Palestinian state with contiguous territory that ends the occupation that began in 1967, and realizes the potential of the Palestinian people.” (Applause.)
Seither entstehen immer nur Siedlungen , gestützt durch eine immer aggressivere Hetze. Dennoch Jordanien beharrt standhaft auf seinem Status Quo. Aus der Rede des Königs Abdullah vor der EU.
17. 6. Rede vor der EU:
“…the unthinkable to become routine? Permits weaponising famine against children? Normalises the targeting of health workers, journalists, and civilians seeking refuge in camps?
Twenty months. That should alarm us all. But not surprise us. Because when our global community fails to bridge the gap between principle and action, when values are not practiced, they become performative, abstract, and expendable.
We are at another defining crossroad in our history, one that demands a choice—power or principle, the rule of law or the rule of force, decline or renewal.
This is not just about Gaza. And it is not just another political moment. It is a struggle over who we are as a global community, and who we will become.
This year is likely to be a time of pivotal decisions for our entire world. Europe’s leadership will be vital in choosing the right course. And you can count on Jordan as your staunch partner.
There are two essential areas for action. First, is supporting development, because a thriving Middle East creates opportunities that benefit us all. But as we have seen time and again, that reality cuts both ways. When hope is diminished, the consequences ripple across borders.
Second, is strong, coordinated action to ensure global security.
Our mutual security won’t be assured until our global community acts, not only to end the three-year war in Ukraine, but also the world’s longest and most destructive flashpoint, the eight-decade-long Palestinian-Israeli conflict.
Because, my friends, Palestinians, like all people, deserve the rights to freedom, sovereignty, and, yes, statehood.”
Was heute in Gaza geschieht, verstößt gegen das Völkerrecht, gegen moralische Standards und gegen unsere gemeinsamen Werte. Und wir erleben eine Übertretung nach der anderen im Westjordanland, wobei sich die Lage von Tag zu Tag verschlimmert. Daran ändern auch symbolische Besuche deutscher PoliotikerInnen nichts.
Wenn unsere Weltgemeinschaft nicht entschlossen handelt, machen wir uns mitschuldig daran, dass neu definiert wird, was es bedeutet, Mensch zu sein. Denn wenn israelische Bulldozer weiterhin illegal palästinensische Häuser, Olivenhaine und Infrastruktur zerstören, werden sie auch die Leitplanken, die moralisches Verhalten definieren, niederreißen. Und jetzt, da Israel seine Offensive auf den Iran ausweitet, ist nicht abzusehen, wo die Grenzen dieses Schlachtfeldes enden werden.
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MEGA
von Jürgen Wertheimer

Wenn Europa nicht endlich erwache und den Zustand seiner „geopolitischen Minderjährigkeit“ überwinde, werde es in fünf Jahren schlicht „weggefegt“.
Mit seinem markigen Appell steht der französische Präsidenten Macron derzeit gewiß nicht alleine da. Ein imaginiertes „Make Europe Great Again“ beherrscht allgemein den rhetorischen Luftraum politischer Reden, ob in Davos, auf der Münchner Sicherheitskonferenz oder in den alltäglichen politischen Niederungen. Nachdem man die Europäische Idee über lange Jahre hinweg in den Schrotmühlen der EU Bürokratie zerfallen und verkümmern ließ, wird sie nun hektisch aus dem Depot gezerrt und aufpoliert. Kaum ein überkommener Ladenhüter, der in diesen Tagen nicht als brandneue, kühne europäisch Vision präsentiert würde. Selbst die guten alten schon Hunderte Mal erwogene und gescheiterten „Vereinigten Staaten von Europa“ werden aus der Mottenkiste gezerrt.
Es ist fast komisch: noch nicht mal im Stande sein, den latent köchelnden Konflikt um das kleine Kosovo zu lösen – aber von „United States“ schwadronieren …
Wieder andere setzen auf die Wirtschaft. Kommen nach 20 glorreich verpennten Jahren der Bequemlichkeit nach dem Motto: Chips kaufen wir ein, drauf, daß man zur Not auch selber was produzieren könnte. Jugend forscht lässt grüßen.
Selbst die Idee des Monopolismus ist nicht vor Geistesblitzen sicher – ausgerechnet Monopole, Symbole für Machtmissbrauch und Ineffizienz sollen nun bei der Rettung Europas helfen. Manager europäischer Konzerne sehen im Projekt „Bromo“ den Beginn einer neuen Ära. Unter dem Namen „Projekt Bromo“ planen die drei Konzerne aus Frankreich, Deutschland und Italien die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens für die Satellitenherstellung. Damit wollen sie gegen Konkurrenten aus China und den USA wie etwa auch Elon Musks Starlink antreten. Ziel des Projekts sei die Gründung eines Unternehmens im Wert von zehn Milliarden Euro. Man darf aufatmen – endlich wird Größe numerisch erfaßbar und meßbar.
Und dann haben die Kinder eines neuen MEGA Europa natürlich einen dritten, vielleicht den größten Traum: den der militärischen Größe, einer gewaltigen europäischen Streitmacht. Jahrelang feilschte man um jeden Prozentpunkt weniger, den man in die Rüstung stecken wollte – jetzt sind die Pforten geöffnet und Hunderte von Milliarden fließen bedenkenlos in die Kassen der Konzerne. Kriegsszenarien werden wieder und wieder beschworen – Experten imaginieren russische, chinesische oder US Angriffspläne bereits nach dem Schema „Rot“ gegen „Blau“ und betteln förmlich um den nächsten Krieg. Dass man auf diese Weise überhaupt erst die Gefahr schafft, vor der man sich zu retten vorgibt, hat derzeit kaum einer auf dem Zettel.
Hölderlins tröstliches „Wo die Gefahr ist, kommt das Rettende auch“ pervertiert und reduziert sich auf ein martialisches „je größer die Gefahr umso besser die Rettung“.
So bemerkenswert all diese großdimensionierten Vorhaben sein mögen – einen Faktor , vielleicht den der Europa ausmacht ignorieren sie entschlossen — den der europäischen Kultur, der europäischen Kulturen. Man gibt zwar vor, ihn zu verteidigen – sei es am Hindukusch, sei es in der UKR. Realpolitisch indes spielt er keine nennenswerte Rolle. Andererseits wäre man gezwungen über verschiedene Dinge selbstkritisch, sehr selbstkritisch nachzudenken.
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Europa nach dem Krieg
von Jürgen Wertheimer

Es ist höchst erstaunlich. Noch vor ein paar Tagen herrschte großes Rätselraten über die Pläne Putins. Jetzt schießen allenthalben Experten aus dem Boden, die allesamt behaupten, genau gewusst zu haben, was sich anbahnt.
Tatsache ist: Das Grübeln über verpasste Möglichkeiten und übersehene Vorzeichen hilft im Moment der Eskalation wenig und das gilt ebenso für Schuldzuweisungen jeder Art. Es ist trist genug, einmal mehr erlebt zu haben, dass die gewaltigen Datenmengen, die die Geheimdienste – Satelliten- und KI-gestützt – seit Monaten sammelten, im Grund nichts bewirkten. Jedenfalls den Westen nicht daran hinderten, sehenden Auges in jede der von einem gerissenen, strategisch eiskalt denkenden Usurpator aufgestellte Falle zu tappen.
Man fragt sich nach all dem, ob unser Werkzeugkasten an Prognose Tools möglicherweise doch nicht so komplett ist, wie wir glauben, ob wir nicht irgendetwas Wichtiges vergessen haben?
In der Tat, wir haben etwas vergessen: Den gesamten Chor der Cassandra-Stimmen aus dem Bereich der Kultur. So als ob die Stimmen von Musik und Theater, Film und Literatur nicht ständig Signale der Warnung senden würden. Als würden sie nicht entscheidende Informationen über die wirklichen Gefühle der Menschen, die an den Bruchzonen der Systeme leben, übermitteln und damit Hinweise auf die der Politik und Diplomatie oft unzugänglichen Sedimente der Mentalitäten geben. In seinem Roman „Moscoviada“ läßt Jurij Andruchowytsch seinen Kiewer Protagonisten Otto bereits vor 30 Jahren in die Ab- und Unterwelt des Sowjetsystems im wahrsten Sinne des Wortes eintauchen und letztlich auch in ihnen untergehen. Seine geplante Rückfahrt nach Kiew wird zu einem Menetekel, das die tragischen Entwicklungen der Gegenwart nahezu halluzinatorisch antizipiert.
An warnenden Stimmen hat es nie gefehlt. Aber man hat diese Stimmen überhört, obwohl, vielleicht, weil sie oft Jahre vor einer Eruption das Grollen im Untergrund hörbar, spürbar machen. Weil sie den Sound der Erregung, der Ängste, der Bedürfnisse der Menschen übermitteln. Weil sie zum Umdenken, zum Nachdenken, zum Handeln führen würden. Weil sie zur Erkenntnis führen würden, dass nicht die sogenannten „Fakten“, sondern „Fiktionen“unsere Wirklichkeit bestimmen.
So auch jetzt. Während die Experten aus Politik und Militär über den Ausgang des Krieges spekulieren, wäre es dringend geboten, sich bereits jetzt Gedanken über die Monate und Jahre danach zu machen. Und den fatalen Kreislauf des Wartens auf die nächste Finte des Kremlstrategen zu durchbrechen.
Ob Herta Müller oder Svetlana Alexijewitsch, ob Olga Tokarczuk, Serhij Zhadan oder Jurij Andruchowytsch – bei aller Unterschiedlichkeit der Positionen im Einzelnen: Alle stimmen in der Kernaussage überein, dass ihre Länder sich im Zustand heilloser innerer Gespaltenheit befinden. Selbst bei der extrem systemfeindlichen Svetlana Alexijewitsch gibt es Momente
einer fast nostalgisch getönten Erinnerung an die große sowjetische Zeit. Europa ist und bleibt für die allermeisten ein vager Hoffnungsschimmer, freilich vollgesogen mit enttäuschten Erwartungen.
Nach dem Krieg – wie immer er endet – wird die Orientierungslosigkeit, werden die inneren Widerstände und Widersprüche nur noch mehr an die Oberfläche treten. Es wird mit
Sicherheit keinen Zeit der eindeutigen Zuordnungen sein. Wer immer dann an den Verhandlungstischen sitzt, um an einer neuen Friedensordnung zu basteln, wäre gut beraten, wenn er/sie folgende indirekten „Einflüsterungen“ der Kulturschaffenden ins Kalkül ziehen würde.1. Wir müssen den Umgang mit hybriden Realitäten lernen. Die meisten Länder Osteuropas, ob Estland, Lettland, Litauen, die Ukraine, Polen oder Moldavien leben seit Jahrzehnten, häufig seit Jahrhunderten, im Zustand tiefer, innerer Gespaltenheit. Oft nur unterschwellig – aber im Spiegel der Künste erkennbar.
In „Jakobsbüchern“ (2014) zeigt Olga Tokarczuk sieben Grenzen, fünf Sprachen und drei große Religionen vermeintlich unter dem Zeichen eines Landes vereint. Diese Vereinigung trügt. Solche Vorstellungen gründen auf Mythen, gewollten Falschvorstellungen. Dagegen geht Jacek Dehnel in „Mutter Makryna“ (2014) vor, entlarvt den polnischen Messianismus, Patriotismus, das Heimatbewusstsein und das Märtyrertum. Ebenfalls im Jahr 2014 stellt Szczepan Twardoch in „Drach“ die Trennlinien zwischen Polen, Deutschen, Juden, Schlesiern und Schlesien dar. Über polnische xenophobische Identität schreibt Dorota Masłowska in
„Schneeweiß und Russenrot“ (2004), was im Original „Der polnisch-russische Krieg“ heißt. Der Krieg wird in der Sprache permanent geführt – in einer verhassten und gewaltgeladenen Sprache.
Auch unter der Illusion temporärer Zugehörigkeit zu der einen oder anderen Seite schwelen Konflikte weiter. Es macht deshalb keinen Sinn, auf eindeutige Zugehörigkeit zu pochen, wenn Patchwork-Identitäten die Signatur der Wirklichkeit darstellen. Hybride Realitäten bauchen hybride politische Antworten und Strukturen. Jetzt wie die EU zu sagen „wir wollen Euch drin“ bzw „ihr müßt noch warten“ ist die größtmögliche strategische
ngeschicklichkeit. Zu den zuckersüßen Worten äußert sich Wladimir Sorokin in „Der Zuckerkreml“ (2010), wo mit Lügen und Ungereimtheiten, mit den süßen Kremelfiguren, die Menschen über Missstände hinweggetäuscht werden.
2. Wir müssen Europa zu einem Kontinent der Ambiguitäten umbauen. Ob wir es wollen oder nicht, ein Gürtel „Neutraler Zonen“ zwischen den östlichen und westlichen Teilen Europas, also Russlands und Kerneuropas, muss ernsthaft angedacht werden. Neutralität ist dabei nicht mit Schwäche gleichzusetzen, sondern entspricht dem Status eines Privilegs. Die erwähnten Länder fungieren gleichsam als Scharniere, die Europa zusammenhalten. Als Brücken und Transiträume zwischen den Systemen. Offen nach beiden Seiten, geschützt von beiden Seiten.
Die Idee der Brücke zwischen dem Westen und dem Osten verfolgt Andrzej Stasiuk in dem Entwurf von Einheit der Regionen, die süd-östlich von Polen liegen.
3. Wir müssen es lernen, Europa als bewegliches, fluide System zu begreifen. Europa hat immer am besten als offenes System funktioniert. Eingezwängt in starre, strikt voneinander separierte Zonen und getrennt durch scharfe Grenzen, kommt es fast zwangsläufig zum Aufstauen und zur Blockade kultureller Energien. Kultur beweist permanent, dass es auch anders geht: Vielstimmigkeit, Unterschiedlichkeit, trügerische Ähnlichkeiten und scheinbare Unvereinbarkeiten gehören zu ihrer Grundlage. Transkultureller Austausch darf nicht nur auf den Feldern von Kunst und Kultur stattfinden – er muss in einem überlebensfähigen, auf Heterogenität fussenden Europa zur Grundlage auch der politischen Agenda werden. Was passiert, wenn anders gedacht wird, steht in Vladimir Sorokins „Manaraga“ (2017): Europa zerfällt in kleine Einheiten: Republiken, Diktaturen, Monarchien und Bücher ersetzen Holzkohle.4. Wir müssen es lernen, Europa von seinen Rändern her zu ordnen und zu verstehen. Und seine unterschiedlichen Narrationen und Stimmungen dort ernst zu nehmen. Julia Kissina zeigt in „Elephantinas Moskauer Jahre“ (2016), dass Prägungen und Mentalitäten, wie der russische „Kosmopolitismus“ von früher an ihrer Aktualität nichts verlieren und die Gegenwart prägen.
Von dem nicht enden wollenden Kriegen und Bürgerbewegungen am Rande Europas (Berg Karabach) schreibt Olga Grjasnowa in „Der Russe ist einer, der Birken liebt“.
Nur wenn es uns gelingt, den baltisch-osteuropäischen wie den Balkanraum, aber auch die Regionen Nordafrikas und des Mittelmeerraums so zu integrieren, dass ihre Autonomie und Eigenständigkeit gewahrt bleibt, wird es gelingen, Konfliktpotential zu absorbieren und entstehende Spannungen im Vorfeld abzufangen. Dazu bedarf es keiner Grenzzäune, sondern intelligent angelegter Grenzräume und nicht nur hektischer Aufrüstung – deren Umsetzung Jahre dauert – , sondern das Leben der Menschen verbessernder, großzügig angelegter Freihandelszonen. Die Kehrseite dessen schildert Vladimir Sorokin in „Der Tag des Opritschniks“ (2006),:2027 regiert ein Handlanger der Macht, die „russische Bärin“ ist wach und gefährlich. Auch in Viktor Jerofejews „Enzyklopädie der russischen Seele“ (2021) sucht das zerrissene Russland nach einer mythischen Figur: dem Grauen, um wieder zu einer Großmacht zu werden. Von der Verführbarkeit des Menschen, wenn die Gier nach Macht zum stärksten Motiv seines Handelns wird, erzählt Viktor Martinowitsch in „Revolution“ (2021).Es wäre schön, wenn dieses „modest proposal“ Eingang in das Denken der Entscheidungsträger finden könnte.
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Autonomie und Koexistenz
von Jürgen Wertheimer

24. April, 2025
Es gibt zur Zeit eine Art politischer No Go Area, die durch Begriffe wie „Autonomie“ und „Neutralität“ abgesteckt wird. Wer es wagt, aus dem Gehege des politisch Sagbaren und Geduldeten auszubrechen, verurteilt sich selbst: Dilettantismus, Naivität, Realitätsferne sind noch die harmlosesten Vokabeln mit denen er bedacht wird. Denn jetzt beherrschen gänzlich andere Vorstellungen den Luftraum der Sprache: Die Frage der „Kriegstüchtigkeit“ und die Sprache der Stärke“, das Zerlegen und Aufteilen der Welt in Konfliktfelder und Grenzlinien hat Konjunktur. Man hat zu einem Block gehören. Dazwischen schafe Grenzlinien.
Noch nie waren im Fernsehen soviel tarnfarbene outfits und wuchtige Kampfstiefel zu sehen wie jetzt – es ist , als ob ganz Europa , die ganze Welt sich bereits jetzt aus den großen, totalen Krieg vorbereiten würde. Jeden Zentimeter der eigenen Territoriums werde man verteidigen heißt es nun bereits in NATO Kreisen, während Russland und die USA schamlos expandieren und annektieren.
Unter den Sohlen der Soldatenstiefel werden alle Gedanken an andere Wege als die des bedingungslosen Kampfes förmlich zerrieben und als Zeichen der Schwächlichkeit, Verweichlichung und Realitätsferne abgetan.
Skeptiker gehen einen Schritt weiter und schlußfolgern fragwürdigerweise , man würde sich der Narration Putins, Trumps oder anderer Despoten anschließen, wenn man das Recht auf Autonomie, Souveränität einklagt. Genau das tun wir aber, NICHT, wenn wir Neutralität für Länder wie die Ukraine, Jordanien oder Taiwan fordern. Wir akzeptieren damit, allenfalls, daß es im weitesten Sinn Beziehungen , möglicherweise lockere , möglicherweise engere zum Umfeld dieser Länder gibt. Ohne daß sie zu diesen Ländern gehören, noch weniger ihnen “gehören“.
Die Autonomie Skeptiker gehen noch einen Schritt weiter. In Ihren Augen begeht beitritt bereits derjenige der etwa die Ukraine als tief gespaltenes Land darstellt, das besser einen autonomen, neutralen Status haben sollte als feste Zugehörigkeit zur NATO oder EU, vermintes Terrain.
Dabei würde ein Blick in in die Literatur dieser Region genügen , um zu sehen und zu verstehen, daß es sich um kulturelle Mischgebiete handelt, Im Fall der UKR gibt es tatsächlich eine ebenso lange russisch-ukrainische wie eine ukrainisch russische Vorgeschichte. Von der toxischen Intimität zwischen beiden Ländern weiß der Westen wenig. Entsprechendes wäre vom Verhältnis Taiwan : China zu sagen. Von Jordanien und seinen Nachbarn gar nicht zu reden.
Oder – um ein anscheinend harmloses Beispiel zu nennen – von der Schweiz. Umgeben von drei Ländern, die sich auch nicht immer durch imperialistische Enthaltsamkeit auszeichneten und zudem EU Mitglieder sind, gelang es mirakulöserweise dennoch den Status der Autonomie über Jahrhunderte hinweg aufrecht zu erhalten
Eng verbunden damit ist die Idee der Koexistenz die ja nichts anderes beschreibt als das gleichzeitige Vorhandensein verschiedener Systeme. Verstanden wird darunter oft das friedliche, aber unabhängige Nebeneinander zweier (mehrerer) Dinge. Die Spannweite der Optionen reicht von der Idee friedlicher Koexistenz bis hin zur bloßen Duldung wie beispielsweise in der Phase des Kalten Krieges von 1962 bis 1979, während der die beiden Weltmächte kooperativer zusammenarbeiteten.
Sicher kein Idealzustand, aber zumindest einer, der ein Minimum an Austausch ermöglicht und militärische Auseinandersetzungen verhindert. Aus dem selben Grund wurde übrigens seit Jahrzehnten ein sog. „Zwei Staaten“ Lösung für den andauernden Konflikt zischen Israel und den Palästinensern von der einen Seite geforderte, von den Hardlinern verworfen.
Im biologisch/ökonomischen Sinne ist eine Koexistenz zweier Arten nur dann möglich, wenn hinreichende Ressourcen vorhanden sind und beide Arten verschiedene Affinitäten zu den jeweiligen Ressourcen aufweisen, also mit limitierten Ressourcen auskommen.
Jede Form der Koexistenz bewegt sich auf schmalem Grat, fast jederzeit absturzgefährdet und gerade deshalb aller denkbaren diplomatischen und politischen Unterstützung bedürftig:
Einige Voraussetzungen zu seiner Realisierung sind die folgenden sicher nicht spektakulären aber hilfreichen Regeln.
- Wissen um die Bedürfnisse, Hoffnungen der anderen Seite.
- Einsicht, dass die beiden Gruppen um ihrer eigenen Interessen willen die Überzeugung der jeweils anderen Gruppe dulden wollen – nicht mehr, nicht weniger.
- Ausbau und Ermöglichung verschiednerer Arten eines „kleinen Grenzverkehrs“ die der Steigerung des Lebensstandards dienen und etwas Normalität in das angespannte Gefüge bringen können
3. Es wird, es muß sich herumsprechen, daß diese Art regionaler Freihandelszonen sowohl dem betreffenden Land wie den Nachbarn ökonomische Vorteile bringt.
- Systematisches Vermeiden von Begriffen und Aktionen, von denen man weiß, daß sie nur und ausschließlich der Demonstration eigener Dominanz dienen und die jeweils andere Seite provozieren müssen.
- Dieser heikle Balanceakt erfordert Fingerspitzengefühl und guten Willen. Ist dieser nicht vorhanden oder wird er von Interessengruppen bewußt sabotiert, bedarf es des Einsatzes externer Kräfte- zumindest auf Zeit.
6. Auf diese Art entstehen zwischen möglicherweise verfeindeten Staaten oder Regimen Pufferzonen, was für beide Seiten – richtig kommuniziert – von Vorteil ist. Das Beispiel der „Osterweiterung“ und ihrer Konsequenzen sollte uns eine Lehre sein. Pufferzone, Drehscheibe , Scharnier – wie immer man es nennen möchte: neutrale Zonen müssen, will man die Wahrscheinlichkeit von Konflikten im Ansatz minimieren, systematisch etabliert werden.