von Johannes Barthmes

Foto: Eva Neunhoeffer
(Eine leicht kürzere Version ist am 20. Juli 2026 im Reutlinger Generalanzeiger erschienen.)
Jürgen Wertheimer, emeritierter Professor für komparatistische Literaturwissenschaft an der Universität Tübingen, hat seinen Roman „Die Scharfseherin“ vorgestellt. Seine Nacherzählung von Ilias und Odyssee ist mehr als ein Roman.
Bei der Veranstaltung im Rittersaal des Tübinger Schlosses, zwischen Nachbildungen antiker Skulpturen, musste nachgestuhlt werden. Der Name Jürgen Wertheimer zieht in Tübingen. Das Publikum wurde nicht enttäuscht. Wertheimer, emeritierter Professor für komparatistische Literaturwissenschaft an der Universität Tübingen, unterhielt mit einem Ablehnungsschreiben, mit dem ein Verlag sein Manuskript zurückgewiesen hatte, und mit Stichen gegen die Universität.
Aber schnell war man mitten in einer Literaturvorlesung. Er zitierte Hölderlin: „Was bleibet aber, stiften die Dichter“ – das sei geradezu „eine Formel für die Bedeutung von Literatur“. Auf Troja bezogen ist das sofort plausibel. Ohne Literatur wüssten wir von dieser Stadt an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien, die uns aufgrund der Erzählungen so lebendig scheint, praktisch nichts. „Fantasie ist der Brennstoff, aus dem Wirklichkeit geschmiedet wird. Angewandte Halbwahrheiten ergeben in der Summe verdoppelte Wirklichkeiten“, heißt es im Odyssee-Teil von Jürgen Wertheimers Roman „Die Scharfseherin“. Der erste Teil ist um die Ilias herum gebaut, wobei deren Kern, „der Zorn des Achill“, zur Randnotiz wird, zur dramatisierenden Akzentverschiebung späterer Geschichtsausmalung.
Vor einer Nachbildung der Laokoongruppe, dem Priester, der zusammen mit seinen Söhnen von den Göttern getötet wurde, um Troja nicht vor dem Unheil bringenden Pferd warnen zu können, deutete Wertheimer dessen Schicksalsgenossin Kassandra, die Hauptfigur in „Die Scharfseherin“. Keine Skulptur gebe es von ihr, sie sei ein „blinder Fleck“. Das hat den nachvollziehbaren Grund, dass sie aufgrund des Fluchs, die Zukunft zwar sehen, aber niemanden davon überzeugen zu können, nicht in wichtiges Geschehen wirksam eingreifen konnte. Tragische Figur, aber eben nicht Heldin. Trotzdem wurden ihr literarische Denkmäler gesetzt, von Aischylos, Schiller, Christa Wolf. Aber der oben verwendete Begriff „Nacherzählung“ greift zu kurz: Wertheimer ist der Erste, der Kassandra zur Akteurin macht. Bereits Wolf hatte ihr Autonomie gegenüber dem göttlichen Fluch zugestanden und sie als aufmerksame, intelligente, kritische Deuterin ihrer Gegenwart gezeichnet. Jürgen Wertheimer geht ein paar Schritte weiter und lässt sie das Schicksal Trojas mitgestalten.
Beim Zuhören drängte sich eine zweite Frage auf. Die erste, beim Lesen, war, ob „Die Scharfseherin“ als unabhängiger Roman funktioniert oder nur als moderne Ausleuchtung der alten Epen. Die zweite war nun, ob Wertheimer, mehr Wissenschaftler als Schriftsteller, die Figuren von ihrer Deutung her konstruiert oder ihnen wirklich eigene Lebendigkeit zugestanden hatte. Für Ersteres spricht die auffällig einfache Sprache, zu der sich auch der ablehnende Verlag geäußert hatte: „Falls er selbst das Ganze überleben würde, konnte er immer noch rechtzeitig abhauen, dachte Odys“ – so heißt Wertheimers Odysseus. Erst nach und nach kommt man dahinter und glaubt dem Autor schließlich, dass es vielleicht kein notwendiges, aber ein funktionierendes Stilmittel ist, nicht die sagenhaft überhöhten Charaktere im Hymnenton nach-, sondern normale Menschen mit normalen Eigenschaften in Alltagssprache vorzuerzählen und damit das Substrat der späteren Superhelden freizulegen.
Zum Beispiel wird von Kalchas erzählt, dem Oberpriester, der Agamemnon Wind bescheren soll, um endlich nach Troja lossegeln zu können – eine unmögliche Aufgabe. Er denkt sich einen Trick aus, ein Opfer so groß, dass Agamemnon es nur ablehnen kann und somit selbst schuld sein wird, wenn kein Wind kommt: die Opferung seiner eigenen Tochter Iphigenie. Aber Agamemnon akzeptiert ohne Wimperzucken und bringt Kalchas in schwerste Gewissensnöte. Nicht „wirklich“ im Sinne von „so ist es passiert“, sondern „wirklich“ im Sinne von „das ist die Ebene, auf der es sich abgespielt haben muss“.
Irgendwer war Vorbild für Achilles und Agamemnon und Kassandra. Irgendwer hat die Odyssee erfunden – denn sie muss schlicht erfunden worden sein. Im Grunde betreibt Wertheimer so etwas wie experimentelle Archäologie. Gegen Schluss wird auch die Sprache literarischer, für diejenigen, die das mögen. Das Ganze ist immer besser fließende Erzählung. Eingebettet in die Frage, wie Literatur funktioniert. Jürgen Wertheimer empfahl den Kauf seiner im Tübinger Konkursbuch Verlag erschienenen Buches als „gute Investition“. Für Wertheimer-Fans, Mythologie-Interessierte, Literatur-Hinterfragende und Sommerlektüre-Suchende ist es das.










