Aida (Frankfurt 2023/24)

AIDA, das heißt große, ganz große Opernbühne: am besten ganze Arenen, Pferde und Elefanten. AIDA war und ist ein Politikum –

Seit je her war das Auftragswerk des Ägyptischen Vizeregenten Ismail Pascha zur Eröffnung des Suezkanals ein nationales Prestigeobjekt: Pomp, Pathos, Patria seine Insignien. Der Name Aida steht synonym für das beste und schlimmste, was man mit dem Begriff „große Oper“ verbindet.

Regisseurin Lydia Steier wusste natürlich um diese Hypothek, ebenso wie um Neuenfels` legendäre Frankfurter „ Aida“ von 1981 als es – Aida als Putzfrau – zu einem riesigen Theaterskandal inklusive Bombendrohungen kam. Die vereinzelten Buhrufe am Ende der neuen Frankfurter Aida waren nur mehr ein matter Abglanz der damaligen Erregung. Denn der US-Regisseurin ging es weniger um eine neuerliche Provokation, als um eine neue Sicht auf das martialisch pompöse Geschehen, um Geschichte von unten, will man es auf eine knappe Formel bringen. Ihr Trick dabei:

Keine plumpe Aktualisierung. Und auch keine pure Reduktion auf Wohnküchenmilieu – wie so oft.

Sie begnügt sich vielmehr damit, das ganze Geschehen von der Rückseite her in Augenschein zu nehmen. Aida zu Beginn zwar wie bei Neuenfels wieder als Putzfrau, anonym wie die anderen Dienerinnen und Sklavinnen. Radames als eine Art Hausverwalter des etwas in die Jahre gekommenen lichtlosen und ziemlich abgewohnten bunkerartigen „Palasts“. Mehrere Stufen tiefergelegt kommt die äußere wie innere Schäbigkeit des Systems nahezu beklemmend zur Kenntlichkeit. Das ist keine machtvoll auftrumpfende Großmacht, – das sind die Rudimente eines ranzig und mickrig gewordenen, giftigen, korrupten und brutalen Regimes, in dem die Protagonisten mit ihren individuellen Empfindungen letztlich von Beginn an keinen Platz haben. Im Kriegsfall kommt dieses hässliche Fratze der bröckeligen Macht nur noch krasser zum Ausdruck. Als Ägypten zum Kampf gegen den äthiopischen Feind ruft, kommt dies einem kollektiven Doping gleich. Hochdekorierte wacklige Veteranen mit Sauerstoffgeräten und mit Rollatoren revitalisieren sich schlagartig unter martialischen Klängen und vibrieren und wippen mit, dass die Rollstühle nur so wackeln. Im Nu verwandelt sich nun der Hausmeister Rademes in den Kriegshelden Radames, wird in viel zu große feldherrliche Klamotten gesteckt und von jetzt auf gleich unter Standing ovations der senilen High Society inthronisiert und in den Kampf verabschiedet – sehr zum Leidwesen des Stubenmädchens Aida, einer geraubten äthiopischen Prinzessin, die fatalerweise diesen Feind ihres Volkes liebt. Ebenso wie die Tochter des Pharaos dies tut. Sklavin oder Prinzessin, Äthiopien oder Ägypten? Mehr an Konflikten geht nicht. Doch im Siegestaumel geraten aufgewühlte Arien und herzzerreißende Duette zur Nebensache. Der Hofstaat vibriert, schäkert und verlustiert sich im Freudentaumel, und Amneris, die Pharao-Tochter, sieht sich schon als zukünftige Braut Radames.

Doch der siegreiche Kriegsherr Radames, der die Grausamkeit und Schrecken der Kriegs kennen gelernt hat, ist nicht mehr der, der er vielleicht nie war. Abgerissen und mit hängenden Schultern steht er neben der illustren Gesellschaft, die ihn mit Ehrungen überschüttet. Eine Gesellschaft, an die er den Glauben längst verloren hat.

Steiers Zugriff gelingt es, die erbärmliche Wirklichkeit hinter den Fassaden der Macht durchschaubar zu machen. Und die Brutalität, mit der man die Showseite im Ernstfall mit Klauen und Zähnen verteidigt. Als er sich zu seiner Liebe zu Aida, der Tochter des Feindes bekennt, spricht er sein Todesurteil. – und die wackligen Honoratioren verwandeln sich in Hardliner einer korrupten Gerechtigkeit. Der Chor in Uniform und Abendrobe wird zum Resonanzkörper dieser patriotischen Empörung. So vehement, dass es selbst der düpierten Amneris zu viel wird. Ganz am Ende scheint sie Rachsucht und Enttäuschung, Wut und Frust von sich zu schütteln und steht fast nackt vor den Trümmern ihrer eigenen Existenz. Der Oberpriester verabreicht ihr dezent eine erlösende Todesspritze. Jener Ramfis, der die ganzen 4 Akte lang, die Inkarnation des schlechten Gewissens, elegant und indifferent im schwarzen Anzug das Geschehen fast sprachlos begleitete. Ein dunkler Schatten, der sich manchmal ob der Lüge dieser kaputten Gesellschaft fast in Lachkrämpfen wand, um im nächsten Moment professionell gute Miene zum bitterbösen Spiel zu machen und energisch für Law and Order zu sorgen. Letztlich überträgt dieser stumme Diener alle unguten Gefühlsschattierungen, die auf der Bühne stattfinden, und sich auch bei den Zuschauern breit machen mochten.

Denn wir erlebten wahrlich keine im üblichen Sinne glanzvolle Aida – Aber eine erhellende: Selbst das Orchester intonierte diesen potentiell rauschenden, bisweilen brachialen Verdi eine Spur weniger auftrumpfend und mitreißend wie üblich. Und der Heldentenor lavierte gekonnt entlang einer hauchdünnen Grenze zwischen Triumph und Ernüchterung. Ein Liebes- und Todesduett am Ende, zwischen zerrütteten und zerstörten Leibern. Beklommenheit statt Liebestränen – diese auf ihre Art geniale Aida verlischt einfach und hinterlässt Spuren. Narben. Fragen.

Cornelie Ueding

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