Trotz dieser ernüchternden Bilanz und obwohl man erkennen kann, dass die aufgeblasenen Maulhelden im Grunde mit leeren Händen dastehen folgen wir ihnen.
Jüngste Beispiele : Trumps Irandeal, der die Mullahs nicht nur im Amt läßt, sondern sie auch noch subventioniert.
Oder der G7 Gipfel in Evian, in dem die Europäer zu Schmeichlern und Duckmäusern mutieren und den sichtlich zerfallenden US Präsidenten aufs Erniedrigendste zu umgarnen versuchen.
Es ist schon erstaunlich wie tief der Reflex der Unterfung unser Handeln bestimmt. Wir alle (Europäer , Amerikaner , Russen..) lassen alles mehr oder weniger reaktionslos geschehen und über uns ergehen. Gut, angesichts dieser diffusen Bilanz beginnt in den USA ein leiser Gärungsprozess, der zur Erkenntnis führen könnten, auf dem falschen Weg zu sein. In Russland ein noch leiserer. Und auch der mutige Aufstand in Teheran fand bereits statt und wurde brutal niedergeschlagen. Im Schatten der Galgen geht man natürlich in Deckung.
Aber dass die drei Hauptverursacher, Trump, Putin und Netanyahu, nach all ihren Untaten und Verbrechen noch immer in Amt und Würden sind, sagt einiges über unsere enorme Duldsamkeit aus. Man kann uns einiges, sehr viel zumuten. Die Macht der Diktatoren resultiert aus unserer feigen Passivität.
Auch lassen wir zu, dass sichder Mehltau des Krieges, Treibstoff jeder Annexion, allmählich wie ein Smog über uns alle legt. Wenn jeder jeden belauert und vom anderen das schlimmst Mögliche annimmt, verschieben sich alle Akzente des politischen und sozialen Lebens gravierend.
Vor ein paar Jahren umging man das Thema Krieg noch mit spitzen Fingern, verwies auf das Völkerrecht und hielt den bloßen Gedanken an Gewalt für „ethisch bedenklich“. Jetzt wo Krieg das Thema Nr. 1 geworden ist, kräht kein Hahn mehr danach – im Gegenteil regelrechte Hahnenkämpfe finden statt und jeder will den größten haben – z.B. Deutschland „das größte konventionelle Heer in Europa“. Auch dies ohne nennenswerten Protest. Im Gegenteil, wir sehen zu wie wir uns Milliarde für Milliarde in den kommenden Krieg gegen Russland sehenden Auges hineinmanövrieren.
Bevor wir – für diese Spielzeit – zu einem vorläufigen Abschluss kommen, muss die Frage sein: Was ist seit dem November, seit der ersten Veranstaltung zum Thema der „Annexion“ realiter geschehen? Was konnten wir in Echtzeit beobachten? Damals war Kanada verbalen Drohungen durch Trump ausgesetzt. Wir stellen fest:Kanada und Greenland existieren noch immer – von Annexion ist derzeit kaum mehr die Rede. Vielleicht weil sich die Kanadier reaktionsschnell massiv positionierten und zu ihrer Autonomie bekannten (Lorenz).
Ähnlich das Verhalten im Fall Venezuela. Überfall und Entführung mit großem Aplomb: das System symbolisch enthauptet – aber kein spürbarer gesellschaftlicher Wandel.
Kein genereller Systemwandel auch im Iran, trotz beachtlichen militärischen Einsatzes. Das Regime der Mullahs sitzt gefestigt im Sattel – Abkommen hin oder her.
Und ob man, wie großmäulig angekündigt, Cuba auf dem Rückweg vom persischen Golf eben mal so – im Handstreich – nehmen wird, bleibt abzuwarten..
Eigentlich eine erschütternde Bilanz.
Noch schlechter als die vom Annexions-Kollegen Putin. Aus dessen blitzkriegsartiger Spezialoperation gegen die Ukraine ist eine perspektivlose Hängepartie geworden. Einziges Resultat: Hunderttausende vollständig sinnlos gestorbener Soldaten.
Und: Ein sicherlich nicht beabsichtigter Nebeneffekt : ein aufgewachtes, sich zunehmend kämpferisch gebendes Europa.
Auch aus dem von Trump ursprünglich geplanten Schnellverfahren in Sachen Befriedung ist nichts geworden. Statt 24 Stunden vergehen nun Jahre… Kein Ende der Krieges in Sicht.
Unterm Strich also eine desaströs Bilanz der Maulhelden in Ost und West. Und damit letztlich die positive Nachricht für uns alle, die Großsprecher, nicht mehr so ernst wie bisher zu nehmen. Ihre hohlen Drohungen zu ignorieren, nicht mehr auf jede ihrer zerebralen Zuckungen zu achten — Sie buchstäblich ins Leere laufen zu lassen… Ohne unser permanentes Echo schrumpfen all diese „Führer“ und Leader auf Normalgröße zusammen…
Polen, Ungarn, Tschechien und das Baltikum – Europas labiler Osten ist fest eingespannt in die Kraftfelder zwischen Westeuropa und Russland. Länder in diesen ideologischen und kulturellen Bruchzonen unterliegen einem permanenten Stresstest. Es ist ein Ringen um Zugehörigkeit, das zu ideologischen Konflikten, separatistischen Stimmungen und toxischen Nationalismen führt.
Wie wird Identität in diesen Grenzregionen verhandelt? Und wie sezieren Literatur und Publizistik die Schatten der Vergangenheit, um aktuelle Machtstrukturen zu verstehen?
In dieser Matinee geht Jürgen Wertheimer diesen Fragen nach und wirft einen Blick auf die Mechanismen, die unsere europäische Nachbarschaft prägen. Zu Gast ist die preisgekrönte polnisch-deutsche Autorin und Publizistin Magdalena Parys. Als scharfsinnige Beobachterin und „Pendlerin zwischen den Welten“ – bekannt durch Romane wie „Der Magier“ und ihre Arbeit für internationale Medien – analysiert sie die aktuellen ideologischen Konflikte. Im Gespräch mit Jürgen Wertheimer geht es somit auch um die Verteidigung demokratischer Werte und die Kraft der Literatur gegen das Vergessen.
Die Moderation des Vormittags übernimmt Dr. Bernd Villhauer vom Weltethos-Institut, der die Brücke zwischen philosophischen Grundsatzfragen und realpolitischen Herausforderungen schlägt. Für die künstlerische Begleitung sorgt Wortakrobat Helge Thun, der das komplexe Thema mit gewohntem Tiefgang und einer Prise Humor flankiert.
Besteht eine neurobiologische Verbindung zwischen dem Streben nach Macht und deren Erlangung? Es ist verlockend, aktuelle Akteure wie Trump oder Putin sowie historische Machthaber durch die Brille der Neuropsychiatrie zu betrachten.
Im Fokus stehen dabei jene Hirnareale, die für die antizipatorische Angst zuständig sind – und die bei Psychopathen oft markante Defizite zeigen. Das Gespräch geht der Frage nach, ob diese Erkenntnisse Wege für Prävention oder Verhaltensänderungen eröffnen.
Niels-Peter Birbaumer, langjähriger Professor an der Universität Tübingen, widmet sich seit jeher den Extremen. Als einer der weltweit führenden Experten untersuchte er intensiv, inwieweit das Gehirn krimineller Psychopathen formbar ist. Seine bahnbrechenden Experimente mit „locked in“ Patienten brachten ihm weltweites Interesse und den ungerechtfertigten Verdacht „wissenschaftlichen. Fehlverhaltens“ seitens der Uni Tübingen ein.
Möglicherweise sind es bereits erste Symptome der Folgen des flächendeckenden, alle Kulturen und Schichten umfassenden, bedenkenlosen Einsatzes der KI? Das Abschmelzen der Polkappen des kritischen Denkens. Es ist allenthalben zu beobachten und es schreitet zügig voran.
Großer Aufreger in den Medien: ein Blogger, der es sich zum Prinzip gemacht hat, alles was ihm interessant erscheint, Kriminelle oder Politiker, Gangster und Geldsäcke zu interviewen und sie stundenlang reden zu lassen, wagt sich – das gefährlichste Gespräch seines Lebens, wie er stolz verkündet – an den AfD Frontman B. Hoecke. Das Besondere an diesem Format: kein Kommentar, keine Haltung, keine Kritik. Und siehe da: Das Gespräch geht im Netz durch die Decke: Millionen von Usern schalten sich binnen Stunden ein und inhalieren den Schrott widerstandslos. Der Rechtsaußen der Rechten gibt den Wolf im Schafspelz , spricht, als ob er Kreide gefressen hätte, mimt den souveränen Ehrenmann, der nichts mehr hasst als „Ideologien“. Der Verhetzer als sanft lächelnder Aufklärer – das hat man auch nicht alle Tage. Und die Massen genießen den sanften Sound zu Millionen und lassen sich widerstandlos berieseln, belügen.
Anderes Beispiel, nahezu zeitgleich, von der anderen Seite des Atlantiks. König Trump spricht vor dem erlauchten Auditorium des „Club of the Palm Beaches“ über dies und das.
Unter anderem über seine Sicht auf den Irankrieg, den er so vollständig gewonnen hat, wie man einen Krieg nur gewinnen kann – zustimmendes dezentes Gelächter des Publikums. Dann ein paar Sätze über die lächerlich kleine Insel Cuba, die man auf dem Rückweg aus Iran, im Vorbeigehen einnehmen, mitnehmen werde. Ein Schiff mit 80 Kanonen, pardon, ein USS Flugzeugträger taucht vor der Küste auf und allein dieses Erscheinen, so Trump, genügt, um ganz Cuba zu einer jämmerlichen Kapitulation zu bringen… Wiederum erheitertes Gelächter in der Runde.
Dass die „Protagonisten“ der beiden Beispiele so sind, wie sein nun einmal sind, ist eine Sache: verlogen bis in Mark, korrupt, ich besessen.
Dass sie so werden konnten und es bleiben können allerdings, liegt an uns. Wir scheinen bereits somatisiert, mental eingeschläfert zu sein. Sei es durch übermäßigen KI-Konsum oder andere intellektuelle Ruhigsteller. So lassen wir die größten Lügen, zynischen Irrwitz, perfide Gemeinheit ohne nennenswerten Widerstand über uns ergehen – allenfalls lachen wir amüsiert, wenn man uns einmal mehr kaltstellt.
„Die Kraft, mit der Christus auferstanden ist, ist vollkommen gewaltfrei. Sie gleicht der Kraft eines Weizenkorns, das, nachdem es in die Erde fällt und stirbt, wächst, sich einen Weg durch die Schollen bahnt, keimt und zu einer goldenen Ähre wird. Noch mehr gleicht sie der Kraft eines menschlichen Herzens, das nach einer Kränkung seinem Racheinstinkt nicht folgt und voll Erbarmen für den betet, der es verletzt hat…“
So die Worte von Papst Leo am vergangenen Sonntag vor 60.000 ergriffenen Zuhörern … Ich räume ein, es mag eine persönliche Marotte sein – aber etwas in mir reagiert auf Gleichnisse, insbesondere auf Weizenkorn-Gleichnisse allergisch. Wie ich generell Probleme habe mit dem märchenartigen Unterton, der viele offizielle Statements der Kirche grundiert – nach dem Motto „Als das Wünschen noch geholfen hat“.
„Wer Waffen in der Hand hält, lege sie nieder! Wer die Macht hat, Kriege zu beginnen, entscheide sich für den Frieden! Nicht für einen Frieden, der mit Gewalt erzwungen wird, sondern durch Dialog! Nicht mit dem Willen, den anderen zu beherrschen, sondern ihm zu begegnen!“
Um nicht missverstanden zu werden: eigentlich hab‘ ich ein Herz für derart schrullige und ein wenig kindliche Aussagen. Aber in Anbetracht einer waffenstarrenden Welt im rabiaten Aufrüstungsmodus bring ich das alles nicht mehr so ganz zusammen: Die religiöse Traumwelt und die krude, sehr krude Wirklichkeit. Niemand, wirklich niemand denkt derzeit daran, die Waffen niederzulegen
Ganz im Gegenteil: Schießen wird Schulfach – nicht nur im sehr katholischen Polen.
Denn es ist ja nicht so, dass die religiöse Traumwelt durchgängig friedensgetönt wäre. Nicht nur im Islam – von dem anschließend Seyran Ates sprechen wird – sondern auch bei uns im christlichen Westen. US-Kriegsminister Pete Hegseth z.B., tiefgläubiger Christ, Evangelikale, wähnt sich gar – wie einst die Kreuzritter im Mittelalter – in einem heiligen Krieg der Christen gegen die Ungläubigen. An seinem rechten Bizeps trägt er das Kreuzzugsmotto Tattoo Deus vult (Gott will es so).
Und im Alltag manifestiert sich diese Haltung bis hinein ins Schulgebet:
“Täglich knien wir zusammen in unseren Schulen und Kirchen mit unseren Familien nieder, um den Namen Jesus Christus anzurufen.“
„Unser Wille wird gestärkt. Unsere Truppen werden besser. Die Vorsehung unseres allmächtigen Gottes wird unsere Truppen beschützen, und wir wollen seine Mission erfüllen.
Internationale Regeln gegen Kriegsverbrechen bezeichnet er als dumme Regeln. Stattdessen versucht er sich als Rapper und postuliert: maximale Tödlichkeit anstatt lauwarmer Legalität, oder gewaltsame Effekte, nicht politische Korrektheit.
Soweit zur anderen Seite der Welt des Glaubens. Draußen, in der rauen, sehr rauen Wirklichkeit – jenseits der Fata Morgana von „Dialog“ und „Begegnung“ auf dem östlichen Petersplatz.
Nein, ich mache es mir nicht – wie man mir vorwerfen könnte – leicht und verteufle die Kirche als Hüterin des Bösen. Ich zücke die Keule der langen Reihe von Untaten, die „im Namen Gottes“ geschahen auch nur ganz kurz: Inquisition, Hexenverbrennungen, Missbrauch und Missionierung … Man kann und darf doch nicht alles vergessen, was je unter den Auspizien und auf Veranlassung der Kirchen geschah: Jahrhundertelang mussten Generationen von Aufklärern um jedes freie Wort kämpfen, gelegentlich landeten sie dafür auf dem Scheiterhaufen. Wenn sie Glück hatten, wurden nur ihre Bücher verbrannt. Kriege im Namen der Religion entvölkerten halb Europa. In den Kolonien wüteten wir im Zeichen des Kreuzes wie Berserker – hochkultivierte Berserker, versteht sich.
Doch auch der kleine, ganz alltägliche Gebrauch der Religionen inmitten unserer säkularisierten Welt reicht aus, um das zentrale Problem alles Kirchlich- Religiösen zu beleuchten – Das Phänomen der Macht.
So lange man sich vor der schlichten Erkenntnis drückt, dass Religion in ihrem Ursprung weniger mit Caritas und Liebe zu tun hat, als mit Macht und Dominanz, schwindeln wir uns in die Tasche – man verzeihe mir diese etwas platte Formulierung. Sicher, es handelt sich um eine besonders ausgeklügelte Form der Machtausübung, eine spirituell unterfütterte, sich sanftmütig gebende. Dies ändert nichts an ihrer einschüchternden Wirkung. Noch Gretchen im „Faust“ weiß auf dem Weg aufs Schafott ein Lied davon zu singen … Und selbstverständlich sind es die obligatorischen, anrührenden „Stimmen von oben“ die das faktische Todesurteil („sie ist gerichtet“ ) in einen fiktiven Freispruch („sie ist gerettet“) verwandeln.
Dennoch im Ganzen gesehen wurde zumindest hier im Westen und nach zähem Ringen der Religion letztlich der Giftzahn gezogen . Die Macht über die Gefühle und Gedanken anderer Menschen haben andere Institutionen und Manipulatoren übernommen, ob sie nun politischer oder ökonomischer Natur sind, und das christliche Abendland existiert nur mehr als Kulisse. Im Kräftespiel der Macht spielt die Kirche hier keine wirkliche Hauptrolle mehr, allenfalls eine aparte Nebenrolle, die sie an Fest- und Kirchentagen , Jugendtreffen etc., gelegentlich auch im Bereich des Sozialen, seltener des Kulturellen nach Kräften zu erfüllen sucht. Sie sehen, ich dämonisiere die Rolle der Kirchen nicht, ich versuche sie in einem realistischen Licht zu sehen. Und ich sehe ihre neue „Ohn-Macht“ als große Chance. Sie muss sich nicht mehr in Positur werfen, muss nicht mehr Kontrollfunktionen ausüben, selbst ihre schärfste Waffe – Die Drohung von Strafe und Sühne – ist vergleichsweise stumpf geworden. Und spirituelle Bedürfnisse befriedigen Teile der Bevölkerung längst bei anderen „Anbietern“, um es nüchtern auszudrücken.
Solchermaßen befreit könnte die Kirche der nahen Zukunft allen restlichen Ballast abwerfen und sich selbst neu erfinden:
Eine gewisse Bescheidenheit, im klerikalen Jargon „Demut“, wäre mehr als angebracht. Dazu Mut, sich zu einem autonomen, neutralen Akteur zu machen, der sich konkret einmischt und nicht bloß salbungsvoll schwadroniert.
Eine erneuerte, sich erneuernde Kirche, die frei vom alten Ballast der Orthodoxie und der Annahme einer „Unfehlbarkeit“ den Menschen wieder so nahe käme, wie Jesus dies war. Eine befreite Theologie …
Naive Illusion? Möglicherweise. Aber zumindest ein reeller und konsequenter Schritt auf unbekanntes Terrain.
Vielleicht kann uns ein weiteres Mal ein Literat aus der gedanklichen Bredouille helfen, kein geringerer als Heinrich Heine, den man gern einen Spötter nennt. Heine verweist auf herrlich unangestrengte Art darauf, dass sich spätestens im 18. Jahrhundert durch das kritisch analytische Denken der Aufklärung und die kritische Philosophie Kants die Frage nach der Existenz Gottes erledigt hatte. Und doch: das bekannte Verdikt „Gott ist tot„ kann und soll nicht das letzte Wort sein. Denn nichts spricht dagegen, zumindest so zu tun als gäbe es einen Gott – und sei es nur als emotionales Trostpflaster und ethische Krücke. In Heines reichlich lockeren Worten:
„Immanuel Kant hat den Himmel gestürmt, er hat die ganze Besatzung über die Klinge springen lassen, der Oberherr der Welt schwimmt unbewiesen in seinem Blute, es gibt jetzt keine Allbarmherzigkeit mehr, keine Vatergüte, keine jenseitige Belohnung für diesseitige Enthaltsamkeit, die Unsterblichkeit der Seele liegt in den letzten Zügen – das röchelt, das stöhnt –, und der alte Diener Lampe steht dabei mit seinem Regenschirm unterm Arm, als betrübter Zuschauer, und Angstschweiß und Tränen rinnen ihm vom Gesichte. Da erbarmt sich Immanuel Kant und zeigt, dass er nicht bloß ein großer Philosoph, sondern auch ein guter Mensch ist, und er überlegt, und halb gutmütig und halb ironisch spricht er: »Der alte Lampe muss einen Gott haben, sonst kann der arme Mensch nicht glücklich sein – der Mensch soll aber auf der Welt glücklich sein – das sagt die praktische Vernunft – meinetwegen – so mag auch die praktische Vernunft die Existenz Gottes verbürgen.«
Und warum eigentlich nicht? Denn wer so denkt nimmt der Religion alle Schwere, ohne ihr ihre soziale Wärme und Würde abzusprechen. Was er ihr absprechen würde, wäre alles das, was sie bisher ausmachte und in vielen Ländern noch immer ausmacht: Dogmatismus , Orthodoxie , rigorose Strenge, Drohung, Verängstigung, gelegentlich Fanatismus. Also genau die Elemente, aus denen die Kirche bisher ihre Macht saugte. Ein Verzicht auf diese Rolle wäre nichts Geringeres als eine Reformation aller Reformationen.
Ein zu riskanter Weg? Ja und nein. Einerseits beinhaltet er zugegebenermaßen eine Erosion dessen, was man bisher „Profil“ nannte. Andererseits öffnet sich der Weg hin zu einer erstaunlichen Wandlung – Verwandlung. Und Verwandlung gehört letztlich zum Kernbestand dessen, was Jesus Lehre und lebte.
Ich räume ein, so ganz neu ist dieser Vorschlag wahrlich nicht. Genauer gesagt, er ist an die 300 Jahre alt und kein Geringerer als Lessing macht den Weg dorthin in seinem frappierenden und keineswegs moralinsaurem „Nathan den Weisen“ frei. Nathans berühmtes:
„Eure Ringe sind alle drei nicht echt“
ist Sprengstoff für Puristen. Sein Nachhall ist bis heute zu spüren und Hardliner:innen aller Konfessionen und Religionen verschlucken sich fast daran. Als ob es so fatal wäre , sich einzugestehen, dass alle Religionen im Grunde Dome aus Worten, Begriffen und Narrationen sind. Faszinierende fiktive Gebilde, an denen es sich lohnt, weiter und weiter zu bauen, um sie für unsere Gegenwart bewohnbar zu machen. Realitätshaltig, wirklichkeitsbezogen, wie sich dies bereits Lessing wünschte, wenn er die Episode nüchtern, aber ganz und gar nicht ernüchternd, mit einem sehr pragmatischen Ratschlag enden lässt:
„– Mein Rat ist aber der: ihr nehmt
Die Sache völlig, wie sie liegt. Hat von
Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:
So glaube jeder sicher seinen Ring
Den echten.“
Solche Offenheit,Transparenz und Beweglichkeit würde man sich – schlappe 300 Jahre später – auch noch wünschen.
Statt lebenslang immer die gleichen Texte mit gleicher Stimme und gleicher Mimik so lange zu repetieren bis Zuhörer und Sprechender in Trance oder in Halbschlaf verfallen – das kann es doch nicht sein. Und glauben Sie mir, als Katholik weiß ich , wovon ich spreche. Dabei wäre doch so viel möglich:
Statt ein Leben lang stetig der gleichen Argumentationsspur zu folgen und punktgenau voraussagbar nach ein paar Schlenkern in der „Jesuskurve“, so sagt man wohl, zu landen, könnte man doch auch einmal den gewohnten Erzählfluss ins Stocken geraten lassen und uns zum Weiterdenken inspirieren.
Statt sich selbstgefällig zu applaudieren, wenn man endlich, 2023, die enorme Kühnheit besessen hat, gleichgeschlechtlichen Paaren die Gnade der Segnung teilhaftig werden zu lassen, könnte man sich einfach über alle freuen, denen solch ein Ritual noch immer wichtig ist.
Statt immer nur besorgte Miene zu zeigen, und sich über das Leid der Migration moderat zu erregen, könnte man die Fluchten leersehender Klöster und Vatikanischer Paläste in Notzeiten öffnen und wirklich helfen.
Statt für den Frieden zu beten, könnten die höchsten Repräsentanten der Kirchen einen Schritt aus der Komfortzone ihrer Rituale wagen und sich zwischen die Warlords stellen. Konkret in körperlicher, materieller Präsenz , nicht symbolisch.
Statt monatelang in ihren öden Gremien und Synoden herum zu diskutieren und sich in nebensächlichsten amtskirchlichen Hierarchiefragen zu verheddern, könnten die diversen „Kirchenfürsten“ sich konkret nützlich zu machen und zupacken, wenn es darum geht Not zu lindern, Ungerechtigkeit zu attackieren. Mittel und Wege dazu sind vorhanden. Geistlichen würde man unter Umständen mehr glauben und mehr vertrauen als den diplomatisch glatten Gesichtern der Politprofis.
Aber dies alles wird natürlich nicht stattfinden, müsste man doch Privilegien aufgeben und auf Pfründe verzichten. Wenngleich man durch eine radikale Neuausrichtung auch sehr viel gewinnen würde: Man könnte zu einer Kraft jenseits des politischen Kalküls von Parteien oder Nationen werden, man könnte die Welt kreativ überraschen, statt sie immer nur zu besänftigen oder aufzuwiegeln. Man könnte enorme göttliche Kernenergien freisetzen und die Gläubigen im besten Sinne neu beseelen. Man könnte seine enormen finanziellen Ressourcen einsetzen, statt nur immer um Spenden zu bitten.
Aber wie gesagt: dazu wird es im Männergehege der Kirche – ganz gleich, ob unter Christen, Juden oder Muslimen noch lange Zeit nicht kommen. Denn schließlich geht es auch und nicht zuletzt um die Macht der Männer.