„Es ist wie es ist, sagt die Liebe“ – Wenn sich die letztlich füreinander bestimmten Paare am Ende der fast vierstündigen (im Januar 1709 uraufgeführten) Barockoper dann doch endlich gefunden haben, ist man fast versucht, an den an Lakonie nicht zu überbietenden Vers von Erich Fried zu denken. Oder – wenn man es klassischer haben will – an Vergils nicht minder knappe tröstliche Formel des „Amor vincit Omina“.
Aber so einfach und unkompliziert wie diese Ratgeber-Weisheiten es vermitteln, ist es um die Sache der Liebe eben nicht bestellt. Daß ausgerechnet ein Mann der Kirche, immerhin handelt es sich bei Agostino Steffani um einen veritablen katholischen Bischof, sich als Experte in Sachen komplizierter emotionaler und erotischen Verstrickungen erweist, kann nur auf den ersten Blick erstaunen. Zu vielgestaltig verlief das Leben des Theologen, Komponisten, Diplomaten und „Fürstendieners“ als daß er nicht hinreichend konkrete Erfahrungen mit Gott und der Welt, besonders letzterer hätte sammeln können, gleich ob in Italien, Deutschland, Belgien oder Frankreich.
Seiner Arbeit als Opernkomponist kam die professionelle Vielgestaltigkeit jedenfalls sehr zu gute:
Wie sonst wollte man das betörende Ineinander von jesuitischer Kasuistik, geschmeidiger, nuancierter Psychologie und virtuoser Überblendung unterschiedlicher musikalischer Stile erklären. Das Ganze zudem serviert mit einer Leichtigkeit und Frische, das die mehr als 300 Jahre dazwischen völlig vergessen lassen.
Dass sich dieser ganz und gar unaufgesetzte, tänzerisch beschwingte, federleichte Duktus den Zuschauen mitteilt, ist natürlich nicht nur dem Werk selbst, sondern vor allem auch der kongenialen Regie des Barockexperten Schlather zu verdanken. Er nimmt sich Zeit, läßt sich Zeit, der tiefgründigen Autopsie der Emotionen in jedem Moment nachzuspüren. Etwa die lange mentale Abwehrschlacht Lavinias gegen die eigenen Gefühle nicht nur flockig zu behaupten, sondern ihr bis in die letzte Empfindungsfaser nachzuspüren. Sie in Ihrer Fragilität,
Verletzlichkeit, Rabiatheit vorzuführen – gleichermaßen bezaubert, betört und verstört von einem Traum, der sie in die Hände des politischen Gegners, Aeneas, treibt.
Nur so begreift man – und das unruhig vibrierende Orchester unter dem unglaublich dynamischen Dirigat von Vàclav Luks teilt dies dem Parkett vibrierend mit, daß es sich bei all dem Zaudern und Zurückzucken der Protagonistin fürwahr nicht um Zimperlichkeit oder Egomanie handelt. Es geht um mehr – es geht um Hochverrat dem eigenen Land gegenüber. Auch wenn ihr Vater, König Latinus, mehr ein leicht zerstreuter Oberlehrer als angsteinflößender Herrscher, den Gefühlen seiner nervlich mehr als angeschlagenen Tochter halbwegs verständnisvoll gegenübersteht – es bleibt eine mehr als prekäre Situation.
Dazu kommen viele andere erschwerende Faktoren: Ein frustrierter Ex-Verlobter, dessen gekränktes Ego rebelliert und in Rachefantasien umschlägt. Ein Traumweltgeliebter, Aeneas, der noch nichts von seinem Schicksal namens Lavinia weiß. Eine extrovertierte, zappelige Schwester, deren Gefühle Amok laufen….
Es geht also um mehr als um Gefühlsduselei und Labilität – nichts Geringeres als die Stabilität des Abendlandes steht zur Disposition — Die Heirat eines Migranten aus dem besiegten Troja mit einer Indogenen Königstochter, die Vermählung Asiens mit Europa also wäre ein Novum erster Güte. Es ist nur folgerichtig, daß die meisten der Figuren nicht gerade fest auf ihren Füßen stehen und immer wieder wie aus dem Nichts auftauchen oder im Nirgendwo hinter der Bühnenrampe verschwinden. Im Schnittpunkt all dieser Kräfte, die an den Figuren zerren, bewahrt allein Lavinia Contenance und Haltung – jedenfalls nach außen, auch wenn ihr Inneres dem Druck dieses Konflikts zwischen dynastischer Pflicht und imaginierter Liebe kaum standzuhalten vermag.
Wären nicht die erfrischend realitätsverhafteten Dienerfiguren, die den Herzschmerzen der „Großen“ pragmatische Power entgegensetzen – die äußere Handlung käme zum Stillstand. Und bisweilen hat man für Momente auch tatsächlich den Eindruck eines szenischen Stillstands, eines Ersterbens des äußeren Geschehens – besondern im langen 2. Teil der Inszenierung. Doch die robuste Komik der männlich auftrumpfenden Amme Nicea und des pfiffig frivolen Corebus wirkt der Gefahr, des in Tiefsinn Ersterbens vehement entgegen. Wenn man nicht aus Gründen der Konvention zu einem Happy End verpflichtet wäre, das krude „Destino“ würde alle Empfindungen in Grund und Boden stampfen. So aber begräbt eine gewaltige Wolke aus Silberschnipseln allen Zwiespalt pro forma unter sich.
Cornelie Ueding







