Otello (Staatoper Stuttgart, Juni 2025)

Foto: Staatsoper Stuttgart. OTELLO_Marco Berti (Otello)_ Daniel Mirosław (Jago)_2025

Großer Jubel, Entzückensschreie, fast standing ovations in Stuttgart. Ganz offenbar berauschte man sich – zu Recht – am wuchtigen, temporeichen Dirigat von Stefano Montanari, an der Durchschlagskraft des metallisch glänzenden Tenors in der Rolle des Otello, Marco Berti, an der warmen, intensiven Stimme der Desdemona, Esther Dierkes. Der Bühnenregie von Silvia Casta kann der emotionale Ausbruch beim besten Willen nicht gegolten haben – gleichwohl sich die Regisseurin die allergrößte Mühe gab, das irrwitzige Gefühlsgeflecht dieser Oper systematisch zu ordnen.  Am Ende freilich stellt sich die Frage, ob man dieser Überflutung aus Liebe, Leidenschaft, Passion, Intrige, Rachsucht, Eifersucht und religiösem Wahn wirklich näherkommt, wenn man das Ganze steril verpackt und in ein körperloses Schattentheater in Schwarz-weiß verwandelt. Zugegeben, das Spiel mit kontrastiven farblichen Überlappungen und Verschlingungen ist ästhetisch reizvoll und stellenweise optisch fesselnd. Und genau hierin, in dieser laborartigen Stilisierung liegt das zentrale Problem dieser gleichsam in Segmente zerlegten Aufführung. Musik, Figuren, Videoinstallationen —alles geschieht fast voneinander separiert. 

Am auffälligsten ist dies natürlich, was die Figurenführung betrifft, und hier wiederum ganz besonders das Verhältnis zwischen Desdemona und Othello. Zugegeben, es mag bisweilen wohltuend erscheinen, wenn man leidenschaftliche Zuwendung und glühenden Hass nicht allzu drastisch vergegenwärtigt und die Säfte und Kräfte förmlich bis ins Parkett spritzen. Aber der Grad an körperloser Distanz, der in Stuttgart zur Schau gestellt wird, ist so außergewöhnlich, gewöhnungsbedürftig und letztlich unproduktiv. Der Held und seine Desdemona stehen einander wie Gespenster ihre eigenen Lieben schwer verhüllt und auf Sicherheitsabstand gegenüber, bisweilen sogar jeder für sich in Modulschachteln voneinander abgeschottet. So viel an geisterhafter, nahezu ideeller, gänzlich berührungsfreier „Erscheinung“ steht in eklatantem Widerspruch zum eigentlichen, realen Geschehen: der irrwitzigen Leidenschaft, mit der sich eine Venezianische Tochter aus höchsten aristokratischen Kreisen in einen farbigen Migranten in Diensten der Republik verliebt. Genauer: sich in seine Legende, seine Erzählungen von Leid, Tod, Schlachten, Siegen verliebt. Und umgekehrt: dem rasenden Begehren, das diese weiße engelhafte Erscheinung, eine Ikone der Reinheit und Schönheit in dem gedungenen Heroen aus Afrika auslöst. Da prallen Welten aufeinander – aber sie stehen nicht in ausgestanzten Wetterhäuschen der Leidenschaft reglos nebeneinander. Und genau das tun sie – geschlagene drei Stunden lang. 

Wenn man diesen ganzen kulturellen, politischen, psychologischen Kontext ausklammert, spielt man an der eigentlichen Geschichte vorbei und zurück bleiben schöne farbliche Kontraste. 

Aber halt, stimmt ja nicht: Das Politische findet ja durchaus statt: zwischen den Akten und auf großer Videoleinwand. Dort finden auch in Form diskreter Anspielungen Verweise auf historischen und gegenwärtigen Rassismus statt. Sozusagen abgekoppelt, ausgelagert vom Bühnengeschehen. 

Nicht nur die Liebe, auch der Tod, die empörende vorsätzliche Hinrichtung, Erdrosselung der völlig unschuldigen Desdemona durch ihren geliebten Othello, rasend vor synthetisch kreierter Eifersucht, findet ohne Beteiligung der Köper gleichsam in effigie statt. Spätestens jetzt sollte der schöne Schein zerbrechen und der wahre Konflikt in seiner ganzen kruden Bestialität zum Vorschein kommen. Aber was geschieht: Othello zerknüllt – in rasender Wut – diverse Kopfkissen, und die Erdrosselte zieht sich dezent ein Schleiertuch vor das Gesicht — tot. So viel Sterben in Schönheit kann doch nicht wahr sein. Und es ist nicht wahr. 

Und aus all diesen Gründen kann der Applaus nur der Musik gegolten haben — die Regie hat davon allenfalls profitiert. 

Cornelie Ueding

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