von Jürgen Wertheimer

Viele rätseln noch immer und fragen sich welches Mysterium sich hinter Epsteins überwältigendem Erfolg verbergen mag. Bisweilen aber sagt der Blick auf ein einziges Bild mehr als tausend Worte. Wenn ich ein gelernter Semiotiker wäre, würde mir dieses vergleichsweise harmlos erscheinende Bild einer beliebigen Party bei Epstein die Augen öffnen und die ganze Geschichte erzählen.
In der Mitte, in zweiter Reihe, verdeckt lauernd, der meisterliche Regisseur und Vermittler, mit seinem angedeuteten, undefinierbarem Lächeln, verschlossenen Lippen, Pokerface.
In erster Reihe die von ihm in Szene gesetzten Akteure: Kunde und Ware.
Der potentielle Kunde, nicht uninteressiert aber auch noch nicht zum Kauf entschlossen. Die Gier noch zurückgehaltend. Zugleich abschätzig, verschlossen, taxierend.
Und dann natürlich: die Ware, das Objekt der Begierde. Der Mund klafterweit, animiert und animierend offen, dem Kunden als Offerte entgegengeneigt. Nackte Haut, gespielte Seligkeit .
Ein Moment nur – wie wissen nichts über den weiteren Vorgang der Episode. Aber wir begreifen wie das System funktionierte. Der Fuchs in der Mitte verstand es meisterlich und ohne sich dabei groß aufzuspielen, Begierden zu wecken und zu befriedigen. Das leise, zufriedene Lächeln, das um seine Lippen spielt, gilt nur einem einzigen: sich selbst. Sich selbst und seiner souveränen Menschenkenntnis, seiner Raffinesse, seinem Instinkt für das, was sich hinter den Fassaden abspielt. Es wirkt fast so, als wäre er ein wenig erstaunt darüber, wie leicht sich alle auf sein Spiel einließen: Alle diese Idioten und Idiotinnen die serienweise auf seine Mache herein fielen. Auch ein Teil der Frauen, die nicht nur Opfer waren, sondern wie man sieht, höchst aktiv an den sich anbahnenden Deals beteiligte.
Das stille, in sich gekehrte Lächeln des Epizentrums dieser Komödie der Verführungen jenseits von Gut und Böse ist der Schlüssel zum Verstehen dessen, was sich da unter Mitwirkung der Großen dieser Welt abgespielt hat.
Womit wir auf Ebene zwei unserer kleinen „Bildbeschreibung“ angelangt wären. Dabei interessiert es uns nicht, wer sich da wem wozu anbietet und wer das Spiel wie lange mitspielt. Die Ware ist austauschbar, das Angebot, der Markt entscheidet. Auf diesem Markt der organisierten Begehrlichkeit ist Individuelles völlig gleichgültig. Preis und Nachfrage allein entscheiden. Auch und gerade in diesem Milieu , wo das Erotische strategisch als Gleitmittel der Macht eingesetzt wird, und alles in einen „Deal“ verwandelt wird.
Auf Ebene drei schließlich stehen wir alle auf der Bühne. Denn nun geht es um unser aller Käuflichkeit, Verkäuflichkeit, Verführbarkeit. Und so kurios es klingen mag – plötzlich sind wir bei Lessing, mitten im 18. Jahrhundert. Wie bekennt die sexuell massiv bedrohte, verfolgte Schönheit, das was man heute „Opfer“, nennt, Emilia Galotti, dort:
„Wer kann der Gewalt nicht trotzen? Was Gewalt heißt, ist nichts: Verführung ist die wahre Gewalt.”
Und genau dieses Register der Verführung beherrschen die Ebsteins dieser Welt seit jeher aufs Trefflichste. Und wir alle gehen ihnen nach wie vor serienweise auf den Leim: im Kleinen wie im Großen. Digital arbeitende Liebesillusionisten – Scammer – ergaunern auf diese Weise Millionen von bedürftigen, willigen „Opfern“.
Und wir Europäer – machen wir wirklich eine sehr viel überzeugendere Figur, wenn wir vor Autokraten in die Knie gehen, um Zuwendung betteln und standing ovations spenden? Als ob wir uns nicht auch wie das blonde Model auf Abruf feil bieten würden.
PS: Bilder können Masken darstellen, verräterische Züge andeutungsweise demaskieren -ins Innerste der Seelen reichen ihre Fühler nicht.
Die kriminelle Energie des leicht gedunsenen Kunden, die abgrundtiefe Gemeinheit des Kupplers vermögen sie nicht mit letzter Schärfe zu erfassen.
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