Glaube und Macht

von Jürgen Wertheimer

© Adam Lach für ZEIT ONLINE

Liebe Brüder und Schwestern,

„Die Kraft, mit der Christus auferstanden ist, ist vollkommen gewaltfrei. Sie gleicht der Kraft eines Weizenkorns, das, nachdem es in die Erde fällt und stirbt, wächst, sich einen Weg durch die Schollen bahnt, keimt und zu einer goldenen Ähre wird. Noch mehr gleicht sie der Kraft eines menschlichen Herzens, das nach einer Kränkung seinem Racheinstinkt nicht folgt und voll Erbarmen für den betet, der es verletzt hat…“

So die Worte von Papst Leo am vergangenen Sonntag vor 60.000 ergriffenen Zuhörern … Ich räume ein, es mag eine persönliche Marotte sein – aber etwas in mir reagiert auf Gleichnisse, insbesondere auf Weizenkorn-Gleichnisse allergisch. Wie ich generell Probleme habe mit dem märchenartigen Unterton, der viele offizielle Statements der Kirche grundiert – nach dem Motto „Als das Wünschen noch geholfen hat“.

„Wer Waffen in der Hand hält, lege sie nieder! Wer die Macht hat, Kriege zu beginnen, entscheide sich für den Frieden! Nicht für einen Frieden, der mit Gewalt erzwungen wird, sondern durch Dialog! Nicht mit dem Willen, den anderen zu beherrschen, sondern ihm zu begegnen!“

Um nicht missverstanden zu werden: eigentlich hab‘ ich ein Herz für derart schrullige und ein wenig kindliche Aussagen. Aber in Anbetracht einer waffenstarrenden Welt im rabiaten Aufrüstungsmodus bring ich das alles nicht mehr so ganz zusammen: Die religiöse Traumwelt und die krude, sehr krude Wirklichkeit. Niemand, wirklich niemand denkt derzeit daran, die Waffen niederzulegen

Ganz im Gegenteil: Schießen wird Schulfach – nicht nur im sehr katholischen Polen.

Denn es ist ja nicht so, dass die religiöse Traumwelt durchgängig friedensgetönt wäre. Nicht nur im Islam – von dem anschließend Seyran Ates sprechen wird – sondern auch bei uns im  christlichen Westen.  US-Kriegsminister Pete Hegseth z.B., tiefgläubiger Christ, Evangelikale, wähnt sich gar – wie einst die Kreuzritter im Mittelalter – in einem heiligen Krieg der Christen gegen die Ungläubigen. An seinem rechten Bizeps trägt er das Kreuzzugsmotto Tattoo Deus vult (Gott will es so). 

Und im Alltag manifestiert sich diese Haltung bis hinein ins Schulgebet:

“Täglich knien wir zusammen in unseren Schulen und Kirchen mit unseren Familien nieder, um den Namen Jesus Christus anzurufen.“

„Unser Wille wird gestärkt. Unsere Truppen werden besser. Die Vorsehung unseres allmächtigen Gottes wird unsere Truppen beschützen, und wir wollen seine Mission erfüllen.

Internationale Regeln gegen Kriegsverbrechen bezeichnet er als dumme Regeln. Stattdessen versucht er sich als Rapper und postuliert: maximale Tödlichkeit anstatt lauwarmer Legalität, oder gewaltsame Effekte, nicht politische Korrektheit.

Soweit zur anderen Seite der Welt des Glaubens. Draußen, in der rauen, sehr rauen Wirklichkeit – jenseits der Fata Morgana von „Dialog“ und „Begegnung“ auf dem östlichen Petersplatz.

Nein, ich mache es mir nicht – wie man mir vorwerfen könnte – leicht und verteufle die Kirche als Hüterin des Bösen. Ich zücke die Keule der langen Reihe von Untaten, die „im Namen Gottes“ geschahen auch nur ganz kurz: Inquisition, Hexenverbrennungen, Missbrauch und Missionierung … Man kann und darf doch nicht alles vergessen, was je unter den Auspizien und auf Veranlassung der Kirchen geschah: Jahrhundertelang mussten Generationen von Aufklärern um jedes freie Wort kämpfen, gelegentlich landeten sie dafür auf dem Scheiterhaufen. Wenn sie Glück hatten, wurden nur ihre Bücher verbrannt. Kriege im Namen der Religion entvölkerten halb Europa. In den Kolonien wüteten wir im Zeichen des Kreuzes wie Berserker – hochkultivierte Berserker, versteht sich. 

Doch auch der kleine, ganz alltägliche Gebrauch der Religionen inmitten unserer säkularisierten Welt reicht aus, um das zentrale Problem alles Kirchlich- Religiösen zu beleuchten – Das Phänomen der Macht.

So lange man sich vor der schlichten Erkenntnis drückt, dass Religion in ihrem Ursprung weniger mit Caritas und Liebe zu tun hat, als mit Macht und Dominanz, schwindeln wir uns in die Tasche – man verzeihe mir diese etwas platte Formulierung. Sicher, es handelt sich um eine besonders ausgeklügelte Form der Machtausübung, eine spirituell unterfütterte, sich sanftmütig gebende. Dies ändert nichts an ihrer einschüchternden Wirkung. Noch Gretchen im „Faust“ weiß auf dem Weg aufs Schafott ein Lied davon zu singen … Und selbstverständlich sind es die obligatorischen, anrührenden „Stimmen von oben“ die das faktische Todesurteil („sie ist gerichtet“ ) in einen fiktiven Freispruch („sie ist gerettet“) verwandeln.

Dennoch im Ganzen gesehen wurde zumindest hier im Westen und nach zähem Ringen der Religion letztlich der Giftzahn gezogen . Die Macht über die Gefühle und Gedanken anderer Menschen haben andere Institutionen und Manipulatoren übernommen, ob sie nun politischer oder ökonomischer Natur sind, und das christliche Abendland existiert nur mehr als Kulisse. Im Kräftespiel der Macht spielt die Kirche hier keine wirkliche Hauptrolle mehr, allenfalls eine aparte Nebenrolle, die sie an Fest- und Kirchentagen , Jugendtreffen etc., gelegentlich auch im Bereich des Sozialen, seltener des Kulturellen nach Kräften zu erfüllen sucht. Sie sehen, ich dämonisiere die Rolle der Kirchen nicht, ich versuche sie in einem realistischen Licht zu sehen. Und ich sehe ihre neue „Ohn-Macht“ als große Chance. Sie muss sich nicht mehr in Positur werfen, muss nicht mehr Kontrollfunktionen ausüben, selbst ihre schärfste Waffe – Die Drohung  von Strafe und Sühne – ist vergleichsweise stumpf geworden. Und spirituelle Bedürfnisse befriedigen Teile der Bevölkerung längst bei anderen „Anbietern“, um es nüchtern auszudrücken.

Solchermaßen befreit könnte die Kirche der nahen Zukunft allen restlichen Ballast abwerfen und sich selbst neu erfinden:

Eine gewisse Bescheidenheit, im klerikalen Jargon „Demut“, wäre mehr als angebracht. Dazu Mut, sich zu einem autonomen, neutralen Akteur zu machen, der sich konkret einmischt und nicht bloß salbungsvoll schwadroniert.

Eine erneuerte, sich erneuernde Kirche, die frei vom alten Ballast der Orthodoxie und der Annahme einer „Unfehlbarkeit“ den Menschen wieder so nahe käme, wie Jesus dies war. Eine befreite Theologie …

Naive Illusion? Möglicherweise. Aber zumindest ein reeller und konsequenter Schritt auf unbekanntes Terrain. 

Vielleicht kann uns ein weiteres Mal ein Literat aus der gedanklichen Bredouille helfen, kein geringerer als Heinrich Heine, den man gern einen Spötter nennt. Heine verweist auf herrlich unangestrengte Art darauf, dass sich spätestens im 18. Jahrhundert durch das kritisch analytische Denken der Aufklärung und die kritische Philosophie Kants die Frage nach der Existenz Gottes erledigt hatte. Und doch: das bekannte Verdikt „Gott ist tot„ kann und soll nicht das letzte Wort sein. Denn nichts spricht dagegen, zumindest so zu tun als gäbe es einen Gott – und sei es nur als emotionales Trostpflaster und ethische Krücke. In Heines reichlich lockeren Worten:

„Immanuel Kant hat den Himmel gestürmt, er hat die ganze Besatzung über die Klinge springen lassen, der Oberherr der Welt schwimmt unbewiesen in seinem Blute, es gibt jetzt keine Allbarmherzigkeit mehr, keine Vatergüte, keine jenseitige Belohnung für diesseitige Enthaltsamkeit, die Unsterblichkeit der Seele liegt in den letzten Zügen – das röchelt, das stöhnt –, und der alte Diener Lampe steht dabei mit seinem Regenschirm unterm Arm, als betrübter Zuschauer, und Angstschweiß und Tränen rinnen ihm vom Gesichte. Da erbarmt sich Immanuel Kant und zeigt, dass er nicht bloß ein großer Philosoph, sondern auch ein guter Mensch ist, und er überlegt, und halb gutmütig und halb ironisch spricht er: »Der alte Lampe muss einen Gott haben, sonst kann der arme Mensch nicht glücklich sein – der Mensch soll aber auf der Welt glücklich sein – das sagt die praktische Vernunft – meinetwegen – so mag auch die praktische Vernunft die Existenz Gottes verbürgen.«

Und warum eigentlich nicht? Denn wer so denkt nimmt der Religion alle Schwere, ohne ihr ihre soziale Wärme und Würde abzusprechen. Was er ihr absprechen würde, wäre alles das, was sie bisher ausmachte und in vielen Ländern noch immer ausmacht: Dogmatismus , Orthodoxie , rigorose Strenge, Drohung, Verängstigung, gelegentlich Fanatismus. Also genau die Elemente, aus denen die Kirche bisher ihre Macht saugte. Ein Verzicht auf diese Rolle wäre nichts Geringeres als eine Reformation aller Reformationen.

Ein zu riskanter Weg? Ja und nein. Einerseits beinhaltet er zugegebenermaßen eine Erosion dessen, was man bisher „Profil“ nannte. Andererseits öffnet sich der Weg hin zu einer erstaunlichen Wandlung – Verwandlung. Und Verwandlung gehört letztlich zum Kernbestand dessen, was Jesus Lehre und lebte.

Ich räume ein, so ganz neu ist dieser Vorschlag wahrlich nicht. Genauer gesagt, er ist an die 300 Jahre alt und kein Geringerer als Lessing macht den Weg dorthin in seinem frappierenden und keineswegs moralinsaurem „Nathan den Weisen“ frei. Nathans berühmtes:

„Eure Ringe sind alle drei nicht echt“

ist Sprengstoff für Puristen. Sein Nachhall ist bis heute zu spüren und Hardliner:innen aller Konfessionen und Religionen verschlucken sich fast daran. Als ob es so fatal wäre , sich einzugestehen, dass alle Religionen im Grunde Dome aus Worten, Begriffen und Narrationen sind. Faszinierende fiktive Gebilde, an denen es sich lohnt, weiter und weiter zu bauen, um sie für unsere Gegenwart bewohnbar zu machen. Realitätshaltig, wirklichkeitsbezogen, wie sich dies bereits Lessing wünschte, wenn er die Episode nüchtern, aber ganz und gar nicht ernüchternd, mit einem sehr pragmatischen Ratschlag enden lässt:

„– Mein Rat ist aber der: ihr nehmt

Die Sache völlig, wie sie liegt. Hat von

Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:

So glaube jeder sicher seinen Ring

Den echten.“

Solche Offenheit,Transparenz und Beweglichkeit würde man sich – schlappe 300 Jahre später – auch noch wünschen.

Statt lebenslang   immer die gleichen Texte mit gleicher Stimme und gleicher Mimik so lange zu repetieren bis Zuhörer und Sprechender in Trance oder in Halbschlaf verfallen – das kann es doch nicht sein. Und glauben Sie mir, als Katholik weiß ich , wovon ich spreche. Dabei wäre doch so viel möglich:

Statt ein Leben lang stetig der gleichen Argumentationsspur zu folgen und punktgenau voraussagbar nach ein paar Schlenkern in der „Jesuskurve“, so sagt man wohl, zu landen, könnte man doch auch einmal den gewohnten Erzählfluss ins Stocken geraten lassen und uns zum Weiterdenken inspirieren.

Statt sich selbstgefällig zu applaudieren, wenn man endlich, 2023, die enorme Kühnheit besessen hat, gleichgeschlechtlichen Paaren die Gnade der Segnung teilhaftig werden zu lassen, könnte man sich einfach über alle freuen, denen solch ein Ritual noch immer wichtig ist.

Statt immer nur besorgte Miene zu zeigen, und sich über das Leid der Migration moderat zu erregen, könnte man die Fluchten leersehender Klöster und Vatikanischer Paläste in Notzeiten öffnen und wirklich helfen.

Statt für den Frieden zu beten, könnten die höchsten Repräsentanten der Kirchen einen Schritt aus der Komfortzone ihrer Rituale wagen und sich zwischen die Warlords stellen. Konkret in körperlicher, materieller Präsenz , nicht symbolisch.

Statt monatelang in ihren öden Gremien und Synoden herum zu diskutieren und sich in nebensächlichsten amtskirchlichen Hierarchiefragen zu verheddern, könnten die diversen „Kirchenfürsten“ sich konkret nützlich zu machen und zupacken, wenn es darum geht Not zu lindern, Ungerechtigkeit zu attackieren. Mittel und Wege dazu sind vorhanden. Geistlichen würde man unter Umständen mehr glauben und mehr vertrauen als den diplomatisch glatten Gesichtern der Politprofis.

Aber dies alles wird natürlich nicht stattfinden, müsste man doch Privilegien aufgeben und auf Pfründe verzichten. Wenngleich man durch eine radikale Neuausrichtung auch sehr viel gewinnen würde: Man könnte zu einer Kraft jenseits des politischen Kalküls von Parteien oder Nationen werden, man könnte die Welt kreativ überraschen, statt sie immer nur zu besänftigen oder aufzuwiegeln. Man könnte enorme göttliche Kernenergien freisetzen und die Gläubigen im besten Sinne neu beseelen. Man könnte seine enormen finanziellen Ressourcen einsetzen, statt nur immer um Spenden zu bitten.

Aber wie gesagt: dazu wird es im Männergehege der Kirche – ganz gleich, ob unter Christen, Juden oder Muslimen noch lange Zeit nicht kommen. Denn schließlich geht es auch und nicht zuletzt um die Macht der Männer.

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