von Jürgen Wertheimer

Es ist höchst erstaunlich. Noch vor ein paar Tagen herrschte großes Rätselraten über die Pläne Putins. Jetzt schießen allenthalben Experten aus dem Boden, die allesamt behaupten, genau gewusst zu haben, was sich anbahnt.
Tatsache ist: Das Grübeln über verpasste Möglichkeiten und übersehene Vorzeichen hilft im Moment der Eskalation wenig und das gilt ebenso für Schuldzuweisungen jeder Art. Es ist trist genug, einmal mehr erlebt zu haben, dass die gewaltigen Datenmengen, die die Geheimdienste – Satelliten- und KI-gestützt – seit Monaten sammelten, im Grund nichts bewirkten. Jedenfalls den Westen nicht daran hinderten, sehenden Auges in jede der von einem gerissenen, strategisch eiskalt denkenden Usurpator aufgestellte Falle zu tappen.
Man fragt sich nach all dem, ob unser Werkzeugkasten an Prognose Tools möglicherweise doch nicht so komplett ist, wie wir glauben, ob wir nicht irgendetwas Wichtiges vergessen haben?
In der Tat, wir haben etwas vergessen: Den gesamten Chor der Cassandra-Stimmen aus dem Bereich der Kultur. So als ob die Stimmen von Musik und Theater, Film und Literatur nicht ständig Signale der Warnung senden würden. Als würden sie nicht entscheidende Informationen über die wirklichen Gefühle der Menschen, die an den Bruchzonen der Systeme leben, übermitteln und damit Hinweise auf die der Politik und Diplomatie oft unzugänglichen Sedimente der Mentalitäten geben. In seinem Roman „Moscoviada“ läßt Jurij Andruchowytsch seinen Kiewer Protagonisten Otto bereits vor 30 Jahren in die Ab- und Unterwelt des Sowjetsystems im wahrsten Sinne des Wortes eintauchen und letztlich auch in ihnen untergehen. Seine geplante Rückfahrt nach Kiew wird zu einem Menetekel, das die tragischen Entwicklungen der Gegenwart nahezu halluzinatorisch antizipiert.
An warnenden Stimmen hat es nie gefehlt. Aber man hat diese Stimmen überhört, obwohl, vielleicht, weil sie oft Jahre vor einer Eruption das Grollen im Untergrund hörbar, spürbar machen. Weil sie den Sound der Erregung, der Ängste, der Bedürfnisse der Menschen übermitteln. Weil sie zum Umdenken, zum Nachdenken, zum Handeln führen würden. Weil sie zur Erkenntnis führen würden, dass nicht die sogenannten „Fakten“, sondern „Fiktionen“unsere Wirklichkeit bestimmen.
So auch jetzt. Während die Experten aus Politik und Militär über den Ausgang des Krieges spekulieren, wäre es dringend geboten, sich bereits jetzt Gedanken über die Monate und Jahre danach zu machen. Und den fatalen Kreislauf des Wartens auf die nächste Finte des Kremlstrategen zu durchbrechen.
Ob Herta Müller oder Svetlana Alexijewitsch, ob Olga Tokarczuk, Serhij Zhadan oder Jurij Andruchowytsch – bei aller Unterschiedlichkeit der Positionen im Einzelnen: Alle stimmen in der Kernaussage überein, dass ihre Länder sich im Zustand heilloser innerer Gespaltenheit befinden. Selbst bei der extrem systemfeindlichen Svetlana Alexijewitsch gibt es Momente
einer fast nostalgisch getönten Erinnerung an die große sowjetische Zeit. Europa ist und bleibt für die allermeisten ein vager Hoffnungsschimmer, freilich vollgesogen mit enttäuschten Erwartungen.
Nach dem Krieg – wie immer er endet – wird die Orientierungslosigkeit, werden die inneren Widerstände und Widersprüche nur noch mehr an die Oberfläche treten. Es wird mit
Sicherheit keinen Zeit der eindeutigen Zuordnungen sein. Wer immer dann an den Verhandlungstischen sitzt, um an einer neuen Friedensordnung zu basteln, wäre gut beraten, wenn er/sie folgende indirekten „Einflüsterungen“ der Kulturschaffenden ins Kalkül ziehen würde.
1. Wir müssen den Umgang mit hybriden Realitäten lernen. Die meisten Länder Osteuropas, ob Estland, Lettland, Litauen, die Ukraine, Polen oder Moldavien leben seit Jahrzehnten, häufig seit Jahrhunderten, im Zustand tiefer, innerer Gespaltenheit. Oft nur unterschwellig – aber im Spiegel der Künste erkennbar.
In „Jakobsbüchern“ (2014) zeigt Olga Tokarczuk sieben Grenzen, fünf Sprachen und drei große Religionen vermeintlich unter dem Zeichen eines Landes vereint. Diese Vereinigung trügt. Solche Vorstellungen gründen auf Mythen, gewollten Falschvorstellungen. Dagegen geht Jacek Dehnel in „Mutter Makryna“ (2014) vor, entlarvt den polnischen Messianismus, Patriotismus, das Heimatbewusstsein und das Märtyrertum. Ebenfalls im Jahr 2014 stellt Szczepan Twardoch in „Drach“ die Trennlinien zwischen Polen, Deutschen, Juden, Schlesiern und Schlesien dar. Über polnische xenophobische Identität schreibt Dorota Masłowska in
„Schneeweiß und Russenrot“ (2004), was im Original „Der polnisch-russische Krieg“ heißt. Der Krieg wird in der Sprache permanent geführt – in einer verhassten und gewaltgeladenen Sprache.
Auch unter der Illusion temporärer Zugehörigkeit zu der einen oder anderen Seite schwelen Konflikte weiter. Es macht deshalb keinen Sinn, auf eindeutige Zugehörigkeit zu pochen, wenn Patchwork-Identitäten die Signatur der Wirklichkeit darstellen. Hybride Realitäten bauchen hybride politische Antworten und Strukturen. Jetzt wie die EU zu sagen „wir wollen Euch drin“ bzw „ihr müßt noch warten“ ist die größtmögliche strategische
ngeschicklichkeit. Zu den zuckersüßen Worten äußert sich Wladimir Sorokin in „Der Zuckerkreml“ (2010), wo mit Lügen und Ungereimtheiten, mit den süßen Kremelfiguren, die Menschen über Missstände hinweggetäuscht werden.
2. Wir müssen Europa zu einem Kontinent der Ambiguitäten umbauen. Ob wir es wollen oder nicht, ein Gürtel „Neutraler Zonen“ zwischen den östlichen und westlichen Teilen Europas, also Russlands und Kerneuropas, muss ernsthaft angedacht werden. Neutralität ist dabei nicht mit Schwäche gleichzusetzen, sondern entspricht dem Status eines Privilegs. Die erwähnten Länder fungieren gleichsam als Scharniere, die Europa zusammenhalten. Als Brücken und Transiträume zwischen den Systemen. Offen nach beiden Seiten, geschützt von beiden Seiten.
Die Idee der Brücke zwischen dem Westen und dem Osten verfolgt Andrzej Stasiuk in dem Entwurf von Einheit der Regionen, die süd-östlich von Polen liegen.
3. Wir müssen es lernen, Europa als bewegliches, fluide System zu begreifen. Europa hat immer am besten als offenes System funktioniert. Eingezwängt in starre, strikt voneinander separierte Zonen und getrennt durch scharfe Grenzen, kommt es fast zwangsläufig zum Aufstauen und zur Blockade kultureller Energien. Kultur beweist permanent, dass es auch anders geht: Vielstimmigkeit, Unterschiedlichkeit, trügerische Ähnlichkeiten und scheinbare Unvereinbarkeiten gehören zu ihrer Grundlage. Transkultureller Austausch darf nicht nur auf den Feldern von Kunst und Kultur stattfinden – er muss in einem überlebensfähigen, auf Heterogenität fussenden Europa zur Grundlage auch der politischen Agenda werden. Was passiert, wenn anders gedacht wird, steht in Vladimir Sorokins „Manaraga“ (2017): Europa zerfällt in kleine Einheiten: Republiken, Diktaturen, Monarchien und Bücher ersetzen Holzkohle.
4. Wir müssen es lernen, Europa von seinen Rändern her zu ordnen und zu verstehen. Und seine unterschiedlichen Narrationen und Stimmungen dort ernst zu nehmen. Julia Kissina zeigt in „Elephantinas Moskauer Jahre“ (2016), dass Prägungen und Mentalitäten, wie der russische „Kosmopolitismus“ von früher an ihrer Aktualität nichts verlieren und die Gegenwart prägen.
Von dem nicht enden wollenden Kriegen und Bürgerbewegungen am Rande Europas (Berg Karabach) schreibt Olga Grjasnowa in „Der Russe ist einer, der Birken liebt“.
Nur wenn es uns gelingt, den baltisch-osteuropäischen wie den Balkanraum, aber auch die Regionen Nordafrikas und des Mittelmeerraums so zu integrieren, dass ihre Autonomie und Eigenständigkeit gewahrt bleibt, wird es gelingen, Konfliktpotential zu absorbieren und entstehende Spannungen im Vorfeld abzufangen. Dazu bedarf es keiner Grenzzäune, sondern intelligent angelegter Grenzräume und nicht nur hektischer Aufrüstung – deren Umsetzung Jahre dauert – , sondern das Leben der Menschen verbessernder, großzügig angelegter Freihandelszonen. Die Kehrseite dessen schildert Vladimir Sorokin in „Der Tag des Opritschniks“ (2006),:2027 regiert ein Handlanger der Macht, die „russische Bärin“ ist wach und gefährlich. Auch in Viktor Jerofejews „Enzyklopädie der russischen Seele“ (2021) sucht das zerrissene Russland nach einer mythischen Figur: dem Grauen, um wieder zu einer Großmacht zu werden. Von der Verführbarkeit des Menschen, wenn die Gier nach Macht zum stärksten Motiv seines Handelns wird, erzählt Viktor Martinowitsch in „Revolution“ (2021).
Es wäre schön, wenn dieses „modest proposal“ Eingang in das Denken der Entscheidungsträger finden könnte.
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