von Jürgen Wertheimer
Der antiillusionäre, hyperrealistische Ansatz des Cassandra Projekts konzentriert sich deshalb genau auf diese Phase, auf das Vorfeld, die Zeit, in der sich Konflikte langsam aufbauen, vorbereiten. Die Phase, in der es noch nicht brennt. Wir neigen leider häufig dazu, uns in dieser Zeit blind zu stellen und reagieren notorisch erst dann, wenn es fast zu spät ist.
Beispiel Ukraine; als Putin losschlug waren alle alarmiert und einmal mehr überrascht, so als ob man die 8 Jahre zwischen den Aufständen auf dem Maidan und dem Angriff produktiv hätte nutzen können, ja MÜSSEN! Die Phase als sich etwas zusammenzubrauen begann, Geschichte entstand. Jetzt verhallen Friedensappelle ungehört – damals, in der Latenzphase hätte der geballte Einsatz diplomatischer, politischer, ökonomischer Mittel zumindest das Risiko der Eskalation mindern können.
Sie werden sagen: Zu spät – aber was kann man jetzt tun? Was kann man in der Zukunft und für die Zukunft tun? Bleiben wir beim Beispiel -RUS – UKR.
Nun, wenn man das wahrhaft toxische Verhältnis, das Russland und die Ukraine seit Jahrhunderten verbindet, ernst nimmt, käme man im Angesicht dieses verheerenden Krieges nicht drauf, für die Zeit danach bereits jetzt die simpelste und gefährlichste mögliche Lösung für einen Neubeginn einzuleiten: eine überstürzte Aufnahme der Ukraine in die EU. Ganz so als ob die Wirklichkeit sich durch einen Verwaltungsakt außer Kraft setzen ließe. Die Wirklichkeit heißt: ein über Jahrhunderte aufgebauter, aus dem Widerstand gegen Russland gewachsener extrem ausgeprägter Nationalismus. Und ein nicht minder starkes Dominanzgefühl Russlands, das die Ukraine stets als Trabanten Russlands sah. Puschkin brachte es auf die hochmütige Formel:„Alle Slawenbäche fließen vereint ins große Russenmeer“.
Wenn das geschieht, was jetzt eingeleitet wurde, werden in fünf oder sechs Jahren, wenn alle Entscheider längst nicht mehr in ihren Ämtern sind, die Konsequenzen zu tragen sein. Eine Ukraine, die sich gegen die Zumutungen des Westens verwahrt. Ein Russland, dem man ein Kernstück seiner Identität geraubt hat. Ist man wirklich so naiv, diesen neuen Konflikt nicht voraussehen zu wollen?
Das Fallbeil der Zugehörigkeit oder des Nicht-Dazu-Gehörens war immer schon ein riskantes Instrument. In der Regel generiert man damit Konflikte, statt sie aufzulösen.
Seit Jahrhunderten erprobt die Kultur die Kunst der Übergänge, spiegelt kulturelle Pluriidentität. Doch entgegen diesen konkreten lebensweltlichen Erfahrungen schafft man „Eindeutigkeit“. Eindeutigkeit an Stellen, die durch Mehrdeutigkeit gekennzeichnet sind … Übergangszonen, Bruchstellen, Vermischungsgebiete …. Wann wird Europa begreifen, dass es ein hybrider Kontinent ist, ein fragiles Patchwork-Gebilde?
Ein permanenter, offener Verhandlungsraum, – Gestaltungsraum – mit dem Spezialgebiet: Vereinbarkeit des Unvereinbaren?
Nicht so:

https://www.presseportal.de/pm/6348/3623404
Sondern so funktioniert Europa:

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