Georg Friedrich Händel: „RINALDO“ (Fassung von 1731) bei den 47. Internationalen Händel-Festspielen Karlsruhe

Man kennt solche Fußballspiele, die überhaupt erst in der zweiten Halbzeit so richtig Fahrt aufnehmen, während sie zunächst eher dröge dahinplätschern. Von Theater und Oper kennt man dieses Phänomen eher seltener. Doch genau dies konnte man in der Karlsruher Oper im Rahmen der Händelfestspiele erleben.

Der erste und zweite Akt kamen schön bebildert, fast betulich daher… Doch nach der Pause zündete Regisseur und Bühnenbildner Hinrich Horstkotte, verstärkt von Rinaldo Alessandrinis einfühlsam dynamischem Dirigat, ein Feuerwerk der Phantasien und Inventionen, die das Haus zum Jubeln brachten. So dass sich geradezu eine Zweiteilung der Aufführung um den tapferen Kreuzritter Rinaldo und seine Geliebte Almirena ergibt.

Die Belagerung von Jerusalem befindet sich in einer kritischen Phase – es geht um nichts weniger als um den finalen Sieg. Die mächtige Zauberin Armida weiß um den Schwachpunkt des christlichen Herren: Ronaldos grenzenlose Liebe zu Almirena, der Tochter des Heerführeres. Entführte man sie, so die finsteren Pläne der tückischen Zauberhexe und ihres Liebhabers, des sarazenischen Königs Argante, würde man das christliche Heer entscheidend schwächen.

Zunächst scheint der tückische Plan tatsächlich aufzugehen. Nach der Entführung Almirenas zieht sich Rinaldo zutiefst verstört und beunruhigt vom Kampfgeschehen zurück und widmet seine gesamte Kraft der Rettung der Geliebten mit allen Mitteln. Und als ob er diesen Sturmlauf der Gefühle, den Kampf verzweifelter Liebe gegen intrigante Perfidie plastisch in Szene setzen wollte, beginnt in etwa ab diesem Moment die Inszenierung alle Register zu ziehen. Vorbei die lethargischen, bisweilen fast einschläfernden Klagelieder, und die gezierten Auf-und Abmärsche sarazenischer und christlicher Ritter — nun bricht Rinaldo wie ein neuer Don Quichote auf, um im Kampf gegen die Mächte der Finsternis, die Windmühlen der Hexerei vehement zu Felde zu ziehen. Und alle spielen mit in diesem Kampf der szenischen Elemente, in der die Bühne selbst zum Akteur wird: Die Stühle eines virtuellen Parketts geraten in vibrierende Schwingungen, Meeresungeheuer tauchen zwischen den Sitzreihen auf und unter, Vogelschwärme durchstreifen in wildem Aufruhr den nächtlichen Himmel. Und der Held hinkt auf Krücken, unterstützt von einem greisen magischen Gegenzauberer, mehr oder weniger erfolgreich seiner Mission, der Rettung der geliebten Almirena hinterher..

Doch längst hat die gewitzte Lady selbst die Initiative übernommen: Sie betört ihren Bewacher, den alles andere als standfesten, etwas verkrüppelt wirkenden Sarazenenherrscher, und lässt ihn nicht nur durch die Kraft ihrer Stimme dahinschmelzen. Was naturgemäß seine bisherige Geliebte, die dunkle Zauberin Amira, in Rage versetzt. Während nun das Intrigantenpaar sich fetzt, sich wieder „versöhnt“ und stürmt und im off buchstäblich verkrümelt, feiert Almirena, dargestellt von der stimmlich wie körpersprachlich extrem geschmeidigen jungen Sopranistin Suzanne Jerosme, ihre Freiheit und – sich selbst. Während ihrer virtuosen Triumpharie turnt sie leichtfüßig über den Orchestergraben ins Parkett, um sich punktgenau wieder auf die Bühne zurückzuschwingen. Verdienter spontaner Applaus für dieses Bravourstück … wachsender Applaus aber auch für die immer bewegter und hintergründiger agierende Regieleistung. An deren Ende ein fast sinnlos abgekämpfter, lahmender, blutender und total zerfledderter „Held“ auf der Bühne erscheint, eigentlich auf die Bühne kriecht, während seine Almirena dort bereits „Hof hält“: und sich den zerlumpten Gesellen, der einmal ihr Ritter war, mit gezierten, graziösen Gesten und im eleganten Rokokokostüm – an das auf keinen Fall ein Blutspritzer kommen darf — auf Abstand hält.

Ein wunderbar raffiniertes Happy End, das dieses „bezaubernde“ Theater im Theater-Abend krönt.

Cornelie Ueding

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