
Dunkles, gruftartige Gewölbe, Game of Thrones-artig kostümierte Figuren, sehr viel blitzende Schwerter, sehr viel flackerndes Feuer. Mittelalterliche Gesamtatmosphäre. Man kann der Regie nicht vorwerfen, sie hätte auf Aktualisierung, Modernisierung gesetzt, um die krude Geschichte um den gefürchteten persischen Gewaltherrscher Cosroe eingängiger zu machen. Nach einer blutigen Schlacht, die ihm beachtlichen Macht- und Landgewinn einbringt, sieht der König die Zeit gekommen, seine Thronfolge zu regeln. Ein schier hoffnungsloses Unterfangen in dieser ganz besonderen Familienbande. Es könnte nicht schlimmer sein: keiner traut keinem in dieser Familie. Denn es geht in dieser leider viel zu selten gespielten Oper letztlich nur um eines: um Macht.
Genauer: um den Fluch der Macht. Als erstes begeht Cosroe einen entscheidenden Fehler: Er setzt auf den falschen Sohn, misstraut dem loyalen Siroe und begünstigt den tückischen, ehrgeizigen Medarse. Aus dieser Fehlentscheidung entwickelt sich eine fatale Mechanik der Intrigen, von der keiner und keine verschont bleibt. Auch nicht die Rivalinnen um die Gunst Siroes: Emira, die Tochter des eben vernichteten Feindes, die, in Kampfmontur, den Dolch gezückt, auf Rache sinnt, und die als Sonnenkönigin aufgeputzte Konkubine des Herrschers, Laodice, deren Avancen der standhafte Siroe aber zugunsten der geliebten „Feindin“ Emira zurückweist. Zugleich misslingt sein Versuch, den Vater vor dem geplanten Attentat seiner Geliebten zu warnen, so spektakulär, dass nun er in Verdacht gerät als Hochverräter zu agieren. Summa Summarum eine albtraumartige Situation: Laodice tiefverletzt und racheglühend. Emira, die er liebt und zugleich daran hindern will, seinen Vater zu töten. Sein ehrgeiziger Bruder, der versucht die Gunst der Stunde zu nutzen und ihn weiter in Misskredit bringt. Und ein aufs Tiefste verletzter, vor Wut schäumender Vater, der sich von allen und vor allem auch von ihm verraten fühlt und nicht zögert, den eigenen Sohn hinrichten zu lassen. Unversöhnliche Liebe und selbstzerstörerischer Hass treiben die Figuren an den Rand des Selbstmordes und der Verzweiflung – ein Affektgemenge, das das innerlich vibrierende Dirigat Attilio Cremonesis in seiner emotionalen Wucht und Verve exzellent zum Ausdruck bringt: geschmeidig und zugleich kraftvoll haucht er Händels Opera Seria eine Energie ein, die 300 Jahre seit der Premiere im Londoner Haymarket Theater vergessen und das Publikum gebannt mitfiebern lassen.
Wenn sich im allerletzten Moment doch noch alles zum Guten wendet, genauer, nur das Schlimmste vermieden wird, will dies keine rechten Glücksgefühle auslösen. Der Raum vibriert noch immer, bebt förmlich nach, und die unaufgelösten Spannungen wirken weiter. Kein rein kulinarischer, eher ein auf erhellende Weise verstörender Festspielauftakt. Regisseur Ulrich Peters sucht und findet überzeugende Bilder, um der enormen Spannung, die auf jeder der Figuren lastet, zum Ausdruck zu bringen. Der verräterische Bruder zerbricht förmlich auf offener Bühne, die enttäuschte Laodice steht am Ende zerfleddert in einer Ecke und die Düsternis der Bühne lässt nicht den Schimmer einer Hoffnung aufkeimen.
Allein die Musik, die nuancierte Abstimmung der Countertenöre, der Wettstreit der beiden virtuos rivalisierenden Frauenstimmen und die großartigen Händelsolisten im Orchester, vermitteln so etwas wie ein befreiendes Moment.
Cornelie Ueding
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