Claus Guths Interpretation von Händels selten gespielter „Rodelinda, Regina de’ Longobardi“. Wuchtig und voluminös der andere: Verdis „Macbeth“, inszeniert von R.B. Schlather.

Beide Aufführungen sind, jedenfalls in dieser Spielzeit, nicht mehr zu sehen, beide sind auch musikalisch so großartig, dass jede Beschreibung davor erblasst – deshalb wende ich mich überwiegend diesen Geisterstunden der Gefühle zu ……und zwar: gemischte Gefühle in ihrer verdichteten Form.

So könnte man diese beiden auf ihre jeweilige Art großen Abende der Frankfurter Oper überschreiben.

Filigran, doppelbödig und subtil der eine – Claus Guths Interpretation von Händels selten gespielter „Rodelinda, Regina de’ Longobardi“. Wuchtig und voluminös der andere: Verdis „Macbeth“, inszeniert von R.B. Schlather.

Zurück zur Thematik des Geisterhaften. Es ist kein oberflächlicher szenischer Gag, wenn gespenstische Riesenfratzen, bedrohlichund skurril zugleich, im Verlauf der Geschichte um die schwer geprüfte Langobardenkönigin Rodelinda mehr und mehr die Szene bevölkern. Sie begleiten, umschleichen, provozieren die Akteure, verfremden und kommentieren deren albtraumartige Erfahrungen. Ein Doppelbödigkeit, die die Signatur dieser Inszenierung bildet, der dieser „Nachruf“ gewidmet ist:

Ein irrtümlich totgeglaubter König, der seine ehemalige Frau verzweifelt sucht und zugleich aus strategischen Gründen meiden muss; Rodelinda, seine „Witwe“, die ihm bis zur Selbstvernichtung treu ist und dennoch in den Verdacht der Untreue gerät; Ihr Taubstummer Sohn jämmerlich eingekeilt zwischen groben Erwachsenen, die er dennoch gelegentlich mit kindlicher Schadenfreude zu parodieren und zu karikieren scheint.

Zu all diesem Zwielichtigen gesellt sich noch Rodelindes bösartige, intrigante Rivalin, deren Rachegelüste im weiteren unvermittelt in Empathie für die Figuren, die sie zuvor noch attackierte, umschlägt. So bleibt kaum ein Moment im Verlauf der ruppig-ungestümen Handlung, die ständig zwischen Liebe, Hass, Macht und Eifersucht oszilliert, in dem die Figuren nicht von widersprüchlichen Empfindungen heimgesucht und gequält würden. Selbst Ariberteo, der Rivale des scheinbar toten Gatten, entpuppt sich letztendlich als qualvoll Verliebter und nicht nur als der kaltherzige Sadist, der er zu Beginn zu sein scheint.

Die in jeder Nuance durchdachte Doppelbödigkeit des Geschehens wird durch ein nicht minder stimmiges Bühnenbild eindrucksvoll unterstützt. Vorderfront und Innenleben des Palazzos werden durch geschickte Drehungen in ihrer Widersprüchlichkeit sichtbar und transparent gemacht. Und ein kindlich gekritzeltes Gitterwerk der Knotenpunkte der Handlung verhindert den Zerfall des komplexen Gesamtkonstrukts. An seinem Ende bleiben zerstörte, überforderte, zerbrochene Figuren am Boden liegend — die sich dann noch ein letztes Mal zu einem beschwingten Finaltänzchen animieren. Ende gut – aber bei weitem nicht alles gut. Das Happy End wirkt nach all den Demütigungen, Unterdrückungen wie aufgeklebt —und genau das soll es auch.

Am Abend nach diesem Abgesang, diesem Fest der mikroskopisch feinen Risse im Nervengeflecht der Täter wie der Opfer dominieren am Folgeabend bei Verdis MACBETH deutlich gröbere Töne.

Nun kennt man Schlaughter als exzellenten Regisseur, der sich – nicht nur in Frankfurt – mit äußerst akribisch ausgearbeiteten, hintergründigen Interpretationen von Barockopern einen Namen gemacht hat. Qualitäten, auf deren Anwendungen er diesmal wohl bewusst verzichtete. Shakespeares Psychogramm von Machtrausch, Manipulation und erotischen Verführungskünsten verwandelt sich unter seiner Regie zu einer um einige Etagen tiefergelegten bunten Klamotte, die bisweilen eher an Offenbach als Verdi gemahnt: Lady Macbeth als Matrone in Filzpuschen, Macbeth in Tennishöschen, saturiert, übergewichtig, fast gemütlich – so hat man das teuflische Mörderpaar selten gesehen. Dazu Zauberhexchen in Faschingskostümen und mit bunten Hütchen. Tänzelnd, wippend vor Dancing skeleton videos auf dem Monitor Hintergrund. Die Tatwaffe schnell aus der Geschirrablage gegriffen und ab die Post. Kein Hauch von ominöser Einflüsterung, gar von erotischer Verführung, von Zaudern, Spannung, Thrill wie weiland bei Polanski. Falls es Schlater darum gegangen sein sollte, die banalste Form der „Banalität des Bösen“ zu zeigen: diese Ziel hätte er im ersten Akt zu 100% erreicht.

Im zweiten Akt gerinnt die so angerichtete Banalität und wird als gesellschaftskritische Soße über die ganze Gesellschaft geklatscht. Glitzernd gestimmte Prominenz unterm Weihnachtsbaum, die Dame des Hauses mittlerweile neureich herausgeputzt in einem gewaltig gerüschten roten Kleid, das wie ein überdimensionaler Kaffeewärmer wirkt.

Die Gesellschaft domestiziert, scheint sich mit dem neuen Herrscher so devot arrangiert zu haben wie wir das mittlerweile von Trump und seiner Entourage kennen. An dieser Stelle glaubt man endlich für einen Moment so etwas wie ein schlüssiges, kritisches Konzept des US Regisseurs erkennen zu können. Einziger Störfaktor Macbeth Halluzinationen – ein gesellschaftlicher Missklang.

Freilich geht im 2. Teil dieser eher amüsanten denn erschreckenden Shakespeare Revue die eben gewonnene Haltung im neuerlich veralberten Hexensabbat, diesmal in Abendrobe, unter. Bisweilen geschehen eher im Nebenher weitere Morde. Denn längst hat Macbeth seine Lektion gelernt und agiert in der Art eines skrupelfreien Profigängsters – noch immer und bis zum bitteren Ende im weißen Bademantel; und seine Frau nun eher als aufgedunsenes, schwächelndes Intrigenanhängsel mit sich herumschleppend.

Wir sind mittlerweile kurz vor dem Ende der flachbrüstigen, etwas halbgaren Verdiparadie im Schongang. Geflacker, ein paar Verschwörer geistern irgendwie durchs Gelände — Schließlich wird der Übertäter von Macduff textkonform erwürgt.

Nein, ich habe nicht polemisch übertreiben: dieser szenisch kraftlose, musikalisch und stimmlich großartige Macbeth, hätte wahrlich eine Regie verdient, die das Mysterium der Verführbarkeit, das Rauschmittel Macht, die Kippstelle zwischen Vorsatz, Tat und Spätfolgen an irgendeiner Stelle ernst genommen hätte, spürbar gemacht hätte. So blieb dem Publikum nur die großartige musikalisch Leistung stürmisch zu bejubeln, während der Mantel der Regie kraftlos um das Gerippe des Textes schlotterte.

Cornelie Ueding

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