von Jürgen Wertheimer

„Wir alle befinden uns an der Ostflanke“ tönt der Generalsekretär der NATO und meint damit — uns alle:
Gleich ob wir in Kiew oder Sevilla, Wroclaw oder Palermo leben – vor russischen Hyperschallraketen, so rechnet der verhinderte Konzertpianist den Menschen vor, darf sich keiner sicher fühlen. Und rein technisch gesehen hat er ja recht: für eine Kinschal bedeutet die Differenz von 2000 KM gerade einmal eine 5 Minuten längere Flugzeit.
Politisch gesehen sind gedankliche Arabesken dieser Art freilich die reinsten Brandbeschleuniger. In unserem ohnehin aufgerauten und kriegslüsternen Klima, in dem Feuilletonisten sich schon mit koketten Fragen wie „sind wir fit for War“ aus der Deckung wagen, sollten verantwortungsbewußte Politiker der Versuchung widerstehen, mit knalligen Sprachkreationen in Erscheinung zu treten. Die viel beschworene Ostgrenze wird durch verbale und faktische Panzersperren, Landminengürtel Abwehrdrohnengeschwader in Richtung Ost nicht sicherer.
Im Gegenteil: der angeschlagene Gegner (und Russland ist durch seinen jämmerlich aus den Gleisen gelaufenen Angriffskrieg mental schwer angeschlagen) wird so lange provoziert , bis er zurückschlägt. Ich kann und will mir vorerst nicht vorstellen, dass der Westen es drauf anlegt, Russland zu einem Harakiririritt in Richtung Krakau, Vilnius, Berlin anzustacheln. Wenn dies so ist, sollte man freilich verbal tendenziell abrüsten, statt mit immer verwegeneren Sprachschöpfungen zu brillieren. Denn es gilt noch immer: Dem Krieg der Worte folgt sehr oft einer der Waffen. Und Losungen wie „Deutschland wird am Hindukusch verteidigt“ (seinerzeit), „In der Ukraine geht es um Europa“ oder „Sevilla liegt an der Ostflanke“ (heute ) nähren den Krieg, anstatt ihm Nahrung zu entziehen.
JÜW Febr. 21
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