“Wo die Gefahr ist wächst das Rettende auch“? Annexionen bekämpfen

von Jürgen Wertheimer 

Vor wenigen Wochen konnten wir miterleben, dass die Bedrohungslagen nicht zu einem Einknicken, sondern zu einer Verstärkung der Widerstandskraft und zu glasklaren Ansagen an den Gegner führen kann. Die Rede des kanadischen Präsidenten Carney in Davos war solch eine Ansage:

„… Wir stellen uns aktiv der Welt, wie sie ist – und warten nicht auf die Welt, die wir uns wünschen. Kanada kalibriert unsere Beziehungen so, dass ihre Tiefe unsere Werte widerspiegelt… Wir verlassen uns nicht länger nur auf die Stärke unserer Werte, sondern auch auf den Wert unserer Stärke. Wir bauen diese Stärke zu Hause auf.”

Sollte Hölderlin mit seinem immer wieder zitierten Motto aus seiner späten Hymne „Patmos“ tatsächlich recht behalten?

„Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.“

— „Wo aber Gefahr ist, wächst/ Das das Rettende auch.“ Ein wunderbarer Satz von Hölderlin – ideal für Feierstunden im getragenen Heideggerton. Tiefsinnig. Unhinterfragbar.

Ich liebe Hölderlin – aber ich traue ihm nicht ganz. Gerade in solchen Sätzen, einer Mischung von Versprechen und Falle. Zu oft ist er der visionären Kraft seiner eigenen Sprache erlegen. So auch hier in der Hymne “Patmos”. Im weiteren Verlauf dieses langen, sehr langen Gedichts werden Götter und Helden, Asien und das Abendland auf den Plan gerufen, um das Rettende zu retten. Kräfte und Mächte, über die wir Bewohner einer säkularen Welt nicht mehr verfügen. 

Deshalb das Fragezeichen hinter der Losung. Nicht, um den Satz zu schreddern, sondern um ihn zu überprüfen. Denn Eines ist wahr: Gefährdungen können in der Tat beachtliche Reaktionen der Gegenwehr freisetzen: Putins ebenso sinnloser wie brutaler Überfall auf die UKR ruft enorme Widerstandskräfte auf den Plan.

Trumps irrwitzige Drohungen wecken die Lebensgeister Kanadas und Grönlands und beflügeln ein Art nationaler Wiedergeburt.

So gesehen hat Hölderlin mit seiner Annahme des Rettenden recht: die Bedrohung kann die Widerstandskraft des Bedrohten, seine Resilienz steigern. Im günstigsten Fall entstehen sogar Solidargemeinschaften, mit denen der ursprünglich Drohende niemals rechnen konnte. Ganz sicher hat Putin nicht damit gerechnet, daß sein Angriff dazu führen würde, daß er nun halb Europa an der Backe hat.

Aber Achtung:

Hölderlin sprach nicht vom eskalierten Angriff – sondern von der Phase, in der sich eine Gefährdungslage abzuzeichnen, Gefahr sich zu materialisieren beginnt, sich anschleicht … 

Im Fall der UKR war das nicht der Moment als Putin tausende von Panzern an der Grenze auffahren ließ. Das war es schon zu spât, um Rettungsmaßnahmen in Gang zu setzen. Die Gefährdungslage, auf die man alarmiert hätte achten müssen, nahm bereits 2013, zehn Jahre vorher, auf dem Euromaidan Gestalt an.

Damals hätte man den Konflikt entschärfen, Rettungmaßnehmen ergreifen können. Auf das von RUS fernsteuerte Massaker an Eurobefürwortern (mehr als 100 Tote) reagierte der Westen lax. Während die Menschen in der Hauptstadt bei Protesten für die europäische Idee sterben, beginnt auf der Krim die erste russische Invasion. Russische Soldaten besetzen in der zweiten Hälfte des Februar 2014 die ukrainische Halbinsel. Reaktionen des Westens: indignierte Verweise auf einen Bruch des Völkerrechts. Mehr geschieht nicht. 

Mit anderen Worte: man hat in einer Mischung aus Bequemlichkeit, Routine und Feigheit an die 10 Jahre verpasst. 

Hölderlin lebte nicht auf einem idealistischen Ponyhof. Er war Zeitgenosse der blutigsten Kämpfe zwischen den Fraktionen der Revolution, den Radikalen und Gemäßigten, schrieb im Schatten der Guillotinen und war sich gefährdender Situationen bewusst. Die Rettungsgötter und Hilfsheroen von denen ich vorher sprach, waren Beschwörungsversuche für etwas, was in uns stattfinden muss. Adlerflüge und göttliche Winke – schön und gut: was Hölderlin damit meinte, war ein kollektives Freisetzen alle kognitiven, emotionalen, mentalen und sprachlichen Mittel, über die der Mensch gerade in kritischen Situationen verfügt, verfügen muss, um zu überleben.  Man kann rückblickend sagen: Keiner der Mächtigen, der Entscheider von damals aktivierte diese Sprache. Die Sprache, die unser gefährlichstes, aber auch unser wirksamstes Instrument ist. Erst zehn Jahre später fiel der Begriff der —Zeitenwende.

Und manchmal ist es ein einzelnes Wort, das große mentale und auch politischen Bewegungen in Gang setzen kann. Aber offenbar können wir erst sprechen, wenn uns das Wasser bis zum Halse steht – mit dem Messer an der Kehle.

Noch einmal Hölderlin, in Prosa übersetzt: 

„Erst wenn wir den Atem der Gefahr  unmittelbar spüren, aktivieren wir das Rettungsprogramm“!

Aber dann vermögen wir es in der Tat!

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