von Jürgen Wertheimer
Europa entrüstet sich durch Aufrüstung
Jetzt aber! Mit Wumms und Doppelwumms, wie man in der Politikersprache gerne kraftmeierisch tönt. Schon wieder mal ist Zeitenwende angesagt. Rasante Wendezeitler haben Konjunktur. Wo gestern noch die Brandmauern der Schuldenbremse standen, fließen heute gewaltige Geldströme unbekannter Herkunft. Und innerhalb weniger Tage verwandeln sich gleichzeitig rostige Pflugscharen in scharfe Schwerter: vor unseren Augen entstehen blühende Landschaften aus Panzerhaubitzen, Advanced Gun Systems und hochwertigen Marschflugkörpern in unbegrenzter Zahl. Nukleare Rettungsschirme umspannen den Kontinent und die Algorithmen autonomer Waffensysteme sichern das Überleben der europäischen Kultur… Europa ist kaum mehr wieder zu erkennen: vor kurzen noch zögerlich und unentschlossen – nun kriegstüchtig ja kriegssüchtig und bereit zum letzten Gefecht gegen das Böse.
Dennoch hier zwei kleine Anmerkungen, um diesen Traum eines Europa unter Feuer auf seine Stimmigkeit hin zu befragen.
Zum Einen: wer die Beschaffungsregularien der deutschen und europäischen Verwaltungen – auch die der Verteidigungsministerien – ein wenig kennt, weiß, daß die konkrete Umsetzung solche Aufrüstungspläne Monate, Jahre in Anspruch nehmen wird. Der Gegner, welcher auch immer, jetzt bestens informiert über „unsere“ Pläne, hat in dieser Zeit freies Schussfeld, wird geradezu eingeladen, den noch immer nahezu wehrlosen Kontinent anzugreifen.
Zum Anderen, gewichtiger, weiß man eigentlich genau, was man bis an die Zähne bewaffnet , verteidigt?
Unsere „Werte“? Unseren Wohlstand ? Unsere Sicherheit? Und : um welchen Preis ?
Aufrüstung Neu.
Dieserneueuropäische Tempowechsel zu rasant und unvermittelt als daß man ihm so recht trauen könnte. Von Stephane Hessels aufklärerischen Kampfschriften „Empört Euch“ und „Engagiert Euch!“ sind gerade mal gut 10, von Käsmann/Weckers flammender pazifistischem Essay „Entrüstet Euch!“ sind gerade mal 3 Jahre vergangen, um „Kriegstüchtigkeit“ und ein zackiges „Rüstet Euch auf!“ parteiübergreifend unisono zum neuen kategorischen Imperativ werden zu lassen. Nicht nur eine Wende, sondern eine Steilkurve zeitgeistigen Gesinnungswandels. Das Ganze zudem noch nicht mal Kraft eigenen Willens, sondern als panischer Reflex auf einen äußerst dubiosen Deal zweier höchst fragwürdiger Autokraten . Die Rettung Europas aus dem Geist aufgezwungener Aufrüstung – kann das wirklich ein zukunftsweisender Weg sein? Oder müßte er nicht zumindest durch eine zweite, ganz anders definierte Art der Aufrüstung flankiert werden: einer geistigen, intellektuellen, emotionalen Aufrüstung!
Während die militärische Aufrüstung floriert, stagniert jedoch die mentale. Allein wie wir uns von den gedanklichen Blindflügen des Geistesriesen Trump in seinem Paralleluniversum in Mar- a -Lago in die Pflicht nehmen lassen, ist ein Symptom für unsere eigenen mentalen Defizite. Es muß ihm ein diebisches Vergnügen bereiten, zu beobachten daß und wie alle Welt auf jede seiner irrwitzigen Ankündigungen reagiert , wie man sich ängstlich bemüht, ihn zu umgarnen. Aus lateinamerikanischen Diktatorenromanen wie „Ich, der Allmächtige“ von Roa Bastos, „Das Fest des Ziegenbocks“ von Mario Vargas Llosa oder „Die Methode der Macht von Alejo Carpentier weiß man, wohin der Weg des Typus Trump und Putin führen wird und was man dagegen tun könnte. Der schlimmste Fehler ist es, ihr Spiel mitzuspielen, sich auf ihre Ebene einzulassen. Wer entschlossen ist, mit Menschen wie mit Nummern zu spielen, mit dem sollte man sich nicht an einen Spieltisch setzen. Man sollte gar nicht erst den Versuch unternehmen mit ihnen „Deals“ zumachen – man würde immer den kürzeren ziehen.
Das Schlimmste, Deprimierendste für einen Diktator ist es, seine Aktionen in Leere gehen zu sehen . Wenn der Generalissimo mal keinen mehr hat, „der ihm schreibt“, um mit G.G. Marquez zu sprechen, wird er in sich gehen, vielleicht sogar daran zerbrechen. Schickt ihm seine Sachen kommentarlos zurück und räumt die Regale leer nehmt seine Umbenennungsfantasien gar nicht mehr nicht zur Kenntnis. Hängen wir nicht mehr an seinen Lippen , konzentrieren wir uns auf uns selbst. Nutzen wir die Zeit die Zeit um selber stärker zu werden, das große Erbe Europas wieder zu beleben das Erbe der Autonomie. Vielleicht war die unkontrollierte Globalisierung der Werte und Daten wirklich ein Fehler und es ist geboten die Dinge wieder selbst in die Hand zu nehmen.
Denn —auch das lehrten die Romane , lehrt die Literatur.. solange der Diktator das Gefühl hat, die anderen hängen an seiner Angel , zappeln und versuchen ihn gnädig zu stimmen, wird er dominanter und mächtiger. Unsere Fasziniertheit bläht ihn auf. Unser Angst beflügelt ihn, unsere Bitten vergrößern ihn.
Kein Geringerer als Franz Kafka hat diese Situationen wieder in seinen Texten aber auch – wie man mittlerweile weiß – in seine Skizzen wieder und wieder dargestellt. Keinesfalls mit schlotternden Hosen sollten wir ihm, dem Popanz gegenübertreten.

Aber auch nicht protzig und provokant. Kafkas Methode von der die Politik viel lernen könnte , ist viel unscheinbarer, wirkungsvoller und elaborierter: souveränes Ignorieren, Abstand halten, Kontakt vermeiden und sich vor dem groben Schatten gekonnt und etwas süffisant in Szene setzen – das könnte die Lösung, die Loslösung sein.

Genau diese innere Haltung muß Europa lernen, sie muß dem Kontinent sozusagen in Fleisch und Blut übergehen. Dem Gegner die Lust/ die Luft rauslassen, sich selbst bewußt in Szene setzen, nicht arrogant aber sehr selbstbewußt und Abhängigkeiten so weit wie irgend möglich kappen. Ganz gleich, ob man dadurch zunächst vielleicht Nachteile erleidet.
Mittelfristig wird diese subtile Kehrtwende zu einer Steigerung des europäischen Zusammenhalts nach innen führen. Begleitet von einer Revitalisierung europäische Grundfertigkeiten, die wir in diesem Zusammenhang dann zwangsläufig wieder neu erlernen werden, erlernen müssen:
Unsere eminente Fähigkeit Kontroversen und Streit extensiv auszutragen und auszuhalten – Antigone macht es uns seit 2000 Jahren vor. Unsere „Begriffe“ mittels derer wir früher die Welt beherrschten (siehe Shakespeares „Der Sturm“) wieder zu schärfen , um und besser zu beherrschen und nicht jedem noch so törichten Manipulationsversuch zu erliegen.
Weiter die Fähigkeit , mit List und Geschick immer einen Ausweg, einen Dritten Weg in Petto zu haben, wie unser Ahnherr Odysseus uns dies förmlich in die Wiege gelegt hat.
Und schließlich die Techniken um mit Vielstimmigkeit , unerwarteten und trügerischen Ähnlichkeiten umzugehen und ständig Grenzen auszuloten. Unser europäischer Flickenteppich wo alle paar Hundert Kilometer Neuland beginnt und wir uns neu definieren müssen, zwingt uns ja permanent diese Kompetenz immer weiter zu erproben.
Wenn wir alle diese Fähigkeiten wieder aktiv ausbauen und nicht an eine alles andere als perfekte KI delegieren (und diese Gefahr besteht derzeit durchaus) , – dann mögen mögen meinetwegen auch noch die Waffen sprechen.
Vielleicht sollten wir also genau in umgekehrter Reihenfolge vorpreschen. Erst ein paar hundert Milliarden (die ja nun offenbar locker losgeeist werden können), in die Perfektionierung von uns selbst investieren – in Bildung , Umwelt , Infra – und Sozialstruktur, Wissenskultur und Wahrnehmungsschulung. Und erst danach, wenn immer noch Milliarden übrig sein sollten , gern auch in moderne Waffensysteme. Aber erst dann.
Welche Wege stünden uns dann offen: mit einem erneuten Russland zu kooperieren, mit den Chinesen zusammen die Seidenstraße auszubauen. Mit den USA wieder in einen halbwegs intakten zollfreien Austausch zu treten…
Träume – vielleicht. Doch zumindest kreativere als alles Geld in Waffen zu stecken, die möglicherweise später in den Silos verrotten.
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