Fast zeitlos – Kusejs Macbeth in München (5.7.26, Staatsoper)

Die Wiederaufnahme einer Inszenierung die vor geraumer Zeit für Furore und Empörung gesorgt hatte, ist ein Risiko. Noch dazu wenn zwischen Premiere und  „Wiederauferstehung“ fast an  die  20 Jahre  vergangen sind. Wird sie immer noch provozieren? Trägt sie noch ? Passt sie noch in die Zeit?

Um es vorwegzunehmen: man sieht Kusejs „Macbeth“  erstaunlicherweise das Alter nicht  oder kaum an.  Zugegeben, der 2. Teil verliert sich,  was die gedehnten  Geister und Beschwörungsszenen  betrifft,   etwas im Spielerischen – Stimmen von oben,  Kinder von allen Seiten, schwebender Held  inklusive. Diese Intermezzo -Mätzchen torpedieren die kalte, angespannte Gesamtstimmung, die die Inszenierung  bis dahin konsequent und  konzentriert  in die Gegenwart beamt. Wobei die ausgenüchterte , minimalistisch Bühne wesentlich beiträgt: öde Fläche  , Belag aus Totenschädeln auf der einen , ein „Palast“ mit einem überdimensionierten Kronleuchter als einzigem Requisit auf der anderen Seite. Dazu im Vordergund  ein ominöses halb abgewracketes zeltartiges Gebilde aus  dem und in dem die Saat des Bösen wuchert:  die dubiosen Prophezeiungen der Hexen  sind dort ebenso beheimatet wie das Mordgeschehen. Kerker, Folterkammer, Verschwörungszentrum – alles   spielt hier im Verborgenen, hinter zerschlissenen Zeltbahnen ab. 

Zu  Beginn scheint alles – wenn nicht unschuldig – so doch fast noch intim. Ein noch so harmlos erscheinender Wortwechsel zwischen der Lady und Macbeth kann zum konspirativen Code , zum indirekten Todesurteil  werden:

Macbeth: Duncan kommt heute nacht.

Lady Macbeth: Wann geht er wieder?

Macbeth: Morgen, so plant er…“

Ein Blick genügt, und die beiden  haben sich verständigt. . 

In dieser  entscheidenden Phase hat sich das Projekt  der Königswürde längst vom urprünglichen Impuls durch die Hexen abgekoppelt und ist in ein neues Stadium getreten —- Der erste Stoß der Billardkugel mag von den undefinierbaren Wesen auf der öden Heide ausgegangen sein—- ab jetzt liegt das Spiel in den Händen von Macbeth und seiner Mitverschworenen. Aus der  Prophetie wurde  eine Verschwörung. Und die Impulse dieser Partie erfolgen in immer schnelleren  Folgen. Die verführerische Verheissung war nur der Katalysator zur Entfaltung latent vorhandener Aggressionen und Energien. Kusej tat gut  daran, dabei auf die gleichermaßen suggestive wie antreibende  Kraft von Verdis  überwältigend dynamischer  Musik zu setzen, ihr Raum zu geben und alles Persönliche, Zwischenmenschliche – etwa die erotische Beziehung zwischen   der Lady und Macbeth  – allenfalls anzudeuten,  nicht auszuspielen. Es ist möglicherweise genau diese kühle Zurückhaltung,  die der Inszenierung jene Überzeitlichkeit verleiht, die Jahre  zwischen  Neuinszenierung und Wiederaufnahme fast vergessen läßt.  

Nicht nur zwischen den Akten, auch zwischen einzelnen Szenen  viele erstaunlich lange Schnitte , Umbaupausen im Dunkeln, die fast an Brechtsche Verfremdung denken lassen. Doch Kusej geht es nicht so sehr darum, die Figuren in ihre sozialen Kontexte einzubetten, Distanz zu ihnen aufzubauen. Seine Methode des Auflösens, Zerlegen in einzelne Elemente ,  dient dem, was man eine Autopsie des Mordes nennen könnte.  Einem Sichtbarmachen der einzelnen Stadien, die der Mörder wie seine Komplizin durchlaufen, zwangsläufig durchlaufen müssen. Denn kein Mord steht für sich allein. Das Gespentische, das sich den Zuschauern auch Jahrzehnte später immer noch mitteilt ist der Zwang weitermachen, weiter morden zu müssen- „necessariamente“  wie die Lady nüchtern konstatiert. Doch ganz so macchiavellisch nüchtern verhält es sich nicht. Wenn die Plastikbahnen sich  heben und den Blick auf ganze Heere von  Wesen  der dritten Art freigeben – halb Geisterbahn halb Hexenwahsinnige, die  die Protagonisten regelrecht in die Mangel nehmen , schieben, umkreisen und bedrohen. 

Noch scheint die Lady dem gespenstischen Druck standzuhalten  – doch als aus Folgemord Völkermord zu werden droht, zerbricht sie, die bislang die Stärkere schien. Wenn sie wie  eine abgeschnittene Marionette apathisch die Skeletthalde heruntertorkelt, und Ihre Wahnsinnsarie intoniert,  sind die zwei Jahrzehnte Zeitdifferenz endgültig weggeschmolzen.

Während sie dem Tod entgegengeht, putscht ihr –  bis dahin eher passiver Mann – sich zu  bislang unbekannter Stärke auf. Wieviel daran Pose ist, wie glaubhaft sein wegwerfender Zynismus tatsächlich ist —Kusej gelingt es mit kleinen Gesten die Ambivalenz dieser Gefühlslagen transparent zu machen. Lediglich das pathetisch  aufgipfelnde Ende mit dem Kniefall Macduffs vor dem Neu inthronisierten neuen König  mag so gar nicht in dieses scharfsichtige Konzept passen. 

Doch solche Zweifel gehen in den betörten Beifallstürmen des Publikums unter. Sie bejubeln dankbar eine grandiose Qualität der Stimmen (herausragend  die vor innerer Spannung  vibrierende Lady  Macbeth (Asmik Grigorian) und Jonathan Teleman als leidender und zugleich entschlossener Macduff. Getragen vom souveränen  , lauernd präsenten Dirigat Andrea Battistonis.

Eine mehr als geglückte Wiederaufnahme  – eigentlich eine Wiederauferstehung.  

Cornelie Ueding

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